{"id":111667,"date":"2025-05-15T04:42:08","date_gmt":"2025-05-15T04:42:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/111667\/"},"modified":"2025-05-15T04:42:08","modified_gmt":"2025-05-15T04:42:08","slug":"traumatisierte-veteranen-kaempfen-um-anerkennung-durch-bundeswehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/111667\/","title":{"rendered":"Traumatisierte Veteranen k\u00e4mpfen um Anerkennung durch Bundeswehr"},"content":{"rendered":"<p>                    <strong>exklusiv<\/strong><\/p>\n<p class=\"metatextline\">Stand: 15.05.2025 06:00 Uhr<\/p>\n<p class=\"textabsatz columns twelve  m-ten  m-offset-one l-eight l-offset-two\">\n        <strong>Die Bundeswehr sucht h\u00e4nderingend nach Personal und feilt an ihrem Image. Da passt nicht ins Bild, dass Hunderte traumatisierte Einsatzgesch\u00e4digte um Anerkennung und Entsch\u00e4digung ringen.<\/strong>\n    <\/p>\n<p>Von Christoph Heinzle, Kai K\u00fcstner, Timo Robben und Sug\u00e1rka Sielaff, NDR\n                        <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\n&#8222;Es ist der Tag, der mein Leben zerst\u00f6rt hat.&#8220; So urteilt die Sanit\u00e4terin Annika Schr\u00f6der r\u00fcckblickend \u00fcber den 2. April 2010. Den Karfreitag. Es ist der Tag, an dem die Bundeswehr in das bislang schwerste Gefecht ihrer Geschichte verwickelt wurde &#8211; das Karfreitagsgefecht in Afghanistan. Schr\u00f6der ist an diesem 2. April Teil einer Krisen- und Notfalleinheit und bekommt den Befehl, das gesch\u00fctzte Lager in Kundus zu verlassen, um den Kameraden zu Hilfe zu eilen, die mit Dutzenden Taliban-K\u00e4mpfern im Gefecht stehen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie Luftlandesanit\u00e4terin rennt durch den Kugelhagel. &#8222;Dann gab es einen tierischen Schlag. Das habe ich \u00fcberhaupt nicht verstanden.&#8220; Ein Projektil zerfetzt ihren Rucksack, bringt die darin enthaltenen Infusionen zum Platzen. W\u00e4re der Schuss eine Zehntelsekunde fr\u00fcher abgefeuert worden, h\u00e4tte er die Fallschirmj\u00e4gerin mitten in die Brust getroffen. &#8222;Das h\u00e4tte ich nicht \u00fcberlebt.&#8220; Die damals erst 25-J\u00e4hrige rappelt sich auf und funktioniert weiter. Drei Mal eilt sie in die sogenannte &#8222;Todeszone&#8220;, wo das Feuergefecht tobt. Muss tote und verletzte Kameraden bergen.<\/p>\n<p>    V\u00f6lliger Zusammenbruch<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nWenige Monate sp\u00e4ter kehrt Annika heim nach Deutschland. K\u00f6rperlich unversehrt. Doch f\u00fcr ihre Seele gilt das nicht. Schon kurze Zeit sp\u00e4ter erleidet sie einen v\u00f6lligen Zusammenbruch. Die Diagnose: Verdacht auf Posttraumatische Belastungsst\u00f6rung, PTBS. Damit beginnt nach dem Karfreitagsgefecht der eigentliche Kampf der Annika Schr\u00f6der: Der Kampf gegen die Krankheit in ihrem Kopf und der Kampf gegen die Bundeswehrb\u00fcrokratie.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nViele Gesch\u00e4digte w\u00fcrden dies wie einen &#8222;dritten Krieg&#8220; wahrnehmen, sagt Bernhard Drescher vom Bund Deutscher Einsatzveteranen, der Traumatisierte unterst\u00fctzt: Erst der Krieg gegen die Taliban, dann der &#8222;Krieg im Kopf&#8220; und nun der &#8222;Verwaltungskrieg&#8220;. 15 Jahre lang erkannte die Bundeswehr nicht an, dass die Sch\u00e4digung von Schr\u00f6der aus dem Afghanistaneinsatz stammt, wollte sie sogar ohne Entsch\u00e4digung als dienstunf\u00e4hig entlassen.