{"id":111477,"date":"2025-05-15T02:49:10","date_gmt":"2025-05-15T02:49:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/111477\/"},"modified":"2025-05-15T02:49:10","modified_gmt":"2025-05-15T02:49:10","slug":"knast-gericht-ruine-stammheim-50-jahre-nach-raf-prozess-baden-wuerttemberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/111477\/","title":{"rendered":"Knast, Gericht, Ruine &#8211; Stammheim 50 Jahre nach RAF-Prozess &#8211; Baden-W\u00fcrttemberg"},"content":{"rendered":"<p class=\"rhp-dpa-teaser\"><b>Seit 50 Jahren ist Stammheim kein beliebiger Stadtteil Stuttgarts mehr. Untrennbar ist der Name mit dem RAF-Terror verbunden. Am 21. Mai 1975 begann dort der erste gro\u00dfe Prozess gegen die Terroristen.<\/b><\/p>\n<p><a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Stuttgart\" data-rtr-id=\"bdcb100100d1ee20d776dd903bb1110a54a1c3c4\" data-rtr-score=\"38.230507898759974\" data-rtr-etype=\"location\" data-rtr-index=\"22\" href=\"https:\/\/www.rheinpfalz.de\/themen\/stuttgart?utm_source=rheinpfalz.de&amp;utm_medium=tms&amp;utm_campaign=intext\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a> (dpa) &#8211; Der Name Stammheim weckt Erinnerungen. An eine bleierne Zeit, an den Terror im sogenannten \u00abDeutschen Herbst\u00bb 1977 und an ein Land im Ausnahmezustand. Und er ruft die Erinnerung wach an jenen Prozess gegen die erste Generation der linksterroristischen \u00abRoten Armee Fraktion\u00bb (<a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"RAF\" data-rtr-id=\"d76b2fe2abe12564567ee9097c118a2911e793fc\" data-rtr-score=\"193.70817054526924\" data-rtr-etype=\"organisation\" data-rtr-index=\"37\" href=\"https:\/\/www.rheinpfalz.de\/themen\/raf?utm_source=rheinpfalz.de&amp;utm_medium=tms&amp;utm_campaign=intext\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">RAF<\/a>), der als \u00abBaader-Meinhof-Prozess\u00bb in die Geschichte eingegangen ist. Nur ein halbes Jahr nach den nie rechtskr\u00e4ftig gewordenen Urteilen waren vier Angeklagte tot. <\/p>\n<p>Auch 50 Jahre nach dem Prozessauftakt erinnern noch Spuren an diesen Schl\u00fcsselmoment in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Neben dem wuchtigen Gef\u00e4ngnis, in dessen siebten Stock damals die angeklagten Terroristen untergebracht waren, steht noch die Ruine der ber\u00fchmten Mehrzweckhalle. Sie ist komplett ausger\u00e4umt, im Herbst soll der Abrissbagger kommen. Dieser symboltr\u00e4chtige Ort der Geschichte des deutschen Linksterrorismus wird dann endg\u00fcltig der Vergangenheit angeh\u00f6ren. <\/p>\n<p>Prozessauftakt in einer Art \u00abFestung\u00bb <\/p>\n<p>Vor 50 Jahren, am 21. Mai 1975, gleicht das f\u00fcr den RAF-Prozess gebaute Gerichtsgeb\u00e4ude am Hochsicherheitstrakt des Gef\u00e4ngnisses Stammheim im Stuttgarter Norden dagegen noch einer Festung. In einem Beitrag f\u00fcr die <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung\" data-rtr-id=\"702f6306441cd9676c0f1dee12eaba59152079e0\" data-rtr-score=\"11.899099711228128\" data-rtr-etype=\"organisation\" data-rtr-index=\"0\" href=\"https:\/\/www.rheinpfalz.de\/themen\/bundeszentrale-fuer-politische-bildung?utm_source=rheinpfalz.de&amp;utm_medium=tms&amp;utm_campaign=intext\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung<\/a> wird die Szene am Stammheimer Gef\u00e4ngnis so beschrieben: \u00ab400 bewaffnete Polizisten in und auf dem Geb\u00e4ude und drumherum, ein Stahlnetz \u00fcber dem Hof gegen Befreiung mit Hubschraubern, \u00dcberwachungskameras, Au\u00dfenscheinwerfer, Spanische Reiter vor dem Geb\u00e4ude.