{"id":1124007,"date":"2026-06-26T20:08:22","date_gmt":"2026-06-26T20:08:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1124007\/"},"modified":"2026-06-26T20:08:22","modified_gmt":"2026-06-26T20:08:22","slug":"spielplanerstellung-ist-wie-in-die-kristallkugel-schauen-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1124007\/","title":{"rendered":"\u00bbSpielplanerstellung ist wie in die Kristallkugel schauen\u00ab \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Nach vier Jahren an der Opernspitze kehrt Tobias Wolff Leipzig den R\u00fccken. Sein Vertrag wurde nicht verl\u00e4ngert und er wird nun Generalintendant am Braunschweiger Staatstheater. Im kreuzer-Gespr\u00e4ch zieht er Res\u00fcmee und erkl\u00e4rt, wie schwierig es ist, k\u00fcnstlerische und vertriebliche Anspr\u00fcche zu vereinen.<\/p>\n<p><strong>Sie kennen Leipzig schon lange, ist es eine Opernstadt?<\/strong><\/p>\n<p>Leipzig ist ja allerlei. Wir sehen selbst innerhalb des Opernbetriebes, dass sich ganz verschiedene Publikumsschichten auftun. Die einen m\u00f6gen eher die zeitgen\u00f6ssische Musik, andere eher Wagner oder sie gehen lieber in Rossini. Es gibt wenig Schnittmengen zwischen den Leuten, die in die Oper gehen, und Musical-G\u00e4ngern der Musikalischen Kom\u00f6die. Insofern ist die Antwort auf die Frage schwierig. Aber die Leipziger sind ein insgesamt theaterbegeistertes Publikum.<\/p>\n<p><strong><br \/>Was macht das Publikum hier besonders?<\/strong><\/p>\n<p>Einen gro\u00dfen Unterschied bemerke ich jetzt in Vorbereitung auf Braunschweig: Ein einigerma\u00dfen geschlossenes b\u00fcrgerliches Publikum, was untereinander vernetzt ist, das gibt es hier in Leipzig nicht mehr in dem Umfang. Daran haben wir uns auch ein bisschen die Z\u00e4hne ausgebissen. Der Oberb\u00fcrgermeister erz\u00e4hlte einmal, dass die Schnittmenge zwischen den Menschen, die 1990 hier gelebt haben, und denjenigen, die heute hier leben, ein Drittel ist. Viele sind zugereist oder abgewandert. Es ist einfach schwer, Menschen zu erreichen, die aus G\u00fctersloh kommen, bei Amazon arbeiten und am Stadtrand wohnen. Die nehmen ihre Mediennutzung mit, schalten nicht sofort auf MDR und Leipziger Volkszeitung um.<\/p>\n<p><strong><br \/>Zum kreuzer greifen Sie auch nicht unbedingt&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Genau. Wie erreiche ich die? Beim Braunschweiger B\u00fcrgertum scheint mir ein Opernabend schnell Stadtgespr\u00e4ch zu sein. In Leipzig kamen bei vielen Produktionen die Leute erst Wochen oder Monate nach der Premiere und fragten, wann wir wieder spielen. Wir haben da ein Kommunikationsthema.<\/p>\n<p><strong><br \/>Aber in der Muko sind Dauerbrenner wie \u00bbHello again\u00ab, \u00bbAdams Familiy\u00ab und \u00bbThe Producers\u00ab ausverkauft.<\/strong><\/p>\n<p>Bei Howard Carpendale machte er das selbst in der Yellow Press bekannt. Bei \u00bbThe Producers\u00ab hat es gedauert. Das zog nach der vierten, f\u00fcnften Vorstellung an. Wir planen mit unterschiedlichen Parametern. Relativ komplexe St\u00fccke wie \u00bbComing Up for Air\u00ab kann man nicht sechs Wochen liegen lassen, dann m\u00fcssen es die K\u00fcnstler von vorne lernen. Eine \u00bbLa Traviata\u00ab oder \u00bbZauberfl\u00f6te\u00ab k\u00f6nnen sie dazwischen laufen lassen. Wir sind im Konflikt: Um k\u00fcnstlerisch gut zu sein, m\u00fcssten wir in einem Drei-Wochen-Zyklus sechs Vorstellungen spielen. Wollen wir m\u00f6glichst viele Karten verkaufen, dann lassen wir immer sechs Wochen dazwischen. Insofern bleibt das immer eine Herausforderung zwischen vertrieblicher Planung und k\u00fcnstlerischem Anspruch.