{"id":1122306,"date":"2026-06-26T03:43:27","date_gmt":"2026-06-26T03:43:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1122306\/"},"modified":"2026-06-26T03:43:27","modified_gmt":"2026-06-26T03:43:27","slug":"pionierin-der-metoo-debatte-was-an-bachmanns-texten-fasziniert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1122306\/","title":{"rendered":"Pionierin der #metoo-Debatte: Was an Bachmanns Texten fasziniert"},"content":{"rendered":"<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/bachmann-166.jpg\" alt=\"Ingeborg Bachmann (Archivbild: 01.01.1971)\" title=\"Ingeborg Bachmann (Archivbild: 01.01.1971) | picture alliance \/ brandstaetter\"\/><\/p>\n<p class=\"metatextline\">Stand: 25.06.2026 \u2022 06:24 Uhr<\/p>\n<p class=\"article-head__shorttext\">\n        <strong>Ihre Texte begeistern in Seminaren und auf Social Media. Was macht die \u00f6sterreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, die am Donnerstag 100 Jahre alt geworden w\u00e4re, bis heute so faszinierend?<\/strong>\n    <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Es ist offenbar nie zu sp\u00e4t, Ingeborg Bachmann zu entdecken. Die 86-j\u00e4hrige Schriftstellerin Helga Schubert, die in diesem Jahr die Er\u00f6ffnungsrede beim traditionellen Bachmann-Preis in Klagenfurt gehalten hat, z\u00e4hlt sich selbst zu diesen Sp\u00e4tberufenen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Lange Zeit h\u00e4tte sie nur das \u00c4u\u00dfere im Leben Bachmanns gesehen, sagte sie im Interview mit NDR Kultur: das Nylonhemd, die gro\u00dfen Liebesaff\u00e4ren, der tragische Tod. Jetzt, nachdem sie sich f\u00fcr ihre Rede intensiv mit den Werken der Schriftstellerin auseinandergesetzt habe, komme sie zu einem anderen Schluss: &#8222;Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt, Bachmann sei die bedeutendste deutschsprachige Dichterin seit 1945 &#8211; zu dem Ergebnis bin ich jetzt auch gekommen.&#8220;<\/p>\n<p>    Zitierf\u00e4hig auch f\u00fcr die Social-Media-Generation<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Was ist es, das sie bis heute so faszinierend macht? Vielleicht sind es die einpr\u00e4gsamen S\u00e4tze, die lange nachwirken. &#8222;Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar&#8220;, &#8222;Ich existiere nur, wenn ich schreibe&#8220;: Lange vor Social Media, wo diese Zitate in zahlreichen Posts regelm\u00e4\u00dfig geteilt werden, wusste Bachmann, wie man wirkungsvoll kurz und knapp mit Sprache Ausrufezeichen setzt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Ihre Heimatstadt Klagenfurt in \u00d6sterreich wirbt nicht nur mit einer brandneuen Bachmann-Skulptur von Friedenspreistr\u00e4ger <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/film\/Anselm-Das-Rauschen-der-Zeit-Dokumentarfilm-von-Wim-Wenders,audio1484244.html\" title=\"&quot;Anselm - Das Rauschen der Zeit&quot;: Dokumentarfilm von Wim Wenders\" class=\"textlink--extern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Anselm Kiefer,<\/a> sondern &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; mit einem Zitat: &#8222;H\u00e4tten wir das Wort, h\u00e4tten wir die Sprache, wir br\u00e4uchten die Waffen nicht.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">1959 hat Bachmann das gesagt, in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen, und doch klingt es hochaktuell, in einer Zeit, in der Konflikte wieder verst\u00e4rkt mit Waffen statt am Verhandlungstisch gel\u00f6st werden. Wie eine Drohung klingt da auch der Beginn ihres vielleicht bekanntesten Gedichts &#8222;Die gestundete Zeit&#8220;:<\/p>\n<blockquote class=\"zitat\">\n<p>                    Es kommen h\u00e4rtere Tage \/ Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        Die Bachmann aus m\u00e4nnlicher K\u00fcnstlersicht: Anselm Kiefer hat der Schriftstellerin zum 100. Geburtstag in Klagenfurt diese Skulptur gewidmet.\n                    <\/p>\n<p>    Bachmann und Paul Celan: Liebe \u00fcber Abgr\u00fcnde hinweg<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die deutsche Literaturkritikerin Insa Wilke kam zuerst \u00fcber diese zitierf\u00e4higen S\u00e4tze mit Bachmanns Werk in Ber\u00fchrung. &#8222;Es gibt so viele S\u00e4tze, die sich verselbstst\u00e4ndigt haben, da hatte sie einfach ein Talent&#8220;, sagte sie im Interview mit NDR Kultur.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Es seien auch die vielen Unklarheiten in ihrem Leben, die Bachmann bis heute so interessant machten &#8211; und ihr tragischer Tod mit 47 Jahren: Sie schlief mit einer brennenden Zigarette ein und erlag sp\u00e4ter im Krankenhaus ihren Verletzungen. Ihre leidenschaftlichen und Leiden verschaffenden Beziehungen zu anderen Gr\u00f6\u00dfen der deutschsprachigen Literatur, wie <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/buch\/literaturgeschichtliche-sensation-max-frischs-abituraufsatz-aufgetaucht,audio-429690.html\" title=\"&quot;Literaturgeschichtliche Sensation&quot;: Max Frischs Abituraufsatz aufgetaucht\" class=\"textlink--extern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Max Frisch<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/geschichte\/chronologie\/Paul-Celan,audio51381.html\" title=\"Paul Celan\" class=\"textlink--extern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Paul Celan<\/a>, sorgten in der Literaturwelt f\u00fcr zahlreiche Ger\u00fcchte und Skandale.