{"id":1106667,"date":"2026-06-19T17:48:17","date_gmt":"2026-06-19T17:48:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1106667\/"},"modified":"2026-06-19T17:48:17","modified_gmt":"2026-06-19T17:48:17","slug":"brandenburg-als-aus-der-pfaueninsel-fast-ein-zweites-murano-entstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1106667\/","title":{"rendered":"Brandenburg: Als aus der Pfaueninsel fast ein zweites Murano entstand"},"content":{"rendered":"<p>Der Alchemist Johannes Kunckel schuf f\u00fcr den Gro\u00dfen Kurf\u00fcrsten aus Sand und Goldstaub leuchtendes Rubinglas. Florian Illies erz\u00e4hlt seine Geschichte als Miniatur \u00fcber Unternehmergeist, Hofneid und das Scheitern auf hohem Niveau.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Beinahe w\u00e4re die in der Havel zwischen Berlin und Potsdam gelegene Pfaueninsel das brandenburgische Murano geworden. Denn im 17. Jahrhundert, als Venedig das Zentrum der Glaskunst war, trat ein selbstbewusster Alchemist im Dienst des Kurf\u00fcrsten Friedrich Wilhelm den Versuch an, es den <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article252133808\/Kunst-Jedes-Muranoglas-ist-ein-fragiles-Original.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article252133808\/Kunst-Jedes-Muranoglas-ist-ein-fragiles-Original.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Glasbl\u00e4sern in der Lagune<\/a> gleichzutun \u2013 und aus Sand und Goldstaub leuchtendes Rubinglas zu erschaffen. Zumindest Ersteres gab es in Brandenburg bekanntlich reichlich. <\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/florian-illies\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/florian-illies\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Florian Illies<\/a> erweckt in \u201eTr\u00e4ume aus Feuer\u201c die historische Figur des Johannes Kunckel zum Leben. \u201eDie Hoffnung der Landesherren, dass ihre Alchemisten in ihren Laboratorien irgendwann das Rezept f\u00fcr Gold finden w\u00fcrden, kannte Kunckel schon seit Kindertagen\u201c, schreibt Illies. Und tats\u00e4chlich war der 1635 auf der Glash\u00fctte Ascheberg bei Pl\u00f6n geborene Sohn eines Glasbl\u00e4sers schon an den H\u00f6fen in Dresden und Wittenberg t\u00e4tig gewesen, ehe er 1678 die Potsdamer Glash\u00fctte in Drewitz \u00fcbernahm. Gold aus niederen Metallen erschaffen, das wollten alle Regenten jener Zeit. Und mit seinem Buch \u201eArs Vitraria experimentalis\u201c hatte Kunckel auch <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article255691230\/Preussen-So-demuetigte-Friedrich-Wilhelm-die-Schweden-auf-dem-Eis-der-Ostsee.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article255691230\/Preussen-So-demuetigte-Friedrich-Wilhelm-die-Schweden-auf-dem-Eis-der-Ostsee.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Friedrich Wilhelm<\/a> neugierig gemacht. Schon bald durfte er die zweite Glash\u00fctte in Potsdam \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Doch Johannes Kunckel war f\u00fcr die Alchemie schon viel zu skeptisch, f\u00fcr die wissenschaftliche Chemie aber noch etwas zu fr\u00fch geboren. Der Gro\u00dfe Kurf\u00fcrst traute ihm aber so ziemlich alles zu und schenkte ihm 1685 die Pfaueninsel, auf dass er dort experimentieren konnte. Die Pfaueninsel hie\u00df damals noch Pfauen-Werder, obwohl noch gar keine Pfauen dort lebten und es die Architektur-Follies, mit denen sie heute