{"id":1114941,"date":"2026-06-23T04:44:16","date_gmt":"2026-06-23T04:44:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1114941\/"},"modified":"2026-06-23T04:44:16","modified_gmt":"2026-06-23T04:44:16","slug":"muenchen-kleine-kicks-bessere-balance-wie-hilft-sport-bei-adhs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1114941\/","title":{"rendered":"M\u00fcnchen | Kleine Kicks, bessere Balance: Wie hilft Sport bei ADHS?"},"content":{"rendered":"<p>M\u00fcnchen (dpa\/tmn) &#8211; Wer ADHS hat, kennt innere Anspannung, Unruhe und die Schwierigkeit, etwas anzufangen und durchzuziehen. Und hat vielleicht auch die Erfahrung gemacht, dass Bewegung dabei hilft. Ich auch.\u00a0<\/p>\n<p>Eine \u00c4rztin hat mir mal gesagt: Eigentlich m\u00fcsste ich jeden Tag so viel rennen, als w\u00fcrde ich f\u00fcr einen Marathon trainieren. Das ist aber manchmal irre fad. Boxen funktioniert f\u00fcr mich besser, auch Yoga. Kann das sein, dass verschiedene Sportarten unterschiedlich \u00abwirken\u00bb bei ADHS? Drei Fragen an Johannes Hennings, Psychiater und Psychotherapeut in M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Herr Hennings, Sport soll auch und gerade bei ADHS helfen. Stimmt das wirklich?<\/p>\n<p>Johannes Hennings: Ja, das stimmt. Man kann es eigentlich allgemein ausdr\u00fccken: Bei allen psychischen Erkrankungen oder auch seelischen Leiden ist Sport g\u00fcnstig. Abgesehen von den Effekten auf die kardiovaskul\u00e4re Fitness trainiert Sport das sogenannte vegetative Nervensystem. Also das System, das f\u00fcr die Balance zwischen Stress und Erholung sorgt.<\/p>\n<p>Aber es gibt auch relativ spezifische Effekte im Gehirn: Sport unterst\u00fctzt die sogenannte Plastizit\u00e4t der Nervenzellen, und zwar durch die Bereitstellung eines bestimmten Nervenwachstumsfaktors, des BDNF. Der f\u00fchrt dazu, dass Nervenzellen sich neu verbinden, Synapsen vermehrt ausbilden \u2013 das ist eine ganz wichtige Voraussetzung, damit das Gehirn sich aus einer psychischen Erkrankung heraus wieder erholen kann.<\/p>\n<p>Dauerhafter Stress blockiert genau diesen Mechanismus, weil das Stresshormon Cortisol die Bildung dieser Wachstumsfaktoren hemmt. Sport senkt die Anspannung, senkt die Stresshormone und macht das Gehirn resilienter. F\u00fcr Menschen mit ADHS ist das besonders relevant.<\/p>\n<p>Gibt es Sportarten, die f\u00fcr ADHS-Betroffene besonders geeignet sind?<\/p>\n<p>Hennings: So genau ist das noch gar nicht untersucht. Es gibt zwar Studien zu verschiedenen Krankheitsbildern, aber nur wenige Studien, die wirklich verschiedene Sportarten miteinander verglichen haben. Deshalb kann man nicht einfach sagen: Diese eine Sportart ist die beste.<\/p>\n<p>Aber beim ADHS gibt es eine wichtige Regel: Es muss Spa\u00df machen. Das ist generell wichtig, wenn man Sport regelm\u00e4\u00dfig machen will. Bei ADHS ist es aber besonders wichtig, weil Frustrationstoleranz ein Thema ist. Wenn etwas keinen Spa\u00df macht, wird es fr\u00fcher oder sp\u00e4ter nicht mehr gemacht \u2013 und dann hat es auch keinen Effekt mehr.<\/p>\n<p>Es gibt aber Hinweise darauf, dass bestimmte Elemente beim Sport gerade f\u00fcr ADHS g\u00fcnstige Effekte haben. Eine Ausdauerkomponente ist wichtig, eine Kraftsportkomponente ist wichtig \u2013 und alles, was Gleichgewicht und Koordination anspricht. Tats\u00e4chlich haben ADHS-Betroffene mit Gleichgewicht und Koordination nicht selten ein Thema.