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Besonders im Verh\u00e4ltnis zu Celan zeigt sich, dass Bachmann selbst mit vielen Unklarheiten rang. Auf der einen Seite der \u00dcberlebende des Holocaust, auf der anderen sie, die \u00f6sterreichische Tochter eines \u00fcberzeugten NSDAP-Anh\u00e4ngers. <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/Ingeborg-Bachmann-Max-Frisch-Liebe-und-Scheitern-in-literarischer-Epik,audio1688060.html\" title=\"Ingeborg Bachmann &amp; Max Frisch: Liebe und Scheitern in literarischer Epik\" class=\"textlink--extern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Der 2008 ver\u00f6ffentlichte Briefwechsel<\/a> zwischen beiden zeigt, wie schwer es war, eine gemeinsame Sprache zu finden, um den eigentlich un\u00fcberbr\u00fcckbaren Abgrund zwischen beiden Familiengeschichten zu \u00fcberwinden. In seinem Gedicht &#8222;In \u00c4gypten&#8220;, das Celan ihr widmete, ringt er um diese Worte:<\/p>\n<blockquote class=\"zitat\">\n<p>                    Du sollst die Fremde neben dir am sch\u00f6nsten schm\u00fccken. Du sollst sie schm\u00fccken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und No\u00ebmi.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>    Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit des Vaters<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Aber auch Bachmann selbst rang mit der Vergangenheit ihres Vaters, den sie als Kind sehr geliebt hatte. Dieses Gef\u00fchl, von der Vaterliebe verf\u00fchrt worden zu sein und damit blind f\u00fcr die Grausamkeiten hat sie nachhaltig besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">&#8222;Bachmann ist die erste, die ein Tochterdrama in den Mittelpunkt stellt&#8220;, beschreibt es Bachmann-Biografin Andrea Stoll im Gespr\u00e4ch mit dem SWR. &#8222;Die seismografisch auch in Friedenszeiten Gewaltstrukturen in Zivilgesellschaften aufzeigt, wie schnell das kippen kann, wenn zwischen Menschen Hierarchien sind&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Anders als die in den 1950er- und 1960er-Jahren vorherrschende deutschsprachige Prosa, die sich eher an realistischen Beschreibungen versuchte, zeigte Bachmann sich dabei emotional, eher tastend als wissend.<\/p>\n<p>    &#8222;Undine geht&#8220;: Ein fr\u00fcher Vorgriff auf #metoo<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Und dabei konnte sie doch anklagend sein: &#8222;Undine geht&#8220;, aus ihrem Erz\u00e4hlband &#8222;Das drei\u00dfigste Jahr&#8220;, gilt deshalb als einer der ersten deutschsprachigen feministischen Texte \u00fcberhaupt. Auch, weil sie darin den Machtmissbrauch thematisiert, den sie zu Beginn ihrer Karriere erlebte: Die M\u00e4nner, die sie f\u00f6rderten, wie etwa der Theaterkritiker Hans Weigel, erwarteten eine Gegenleistung, gern eine k\u00f6rperliche. In &#8222;Undine geht&#8220; beschw\u00f6rt Bachmann daher ein &#8222;Ungeheuer namens Hans&#8220;, hinter dem sich keine Person, sondern ein System verbirgt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Es ist ein fr\u00fcher Vorgriff auf die #metoo-Debatte, den sie auch in ihrem einzigen Roman &#8222;Malina&#8220; verarbeitet: Eine nach Freiheit strebende Ich-Erz\u00e4hlerin lebt mit einem Mann zusammen, dem Struktur und Ordnung wichtig sind. Sie versucht auszubrechen, geht am Ende aber zugrunde.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">&#8222;Es war Mord\u201c, so die ber\u00fchmten letzten drei Worte des Romans, die oft interpretiert werden als eine Umschreibung daf\u00fcr, dass die m\u00e4nnlich dominierte Nachkriegsgesellschaft Frauen zugrunde richtet. Gleichzeitig, so betonte es Bachmann selbst, seien m\u00f6glicherweise beide Seiten, die Frau und Malina, auch Teile ihrer eigenen Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        Das Kino hat sich mehrfach mit dem Sujet Bachmann besch\u00e4ftigt. Im aktuellen Film &#8222;Ingeborg Bachmann &#8211; Jemand, der ich einmal war&#8220; verk\u00f6rpert die Oscar-nominierte deutsche Schauspielerin Sandra H\u00fcller die Autorin.\n                    <\/p>\n<p>    &#8222;Bachmann wollte ihre Stimme als f\u00fchlende Frau finden&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Es sind Texte, mit denen sich Bachmann verletzlich zeigte, angreifbar machte &#8211; und angegriffen wurde. &#8222;Sie wollte ihre Stimme als f\u00fchlende Frau finden und musste sich an den patriarchalen Strukturen orientieren&#8220;, beschreibt es Andrea Stoll in ihrer Bachmann-Biografie &#8222;Zwei Menschen sind in mir&#8220;.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Genau diese Verletzlichkeit macht die Wirkung ihrer Werke bis heute so stark. Auch damit ist Bachmann bis heute ein Vorbild und f\u00fcr viele Schreibende auch eine Identifikationsfigur. F\u00fcr Elfriede Jelinek, Christa Wolf und seit diesem Jahr nun auch Helga Schubert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 25.06.2026 \u2022 06:24 Uhr Ihre Texte begeistern in Seminaren und auf Social Media. 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