{"id":1114774,"date":"2026-06-23T03:06:23","date_gmt":"2026-06-23T03:06:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1114774\/"},"modified":"2026-06-23T03:06:23","modified_gmt":"2026-06-23T03:06:23","slug":"heisenbergs-uranmaschine-der-vergessene-atomunfall-von-leipzig-1942","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1114774\/","title":{"rendered":"Heisenbergs Uranmaschine: Der vergessene Atomunfall von Leipzig 1942"},"content":{"rendered":"<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/physikalisches-institut-uni-leipzig-ns-zeit-100.webp\" alt=\"Physikalisches Institut der Universit\u00e4t Leipzig, 1930er-Jahre\" title=\"Im Labor des Physikalischen Instituts der Universit\u00e4t Leipzig kommt es 1942 zum weltweit ersten Atomunfall. | Universit\u00e4tsarchiv Leipzig\" class=\"responsive\"\/><\/p>\n<p>AUDIO: Der erste Nuklearunfall der Weltgeschichte (1 Min)<\/p>\n<p class=\"topline\">Leipzig 1942<\/p>\n<p>\n                Stand: 23.06.2026 05:00 Uhr<\/p>\n<p class=\"preface\">Es war der Moment, auf den Werner Heisenberg und Robert D\u00f6pel hingearbeitet hatten: Im Juni 1942 gelang den Physikern in einem Leipziger Kellerlabor der erste experimentelle Nachweis einer Neutronenvermehrung. Doch der wissenschaftliche Durchbruch schlug binnen Stunden in ein Desaster um. Was als Pionierarbeit der Kernforschung begann, endete im weltweit ersten Reaktorunfall der Geschichte.<\/p>\n<p class=\"textauthor\">von Nora Gro\u00dfe Harmann, MDR GESCHICHTE<\/p>\n<p class=\"\">Es ist der sp\u00e4te Nachmittag des 23. Juni 1942. In der Leipziger Linn\u00e9stra\u00dfe 5, im Physikalischen Institut der Universit\u00e4t, arbeiten Werner Heisenberg und Robert D\u00f6pel an einem Projekt, das die Welt ver\u00e4ndern soll: der &#8222;Uranmaschine&#8220;. Was als wissenschaftlicher Durchbruch beginnt \u2013 der erste Nachweis einer Neutronenvermehrung weltweit \u2013 endet in einer Katastrophe, die heute als erster dokumentierter Atom-St\u00f6rfall der Geschichte gilt.<\/p>\n<p class=\"\">Werner Heisenberg gilt damals als &#8222;Jahrhundertgenie&#8220; der Physik. 1927 kommt er an die Universit\u00e4t Leipzig und wird im Alter von 26 Jahren Professor f\u00fcr Theoretische Physik. Mit nur 32 Jahren erh\u00e4lt er den Nobelpreis. &#8222;Heisenberg war <strong>die<\/strong> \u00fcberragende Figur als theoretischer Physiker in Deutschland&#8220;, sagt Historiker Rainer Karlsch dem MDR 2012 in einer Doku \u00fcber den Vorfall. &#8222;Er war weltweit anerkannt, genoss eine au\u00dferordentliche Reputation.&#8220;<\/p>\n<p>                    <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/uranmaschine-heisenberg-atomunfall-leipzig-100.webp\" class=\"zoomimage\" title=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\"><\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/uranmaschine-heisenberg-atomunfall-leipzig-100.webp\" alt=\"Mehrere historische Dokumente und die Skizze einer Maschine liegen auf einem Schreibtisch\" title=\"Die Uranmaschine wurde vom Experimentalphysiker Robert D\u00f6pel entworfen. | Mitteldeutscher Rundfunk\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>                    <\/a><\/p>\n<p>                    Die Uranmaschine wurde vom Experimentalphysiker Robert D\u00f6pel entworfen.<\/p>\n<p>    Der weltweit erste Kernreaktor<\/p>\n<p class=\"\">Um seine Theorie der nuklearen Kettenreaktion zu beweisen, beauftragt Heisenberg Robert D\u00f6pel. Der aus Th\u00fcringen stammende Experimentalphysiker soll einen Apparat zur Kernspaltung von Uran bauen \u2013 eine so genannte &#8222;Uranmaschine&#8220;. D\u00f6pels Aufzeichnungen von damals werden heute im Leipziger Universit\u00e4tsarchiv aufbewahrt.<\/p>\n<p class=\"\">Dass in Leipzig Anfang der 1940er-Jahre, mitten im Zweiten Weltkrieg, Atomforschung betrieben wird, ahnt zu der Zeit niemand. Noch weniger, dass es dabei um den weltweit ersten Kernreaktor geht. Im Rahmen des &#8222;Uranprojekts&#8220; forschen die deutschen Physiker an der Nutzung der Kernspaltung. In einem Nachkriegsinterview wird Werner Heisenberg sagen: &#8222;Wir sahen eigentlich vom September 1941 an eine freie Stra\u00dfe zur Atombombe vor uns.&#8220;<\/p>\n<blockquote><p>\n        Wir sahen (&#8230;) vom September 1941 an eine freie Stra\u00dfe zur Atombombe vor uns.