{"id":1127365,"date":"2026-06-28T05:35:15","date_gmt":"2026-06-28T05:35:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1127365\/"},"modified":"2026-06-28T05:35:15","modified_gmt":"2026-06-28T05:35:15","slug":"berlin-wie-tiktok-toxische-maennlichkeit-bei-jugendlichen-befeuert-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1127365\/","title":{"rendered":"Berlin | Wie TikTok toxische M\u00e4nnlichkeit bei Jugendlichen befeuert"},"content":{"rendered":"<p>Berlin (dpa) &#8211; Fast jeden Morgen schl\u00e4gt sich Elias mit einem Hammer auf seine Gesichtsknochen. Bonesmashing nennt man diesen gef\u00e4hrlichen Social-Media-Trend. Den Knochen sollen dabei angeblich kleine Frakturen hinzugef\u00fcgt werden, mit dem fragw\u00fcrdigen Versprechen, sie w\u00fcrden danach kantiger zusammenwachsen und dem Gesicht einen markanteren und m\u00e4nnlicheren Look verleihen. \u00abAm Anfang hat es weh getan, aber jetzt nicht mehr wirklich\u00bb, sagt der 15-J\u00e4hrige der Deutschen Presse-Agentur. Elias hei\u00dft eigentlich anders. Um ihn zu sch\u00fctzen, wurde sein Name ge\u00e4ndert.\u00a0<\/p>\n<p>Bonesmashing, rohe Eier trinken, ins Gym gehen, sich nicht von Frauen ablenken lassen \u2013 auf TikTok bekommen junge M\u00e4nner wie Elias unabl\u00e4ssig zu h\u00f6ren, was sie tun m\u00fcssen, um attraktiver, st\u00e4rker, m\u00e4nnlicher zu werden. Die App ist voll mit solchen Videos von Influencern aus der sogenannten Manosphere, einem Netzwerk frauenfeindlicher Online-Communities, das sich vor allem an junge M\u00e4nner richtet, stereotype M\u00e4nnlichkeitsbilder propagiert und Frauen als Gegnerinnen darstellt. Elias sagt, jedes dritte bis vierte Video zeige ihm solche Inhalte. Er verbringt t\u00e4glich bis zu acht Stunden auf TikTok, sch\u00e4tzt er. \u00abDas macht irgendwas mit mir\u00bb, gibt er zu.\u00a0<\/p>\n<p>Workshops an Schulen sollen Jugendlichen helfen\u00a0<\/p>\n<p>Warum springen junge M\u00e4nner auf diese Inhalte an? Wie f\u00e4ngt man sie auf, hilft ihnen, ein gesundes Selbstbewusstsein und ein korrektes Verhalten gegen\u00fcber Frauen zu entwickeln? Der Berliner P\u00e4dagoge Maximilian Schneider hat daf\u00fcr kein Zauber-, aber ein sehr gutes Mittel: Er geht in Schulen, spricht mit Jugendlichen und h\u00f6rt ihnen zu.\u00a0<\/p>\n<p>Schneider ist Referent f\u00fcr politische Bildungsarbeit beim Berliner Verein \u00abGesicht Zeigen!\u00bb. Im Rahmen des Projekts \u00abDie Freiheit, die ich meine\u00bb begleitet er Neuntkl\u00e4ssler ein halbes Jahr lang. Er spricht mit ihnen \u00fcber Identit\u00e4t, Diversit\u00e4t, Diskriminierung, Geschlechterrollen und M\u00e4nnlichkeit, zwei Schulstunden pro Woche, fest im Stundenplan verankert. Er und ein Kollege sprechen mit den Jungen, zwei Kolleginnen getrennt mit den M\u00e4dchen.\u00a0<\/p>\n<p>Viele Jungs h\u00e4tten das Gef\u00fchl, M\u00e4nner w\u00fcrden benachteiligt und diskriminiert, auch wegen des Feminismus, beobachtet der 33-J\u00e4hrige. Alte M\u00e4nnlichkeitsbilder funktionierten nicht mehr, das verunsichere. Auf TikTok f\u00e4nden sie scheinbar einfache Antworten auf komplexe Themen. \u00abDu bist kein Einwechselspieler, du bist der St\u00fcrmer\u00bb, schreit ein muskul\u00f6ser Mann einem dort entgegen. \u00abFrauen wollen von dir dominiert werden\u00bb, erkl\u00e4rt ein anderer, oder: \u00abDer einzige Weg zu gewinnen, ist ein Narzisst zu werden.\u00bb Manche TikToker rufen dazu auf, die Partnerin mindestens einmal in der Woche zu schlagen, damit sie wisse, wer der Mann im Haus sei.