{"id":1120449,"date":"2026-06-25T09:33:16","date_gmt":"2026-06-25T09:33:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1120449\/"},"modified":"2026-06-25T09:33:16","modified_gmt":"2026-06-25T09:33:16","slug":"reportage-wer-nur-den-rollstuhl-sieht-uebersieht-kuebra-yilmaz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1120449\/","title":{"rendered":"Reportage: Wer nur den Rollstuhl sieht, \u00fcbersieht K\u00fcbra Yilmaz"},"content":{"rendered":"<p><strong>Leise bewegt sich der Rollstuhl \u00fcber den Flur des <\/strong><a href=\"https:\/\/www.contilia.de\/einrichtungen\/pflege-und-betreuung\/quartiere-cpb-seite\/schwelm-st-marien-quartier.html\" target=\"_self\" class=\"internalLink\" rel=\"nofollow noopener\"><strong>St. Marien Quartiers<\/strong><\/a><strong>. K\u00fcbra Yilmaz h\u00e4lt vor einem Schrank an, schaut kurz nach oben und dr\u00fcckt einen Knopf. Langsam f\u00e4hrt die Sitzfl\u00e4che ihres Rollstuhls in die H\u00f6he. Sie greift nach den Unterlagen, f\u00e4hrt wieder hinunter, sortiert sie und arbeitet weiter. Es ist ein Ablauf, den sie kennt und einer von vielen in ihrem Arbeitsalltag. Sp\u00e4ter h\u00e4ngt sie einen Aushang f\u00fcr das Sommerfest auf. Sie richtet das Blatt aus, pr\u00fcft den Sitz und korrigiert noch einmal, bis es gerade h\u00e4ngt. Es sind kleine Handgriffe, wie sie im Haus jeden Tag passieren. Bei K\u00fcbra Yilmaz dauern manche davon einen Moment l\u00e4nger, denn sie brauchen Geschick und eine genaue Bewegung.<\/strong><\/p>\n<p>Das zeigt sich auch in anderen Situationen: K\u00fcbra Yilmaz balanciert ein Tablett mit Wassergl\u00e4sern sicher durch den Raum, lenkt ihren Rollstuhl ruhig zwischen St\u00fchlen und Menschen hindurch und erreicht ihr Ziel, ohne dass etwas versch\u00fcttet wird. Sie transportiert eine Gie\u00dfkanne, steuert damit in Richtung Ausgang. Auf dem Weg nach drau\u00dfen achtet sie auf den Boden, auf Abst\u00e4nde, auf Menschen, die ihren Weg kreuzen.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele Menschen ist die 31-J\u00e4hrige am Empfang das erste Gesicht im Haus. Dort klingelt das Telefon, dort werden Fragen gestellt, Termine notiert, Informationen weitergegeben und Anliegen sortiert. Morgens f\u00e4hrt sie den Computer hoch, liest E-Mails, nimmt Gespr\u00e4che entgegen und beh\u00e4lt im Blick, was im Haus passiert. Manchmal klingeln mehrere Telefone fast gleichzeitig. Dann h\u00f6rt sie zu, notiert, gibt Auskunft und bleibt trotzdem f\u00fcr die Menschen, die vor ihr stehen, zugewandt.<\/p>\n<p>Seit dem 1. Februar 2023 arbeitet sie im St. Marien Quartier. F\u00fcr sie ist diese Stelle mehr als nur ein Arbeitsplatz. Sie bedeutet Selbstst\u00e4ndigkeit, Anerkennung und die M\u00f6glichkeit, das einzubringen, was sie kann. Oft hatte sie erlebt, dass zuerst ihr Rollstuhl wahrgenommen wurde. Im St. Marien Quartier z\u00e4hlte etwas anderes: was sie kann, wie sie arbeitet und wie sie als Mensch und Kollegin ins Team passt.