{"id":1105591,"date":"2026-06-19T07:44:21","date_gmt":"2026-06-19T07:44:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1105591\/"},"modified":"2026-06-19T07:44:21","modified_gmt":"2026-06-19T07:44:21","slug":"orestie-in-nuernberg-der-commander-soll-sein-kind-opfern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1105591\/","title":{"rendered":"Orestie in N\u00fcrnberg: Der Commander soll sein Kind opfern"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich w\u00e4re das ja ein sehr stimmungsvoller Beginn: Nacht \u00fcber Mykene, endlich ein Lichtzeichen, das \u201eSieg\u201c signalisiert und dessen Stationen von Insel zu Insel sp\u00e4ter sogar aufgez\u00e4hlt werden: <a href=\"https:\/\/www.staatstheater-nuernberg.de\/spielplan-25-26\/orestie\/13-06-2026\/1900\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Orestie <\/a>hei\u00dft das Wagnis, hei\u00dft die Trilogie, die \u00e4lteste Trag\u00f6die, mit der sich das Staatstheater N\u00fcrnberg jetzt auseinandersetzt. Aber ganz anders, als sich der Abonnent das vielleicht gedacht hat. Es gibt keinen W\u00e4chter (\u201eIhr G\u00f6tter, macht ein Ende dieser Qual!\u201c), keinen Herold und am Anfang gibt es schon den Schluss, wie ihn der Dichter Aischylos vorgesehen hatte: mit dem Gericht von Athen, dem Areopag, der hier aber aussieht wie das Bundesverfassungsgericht.<\/p>\n<p>Orest sitzt in einem gl\u00e4sernen Gef\u00e4ngnis<\/p>\n<p>Aber weil man nicht auf der Skene von Epidauros oder Athens Herodes-Atticus-Theater spielt und aus den drei Trag\u00f6dien der Trilogie ein einziges St\u00fcck zurechtschneidern musste, griff man zu Robert Ickes \u201eNeubearbeitung\u201c, wie k\u00fcrzlich schon sehr erfolgreich zu dessen \u00c4rztin nach Arthur Schnitzler. Und der wiederum hat sicherlich Eugene O\u2019Neills Trauer muss Elektra tragen gekannt.<\/p>\n<p>\u201eEs geht immer um die Familie\u201c, sagt der junge Orest, um dessen Ermordung der eigenen Mutter Klyt\u00e4mnestra es angeblich geht. Links auf der B\u00fchne sitzt er in einem gl\u00e4sernen Gef\u00e4ngnis wie einst der NS-Verbrecher Adolf Eichmann im NS-Kriegsverbrecherprozess in Jerusalem. Rechts sind der Gerichtsschreiber und seine \u201eBeweisst\u00fccke\u201c. Mittendrin dann ein karges Holzhaus f\u00fcr die Familie des Anf\u00fchrers des griechischen Heeres gegen einen nicht n\u00e4her definierten Feind: Warum, wo und womit, bleibt offen.<\/p>\n<p>Der prominente Regisseur Stephan Kimmig, der die Trilogie mit deutlicher Betonung des ersten St\u00fcckes Agamemnon in N\u00fcrnberg geschultert hat, fand Parallelen zwischen Antike und Gegenwart am ehesten in einer typischen US-amerikanischen Familie: in Cowboystiefeln, Baseballkappen, Gebet und strengem Ritus beim Abendbrot. Und mit einem Commander, der die \u201eGriechen\u201c auf den bevorstehenden Krieg einschw\u00f6ren muss, sich und seine Frau auf die Opferung der eigenen Tochter Iphigenie f\u00fcr g\u00fcnstige Winde, f\u00fcr eine erfolgreich segelnde Flotte \u2013 vielleicht in der Stra\u00dfe von Hormus.<\/p>\n<p>Diese sehr nachvollziehbare Zwangslage steht im Mittelpunkt des ersten Teils mit einem packenden Streitgespr\u00e4ch zwischen Agamemnon und dem K\u00f6nig von Sparta: sehr authentisch in zeitlosen Parallelen von Stephan Sch\u00e4fer als Agamemnon und dem Vertreter der Kriegspartei Menelaus von Sparta (brillant: Thorsten Danner), gef\u00fchrt. Noch schwieriger wird die Entscheidung f\u00fcr den \u201eK\u00f6nig\u201c dann mit seiner Frau Klyt\u00e4mnestra \u2013 Katharina Uhland spielt sie als junge Mami aus der Vorabend-Soap.