\u00bb <\/p>\n<p>Vor dem Oberlandesgericht m\u00fcssen sich damals Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe verantworten &#8211; die sogenannte erste Generation der RAF. Sie sollen unter anderem f\u00fcr zwei Sprengstoffanschl\u00e4ge im Jahr 1972 auf das US-Hauptquartier in <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Heidelberg\" data-rtr-id=\"4ee285cbe1d56f5bc687e4c2c540b9e63653d3e1\" data-rtr-score=\"5.22846950908782\" data-rtr-etype=\"location\" data-rtr-index=\"15\" href=\"https:\/\/www.rheinpfalz.de\/lokal\/heidelberg.html?utm_source=rheinpfalz.de&amp;utm_medium=tms&amp;utm_campaign=intext\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Heidelberg<\/a> und auf ein US-Offizierskasino in <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Frankfurt\" data-rtr-id=\"3cb064ad18c9c73984f874e25b48c8c92c548881\" data-rtr-score=\"5.171139799558349\" data-rtr-etype=\"location\" data-rtr-index=\"24\" href=\"https:\/\/www.rheinpfalz.de\/themen\/frankfurt?utm_source=rheinpfalz.de&amp;utm_medium=tms&amp;utm_campaign=intext\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Frankfurt<\/a> mit mehreren toten Soldaten verantwortlich sein.<\/p>\n<p>Verfahren der Superlative <\/p>\n<p>Rund 20 Millionen Mark l\u00e4sst sich der Staat den Prozess gegen die Terroristen kosten &#8211; die H\u00e4lfte f\u00fcr das Gerichtsgeb\u00e4ude. Man will die Terroristen nicht f\u00fcr jeden Prozesstag quer durch Stuttgart fahren, bef\u00fcrchtet Anschl\u00e4ge. Auch sonst ist es ein Prozess, wie ihn die Bundesrepublik nie zuvor erlebt hatte: insgesamt werden rund 40.000 Beweismittel gesammelt, fast 1.000 Zeugen geladen, etwa 14.000 Seiten Wortprotokoll gef\u00fchrt. <\/p>\n<p>Die 192 Verhandlungstage von Stammheim bezeichnet der Rechtshistoriker Uwe Wesel im R\u00fcckblick als \u00abMonstrum in der Rechtsgeschichte der Bundesrepublik\u00bb. Die Angeklagten provozieren &#8211; und die Richter lassen sich provozieren. Baader, Ensslin und Raspe rechtfertigen ihre Taten als Akte des Widerstands gegen das \u00abimperialistische System\u00bb und dessen Kriegsverbrechen wie in Vietnam. Der Senat wird mit Befangenheitsantr\u00e4gen \u00fcberh\u00e4uft, im Gericht kommt es zu heftigen Wortgefechten. Beleidigungen des Senats durch die Terroristen und auch durch ihre Anw\u00e4lte sind keine Seltenheit. <\/p>\n<p>Dokudrama erinnert an Prozessauftakt vor 50 Jahren<\/p>\n<p>\u00abDer Staat, getrieben von einem hysterischen Sicherheitsbed\u00fcrfnis, hat den Fehler gemacht, der RAF quasi ein Theater zu bauen und sie haben es als B\u00fchne benutzt\u00bb, beschreibt es der Regisseur Niki Stein. Zum Jahrestag des Prozessauftaktes zeigt Das Erste sein Dokudrama \u00abStammheim &#8211; Zeit des Terrors\u00bb (19. Mai, 20.15 Uhr). <\/p>\n<p>Der Prozess legt das Dilemma eines Staates frei, der um ein rechtsstaatliches Strafverfahren gegen aus seiner Sicht \u00abgew\u00f6hnliche\u00bb Kriminelle bem\u00fcht ist. Die Justiz sieht sich aber auch mit Angeklagten konfrontiert, die ihre Taten und den Prozess als politische Mittel betrachten, um den Staat herauszufordern.