<\/p>\n<p>    Eigener Vorgesetzter als &#8222;Feind&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAn PTBS leide die Sanit\u00e4terin aber nicht, so ein Gutachten im Auftrag der Bundeswehr 2023, das dem NDR vorliegt. Schr\u00f6der, ausgezeichnet mit der Einsatzmedaille Gefecht und dem Ehrenkreuz, riskierte ihr Leben f\u00fcr die Bundeswehr und f\u00fchlte sich jahrelang von ihr im Stich gelassen: &#8222;Ich habe daf\u00fcr unterschrieben, das Land tapfer zu verteidigen und mein Leben f\u00fcr die Kameraden einzusetzen. Dass der Feind einmal mein eigener Vorgesetzter und mein eigener Dienstherr ist, der aus meiner Wahrnehmung alles daransetzt, um mich in den Suizid zu treiben &#8211; das habe ich nicht unterschrieben.&#8220;<\/p>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        Deutschland habe &#8222;eines der f\u00fcrsorglichsten Systeme \u00fcberhaupt in der Welt&#8220;, sagt der PTBS-Beauftragte Zimmermann.\n                    <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nZu Einzelf\u00e4llen wie dem von Annika Schr\u00f6der will die Bundeswehr nicht Stellung nehmen. Der PTBS-Beauftragte Peter Zimmermann verteidigt die Versorgung psychisch Erkrankter in der Bundeswehr als beispielhaft. Deutschland habe &#8222;eines der f\u00fcrsorglichsten Systeme \u00fcberhaupt in der Welt. Wir haben immer mal wieder Menschen, die auch mal durchs Raster fallen, was aber ganz sicher kein b\u00f6ser Systemwille ist.&#8220;<\/p>\n<p>    30 Prozent aller Antr\u00e4ge abgelehnt<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDer Fall Annika Schr\u00f6der ist jedoch kein Einzelfall. Hunderte Traumatisierte haben mit der Bundeswehr um Anerkennung und Entsch\u00e4digung gerungen &#8211; oft vor Gericht, meist jahrelang. 30 Prozent aller Antr\u00e4ge auf Anerkennung einer Wehrdienstbesch\u00e4digung wegen psychischer Erkrankungen wie PTBS werden laut NDR-Recherchen abgelehnt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAllein der bundesweit bei diesen Verfahren f\u00fchrende Rechtsanwalt Arnd Steinmeyer hat nach eigenen Angaben mehrere hundert F\u00e4lle pro Jahr auf dem Schreibtisch. &#8222;Wir wollen auf der einen Seite Soldaten haben, die f\u00fcr die Gesellschaft in Eins\u00e4tze ziehen und das Land verteidigen&#8220;, so der L\u00fcneburger Anwalt. &#8222;Dann muss man sich auf der anderen Seite aber auch sehr gro\u00dfz\u00fcgig um diese Soldaten k\u00fcmmern und kann sie dann nicht in ganz kleinteilige Verfahren reinlaufen lassen und am langen Arm verhungern lassen.&#8220;<\/p>\n<p>    Risiken bei Nicht-Behandlung<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nBundeswehreinrichtungen registrierten nach NDR-Berechnungen seit 2011 knapp 2800 einsatzbedingte PTBS-Erkrankungen. Die Bundeswehr erreicht allerdings mit ihren Behandlungsangeboten selbst nach eigenen Sch\u00e4tzungen nur zehn bis 20 Prozent der PTBS-kranken Einsatzgesch\u00e4digten. Damit k\u00f6nne man nicht zufrieden sein, r\u00e4umt PTBS-Beauftragter Zimmermann im NDR-Interview ein.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nEin besonders krasses Beispiel daf\u00fcr, was passieren kann, wenn eine PTBS nicht rechtzeitig behandelt wird, ist der Fall von Stefano B. Der Afghanistanveteran hatte schon mehrere Suizid-Versuche hinter sich und seine Frau hatte sich per Mail vergeblich hilfesuchend an die Bundeswehr gewandt, als Stefano B. am 24. April 2024 in die Ulmer Innenstadt fuhr.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nEr hatte Waffenattrappen dabei und nahm in einem Starbucks-Caf\u00e9 14 Geiseln. Sein Ziel: Sich von einem Sondereinsatzkommando der Polizei erschie\u00dfen zu lassen &#8211; &#8222;suicide by cop&#8220;. Alle Geiseln \u00fcberlebten, einige nun selbst traumatisiert. Stefano B. wurde schwer verletzt. Er ist mittlerweile zu sechs Jahren Haft verurteilt.