{"id":1122263,"date":"2026-06-26T03:17:16","date_gmt":"2026-06-26T03:17:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1122263\/"},"modified":"2026-06-26T03:17:16","modified_gmt":"2026-06-26T03:17:16","slug":"von-buchhaendlern-und-luftspringern-wie-ein-verlegersohn-die-leipziger-ostermesse-von-1780-erlebte-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1122263\/","title":{"rendered":"Von Buchh\u00e4ndlern und Luftspringern: Wie ein Verlegersohn die Leipziger Ostermesse von 1780 erlebte \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Historiker freuen sich \u00fcber solche Fundst\u00fccke: Augenzeugenberichte aus einer Zeit, als Zeitungen noch rar waren und auch nicht wirklich so detailliert \u00fcber das, was in der Stadt geschah, berichteten. Die Buchmesse zum Beispiel, die Leipzig zwei Mal im Jahr zum Treffpunkt der Buchh\u00e4ndler und Verleger machte. Da reiste alles, was Rang und Namen hatte, nach Leipzig. Auch zur Ostermesse 1780, als der Verleger Nathanael Siegmund Frommann aus Z\u00fcllichau (heute: Sulech\u00f3w) mit seinem 14-j\u00e4hrigen Sohn Carl Friedrich Ernst Frommann zur Messe nach Leipzig kam.<\/p>\n<p>Und das Besondere an dieser Reise ist: Der Sohn schrieb Tagebuch. Vielleicht auf Wunsch seines Vaters. Vielleicht auch f\u00fcr die Daheimgebliebenen, denn mit dieser Fahrt nach Leipzig begann auch die Abnabelung des Jungen von seinem Elternhaus. Und sie war auch ein wenig zum Lernen und Kennenlernen vorgesehen. Denn der Junge w\u00fcrde einmal das Verlagsgesch\u00e4ft des Vaters \u00fcbernehmen. Das war schon geregelt.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/50f2b414c841447ca8e79e5e89b4d7cd.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/06\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/06\/1\"\/><\/p>\n<p>Er fuhr also auch mit, um in Leipzig m\u00f6glichst viele Kollegen seines Vaters kennenzulernen, mit denen dieser in Gesch\u00e4ftsbeziehungen stand. Ihre Namen f\u00fcllen sein Tagebuch geradezu, das die Jenaer Germanistin Dr. Claudia Taszus im Goethe-und-Schiller-Archiv in Weimar gefunden hat, wo es im bisher noch unerforschten Bestand des Nachlasses der Familie Frommann registriert ist.<\/p>\n<p>Und dieser junge <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Carl_Friedrich_Ernst_Frommann\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Carl Friedrich Ernst<\/a> ist auch deshalb spannend, weil er den Verlag 1798 von Z\u00fcllichau nach Jena verlegte, also ins direkte Umfeld der in Weimar und Jena wirkenden Klassiker.<\/p>\n<p>Ostermesse im Regen<\/p>\n<p>Aber wie schreibt man mit 14 Jahren Tagebuch? Was ist wichtig? Oder schreibt man nur auf, wen der Vater alles so traf in Leipzig? Schon das ist ja f\u00fcr die Literaturhistoriker spannend. Denn: Wie funktionierten damals Verlagskontakte? Wer kannte wen? Und wen traf ein Verleger noch \u00fcber das Gesch\u00e4ftliche hinaus? Hing der Sohn \u2013 um zu lernen \u2013 die ganze Zeit an Vaters Rockzipfel? Immerhin war der Junge ja das erste Mal in Leipzig \u2013 und scheiterte nat\u00fcrlich bei der Beschreibung der Stadt, die eine ganz andere Nummer war als das eher provinzielle Z\u00fcllichau. Wie findet man Worte?<\/p>\n<p>Eigentlich gar nicht, wenn man nicht schon talentiert ist und die Begabung zum literarischen Schreiben hat. Und so vermisst man nat\u00fcrlich so manches, was man sich als sp\u00e4ter Leser des Tagebuchs (das eigentlich nicht zur Ver\u00f6ffentlichung vorgesehen war) so alles w\u00fcnscht. W\u00e4hrend man sich dieses Leipzig zur Ostermesse vorstellt, w\u00e4hrend es praktisch permanent regnet. Wo trafen sich dann die Buchh\u00e4ndler? Wahrscheinlich war der Junge von den seinerzeit bekannten Namen so beeindruckt, dass er v\u00f6llig verga\u00df, die Kontore und Gastwirtschaften zu schildern, das Essen, die Unterbringung, die Themen der Gespr\u00e4che \u2026<\/p>\n<p>Konkreter wird er eigentlich nur, wenn er mit seinem Vater das Denkmal des 1769 gestorbenen Dichters <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christian_F%C3%BCrchtegott_Gellert\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Christian F\u00fcrchtegott Gellert<\/a> im Garten des Wendlerschen Hauses besucht. Da kommt so ein wenig das Gef\u00fchl auf, er k\u00f6nnte die Stadt in diesem Jahr 1780 vielleicht doch etwas lebendiger schildern.