<\/p>\n<p>                Werner Heisenberg, Physiker<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>    Das Experiment mit dem Uran<\/p>\n<p class=\"\">In Leipzig haben Heisenberg und D\u00f6pel den Versuch &#8222;L-IV&#8220; aufgebaut: Eine Aluminiumkugel, gef\u00fcllt mit 750 Kilogramm Uranerzpulver, aus Gr\u00fcnden der Geheimhaltung verschl\u00fcsselt als &#8222;Pr\u00e4parat 38&#8220;. Im Inneren der Kugel befinden sich mehrere voneinander getrennte Kammern. Der mittlere Hohlraum ist gef\u00fcllt mit schwerem Wasser als Moderator. In der zweiten Kammer folgt eine Schicht Uranerzpulver. Danach wieder schweres Wasser und au\u00dfen erneut eine vier Zentimeter dicke Schicht Uranerz.<\/p>\n<p class=\"\">Kurz zuvor hatten die Messungen gezeigt, dass die Maschine tats\u00e4chlich mehr Neutronen produzierte, als sie verbrauchte. Es war der Beweis, dass eine selbsterhaltende Kettenreaktion m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>                    <a href=\"https:\/\/images.mdr.de\/image\/f81f42aa-2501-4873-8665-bf21018682fe\/AAABnoysEqA\/AAABnSSvrFg\/16x9-big\/uranmaschine-heisenberg-atomunfall-leipzig-102.webp?width=576\" class=\"zoomimage\" title=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/uranmaschine-heisenberg-atomunfall-leipzig-102.webp\" alt=\"Blick auf eine kugelf\u00f6rmige, metallfarbene Maschine \u00fcber einem runden, schwarzen Bottich\" title=\"Die Uranmaschine, eine Aluminiumkugel,  wurde mit Uranerzpulver und schwerem Wasser bef\u00fcllt. | Mitteldeutscher Rundfunk\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>                    <\/a><\/p>\n<p>                    Die Uranmaschine, eine Aluminiumkugel,  wurde mit Uranerzpulver und schwerem Wasser bef\u00fcllt.<\/p>\n<p>    Die Katastrophe: Es brennt<\/p>\n<p class=\"\">Doch die Freude \u00fcber den Erfolg w\u00e4hrt nur kurz. Eines Tages beobachtet D\u00f6pel das Aufsteigen von Gasbl\u00e4schen aus der Uranmaschine im Wasser, der Test ergibt: Es ist Wasserstoff.<\/p>\n<p class=\"\">Als der Mechanikermeister Werner Paschen auf Gehei\u00df der Forscher am 23. Juni gegen 15:15 Uhr den Deckel eines F\u00fcllstutzens \u00f6ffnet, str\u00f6mt Luft in das Innere der Apparatur. Das Uranmetallpulver, das durch undichte Verschraubungen feucht geworden war, reagiert heftig mit dem Luftsauerstoff. Es kommt zu einer chemischen Reaktion, die gewaltige Hitze freisetzt. Stichflammen schie\u00dfen empor, Funken spr\u00fchen durch das Labor, und die Kugel heizt sich extrem auf.<\/p>\n<p class=\"\">Gegen Abend spitzt sich die Lage immer mehr zu. Um Druck abzulassen, soll die Maschine aufgemei\u00dfelt werden. Doch dann geschieht das Ungeheuerliche: Eine zweite Explosion, noch gewaltiger als die erste, treibt die Wissenschaftler in die Flucht. Heisenberg und D\u00f6pel m\u00fcssen fliehen und die Feuerwehr rufen.<\/p>\n<p>                    <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/uranmaschine-heisenberg-atomunfall-leipzig-104.webp\" class=\"zoomimage\" title=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\"><\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/uranmaschine-heisenberg-atomunfall-leipzig-104.webp\" alt=\"Skizze einer runden Maschine in einem eckigen Bottich\" title=\"Trotz jahrelanger Forschung kam es 1942 zum weltweit ersten Reaktorunfall. | Mitteldeutscher Rundfunk\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>                    <\/a><\/p>\n<p>                    Trotz jahrelanger Forschung kam es 1942 zum weltweit ersten Reaktorunfall.<\/p>\n<p>    Feuerwehr im &#8222;atomaren Feuer&#8220;<\/p>\n<p class=\"\">Gegen 18 Uhr geht der Notruf bei der Leipziger Berufsfeuerwehr ein. 22 M\u00e4nner r\u00fccken aus, ohne zu wissen, was sie im Keller der Universit\u00e4t erwartet. Die Physiker informieren sie zwar \u00fcber einen &#8222;Laborbrand&#8220;, doch das Wort &#8222;Uran&#8220; sagt den Feuerwehrm\u00e4nnern damals nichts. Ohne Schutzanz\u00fcge oder Atemmasken versuchen sie, den Brand zu l\u00f6schen. Doch Wasser macht alles nur schlimmer: Es reagiert mit dem hei\u00dfen Uran und setzt Wasserstoff frei, was zu weiteren Explosionen f\u00fchrt.