<\/p>\n<p>Beim Mountainbiken hat man zum Beispiel Ausdauer, Kraft, Koordination und Gleichgewicht dabei. Beim Klettern ist das \u00e4hnlich. Klettern wird von Menschen mit ADHS sehr h\u00e4ufig gemocht, weil es stark fokussierend ist. Es ist sehr entlastend, wenn der Kopf mal ruhig ist f\u00fcr einen Moment.<\/p>\n<p>Dazu kommt eine K\u00f6rperwahrnehmungskomponente: Man ist im Hier und Jetzt. Wenn ich an der Wand h\u00e4nge, kann ich nicht gleichzeitig an etwas ganz anderes denken. Bei Yoga ist es \u00e4hnlich: Wenn ich eine Gleichgewichtspose mache und dabei an die Schwiegermutter denke, komme ich ins Schwanken. Dieses Training, im Moment zu sein und sich auf den K\u00f6rper zu fokussieren, kann bei ADHS sehr g\u00fcnstig sein.<\/p>\n<p>Weil schnelle Langeweile ebenfalls ein Thema ist, muss man \u00fcbrigens nicht bei einer Sache bleiben. Man kann durchaus immer wieder mal was anderes ausprobieren.\u00a0<\/p>\n<p>Stichwort Dranbleiben: Das kann schwierig sein. Manche kennen aber auch das Gegenteil, dass sie es fast \u00fcbertreiben. Wie findet man Ma\u00df und Mitte?<\/p>\n<p>Hennings: Wenn es um g\u00fcnstige Effekte geht, sind t\u00e4gliche 20 Minuten mindestens das, was am besten ist. Das muss nicht kompliziert sein. Entscheidend ist: Es muss Spa\u00df machen und es muss im Alltag leicht umsetzbar sein.<\/p>\n<p>Alles, was aufwendig ist, wird tendenziell nicht so regelm\u00e4\u00dfig gemacht. Das gilt generell, aber bei ADHS vielleicht noch mal mehr. Wenn ich f\u00fcr eine Sportart erst irgendwo hingehen muss, Ausstattung brauche oder einen Partner organisieren muss, ist die H\u00fcrde h\u00f6her.<\/p>\n<p>Deshalb ist bei der Frage, wie man Regelm\u00e4\u00dfigkeit hinbekommt, wichtig: wenig Ausstattung, m\u00f6glichst kurze Wege, m\u00f6glichst wenig Planung. Ideal ist es, Sport in eine Routine einzubauen \u2013 zum Beispiel zu einer festen Zeit oder auf dem Weg zur Arbeit oder von der Arbeit nach Hause. Es klingt banal, aber es hat einen Effekt, wenn ich die Sporttasche am Abend vorher packe und vor die T\u00fcr stelle. Sonst denke ich vielleicht: Morgen k\u00f6nnte ich Sport machen. Und dann ist es wieder aus dem Kopf und wird nicht gemacht.<\/p>\n<p>Problematisch kann Sport werden, wenn es vor allem um Kick, Thrill und extreme Reize geht. Alles, was kickt, alles, was mit viel Adrenalin verbunden ist, hat gerade bei ADHS tendenziell ein Suchtpotenzial. Das kann eine Art Selbstmedikation sein: Adrenalin kann kurzfristig dort etwas ausgleichen, wo Dopamin zu wenig ist. Aber auf Dauer ist zu viel Adrenalin nicht g\u00fcnstig, auch f\u00fcrs Herz-Kreislauf-System nicht.<\/p>\n<p>Man sieht bei unbehandelten ADHS-Betroffenen h\u00e4ufiger sehr kickorientierte oder extreme Sportarten: Bungee-Jumping, Downhill-Mountainbiken, extremes Klettern. Es gibt aber auch Menschen, die sehr exzessiv laufen oder Rad fahren und sich dabei richtig auszehren. Das ist dann manchmal ein Ausdruck davon, wie stark das ADHS ausgepr\u00e4gt ist: Wenn sie das nicht machen, halten sie die innere und \u00e4u\u00dfere Unruhe kaum aus. Wenn man ADHS leitliniengerecht behandelt, geht dieses exzessive Verhalten oft von allein zur\u00fcck.<\/p>\n<p>ZUR PERSON: Privatdozent Johannes Hennings ist Facharzt f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie. Er diagnostiziert und behandelt in seiner Privatpraxis f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Supervision und Coaching in M\u00fcnchen unter anderem auch ADHS.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"M\u00fcnchen (dpa\/tmn) &#8211; Wer ADHS hat, kennt innere Anspannung, Unruhe und die Schwierigkeit, etwas anzufangen und durchzuziehen. 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