Besucher lockt, auch noch nicht gebaut waren. Stattdessen, so erz\u00e4hlt Illies, hoppelten die aus einer h\u00f6fischen Zucht ausgeb\u00fcxten Kaninchen durch die mit alten Eichen bestandene Wildnis des Havel-Eilands. <\/p>\n<p>\u201eDie Pfaueninsel im Februar, das ist ein Ort absoluter Tristesse\u201c, l\u00e4sst Illies seinen Kunckel sinnieren, sie ist aber auch \u201eseine Lizenz zum Tr\u00e4umen\u201c. Verglichen mit heutigen Bauma\u00dfnahmen ging es dann trotz brandenburgisch typisch langem und kaltem Winter schnell, einen Bauplatz zu roden, \u00d6fen zu bauen, Geb\u00e4ude f\u00fcr die Glasarbeiter, die mit ihren Familien auf die Insel zogen, zu errichten, nebenbei Felder anzulegen und sogar eine M\u00fchle zu bauen, um das angepflanzte Korn zu mahlen.<\/p>\n<p>Kunckel bet\u00e4tigte sich derweil als Alchemist, sozusagen r\u00fcckw\u00e4rts, indem er \u201eeigentlich das Gold verschwinden l\u00e4sst. Um es auf ganz andere, zauberhafte Weise in Rot wiederauferstehen zu lassen.\u201c Er konnte noch nicht wissen, dass beim Zerreiben von Golddukaten, dem Einschmelzen des Goldstaubs im Glas und dem mehrmaligen Wiedererhitzen der Masse zuerst eine Oxidation und dann eine Reduktion zu elementarem Gold stattfindet, welche die Brechung des erkalteten Glases derart magisch beeinflusst, dass es bestenfalls rubinrot leuchtet.<\/p>\n<p>Friedrich Wilhelm ist jedenfalls begeistert, kam mit immer neuen Gestaltungsw\u00fcnschen. Doch Kunckels Magie und des Kurf\u00fcrsten Gunst weckten auch Neider. Nur zwei, drei Jahre lang ging alles gut, dann \u00fcberschlugen sich die Ereignisse, eine Trag\u00f6die folgte der n\u00e4chsten, und 1688 gingen Kunckels Glash\u00fctten in Flammen auf. Der Alchemist sa\u00df auf einem Ascheberg \u2013 und auf einem Schuldenberg. 1692 ging er an den schwedischen Hof und konnte K\u00f6nig Karl XI. anscheinend wiederum von seinen F\u00e4higkeiten \u00fcberzeugen, wurde er doch bald darauf in den Adelsstand erhoben. <\/p>\n<p>Etwas redundant erz\u00e4hlt, auf gut 140 Seiten, bringt Illies einmal mehr auf den Punkt, wie man Kulturgeschichte popularisiert. Denn der Fall Kunckel war bislang nur Fachkundigen bekannt; nur bei wenigen Gl\u00e4sern \u2013 f\u00fcnf an der Zahl, die heute im <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.museum-waldenburg.de\/museum\/sammlungen\/detail\/facettiertes-becherglas-rubinrot-sogen-kunckel-glas\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.museum-waldenburg.de\/museum\/sammlungen\/detail\/facettiertes-becherglas-rubinrot-sogen-kunckel-glas&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Naturalienkabinett von Schloss Waldenburg <\/a>in Sachsen aufbewahrt werden \u2013 ist heute seine Urheberschaft bezeugt. Der Anschlag auf Kunckels Unternehmergeist hat dem barocken Preu\u00dfen nicht nur die Zauberkraft des k\u00fcnstlerischen Glases ausgetrieben, sondern auch einen potenziellen Exportschlager genommen. Mit Murano in der Havel wurde es bekanntlich nichts. Ob es Sabotage auf allerh\u00f6chste Order war? Das verliert sich im Dunkel der Zeit. <\/p>\n<p>Florian Illies: Tr\u00e4ume aus Feuer. Der Alchemist von der Pfaueninsel. Pfaueninsel Verlag, 144. Seiten, 20 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Alchemist Johannes Kunckel schuf f\u00fcr den Gro\u00dfen Kurf\u00fcrsten aus Sand und Goldstaub leuchtendes Rubinglas. 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