<\/p>\n<p class=\"\">Erst nach zwei Tagen gelingt es, die Lage mit Eiwei\u00dfschaum unter Kontrolle zu bringen. Die Uranmaschine ist nur noch ein Klumpen aus Schlamm und geschmolzenem Aluminium.<\/p>\n<p>    Ein Warnschuss f\u00fcr die Zukunft<\/p>\n<p class=\"\">Gl\u00fccklicherweise blieb eine gro\u00dffl\u00e4chige radioaktive Verseuchung aus. Da das Uran nicht angereichert war, war die Strahlung milliardenfach geringer als bei modernen Reaktorunf\u00e4llen. Dennoch atmeten die Einsatzkr\u00e4fte giftige Urand\u00e4mpfe ein \u2013 die langfristigen gesundheitlichen Folgen und ob Einsatzkr\u00e4fte w\u00e4hrend des Brands zu Schaden kamen, blieb aufgrund vernichteter Protokolle ungekl\u00e4rt.<\/p>\n<p class=\"\">Der Unfall von 1942 beendete die Kernforschung in Leipzig vorzeitig. Er steht heute als mahnendes Symbol am Anfang des Atomzeitalters: als Beweis f\u00fcr das enorme Potenzial dieser Energiequelle, aber auch f\u00fcr ihre unberechenbaren Gefahren. W\u00e4hrend Enrico Fermi wenige Monate sp\u00e4ter in Chicago den ersten kontrollierten Reaktor in Gang setzte, blieb Leipzig der Ort des ersten nuklearen Scheiterns.<\/p>\n<p class=\"\">Quellen: MDR, Universit\u00e4t Leipzig<\/p>\n<p>Mehr zum Thema<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/absicherung-tschernobyl-new-safe-confinement-100.webp\" alt=\"Neue sichere Einkapselung des Kernkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine\" title=\"Neue sichere Einkapselung des Kernkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine | IMAGO \/ Depositphotos\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>Nach dem Atomausstieg<\/p>\n<p>Deutschlands Atomkraftwerke sind abgeschaltet, Reaktoren jenseits der Grenzen aber nicht. Wie gut w\u00e4ren wir heute auf eine Katastrophe vorbereitet? Clemens Woda vom Bundesamt f\u00fcr Strahlenschutz erkl\u00e4rt den Krisenschutz.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/tschernobyl-katastrophe-vierzig-jahre-102.webp\" alt=\"Dekontaminierungsma\u00dfnahmen nach der Katastrophe im AKW Tschernobyl\" title=\"Dekontaminierungsma\u00dfnahmen nach der Katastrophe im AKW Tschernobyl | IMAGO \/ ITAR-TASS\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>Jahrestag des Reaktorungl\u00fccks<\/p>\n<p>Tschernobyl war in Ost und West ein Einschnitt. Doch w\u00e4hrend die Atom-Debatte in Deutschland die Risiken betonte und im Ausstieg gipfelte, setzen Polen und Tschechien heute auf verst\u00e4rkt auf Atomenergie.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/tschernobyl-reaktorkatastrophe-106.webp\" alt=\"Spielplatz Sperrzone\" title=\"Spielplatz Sperrzone | IMAGO \/ teamwork\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>26. April 1986<\/p>\n<p>&#8222;Ruhe bewahren und aufessen&#8220;: So reagierte die DDR-F\u00fchrung auf Tschernobyl. W\u00e4hrend der Staat 1986 die Strahlengefahr verharmloste, belegen BStU-Akten heute, wie in der Bev\u00f6lkerung die Unruhe und Unsicherheit wuchs.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"AUDIO: Der erste Nuklearunfall der Weltgeschichte (1 Min) Leipzig 1942 Stand: 23.06.2026 05:00 Uhr Es war der Moment,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1114775,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[3364,29,49526,190926,30,71,235685,235681,187673,235683,859,55166,235684,235686,235682,2657],"class_list":["post-1114774","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-de","tag-deutschland","tag-experiment","tag-gau","tag-germany","tag-leipzig","tag-neutronenvermehrung","tag-physikalisches-institut","tag-reaktorunfall","tag-robert-doepel","tag-sachsen","tag-uran","tag-uranmaschine","tag-uranprojekt","tag-werner-heisenberg","tag-zweiter-weltkrieg"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116797217386558203","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1114774","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1114774"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1114774\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1114775"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1114774"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1114774"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1114774"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}