<\/p>\n<p>    Traumazentren gelten als vorbildlich<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie Bundeswehr hat in ihrem Umgang mit an der Seele Erkrankten einen weiten Weg zur\u00fcckgelegt. Selbst Kritiker loben die mittlerweile umfassende Gesetzgebung. Die f\u00fcnf Traumazentren an den Bundeswehrkrankenh\u00e4usern gelten als vorbildlich. Doch Gutachtern und Vorgesetzten fehle es noch immer an Wohlwollen und Mitgef\u00fchl, klagen Betroffene und Kritiker.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie Verfahren um Anerkennung z\u00f6gen sich qu\u00e4lend in die L\u00e4nge. Wehrdienstbesch\u00e4digungsverfahren wegen psychischer Erkrankungen dauern deutlich l\u00e4nger als Verfahren wegen k\u00f6rperlicher Sch\u00e4den. Durchschnittlich vergehen 22 Monate bis zum ersten Bescheid. Oft folgen Widerspr\u00fcche und Prozesse, die sich manchmal auch mehr als zehn Jahre hinziehen.<\/p>\n<p>    Selbsthilfe als Ausweg<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nZu einer sorgf\u00e4ltigen Pr\u00fcfung jedes Einzelfalls sei man gesetzlich verpflichtet, h\u00e4lt dem der PTBS-Beauftragte Peter Zimmermann entgegen. Er fordert aber auch ein Bewusstsein bei der Bundeswehr, &#8222;dass man nie fertig wird, sondern dass man immer wieder anpasst, anpasst, anpasst.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nGerade jetzt ist die Truppe sehr auf Imagepflege bedacht, weil sie wegen der gewachsenen Bedrohung durch Russland Personal sucht. Soldaten erwarten, dass ihr Arbeitgeber sich auch um alle k\u00fcmmert, die im Einsatz seelischen Schaden genommen haben.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAnnika Schr\u00f6der erz\u00e4hlt, sie sei in den vergangenen Jahren durch die &#8222;H\u00f6lle&#8220; gegangen. Sie habe sich dabei immer wieder selbst helfen m\u00fcssen. Heute sind es vor allem ihre Tiere, die ihr Halt geben &#8211; Hunde, Schweine, Kaninchen &#8211; mit denen sie zur\u00fcckgezogen auf &#8222;Annis kleiner Farm&#8220; im Norden Sachsens lebt.<\/p>\n<p>    Anerkennung nach 15 Jahren<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDoch Ende April, einen Tag bevor die Sanit\u00e4terin dienstunf\u00e4hig aus der Bundeswehr entlassen wurde, bekam Annika Schr\u00f6der einen \u00fcberraschenden Anruf. Ihre Neubegutachtung habe ergeben, dass sie unter einer PTBS leide und die Erkrankung doch auf den Einsatz zur\u00fcckgehe. Die Anerkennung im doppelten Sinn, um die Annika Schr\u00f6der 15 Jahre gek\u00e4mpft hat, wird ihr nun doch noch zuteil.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\n&#8222;Die Bundeswehr ist ein sicherer Arbeitgeber, aber wir sind das scharfe Ende der Politik&#8220;, bilanziert sie erleichtert, aber auch nachdenklich. &#8222;Wir haben unterschrieben, zur Not mit unserem Leben zu bezahlen und das sollte wirklich auch den jungen Soldaten in aller Konsequenz bewusst sein. Aber vor allem sollte es der Bundeswehr bewusst sein.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Mehr zum Thema sehen Sie heute um 21:45 Uhr <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/panorama\" title=\"ARD-Mediathek - Politikmagazin Panorama\" class=\"textlink--extern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">bei Panorama im Ersten<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"exklusiv Stand: 15.05.2025 06:00 Uhr Die Bundeswehr sucht h\u00e4nderingend nach Personal und feilt an ihrem Image. 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