{"id":112428,"date":"2025-05-15T11:50:08","date_gmt":"2025-05-15T11:50:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/112428\/"},"modified":"2025-05-15T11:50:08","modified_gmt":"2025-05-15T11:50:08","slug":"ukraine-verhandlungsprozess-diplomatie-auf-zuruf-aussen-und-sicherheitspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/112428\/","title":{"rendered":"Ukraine-Verhandlungsprozess: Diplomatie auf Zuruf \u2013 Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Mehr als 100 Tage internationale Achterbahnfahrt mit Donald Trump als US-Pr\u00e4sident \u2013 und die europ\u00e4ischen Staaten scheinen immer noch nichts gelernt zu haben. Das Weimar-Plus-Format, bestehend aus Deutschland, Frankreich, Polen, Gro\u00dfbritannien, Italien, Spanien, der EU sowie der Ukraine, hatte eigentlich einen klugen Vorschlag auf den Tisch gelegt: eine 30-t\u00e4gige Waffenruhe, die den Auftakt zu Friedensverhandlungen bilden sollte.<\/p>\n<p>Die Entscheidung zwischen einer Feuerpause mit anschlie\u00dfendem Beginn von Verhandlungen oder \u2013 bei Ablehnung durch Russland \u2013 einer abgestimmten Versch\u00e4rfung des Sanktionsregimes durch Europa und die USA brachte Wladimir Putin zun\u00e4chst in eine echte Zwickm\u00fchle. Entweder er l\u00e4sst sich auf den Vorschlag ein und Europa erreicht mit der Waffenruhe ein zentrales Ziel. Oder er verweigert sich der Idee und Europa und die USA stehen doch wieder gemeinsam gegen Russland.<\/p>\n<p>Doch Putin gelang es, sich der Zwickm\u00fchle geschickt zu entziehen, indem er \u00fcberraschend direkte Verhandlungen mit der Ukraine in Aussicht stellte. Das Scheitern der europ\u00e4ischen Initiative zeigt einmal mehr, wie unvorbereitet Europa in den seit Monaten andauernden Verhandlungsprozess mit Russland hineinstolpert. Die Gr\u00fcndung der Weimar-Plus-Gruppe war zwar ein wichtiger erster Schritt, nur braucht es jedoch ein paar mehr, um auch erfolgreich zu sein.<\/p>\n<p>Ein diplomatisches Format zu haben, reicht n\u00e4mlich nicht aus \u2013 nicht, wenn Akteure wie Donald Trump und Wladimir Putin involviert sind. Beide sind in der Lage \u2013 qua Regime oder durch ihre Pers\u00f6nlichkeit \u2013, abrupte Kehrtwendungen vorzunehmen und Positionen \u00fcber Nacht zu r\u00e4umen und damit jede Verhandlungssituation schlagartig zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Genau das ist in dieser Woche geschehen und der europ\u00e4ische Vorschlag damit gescheitert. Es zeigt die Schw\u00e4chen einer Vorgehensweise, die bislang fast ausschlie\u00dflich auf Ad-hoc-Treffen basiert. Europa braucht eine langfristige Strategie f\u00fcr die Verhandlungen mit Russland, der Ukraine und den USA. Wie so oft bedeutet das an erster Stelle einen innereurop\u00e4ischen Dialog, um die eigenen Positionen klar zu ziehen. Die Weimar-Plus-Koalition sollte als Format weitergenutzt werden, muss sich aber langfristig stabiler aufstellen.<\/p>\n<p>Eine erfolgreiche Verhandlungsstrategie der Europ\u00e4er muss drei zentrale Aspekte kl\u00e4ren, um sich in dem von Donald Trump angesto\u00dfenen Prozess der Friedensverhandlungen behaupten zu k\u00f6nnen. Erstens braucht es eine gemeinsame Analyse des Konflikts, und zwar auf allen relevanten Ebenen. Zweitens, und das ist entscheidend: Die Staaten des Weimar-Plus-Formats m\u00fcssen untereinander kl\u00e4ren, welches europ\u00e4ische Ziel am Ende der Verhandlungen stehen soll. Drittens sollte ein gemeinsamer Prozess vereinbart werden, wie in den Verhandlungen agiert wird: mit klaren Abstimmungsmechanismen, festen Verfahren und der n\u00f6tigen Kontinuit\u00e4t bei der Umsetzung der Strategie.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Der alleinige Fokus auf den Krieg Russlands gegen die Ukraine versperrt den Blick auf die weiteren Verzweigungen des Konflikts Russlands mit dem Westen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Hinsichtlich des ersten Schritts, einer gemeinsamen Analyse, hilft es Europa, den Blick zu weiten. Der alleinige Fokus auf den Krieg Russlands gegen die Ukraine versperrt den Blick auf die weiteren Verzweigungen des <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/rubriken\/aussen-und-sicherheitspolitik\/artikel\/alle-augen-auf-moskau-8160\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Konflikts Russlands mit dem Westen<\/a>. Denn dar\u00fcber liegen zwei weitere Konfliktebenen, einmal zwischen Russland und Europa, hier steht die europ\u00e4ische Sicherheitsordnung auf der Agenda. Zuletzt gibt es auch einen Konflikt zwischen Russland und den USA, auch hier spielt europ\u00e4ische Sicherheit eine Rolle, allerdings nicht allein, denn hier kommen auch noch Aspekte strategischer Stabilit\u00e4t wie nukleare Abschreckung und die globale Machtbalance hinzu.