{"id":110393,"date":"2025-05-14T16:51:09","date_gmt":"2025-05-14T16:51:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/110393\/"},"modified":"2025-05-14T16:51:09","modified_gmt":"2025-05-14T16:51:09","slug":"freiheit-und-rohstoffe-putins-russland-fuehlt-sich-zu-recht-vom-westen-bedroht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/110393\/","title":{"rendered":"Freiheit und Rohstoffe: Putins Russland f\u00fchlt sich zu Recht vom Westen bedroht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nein, der Westen bedroht die russische Sicherheit nicht. Trotzdem f\u00fchlt Putins Russland sich zu Recht vom Westen bedroht &#8211; so wie die Bundesrepublik seinerzeit auch eine Bedrohung f\u00fcr die DDR darstellte.<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4re der Krieg in der Ukraine nicht so blutig, so k\u00f6nnte man ihn als absurdes Theaterst\u00fcck begreifen, in dem alle Protagonisten \u00fcberfordert sind, alle an ihren Aufgaben scheitern und ihre eigenen Handlungen nicht begreifen &#8211; mit Ausnahme der gesch\u00e4ndeten Ukraine.<\/p>\n<p>Im Falle des Kriegsherrn im Kreml ist die Sache einfach: Putin ist verdammt dazu, nur existenzgef\u00e4hrdende Entscheidungen zu treffen und Russland in den Abgrund zu f\u00fchren, v\u00f6llig unabh\u00e4ngig vom weiteren Verlauf des Krieges in der Ukraine. Der Widerspruch zwischen den fanatisch verfolgten milit\u00e4rischen Zielen und der Wirklichkeit auf den Schlachtfeldern wird umso gr\u00f6\u00dfer, je l\u00e4nger der Krieg dauert. Den Krieg vor\u00fcbergehend aus taktischen Gr\u00fcnden auch nur &#8222;einzufrieren&#8220;, geschweige denn mit einem gerechten Frieden zu beenden, ist aus Sicht des Kreml faktisch unm\u00f6glich: Im friedlichen Wettbewerb kann Putins Russland nicht mit anderen L\u00e4ndern mithalten. Deshalb greift es zu Mitteln der Gewalt, erk\u00e4mpft sein &#8222;Mitspracherecht&#8220; und erpresserisches Potenzial mit der Verbreitung von Angst und Schrecken.<\/p>\n<p>Denn Putins Russland kann mit Kriegen mehr Macht und Profite gewinnen, als es im Frieden verlieren w\u00fcrde. Putins Russland f\u00fchlt sich nicht nur vom Westen erniedrigt, sondern es befindet sich ihm gegen\u00fcber objektiv gesehen in einer erniedrigenden Position. Die &#8222;softe&#8220; westliche Kultur und Praxis der Kompromisse mit ihren beinahe unbegrenzten Freiheiten ist eben weitaus produktiver und attraktiver als ein Schreckensregime, das die Versklavung oder gar Ausl\u00f6schung der Nachbarv\u00f6lker als nicht verhandelbare Staatsdoktrin deklariert und in dem f\u00fcr das \u00f6ffentliche Vortragen der eigenen Verfassung Gef\u00e4ngnisstrafen drohen.<\/p>\n<p>Angriffskriege stellt Russland als &#8222;Befreiung&#8220; dar<\/p>\n<p>Die im Vergleich zu Russland ungeheuer erfolgreiche, innovationsfreudige, nach Fairness strebende Lebensweise des Westens erschafft und versch\u00e4rft die existenziellen N\u00f6te von Putins Russland. Die &#8222;Schuld&#8220; des Westens ist seine \u00f6konomische und kulturelle Attraktivit\u00e4t, seine technologische \u00dcberlegenheit, seine Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Russlands Sicherheit wird vom Westen st\u00e4rker durch Softpower, Popkultur und Heiratstourismus bedroht als von westlichen Armeen, die sowieso nie die Absicht hatten, Russland anzugreifen. Der Westen erniedrigt Russland schon dadurch, dass jahrzehntelang Hunderttausende gut ausgebildete Russen dorthin auswanderten.<\/p>\n<p>Im Westen aber glauben noch immer viele, die eventuelle Nato-Erweiterung in die Ukraine werde von Russland als existenzielle Bedrohung angesehen und sei der ausschlaggebende Kriegsgrund, da Russland ja &#8222;eine Geschichte von Invasionen aus dem Westen&#8220; habe, so beispielsweise vor einigen Tagen der US-amerikanische Politologe John Mearsheimer in der NZZ. Die Kritiker dieser Behauptung weisen darauf hin, dass die Nato ein Verteidigungsb\u00fcndnis sei und Russland niemals milit\u00e4risch gedroht habe. Und dass Russland selbst oft Invasionen in Nachbarstaaten unternommen habe, h\u00e4ufiger sogar, als es selbst Angriffsopfer gewesen sei. Wobei es die Angriffskriege gern als &#8222;Befreiung&#8220; angeblich unterdr\u00fcckter oder von Genoziden bedrohter russischsprechender Menschen deklariert.