<\/p>\n<p>Fasziniert vom Theater<\/p>\n<p>Aber manchmal hauen einen die Erlebnisse regelrecht um. So wie das Theater, das der junge Mann gleich an mehreren Abenden erlebt. So etwas gab es in Z\u00fcllichau nicht. Vier Kom\u00f6dien und zwei Dramen sieht er und fasst seine Begeisterung f\u00fcr das Schauspiel f\u00fcr die Daheimgebliebenen in Worte, indem er praktisch die ganzen St\u00fccke schildert. Genauso, wie er sp\u00e4ter den Auftritt einer Artistentruppe schildert (die \u201eLuftspringer\u201c aus dem Titel), wie sie damals auch ganz selbstverst\u00e4ndlich zur Leipziger Messe geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Der Messeausflug war auch ein Kulturausflug. Da wird auch sein Vater sich bem\u00fcht haben, m\u00f6glichst viel mitzunehmen von dem, was in Leipzig zu sehen war. So wie am 24. April das Harmonica-Konzert von Carl Leopold R\u00f6llig. Eine Gelegenheit, bei der er nicht nur die Herz\u00f6ge von Weimar und Gotha zu sehen bekommt, sondern auch einen gewissen Herrn G\u00f6the, der ganz offensichtlich den Herzog von Weimar zur Ostermesse nach Leipzig begleitete. So etwas merkt man mindestens an, auch wenn der 14-J\u00e4hrige bis jetzt nicht ahnt, dass er sp\u00e4ter mit Goethe noch intensiver Bekanntschaft machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Was der junge Tagebuchschreiber nicht erw\u00e4hnt, weil ihm noch alles neu ist und er wohl aus dem Staunen nicht so leicht herauskommt, hat Claudia Taszus in einem Anmerkungsapparat erg\u00e4nzt. Und in einem ausf\u00fchrlichen Vorwort, in dem sie auch auf die enge Beziehung von Vater und Sohn eingeht. Denn ganz offensichtlich bem\u00fchte sich Nathanael Sigismund sehr intensiv um die moralische Bildung seines Sohnes, nahm ihn geradezu vertrauensvoll an die Hand, was auch in der Welt des Pietismus, in der der Frommannsche Verlag zu Hause war, nicht selbstverst\u00e4ndlich war.<\/p>\n<p>Ein seltenes Zeugnis<\/p>\n<p>Und dazu kam, dass der Vater auch schon daran ging, das Verlagsprogramm umzubauen und verst\u00e4rkt Literatur der Aufkl\u00e4rung ins Programm zu nehmen. Darunter auch einen durchaus umstrittenen, streitbaren und viel diskutierten Theologen namens <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl_Friedrich_Bahrdt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Karl Friedrich Bahrdt<\/a>, den der junge Reisende am 14. April ebenfalls kennenlernt.<\/p>\n<p>Immerhin so etwas wie der Erfolgsautor des Frommannschen Verlages. Wenn man die vom Tagebuchautor erw\u00e4hnten Namen einordnen kann, ergibt sich nach und nach ein Bild dieses Leipzig-Aufenthaltes, mit Begegnungen, die weit \u00fcber die gez\u00e4hlten 24 Buchh\u00e4ndlerkollegen des Vaters hinausgehen.<\/p>\n<p>Und auch wenn man sich manchmal noch mehr w\u00fcnscht, dass der Junge aufgeschrieben h\u00e4tte: Das Tagebuch ist ein seltenes Zeugnis, wie man es zur Welt der damaligen Leipziger Buchmessen kaum einmal findet. Die Herren Verleger waren ja eher mit Gesch\u00e4ften, Abrechnungen und Abschl\u00fcssen besch\u00e4ftigt. Da schaut man nicht viel nach rechts und links.<\/p>\n<p>Auch wenn man Leute wie<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Johann_Gottlob_Immanuel_Breitkopf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\"> Johann Gottlob Immanuel Breitkopf<\/a> oder <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Johann_Adam_Hiller\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Johann Adam Hiller<\/a> trifft. Da ahnt man zumindest, dass der Junge v\u00f6llig beeindruckt war und sich gar nicht getraut hat, selbst nachzufragen. Immerhin waren das Ber\u00fchmtheiten zu ihrer Zeit \u2013 und da kam dieser Junge aus dem vertr\u00e4umten Z\u00fcllichau \u2026 Was h\u00e4tte er sagen, was fragen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Aber die Reise scheint sich gelohnt zu haben und dem jungen Mann scheinen sich T\u00fcren f\u00fcr seine sp\u00e4tere Laufbahn als Nachfolger des Vaters ge\u00f6ffnet zu haben. Immerhin lernte er den Berliner Verleger August Mylius kennen, bei dem er seine Buchh\u00e4ndlerlehre absolvieren w\u00fcrde. Nicht ahnend, dass er schon sechs Jahre sp\u00e4ter den Verlag des fr\u00fch verstorbenen Vaters w\u00fcrde \u00fcbernehmen m\u00fcssen. Aber die Grundlagen waren gelegt. Und die Begegnungen auf der Leipziger Ostermesse 1780 d\u00fcrften einiges dazu beigetragen haben.<\/p>\n<p><strong>Friedrich Ernst Frommann <a href=\"http:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783957972569@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u201eVon Buchh\u00e4ndlern und Luftspringern\u201c<\/a><\/strong> Lehmstedt Verlag, Leipzig 2026, 25 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Historiker freuen sich \u00fcber solche Fundst\u00fccke: Augenzeugenberichte aus einer Zeit, als Zeitungen noch rar waren und auch nicht&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1122264,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[24625,3364,29,30,71,89154,1803,859,11028],"class_list":["post-1122263","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-buchstadt","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-leipzig","tag-literaturgeschichte","tag-rezension","tag-sachsen","tag-stadtgeschichte"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116814246577907163","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1122263","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1122263"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1122263\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1122264"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1122263"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1122263"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1122263"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}