\u00a0<\/p>\n<p>K\u00fcbra Yilmaz ist Kauffrau f\u00fcr B\u00fcromanagement. Seit ihrer Geburt ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Sie kam mit Spina bifida, auch offener R\u00fccken genannt, und einem Hydrocephalus, auch Wasserkopf genannt, zur Welt. Ihr Start ins Leben war schwer, denn sie musste schon als S\u00e4ugling operiert werden.<\/p>\n<p>Wenn sie heute dar\u00fcber spricht, dann ohne Selbstmitleid. Ihre Geschichte geh\u00f6rt zu ihr. Doch wer mit ihr spricht, merkt schnell, dass sie nicht auf Diagnosen reduziert werden will. K\u00fcbra Yilmaz ist Kollegin, Ansprechpartnerin, B\u00fcrokauffrau, Katzenbesitzerin und vor allem eine Frau mit Humor und einem klaren Blick f\u00fcr ihre F\u00e4higkeiten.<\/p>\n<p>\u201eMan muss f\u00fcr sich selbst einstehen\u201c, sagt sie. Bei ihr klingt dieser Satz nicht wie ein Spruch, sondern wie Lebenserfahrung.\u00a0<\/p>\n<p>Der Weg in den Beruf war lang. Im Jahr 2017 schloss K\u00fcbra Yilmaz ihre Ausbildung am Berufsbildungswerk Volmarstein ab. Sie wollte arbeiten, Teil eines Teams sein und Verantwortung \u00fcbernehmen. Doch nach der Ausbildung folgten viele Bewerbungen und Gespr\u00e4che, die oft schwieriger waren, als sie vielleicht h\u00e4tten sein m\u00fcssen. Immer wieder hatte sie das Gef\u00fchl, dass nicht zuerst ihre F\u00e4higkeiten gesehen wurden, sondern ihr Rollstuhl. Die zahlreichen Absagen verunsicherten sie. Manchmal zweifelte sie daran, ob sie \u00fcberhaupt eine Chance bekommen w\u00fcrde. Trotzdem lie\u00df sie nicht zu, dass andere ihre M\u00f6glichkeiten kleiner machten, als sie waren.<\/p>\n<p>\u201eMut ist nicht, keine Angst zu haben. Mut ist, trotzdem weiterzugehen\u201c, sagt sie entschlossen.<\/p>\n<p>Im St. Marien Quartier wurde sie schlie\u00dflich nicht nur eingeladen, sondern auch ernst genommen. Im Gespr\u00e4ch standen nicht zuerst die Einschr\u00e4nkungen im Mittelpunkt. Es ging um Aufgaben, Abl\u00e4ufe und darum, wie der Arbeitsplatz f\u00fcr sie funktionieren kann. Diese Haltung hat K\u00fcbra Yilmaz nicht vergessen. \u201eIch werde hier mit Respekt behandelt und nicht auf meine Einschr\u00e4nkungen reduziert\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>Ihr Arbeitstag beginnt lange bevor sie ihren Platz am Empfang einnimmt. Schon am Abend vorher legt sie ihre Kleidung bereit, packt ihre Tasche und richtet alles, was sie braucht. Morgens steht sie fr\u00fch auf. Der Weg zur Arbeit ist \u00fcber einen Fahrdienst organisiert. Bevor sie das Haus verl\u00e4sst, muss auch Katze Kaymak, ihr Ruhepol, versorgt werden. Vieles, was andere nebenbei erledigen, ben\u00f6tigt bei ihr Planung, Zeit und Kraft.<\/p>\n<p>K\u00fcbra Yilmaz bewegt sich sicher durch den Alltag im St. Marien Quartier. Sie verteilt Pakete und Zeitungen an die Bewohnerinnen und Bewohner, hilft, wo sie gebraucht wird, und packt spontan mit an. Einmal lenkt sie ihren Rollstuhl geschickt um den Rollstuhl einer Bewohnerin herum, um ihr beim Anziehen der Jacke zu helfen. Dann f\u00e4hrt sie weiter.