<\/p>\n<p>Russland will die Rohstoffe der Ukraine &#8211; und die kulturelle Bedrohung beenden<\/p>\n<p>Die Vertreter sowohl der Bedrohungsbehauptung als auch deren Kritiker verstehen aber nicht, dass sie nur auf der Oberfl\u00e4che der antagonistischen Widerspr\u00fcche surfen. Eine Nato-Mitgliedschaft oder die faktische milit\u00e4rische Zusammenarbeit der Ukraine mit Nato-L\u00e4ndern ist nur das Schloss zu dem Tresor, dessen Inhalt Russlands Kleptomanie f\u00fcr sich beansprucht. Der Kampf um die Reicht\u00fcmer der Ukraine findet lange vor dem Abschluss verteidigungspolitischer B\u00fcndnisse statt, obwohl die beteiligten westlichen Protagonisten das nicht wahrhaben wollten und erst mit den Diskussionen \u00fcber den sogenannten &#8222;Rohstoff-Deal&#8220; zwischen den USA und der Ukraine ansatzweise begriffen haben.<\/p>\n<p> Will man Russlands Kriegsgr\u00fcnde verstehen, so muss man auch Russlands \u00f6konomische Kosten-Nutzen-Rechnung studieren &#8211; beispielsweise den Wert der Kriegsbeute absch\u00e4tzen, die Russland mit einem Sieg zu gewinnen hofft, das hei\u00dft ukrainische Bodensch\u00e4tze, Rohstoffe, Wasser f\u00fcr die Krim, Anbaufl\u00e4chen f\u00fcr Getreide, H\u00e4fen, Fabriken, Immobilien, Arbeitskr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Zugleich ist der Westen f\u00fcr Russland selbstverst\u00e4ndlich eine existenzielle Bedrohung, aber eben keine milit\u00e4rische. Eigentlich sollte man insbesondere in Deutschland den Unterschied zwischen Drohungen und aus objektiv gegebenen Umst\u00e4nden entspringenden Bedrohungen sehr gut verstehen, n\u00e4mlich aus der Zeit des Kalten Krieges. Vertreter der alten Bundesrepublik haben der DDR nicht gedroht, schon gar nicht mit milit\u00e4rischen Mitteln. Dennoch war f\u00fcr die Existenz der DDR das freie Westdeutschland die schlimmste Bedrohung &#8211; aufgrund seiner wirtschaftlichen Attraktivit\u00e4t, seiner Innovationsfreudigkeit, seiner Freiheiten in Kultur, Sport und Kunst, seiner Rechtsstaatlichkeit, insbesondere dem Schutz vor willk\u00fcrlichen Verhaftungen, die in der DDR an der Tagesordnung waren und in Russland bis heute \u00fcblich sind.<\/p>\n<p>Dies gilt auch f\u00fcr den aktuellen Krieg &#8211; die Ukraine und der Westen drohten Russland nicht, weder milit\u00e4risch noch sonstwie, im Gegenteil, sie lieferten an die k\u00fcnftigen V\u00f6lkerm\u00f6rder sogar flei\u00dfig milit\u00e4rische und milit\u00e4risch nutzbare Mittel und Technik und f\u00fcllten dessen Kriegskasse mit dem Kauf von \u00d6l und anderen Rohstoffen.<\/p>\n<p>2021 klingelten im Kreml alle Alarmglocken<\/p>\n<p>Wollte der Westen keine Bedrohung f\u00fcr Russland darstellen, so m\u00fcsste er nur die dortigen Lebensverh\u00e4ltnisse kopieren, die kommunale Infrastruktur und die Kanalisation verrotten lassen, m\u00fcssten 80 Prozent der \u00c4rzte einen zweiten Job aus\u00fcben, um ihre Grundbed\u00fcrfnisse zu erf\u00fcllen, m\u00fcsste man mit Russland um den ersten Platz der Welt bei der Zahl der Selbstmorde unter \u00c4lteren und Kindern und in der Disziplin Alkoholismus konkurrieren, und um die hinteren Pl\u00e4tze bei Presse- und Meinungsfreiheit. Westliche Gesellschaften m\u00fcssten nur genauso viel Korruption zulassen wie in Russland, j\u00e4hrlich mehr als 100.000 erfolgreiche Firmen m\u00fcssten von Polizisten und Geheimdienstlern genauso leicht enteignet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p> Russland m\u00fcsste sich heute vor der Nato nicht f\u00fcrchten, wenn die Ausrufung eines \u00e4u\u00dferen Feindes nicht der &#8222;Stabilit\u00e4t&#8220; und Legitimierung von Repressionen im Innern dienen w\u00fcrde. Aber f\u00fcrchten muss es die Anziehungskraft der Gewaltenteilung und sozialen Marktwirtschaft. Je besser die Ukraine in die europ\u00e4ischen Wirtschaften und Rechtspraktiken integriert wird, desto schlimmer f\u00fcr Russlands diebische Elite. Sp\u00e4testens als die EU und die Ukraine im Jahr 2021 ihren Green Deal abschlossen, klingelten im Kreml alle Alarmglocken.