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abEntweder bricht der Knochen oder nicht\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Viele dieser Pseudo-Weisheiten sind zutiefst frauenfeindlich und faktisch falsch &#8211; etwa, die Behauptung \u00fcber Mikrofrakturen beim Bonesmashing. Das sei sehr unwahrscheinlich, erkl\u00e4rt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg J\u00f6rg Wiltfang vom Universit\u00e4tsklinikum Schleswig-Holstein<strong>. <\/strong>\u00abEntweder bricht der Knochen oder nicht.\u00bb Begrenzte Absplitterungen &#8211; Mikrofrakturen, wie es auf TikTok genannt wird &#8211; werden so eher nicht entstehen. Sichtbare Ver\u00e4nderungen im Gesicht, die direkt nach der Manipulation entstehen, sind Folge der Weichteilschwellung und nicht durch eine Ver\u00e4nderung der Knochenstruktur bedingt, wie Wiltfang erkl\u00e4rt, der Post-Pr\u00e4sident der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG) ist. \u00abDie Haut und das darunter liegende Weichgewebe werden lokal gesch\u00e4digt und schwellen an.\u00bb Es k\u00f6nnten Bluterg\u00fcsse und offene Wunden entstehen, die Narben hinterlassen k\u00f6nnten. \u00abWir raten davon ab.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Nicht stark genug, nicht reich genug, nicht diszipliniert genug\u00a0<\/p>\n<p>Die Inhalte aus der Manosphere vermittelten ein sehr eindeutiges Bild von M\u00e4nnlichkeit, erkl\u00e4rt Schneider. Deswegen komme das so gut bei jungen M\u00e4nnern an. \u00abDer Mann ist der Ern\u00e4hrer, der Mann ist dominant, der Mann ist kontrolliert\u00bb, fasst Schneider einige der Kernbotschaften zusammen. Die Teenager-Zeit sei eine fragile Phase, Jugendliche seien anf\u00e4llig f\u00fcr Informationen, die vermeintlich mit sehr klaren Handlungsanweisungen versehen sind. Die Clips verspr\u00e4chen L\u00f6sungen f\u00fcr Erfolg und Anerkennung. \u00abUnd danach sehnt sich jeder Mensch. Jeder Mensch will Anerkennung bekommen.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Oft seien es jedoch toxische Erz\u00e4hlungen, die mit einem defizit\u00e4ren Blick arbeiteten: Du bist nicht stark genug, nicht reich genug, nicht diszipliniert genug.\u00a0<\/p>\n<p>Mit 11 Jahren beim Fu\u00dfball aufgeh\u00f6rt \u2013 wegen TikTok\u00a0<\/p>\n<p>Im Schnitt verbringen Jugendliche laut einer von der EU-Kommission beauftragten Umfrage unter der Woche 4,5 Stunden und an Wochenendtagen 6,1 Stunden vor Handys, Tablets oder dem Fernseher.\u00a0<\/p>\n<p>Der TikTok-Algorithmus kann Jungen, die sich etwa f\u00fcr Fitness oder Luxusautos interessieren, verst\u00e4rkt Inhalte rechtsextremer Akteure oder der Manosphere anzeigen, wie qualitative Analysen nach Angaben des Internationalen Zentralinstituts f\u00fcr das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) zeigen. Diese kn\u00fcpften gezielt an Gef\u00fchle wie Einsamkeit oder Frustration an.\u00a0<\/p>\n<p>Elias hat mit 11 Jahren aufgeh\u00f6rt Fu\u00dfball zu spielen, weil M\u00e4nner auf TikTok sagten, das sei schwul, wie er erz\u00e4hlt. Wer stark sein und sich verteidigen wolle, m\u00fcsse Kampfsport machen. Inzwischen geht er boxen. \u00abIch finde es auch bisschen schwer, rauszufinden, wer ich selber bin, weil ich mich auch sehr viel mit anderen vergleiche wegen TikTok und auch so in der Realit\u00e4t.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Sein Mitsch\u00fcler Levin stand in der siebten Klasse mal um 5.30 Uhr auf, um joggen zu gehen. \u00abNur weil ich das davor gesehen habe und mir dachte, ja, ich muss das jetzt auch machen und dann bin ich auch krass und geh\u00f6re dazu\u00bb, sagt der 17-J\u00e4hrige. \u00abEs gibt viele Videos, die dein Denken ver\u00e4ndern.\u00bb Beide investieren viel Zeit in ihr Aussehen, so erz\u00e4hlen sie es. \u00abAussehen ist ein sehr gro\u00dfer Punkt, ich bin ehrlich\u00bb, sagte Levin, dessen Name ebenfalls ge\u00e4ndert wurde. Man versuche, das Maximum aus sich herauszuholen.