\u00a0<\/p>\n<p>Besonders wichtig sind ihr die Begegnungen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Viele gr\u00fc\u00dfen sie, bleiben kurz stehen, erz\u00e4hlen ihr etwas oder stellen ihr eine Frage. Die Mitarbeiterin am Empfang nimmt sich Zeit, h\u00f6rt zu und schenkt ihnen Aufmerksamkeit \u201eHier gibt es immer Momente, die einen zum L\u00e4cheln bringen\u201c, sagt sie und l\u00e4chelt auch dabei. Manchmal bekommt sie S\u00e4tze zu h\u00f6ren wie: \u201eSie sind immer fr\u00f6hlich.\u201c Oder: \u201eIch bewundere Sie.\u201c K\u00fcbra Yilmaz nimmt solche R\u00fcckmeldungen dankbar an. Nicht, weil sie bewundert werden m\u00f6chte, sondern weil darin ehrliche Anerkennung steckt.<\/p>\n<p>Dass der Blick von au\u00dfen nicht immer so respektvoll ist, erlebt sie bis heute. Es gibt Menschen, die sie in der Stadt anstarren und die sehen, dass ein kleiner Handgriff helfen w\u00fcrde, aber trotzdem nicht reagieren. Solche Situationen st\u00f6ren sie. Sie verletzen nicht immer laut, aber sie bleiben h\u00e4ngen. Schon in der Schule gab es Momente, in denen sie sich unverstanden f\u00fchlte und auch sp\u00e4ter begegneten ihr Menschen, die ihr weniger zutrauten. Solche Erfahrungen sind geblieben. K\u00fcbra Yilmaz spricht offen dar\u00fcber, ohne sich davon bestimmen zu lassen.<\/p>\n<p>Nicht jeder Tag ist leicht. Es gibt k\u00f6rperliche Grenzen, anstrengende Wege und kraftzehrende Situationen. \u201eIch kann das heute besser handhaben und bin dankbar f\u00fcr meine Gesundheit. Ich habe keine Krankheit, mit der man nicht umgehen kann\u201c, sagt sie. Sie lebt selbstst\u00e4ndig und wei\u00df, was ihr guttut und sie wei\u00df, dass es keine Schw\u00e4che ist, Hilfe anzunehmen.<\/p>\n<p>Wenn K\u00fcbra Yilmaz \u00fcber ihre Arbeit spricht, geht es oft um R\u00fcckhalt. Sie hat sich ihren Platz nicht schenken lassen. Sie hat R\u00fcckschl\u00e4ge erlebt, Zweifel ausgehalten und ist trotzdem weitergegangen. \u201eDas Miteinander mit meinen Kolleginnen und Kollegen bringt mich zum L\u00e4cheln. Mir wird Mut geschenkt.\u201c\u00a0<\/p>\n<p><strong>Bemerkenswert ist nicht, dass K\u00fcbra Yilmaz im Rollstuhl arbeitet, sondern wie. Sie ist aufmerksam und zugewandt. Am Empfang beh\u00e4lt sie den \u00dcberblick, h\u00f6rt zu und sieht, wo Unterst\u00fctzung gebraucht wird. Die H\u00fcrden in ihrem Alltag kennt sie genau und redet sie nicht klein, aber sie l\u00e4sst sie auch nicht \u00fcber ihr Leben bestimmen.<\/strong><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Pressekontakt: Sandra Lorenz | <\/strong>Bereichsleiterin \u00d6ffentlichkeitsarbeit und Soziales<br \/>Contilia Pflege und Betreuung GmbH | Fon <a href=\"https:\/\/www.contilia.de\/nachrichten-uebersicht\/nachrichten-detailseite\/tel:02336804363\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">02336 804-363<\/a><br \/><a href=\"#\" data-mailto-token=\"nbjmup+t\/mpsfoaAdpoujmjb\/ef\" data-mailto-vector=\"1\">s.lorenz(at)contilia.de<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.contilia.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">www.contilia.de<\/a><\/p>\n<p class=\"text-end\">Fotos: Sandra Lorenz, Contilia Pflege und Betreuung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Leise bewegt sich der Rollstuhl \u00fcber den Flur des St. Marien Quartiers. 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