{"id":1108548,"date":"2026-06-20T12:28:16","date_gmt":"2026-06-20T12:28:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1108548\/"},"modified":"2026-06-20T12:28:16","modified_gmt":"2026-06-20T12:28:16","slug":"sein-erstes-wort-nach-einem-jahr-stuttgarter-sprach-365-tage-nicht-mit-diesem-wort-bricht-er-sein-schweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1108548\/","title":{"rendered":"Sein erstes Wort nach einem Jahr: Stuttgarter sprach 365 Tage nicht \u2013 mit diesem Wort bricht er sein Schweigen"},"content":{"rendered":"<p>Der K\u00fcnstler Daniel Beerstecher ist schweigend 3500 Kilometer durch Deutschland gewandert und hat anderen zugeh\u00f6rt. Am Freitag sprach er zum ersten Mal wieder. Das hatte er zu sagen.<\/p>\n<p> Daniel Beerstecher hat sich f\u00fcr die letzten Tage seines ein Jahr andauernden Schweigens einen hei\u00dfen und redseligen Ort ausgesucht: den Platz vor dem Hospitalhof. P\u00fcnktlich zum Beginn der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Hitzewelle\" title=\"Hitzewelle\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hitzewelle<\/a> sa\u00df er da, immer genug <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Wasser\" title=\"Wasser\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wasser<\/a> zur Hand. Das bot er auch seinen Besuchern an. <\/p>\n<p>Die konnten mit ihm trinken, schweigen, Dinge erz\u00e4hlen, die sie unbedingt loswerden wollten. Oder ihn zutexten. Manchmal hat er gelacht, manchmal griff er zum Tablet, um sich handschriftlich mitzuteilen. Meistens hat er zugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Um ihn herum, auf den <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Restaurant\" title=\"Restaurant\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Restaurant<\/a>-Terrassen, ging es geschw\u00e4tziger zu. Auch im Hospitalhof wurde alles andere als geschwiegen. Beim Dokumentarfilm-Branchentreff <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.dokville-filmfest-in-stuttgart-das-sagt-boris-palmer-zur-insolvenz-des-marienhospitals.572b9a6e-378b-4b65-b712-3ff8c2d66d99.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Dokville 2026<\/a> ging es um den Zustand der liberalen Demokratien, der Zivilgesellschaft. <\/p>\n<p>Da forderten bekannte Menschen wie der fr\u00fchere Bundespr\u00e4sident <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Joachim_Gauck\" title=\"Joachim Gauck\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Joachim Gauck<\/a> oder der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/SWR\" title=\"SWR\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">SWR<\/a>-Intendant Kai Gniffke vor allem auch Journalisten dazu auf, weniger reflexhaft alle m\u00f6glichen Themen sofort zu kommentieren, sondern genauer hinzuschauen, hinzuh\u00f6ren, zuzuh\u00f6ren. Das fiel manchem Teilnehmer auf der B\u00fchne selbst sichtlich schwer.<\/p>\n<p>Das ist sein erstes Wort nach 365 Tagen Schweigen <\/p>\n<p>Daniel Beerstecher hat unterdessen drau\u00dfen geschwiegen und zugeh\u00f6rt. Bis Freitagabend. Dann sa\u00df er selbst auf der Hospitalhof-B\u00fchne und erz\u00e4hlte, wie es war, sich ein ganzes Jahr lang durch <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Deutschland\" title=\"Deutschland\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Deutschland<\/a> zu schweigen. Sein Ansatz ist auf der Projekt-Webseite nachzulesen: \u201eIn einer von Polarisierung, Selbstdarstellung und einer aufmerksamkeitsgetriebenen \u00d6konomie gepr\u00e4gten Welt, in der Wut und Hass wachsen, stelle ich mit meinem Projekt die leise und oft \u00fcbersehene Tugend des Zuh\u00f6rens und die Kraft der Stille in den Mittelpunkt.