\u00a0<\/p>\n<p>Workshop hat Elias` Sicht auf Beziehungen ver\u00e4ndert\u00a0<\/p>\n<p>Wichtig sei es, die Jugendlichen nicht zu verurteilen, um ein Vertrauensverh\u00e4ltnis aufzubauen, sagt Schneider. \u00abWir bewerten das nicht, wir sagen nicht, es ist schlecht, pumpen zu gehen, auf gar keinen Fall\u00bb, so der 33-J\u00e4hrige. \u00abWir w\u00fcnschen uns, dass Jugendliche eine Chance bekommen, ein gesundes Selbstbewusstsein \u00fcber sich selbst in Bezug auf die Beziehung zu ihrer geschlechtlichen Identit\u00e4t beziehungsweise den Erwartungen an ihr Geschlecht zu entwickeln.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Die Georg-Weerth-Schule in Berlin-Friedrichshain ist eine von insgesamt drei Schulen, an denen Schneider und seine Kolleginnen und Kollegen regelm\u00e4\u00dfig Klassen begleiten. Auch Elias und Levin haben seinen Workshop ein halbes Jahr lang besucht. \u00abBei mir hat das bisschen meine Sichtweise auf eine Beziehung ver\u00e4ndert, weil davor habe ich immer so gedacht, sie darf keine Jungsfreunde haben und sie darf dies und das nicht, und nach diesem Workshop ist mir das eigentlich egal\u00bb, sagt Elias. TikTok sei f\u00fcr ihn nach wie vor Unterhaltung, aber er denke beim Schauen jetzt h\u00e4ufiger \u00fcber den Workshop nach.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abIch glaube, andere Jungs br\u00e4uchten das auch\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Levin hat gelernt, bestimmte Dinge h\u00e4ufiger zu hinterfragen, wie er erz\u00e4hlt. Ihm sei zum Beispiel klar geworden, dass er nicht jede Situation kontrollieren k\u00f6nne und m\u00fcsse. Auf TikTok h\u00e4tten ihm M\u00e4nner erkl\u00e4rt, dass es wichtig sei, eine Pr\u00e4senz zu haben, allen im Raum klarzumachen, der Krasseste zu sein, immer stark zu sein, egal wo man sei. Das sei Quatsch, wie er jetzt wisse.\u00a0<\/p>\n<p>Auch M\u00e4nner, die weinen, sollten seiner Ansicht nach kein Tabu sein. \u00abWeil manche Personen denken vielleicht, du hast kein Gef\u00fchl oder so, oder bist kalt, was ja nicht stimmt.\u00bb Mit seinen weiblichen Freundinnen verstehe er sich jetzt besser. Er sehe sie mit anderen Augen. W\u00fcrde er den Workshop weiterempfehlen? Levin ist \u00fcberzeugt: \u00abIch glaube, andere Jungs br\u00e4uchten das auch.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin (dpa) &#8211; Fast jeden Morgen schl\u00e4gt sich Elias mit einem Hammer auf seine Gesichtsknochen. Bonesmashing nennt man&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1127366,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,296,1937,752,29,30,1724,198,1722,191615,1940,1938,151],"class_list":["post-1127365","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-berlin","tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","tag-aktuelle-news-aus-berlin","tag-berlin","tag-berlin-news","tag-bildung","tag-deutschland","tag-germany","tag-gesellschaft","tag-internet","tag-jugendliche","tag-manosphere","tag-nachrichten-aus-berlin","tag-news-aus-berlin","tag-tiktok"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116826113706124744","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1127365","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1127365"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1127365\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1127366"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1127365"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1127365"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1127365"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}