<\/p>\n<p>Die russische Zielsetzung in der Ukraine, aber auch dar\u00fcber hinaus ist in vielerlei Hinsicht problematisch, v\u00f6lkerrechtlich illegitim und f\u00fchrt in eine Weltordnung, die f\u00fcr Europa nicht nur unvorstellbar, sondern auch \u00e4u\u00dferst ungem\u00fctlich w\u00e4re. Gleichwohl ist es sinnvoll, den Konflikt Russlands mit dem Westen in drei Ebenen zu strukturieren. Diese <a href=\"https:\/\/peace.fes.de\/fileadmin\/user_upload\/Projects\/Conversations-on-European-Security_V2.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Herangehensweise<\/a> hilft nicht nur dabei, eine eigene europ\u00e4ische Strategie zu entwickeln, sondern macht auch die Risiken deutlich, die eine rein russisch-amerikanische Verhandlung mit sich bringen w\u00fcrde. Sie unterstreicht zugleich die realen Einflusschancen Europas auf ein Gelingen des Prozesses.<\/p>\n<p>Die EU kann eine zentrale Rolle darin spielen, den k\u00fcnftigen Platz der Ukraine in Europa zu definieren, indem die Beitrittszusage Schritt f\u00fcr Schritt mit Inhalt gef\u00fcllt wird. Gleichzeitig k\u00f6nnen die europ\u00e4isch-ukrainischen Bem\u00fchungen \u2013 zur St\u00e4rkung der Verteidigungsf\u00e4higkeiten und der R\u00fcstungsindustrie \u2013 die russischen Versuche einer schleichenden Entsouver\u00e4nisierung der Ukraine begrenzen. Die Schritte zur St\u00e4rkung der europ\u00e4ischen Verteidigung werden eine langfristige Wirkung auf die russischen Erw\u00e4gungen haben. Zuletzt wird auch das europ\u00e4ische Sanktionsregime eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen spielen. Eine Normalisierung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den USA und Russland verliert erheblich an Wert, wenn Europa sich daran nicht beteiligt \u2013 und bleibt f\u00fcr Russland damit deutlich weniger attraktiv.<\/p>\n<p>Zweitens: Aufbauend auf der Analyse der drei Konfliktebenen und den identifizierten europ\u00e4ischen Hebeln sollten die Staaten des Weimar-Plus-Formats f\u00fcr sich kl\u00e4ren, was sie in einem m\u00f6glichen Verhandlungsprozess konkret erreichen wollen. Bislang ist die Zielvorstellung Europas und der Ukraine vor allem negativ definiert: Man wei\u00df sehr genau, was man nicht will \u2013 aber deutlich weniger, was man will. Diese strategische Zielsetzung sollte nicht \u00f6ffentlich ausgetragen werden, aber sie muss als belastbare Grundlage innerhalb des Formats existieren: als Leitlinie f\u00fcr alle diplomatischen Foren, an denen europ\u00e4ische Akteure beteiligt sind.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Die Fragen, die auf den Tisch geh\u00f6ren, reichen weit \u00fcber m\u00f6gliche territoriale Kompromisse und deren politische Verpackung hinaus.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das bedeutet harte Auseinandersetzungen und schwierige Entscheidungen. Die Fragen, die auf den Tisch geh\u00f6ren, reichen weit \u00fcber m\u00f6gliche territoriale Kompromisse und deren politische Verpackung hinaus. Es geht auch um die k\u00fcnftige milit\u00e4rische St\u00e4rke der Ukraine, m\u00f6gliche Truppenstationierungen (im Land und in den Nachbarstaaten) sowie den Wiederaufbau und seine S\u00e4ulen \u2013 einschlie\u00dflich des EU-Beitritts und der Nutzung eingefrorener russischer Verm\u00f6genswerte in Europa.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der aktuellen Lage auf dem Schlachtfeld und der volatilen Rolle der USA sollten schon in dieser Debatte unter den Europ\u00e4ern potenzielle Kompromisse mitgedacht und gemeinsame rote Linien definiert werden. Und da es sich bei allen Beteiligten um demokratische Staaten handelt, deren Bev\u00f6lkerungen diesen Kompromiss mittragen m\u00fcssen, w\u00e4re es zudem hilfreich, schon jetzt eine entsprechende <a href=\"https:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/bueros\/wien\/22040.