\u201d<\/p>\n<p>Sein erstes Wort nach einem schweigsamen Jahr: \u201eDanke!\u201d Seine Dankbarkeit gelte seiner Frau, die ihn habe ziehen lassen; den Menschen, die ihn ein St\u00fcck begleitet und sich auf ihn eingelassen h\u00e4tten; seinen F\u00fc\u00dfen, die ihn 3500 Kilometer durch Deutschland trugen; seinem Wanderstock, der ihm immer wieder Halt gegeben habe. Dabei klingt seine Stimme rau, als ob sie sich noch nicht wieder mit dem Sprechen anfreunden kann.<\/p>\n<p>Als er seine Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer bittet, mit ihm ein paar Minuten der Stille mit geschlossenen Augen auszuprobieren, machen alle mit. Beerstecher, so sagt er dann, war in dem Schweigejahr oft neugierig darauf: \u201eWas erz\u00e4hlt dieser Kopf eigentlich?\u201d Und habe festgestellt: \u201eEr erz\u00e4hlt ganz sch\u00f6n viel Bl\u00f6dsinn.\u201d<\/p>\n<p> \u201eDiese Menschen reden so viel, weil ihnen niemand zuh\u00f6rt\u201c <\/p>\n<p>Daniel Beerstecher, geboren 1979 in Schw\u00e4bisch Hall, lebt und arbeitet in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a>. Er ist vor allem K\u00fcnstler, mit Abschluss an der Stuttgarter Kunstakademie, mit einigen Stipendien und Preisen. Er ist aber auch Achtsamkeitslehrer, Meditationslehrer und, wie er selbst sagt, \u201eein sehr spiritueller Mensch\u201d.<\/p>\n<p>Unterwegs habe er morgens im Zelt \u2013 oder wo er gerade eine Bleibe gefunden hatte \u2013 eine Stunde lang meditiert, abends vor dem Einschlafen noch einmal eine halbe Stunde. Er habe unterwegs entdeckt, dass das Sprechen miteinander manchmal gar nicht das Entscheidende im zwischenmenschlichen Miteinander ist. \u201eViel wichtiger ist die F\u00e4higkeit, pr\u00e4sent zu sein.\u201d Ja, es habe einzelne Menschen gegeben, die ihn zugetextet h\u00e4tten. \u201eDiese Menschen reden so viel, weil ihnen niemand zuh\u00f6rt\u201d, sagt er. \u201eWenn sie sp\u00fcren, dass ihnen wirklich jemand zuh\u00f6rt, h\u00f6ren sie irgendwann von selbst auf.\u201d<\/p>\n<p> Diese Erfahrung will er weitergeben <\/p>\n<p>Leicht war das Jahr auf schweigender Wanderschaft nicht immer, sagt er. Er sei entt\u00e4uscht gewesen, weil er nicht wie erhofft in jeder gr\u00f6\u00dferen Stadt in einem Museum habe \u00f6ffentlich schweigen d\u00fcrfen. Manchmal sei kein Datum daf\u00fcr zu finden gewesen, manchmal habe er nicht sagen k\u00f6nnen, wann genau er wo sein w\u00fcrde, manchmal habe er seine Art Kunst vielleicht auch nicht vermitteln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>All das und viele seiner Begegnungen hat er in seinem Blog manchmal auf vielen Seiten \u00f6ffentlich aufgeschrieben. Geschwiegen hat er zwar, aber Smartphone und Tablet waren auf dem Weg immer dabei. Aus dem Jahr des Wanderns und Schweigens will er ein Buch entwickeln, vielleicht auch Vortr\u00e4ge, Workshops.<\/p>\n<p>Das politische Geschehen werde darin keine gro\u00dfe Rolle spielen, weil es nur wenige seiner vielen \u201eGespr\u00e4chspartner\u201c thematisiert h\u00e4tten. Aber diese Erfahrung werde er sicher weitergeben: \u201eIn Ostdeutschland gab es niemanden \u00fcber 40, der nicht \u00fcber die Wende gesprochen hat.\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der K\u00fcnstler Daniel Beerstecher ist schweigend 3500 Kilometer durch Deutschland gewandert und hat anderen zugeh\u00f6rt. 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