<\/p>\n<p>Mit der Umsetzung dieser strategischen Energiepartnerschaft und Rohstoffallianz w\u00e4re Russlands wichtigstes Gesch\u00e4ftsmodell, der Verkauf fossiler Brennstoffe und Energietr\u00e4ger, in absehbarer Zeit stark gef\u00e4hrdet worden. Der Green Deal mit dem Ziel klimaneutralen Wirtschaftens und Wohnens sollte auch die Abh\u00e4ngigkeit westlicher Volkswirtschaften von Seltenen Erden und strategisch wichtigen Rohstoffen aus China verringern. Deshalb hat China knallharte Gr\u00fcnde, den Eroberungskrieg Russlands zu unterst\u00fctzen. Auch w\u00fcrde die Umsetzung dieses Vertragswerks der Ukraine Entwicklungsm\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen, die gef\u00e4hrlich f\u00fcr Russland w\u00e4ren, weil beide Volkswirtschaften direkte Konkurrenten auf wichtigen M\u00e4rkten sind, so im Rohstoff- und Getreidesektor. Au\u00dferdem diente die Ukraine lange Zeit dem kriminellen Kapital aus Russland als ideale Geldwaschmaschine, in die westliche Kontrolleure und Analytiker keinen Einblick hatten. Im Westen kennt kaum jemand die \u00f6konomischen Verflechtungen zwischen beiden L\u00e4ndern, die oft in kriminellen Schattenreichen gekn\u00fcpft werden.<\/p>\n<p>Es ist nicht &#8222;Putins Krieg&#8220;<\/p>\n<p>Wohl in jeder ukrainischen Stadt \u00f6stlich des Dnipro besa\u00dfen russische Gener\u00e4le und Gesch\u00e4ftsleute \u00fcber Strohm\u00e4nner und Verwandte mit ukrainischen P\u00e4ssen bis zu Beginn der Invasion enorme Reicht\u00fcmer an Immobilien, Hotels, Restaurants und Firmen. Im Zentrum der Stadt Poltawa (300.000 Einwohner) beispielsweise geh\u00f6rte der Familie des russischen Generaloberst Waleri Kapashyn Eigentum im Wert von einer Milliarde Griwna (etwa 25 Millionen Euro).<\/p>\n<p> Der General unterst\u00fctzte seit der Unabh\u00e4ngigkeit des Landes alle B\u00fcrgermeister von Poltawa finanziell, besonders wenn Wahlen stattfanden, erkl\u00e4rt der Aktivist Ihor Holovaty, der die kriminellen Machenschaften aufdeckte. &#8222;Und jeder neu gew\u00e4hlte B\u00fcrgermeister &#8211; und es gab nur vier an der Zahl &#8211; musste seinem russischen Sponsor danken.&#8220; Es gab in Poltawa auch noch weitere Staatsb\u00fcrger Russlands, die man als heimliche Oligarchen bezeichnen kann und die Gewinne aus ihren Unternehmen \u00fcber die gr\u00fcne Grenze zwischen beiden L\u00e4ndern transferierten und beispielsweise f\u00fcr den Bau von Unterk\u00fcnften f\u00fcr russische Armeeangeh\u00f6rige verwendeten. Seit Beginn der Invasion wird das Eigentum solcher &#8222;Wanderer zwischen zwei Welten&#8220; vom ukrainischen Staat systematisch beschlagnahmt.<\/p>\n<p>Die im Westen popul\u00e4re Personalisierung objektiv gegebener Zw\u00e4nge und un\u00fcberbr\u00fcckbarer gesellschaftlicher Widerspr\u00fcche f\u00fchrt auch die Kr\u00e4fte der Vernunft best\u00e4ndig in die Irre. Es ist nicht Putins Krieg, wie im Westen h\u00e4ufig verk\u00fcrzt gesagt wird, sondern es sind etliche Millionen Menschen in Russland, die in der Kriegswirtschaft arbeiten und den Krieg begeistert unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Im Westen w\u00fcnscht sich eine Mehrheit der W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler konstruktive, auf Interessenausgleich bedachte Beziehungen zu Russland. Mit Putins Russland ist das jedoch nicht m\u00f6glich &#8211; nicht weil Politikern der Wille oder der Mut zur Verst\u00e4ndigung fehlt, sondern aufgrund sich ausschlie\u00dfender Interessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nein, der Westen bedroht die russische Sicherheit nicht. 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