<\/p>\n<p><strong><br \/>Ist Leipzig eine Muko-Stadt?<\/strong><\/p>\n<p>Die Muko hat eine fantastische Entwicklung genommen. Dar\u00fcber sind wir stolz und gl\u00fccklich, weil es vor der Sanierung unsicher war, ob wir diese vielen Mehrpl\u00e4tze w\u00fcrden f\u00fcllen k\u00f6nnen. De facto h\u00e4tte die alte Muko die Besucherzahlen des letzten Jahres gar nicht aufnehmen k\u00f6nnen. Das ist eine tolle Erfolgsgeschichte. Aber auch ein Ph\u00e4nomen der Zeit. Viele Kollegen in ganz Deutschland sagen, zu Krisenzeiten ist der Bedarf nach Unterhaltung ein bisschen h\u00f6her. Ist er nat\u00fcrlich, aber dann auch wiederum die B\u00fcrde hier f\u00fcrs Opernhaus. Weil die gute Laune in Lindenau Platz hat, ist es schwierig, in der Oper heitere St\u00fccke anzusetzen. Da haben wir nicht so den Geschmack getroffen. \u00bbIl viaggio a Reims\u00ab fand ich eine bezaubernde Inszenierung, die gute Kritiken hatte. Die Leipziger haben es nicht angenommen. Umgekehrt war \u00bbHans Sachs\u00ab f\u00fcr die Muko irgendwie zu ernst. Die Profilbildung scheint nur im Sinne von guter Unterhaltung in der musikalischen Kom\u00f6die und heiligem Ernst in der Oper zu funktionieren.<\/p>\n<p><strong><br \/>\u00bbJulius C\u00e4sar\u00ab und \u00bbDon Giovanni\u00ab waren echte Hinh\u00f6rer und Hingucker, verschwanden aber vom Spielplan, ohne den Publikumsschwung mitzunehmen. Woran lag das?<\/strong><\/p>\n<p>Spielplanerstellen ist immer ein bisschen wie in die Kristallkugel schauen. Nehmen Sie den \u00bbDon Giovanni\u00ab. Den haben wir in der ersten Spielzeit zw\u00f6lf Mal gekauft. Das war eine Riesendiskussion, weil einige auf Entscheidungsebene sagten, das verkaufen wir nie. Und genau das haben wir dann relativ oft gespielt.<\/p>\n<p><strong><br \/>Dann war es anderthalb Jahre weg.<\/strong><\/p>\n<p>Das liegt an unseren Planungshorizonten. Eine Inszenierung setze ich nach einem Jahr doch nicht direkt wieder f\u00fcr 15 Mal an, wenn mir der Vertrieb sagt, dass wir das nie verkauft bekommen. Unsere Vorl\u00e4ufe sind lang, die Kollegen planen gerade die Spielzeit 2028\/29. Wir wissen vorher nicht, wie ein St\u00fcck l\u00e4uft.<\/p>\n<p><strong><br \/>Und Sie k\u00f6nnen dann nicht schneller reagieren? Manchmal h\u00f6rt man, das Gewandhaus-Orchester, das auf drei Jahre im Voraus verplant ist, ist schuld.<\/strong> <\/p>\n<p>Schuld ist das falsche Wort. In so einem Konstrukt aus zwei gro\u00dfen Playern, die international agieren mit internationalen G\u00e4sten, sind die Vorl\u00e4ufe sehr lang. Das ist an jedem gro\u00dfen Konzerthaus so. Diese Struktur ist unsere Kernherausforderung, aber das garantiert auch eine hohe Effizienz der Orchesterleistung. Ein anderer Faktor sind Solisten, die auch nicht immer verf\u00fcgbar sind. Dann sind die freien B\u00fchnenzeiten beschr\u00e4nkt. Man m\u00fcsste etwas absagen, um etwas anderes ansetzen zu k\u00f6nnen. Es ist tetrisartig durchgetaktet, wo welches B\u00fchnenbild lagert. Und das m\u00fcsste ja auch erst aufgebaut werden. Eine langfristige Verl\u00e4sslichkeit ist f\u00fcr uns ganz wichtig. Deswegen haben wir auch aufgeh\u00f6rt, Vorstellungen abzusagen, wenn sie schlecht besucht waren. Andere Kollegen machen das, um ihre Auslastung zu sch\u00f6nen. Aber unser Glaubensbekenntnis ist Verl\u00e4sslichkeit gegen\u00fcber dem Publikum.<\/p>\n<p><strong><br \/>Mehr Flexibilit\u00e4t ist nicht m\u00f6glich?