<\/p>\n<p>Erst nach langwierigen und heftigen Auseinandersetzungen \u00fcber die Verhandlungsf\u00e4higkeit der Angeklagten kann drei Monate nach Prozessbeginn mit der Verlesung der Anklageschrift begonnen werden. Der Prozess bleibt auch danach eine Gratwanderung f\u00fcr die deutsche Justiz. Schon fr\u00fch kommen Vorw\u00fcrfe auf, das Verfahren sei ein politischer Prozess, in dem rechtsstaatliche Prinzipien mehrfach verletzt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ein Nervenkrieg vor Gericht<\/p>\n<p>Die RAF-H\u00e4ftlinge verweigern die Teilnahme am Prozess, m\u00fcssen in den Saal gezerrt werden. \u00c4rzte schlagen Alarm, denn aus ihrer Sicht machen die Haftbedingungen im siebten Stock krank. Dann wird klar: Auch Gespr\u00e4che mit Anw\u00e4lten wurden \u00fcberwacht. Der Ensslin-Verteidiger und sp\u00e4tere SPD-Bundesinnenminister Otto Schily spricht von systematischem Rechtsbruch.<\/p>\n<p>Ist Stammheim nun ein Ort der Isolation oder ein Beweis f\u00fcr rechtsstaatliche Selbstbeherrschung? Sicher ist: Der Prozess forderte nicht nur juristische Antworten. Die Gesellschaft war herausgefordert, sich eine Meinung zu bilden und Position zu beziehen.<\/p>\n<p>Begleitet wird der Prozess damals auch von dramatischen Ereignissen. Die Angeklagte Ulrike Meinhof erh\u00e4ngt sich in ihrer Zelle. Der ebenfalls angeklagte Holger Meins stirbt schon vor Prozessbeginn an den Folgen eines Hungerstreiks. <\/p>\n<p>Auch heute stehen noch RAF-Mitglieder vor Gericht<\/p>\n<p>Insgesamt zwei Jahre lang liefern sich Verteidiger und Angeklagte einen Nervenkrieg vor Gericht. Wenige Monate nach der Urteilsverk\u00fcndung bringen sich Baader, Ensslin und Raspe in ihren Zellen um. Kurz zuvor war der letzte Versuch der RAF, das Trio mit der Entf\u00fchrung des Arbeitgeber-Pr\u00e4sidenten Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine \u00abLandshut\u00bb freizupressen, an der Hartn\u00e4ckigkeit der Bundesregierung gescheitert. <\/p>\n<p>RAF-Prozesse hat es auch nach dem Stammheimer Verhandlungsmarathon gegeben. Derzeit steht die mutma\u00dfliche Terroristin Daniela Klette vor dem Oberlandesgericht in Celle. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr versuchten Mord, unerlaubten Waffenbesitz sowie versuchten und vollendeten schweren Raub vor. Das Verfahren ist kein Justiz-Alltag &#8211; aber auch nicht vergleichbar zu dem Prozess, der vor 50 Jahren in Stuttgart-Stammheim begann.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/6754297_1_articledetail_Es_steht_nicht_mehr_viel_von_der_Mehrzweckhalle_in_der_der_Prozess_einst_gef.webp\" alt=\"Gerichtssaal an der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim\" title=\"Gerichtssaal an der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim\" width=\"753\" height=\"502\" class=\"nfy-mobile-first\"\/> Es steht nicht mehr viel von der Mehrzweckhalle, in der der Prozess einst gef\u00fchrt wurde. Die wichtigsten Einrichtungsgegenst\u00e4nde sind in deutsche Museen gekommen. (Archiv)Foto: Marijan Murat\/dpa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit 50 Jahren ist Stammheim kein beliebiger Stadtteil Stuttgarts mehr. 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