<\/p>\n<p>Das erinnert an Zeitungsmeldungen wie \u201eFamilientrag\u00f6die\u201c. \u201eDer Preis ist das Kind\u201c: Aus Agamemnons Traum wird Wirklichkeit, drei Giftbecher muss Iphigenie f\u00fcr den schmerzlosen Opfertod trinken \u2013 und die Badewanne signalisiert schon, wie es weitergeht und was man hier \u00fcber zehn Kriegsjahre hinweg nicht grob wiedergeben kann. Der Wind stellt sich auf der B\u00fchne prompt ein, die Jahre vergehen, und als der erfolgreiche Agamemnon nach Hause kommt, bereitet ihm seine Frau zur Rache dann das t\u00f6dliche Bad.<\/p>\n<p>Der aus dem Exil heimkehrende Sohn Orest (um den Wandel \u00fcber Jahrzehnte hinweg bem\u00fcht: Alban Mondschein), der in seiner Angeklagten-Kabine stets anwesend ist und um dessen psychische Entwicklung (unzurechnungsf\u00e4hig?) es geht, ersticht die Mutter und ihren Geliebten \u00c4gisth. Die Plastikplane wird zurechtgelegt, beide werden abgeschlachtet, das Haus verschwindet wieder von der B\u00fchne, das Gericht tagt: \u201eWir sind hier, um zur Wahrheit vorzudringen\u201c, hei\u00dft es.<\/p>\n<p>Manchmal sehr spr\u00f6de Phasen<\/p>\n<p>Die Verhandlung endet mit nur noch mehr Fragen: \u201eWo endet das T\u00f6ten?\u201c, \u201eWas tue ich nur?\u201c Die Psychologin: \u201eWir m\u00fcssen immer weitermachen.\u201c So endet bei Robert Icke der Trilogie-Verschnitt in allem zeitlosen Pessimismus. Bei Aischylos 458 vor Christus aber endete es mit dem Freispruch des Orest, dem \u201eHeil euch, heil im Glanze des Gl\u00fccks\u201c des Chores und G\u00f6ttin Athenes Urteilsspruch: \u201eNie schlag ich Tod der Frauen h\u00f6her an \/ Als den des Mannes, der des Hauses Haupt!\u201c<br \/>Das signalisiert im klassischen Athen den endg\u00fcltigen Wandel vom alten Matriarchat zum Patriarchat der n\u00e4chsten Jahrtausende \u2013 aber das w\u00e4re noch ein weiteres Kapitel in dieser Grundsatzdiskussion auf N\u00fcrnbergs Schauspielb\u00fchne.<\/p>\n<p>Und wie es in Gerichtsverhandlungen mit ausf\u00fchrlichen psychologischen Gutachten so ist: Es gibt auch im Theater spr\u00f6de, manchmal sehr spr\u00f6de Phasen, aber auch Szenen, die einen mit ihrem Gegenwartsbezug und ihren Fragezeichen fesseln: \u201eDieser Krieg ist ein notwendiges \u00dcbel.\u201c (Uwe Mitsching)<br \/>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eigentlich w\u00e4re das ja ein sehr stimmungsvoller Beginn: Nacht \u00fcber Mykene, endlich ein Lichtzeichen, das \u201eSieg\u201c signalisiert und&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1105592,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1837],"tags":[1982,772,1984,1983,3364,29,1096,30,259,1987,80,1985,963,1988,62,14,15,3783,16,1986],"class_list":["post-1105591","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-nuernberg","tag-bayerische-staatszeitung-de","tag-bayern","tag-bsz","tag-bsz-de","tag-de","tag-deutschland","tag-freistaat","tag-germany","tag-informationen","tag-kommunales","tag-kultur","tag-landtag","tag-lokales","tag-maximilianeum","tag-medien","tag-nachrichten","tag-news","tag-nuernberg","tag-politik","tag-zeitung"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116775660372557208","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1105591","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1105591"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1105591\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1105592"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1105591"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1105591"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1105591"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}