<\/strong><\/p>\n<p>Man kann an gewissen Stellen flexibler sein, aber daf\u00fcr muss man sattelfest sein. Die ersten Jahre waren f\u00fcr mich eine Orientierungsblase, um zu gucken, wie der Betrieb funktioniert. Vielleicht h\u00e4tten wir mit l\u00e4ngerem Atem M\u00f6glichkeiten gefunden, flexibler zu reagieren.<\/p>\n<p><strong><br \/>Stichwort kulturelle Bildung: Musiktheater ist bei J\u00fcngeren nicht mehr so bekannt. Ist das ein Problem?<\/strong><\/p>\n<p>Einerseits kann man froh sein. Weil wer gar nichts kennt, hat auch keine Vorurteile. Das Problem ist, wie wir sie ins Haus bringen. Die Top-Titel ziehen immer noch, aber der Mittelbau ist komplett weggebrochen. Man kann etwas ausgraben, um das Feuilleton zu locken. Doch die zweite Reihe interessiert das nicht, und viele im Publikum kennen diese St\u00fccke nicht. Aber wir stehen ohnehin vor einer Herausforderung, weil nach der Wende die Abo-Zahlen massiv eingebrochen sind. Wir haben aktuell unter 1.000 Festplatzabonnenten. Wir machen hier wie in New York kompletten Freiverkauf fast jeden Abend. Daher bin ich auch stolz, dass eine \u00bbMary, Queen of Scots\u00ab ganz gut gelaufen ist.<\/p>\n<p><strong><br \/>W\u00e4re ein Stagione-Betrieb ohne Repertoire, wo pro Saison ein paar Inszenierungen zwei, drei Wochen nacheinander gespielt werden, mittel- und langfristig eine L\u00f6sung f\u00fcr die Oper Leipzig, um Betrieb billiger zu machen?<\/strong><\/p>\n<p>M\u00f6chte man ein Haus mit gro\u00dfer Spannbreite im Repertoire? Dann ist Stagione nicht das Richtige. Klassische Stagioneh\u00e4user wie Br\u00fcssel haben vier oder f\u00fcnf St\u00fccke im Jahr, die dann lange hintereinander laufen. Wir haben 17 oder 18 St\u00fccke insgesamt. Hier Stagione anzubieten \u2013 so habe ich die Leipziger kennengelernt \u2013 ist nur m\u00f6glich mit den absoluten Top-Blockbustern. Das kann man bestimmt machen, wenn man es gut aufsetzt. Aber als Dramaturg muss ich sagen, ich finde das wahnsinnig langweilig. Alle vier Jahre kommt eine Neuproduktion \u00bbTraviata\u00ab, \u00bbNabucco\u00ab, \u00bbBarbier\u00ab, \u00bbCarmen\u00ab \u2013 wahrscheinlich sogar in einer Ausstattung, die schon in anderen H\u00e4usern gelaufen ist. Das darf dann auch nicht wehtun von den Inszenierungen her, weil sonst das Publikum die dicht getakteten Vorstellungen gar nicht f\u00fcllt. Das hat auch Auswirkungen.<\/p>\n<p><strong><br \/>Welche?<\/strong><\/p>\n<p>Bei Stagioneh\u00e4usern im Ausland gibt es oft keinen Festangestellten-Chor. Das ist auch eine Frage der Orchestergr\u00f6\u00dfe. Es gab in Wuppertal mal einen Versuch, der sehr kl\u00e4glich gescheitert ist. Es brauchte fast zehn Jahre, bis sie zur\u00fcck waren im normalen Betrieb. <\/p>\n<p><strong><br \/>Fr\u00fcher fanden alle das s\u00e4chsische Kulturraumgesetz toll, weil es Kultur zum Auftrag gemacht hat. Aber weil dort keine Tarifsteigerungen bei den L\u00f6hnen, die so genannte Dynamisierung festgeschrieben war, erweist sich das Gesetz als Bremsklotz. Wie dringend ist eine Neufassung?<\/strong><\/p>\n<p>Die ist dringend n\u00f6tig. Die gro\u00dfen Zentren sind da ins Hintertreffen geraten, man hat sich sehr auf die l\u00e4ndlichen R\u00e4ume konzentriert. Gerade Leipzig mit seinen vielen Kulturangeboten wird ein bisschen stiefm\u00fctterlich behandelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nach vier Jahren an der Opernspitze kehrt Tobias Wolff Leipzig den R\u00fccken. 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