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kommunikationsstrategie<\/a> zu entwickeln, um die Ukraine auch langfristig europ\u00e4isch zu st\u00fctzen.\u00a0<\/p>\n<p>Drittens: Die Staats- und Regierungschefs der Weimar-Plus-Staaten sollten Sonderbeauftragte oder Sherpas f\u00fcr den Verhandlungsprozess benennen. Diese m\u00fcssten direkten Zugang zu den jeweiligen Regierungszentralen haben, f\u00fcr ihre L\u00e4nder sprechen k\u00f6nnen und damit in der Lage sein, die gemeinsame europ\u00e4ische Verhandlungsstrategie kontinuierlich weiterzuentwickeln. Denn wie nicht zuletzt die vergangene Woche gezeigt hat, handelt es sich nicht um einen klar strukturierten Prozess. Wie zu erwarten war, hat die US-Administration eine teils unverbundene Abfolge von Verhandlungen mit unterschiedlichen Akteuren und unterschiedlichen Agenden angesto\u00dfen, ohne sich selbst der Komplexit\u00e4t des Prozesses bewusst zu sein.<\/p>\n<p>Die oben skizzierten drei Ebenen des Konflikts bedeuten, dass Teilaspekte in kleineren Formaten zwischen Russland und der Ukraine verhandelt werden m\u00fcssen, w\u00e4hrend andere Fragen eher zwischen Washington und Moskau diskutiert werden. Die Weimar-Plus-Gruppe wird nicht an allen Tischen beteiligt sein, kann aber aufgrund der vielen beteiligten Staaten zumindest alle zentralen Weichenstellungen beeinflussen. Dazu braucht es neben der gemeinsamen Zielvorstellung einen Modus engmaschiger Koordination. Ein gemeinsamer, st\u00e4ndig aktualisierter Informationsstand sollte dabei die Grundlage f\u00fcr Mechanismen der Anpassung, der Flexibilit\u00e4t und der Priorisierung darstellen. Der Verhandlungsprozess wird dynamisch bleiben. Eine permanente europ\u00e4ische Gipfeldiplomatie ist sicher nicht in der Lage, darauf schnell und entscheidend genug zu reagieren.<\/p>\n<p>Die Diversit\u00e4t der europ\u00e4ischen Koalition kann dabei auch eine St\u00e4rke sein. Im Laufe der Verhandlungen wird es wichtig sein, Vertrauen zu den beteiligten Akteuren aufzubauen \u2013 und das nicht nur gegen\u00fcber den russischen Gespr\u00e4chspartnern. In \u00e4hnlichem Ma\u00dfe gilt dies auch f\u00fcr die USA sowie f\u00fcr die europ\u00e4ischen Staaten, die weniger intensiv in den Verhandlungsprozess eingebunden sind.<\/p>\n<p>Mit einer solchen innereurop\u00e4ischen Festigung der eigenen Position ist ein Verhandlungserfolg noch keineswegs garantiert. Zu viele Unw\u00e4gbarkeiten stehen im Raum, nicht zuletzt die Frage, ob Russland \u00fcberhaupt zu ernsthaften Verhandlungen bereit ist. Aber: Wenn die Weimar-Plus-Gruppe eine ma\u00dfgebliche Rolle dabei spielen will, dass ein k\u00fcnftiger Kompromiss nur auf Basis europ\u00e4ischer und ukrainischer Interessen zustande kommt, dann braucht es mehr als den Versuch, einen Waffenstillstand mit hohlen Drohungen zu erzwingen. \u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mehr als 100 Tage internationale Achterbahnfahrt mit Donald Trump als US-Pr\u00e4sident \u2013 und die europ\u00e4ischen Staaten scheinen immer&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":112429,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,663,13,7301,182,14,15,111,4043,4044,850,307,12,13113,113,317,6168],"class_list":{"0":"post-112428","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-europa","11":"tag-headlines","12":"tag-macron","13":"tag-merz","14":"tag-nachrichten","15":"tag-news","16":"tag-putin","17":"tag-russia","18":"tag-russian-federation","19":"tag-russische-foederation","20":"tag-russland","21":"tag-schlagzeilen","22":"tag-strategie","23":"tag-trump","24":"tag-ukraine","25":"tag-verhandlungen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114511703364423837","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/112428","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=112428"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/112428\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/112429"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=112428"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=112428"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=112428"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}