{"id":1127421,"date":"2026-06-28T06:08:21","date_gmt":"2026-06-28T06:08:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1127421\/"},"modified":"2026-06-28T06:08:21","modified_gmt":"2026-06-28T06:08:21","slug":"elegie-eines-nichtakklimatisierten-cavete-muenster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1127421\/","title":{"rendered":"Elegie eines Nichtakklimatisierten: Cavete M\u00fcnster"},"content":{"rendered":"<p>\t\t<a href=\"https:\/\/www.allesmuenster.de\/cms\/wp-content\/uploads\/Cavete_Buehrke_8188.jpg\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-133124\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" alt=\"Die Cavete, eine Institution in M\u00fcnster Kuhviertel. (Foto: B\u00fchrke)\" width=\"300\" height=\"200\" data-lazy- data-lazy- data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Cavete_Buehrke_8188-300x200.jpg\"\/><\/a>Die Cavete, eine Institution in M\u00fcnster Kuhviertel. (Foto: B\u00fchrke)<\/p>\n<p><strong>Vor 68 Jahren sorgte der Jurastudent Wilfried Weustenfeld in der Ausgabe 7\/1958 der Studentenzeitung \u201eSemesterspiegel\u201c mit seiner Elegie \u201eCavete M\u00fcnster\u201c f\u00fcr \u00fcberregionales Medieninteresse.<\/strong><\/p>\n<p>In jenen Jahren waren Lateinkenntnisse bei allen Universit\u00e4tsstudierenden selbstverst\u00e4ndlich, und so durfte der Autor Weustenfeld erwarten, dass jenes \u201eCavete\u201c bei seiner studentischen Leserschaft die gew\u00fcnschten Assoziationen wecken w\u00fcrde. Das lateinische \u201eCave Canem\u201c \u2013 als Warnschild etwa mit \u201eNimm dich vor dem Hund in Acht\u201c zu \u00fcbersetzen \u2013 kam auch in der Befehlsform als Mehrzahl \u201eCavete\u201c vor; jenes \u201eH\u00fctet euch vor dem Hund\u201c, von Weustenfeld auf seine Studentenstadt M\u00fcnster \u00fcbertragen, lie\u00df sogleich erkennen, dass hier ein \u201enichtakklimatisierter\u201c Studierender ein bissiges Klagelied \u00fcber das b\u00fcrgerliche Leben im M\u00fcnster jener Zeit angestimmt habe. Ein kurzer Auszug: \u201eM\u00fcnster: Die Stadt ist eine Enklave trister Langweiligkeit, das Nirwana auf Erden und ein Eldorado f\u00fcr Spie\u00dfb\u00fcrger.\u201c \u201eImmerw\u00e4hrendes Glockengel\u00e4ut, Weihrauch und beh\u00e4biges Pension\u00e4rswitwentum\u201c beklagte er. \u201eObwohl in M\u00fcnster \u00fcber 9000 Studenten leben, gibt es nicht ein einziges (!) Studentencaf\u00e9, geschweige denn eine Studentenkneipe, Tanzbar oder gar einen Jazzkeller.\u201c Den Gastst\u00e4tten in M\u00fcnster attestierte er: \u201eEine verstaubte Gem\u00fctlichkeit von vor 100 Jahren. Keine Kneipe, wo auch nur ein Jota Stimmung w\u00e4re, falls man sie nicht schon selbst mitbringt.\u201c<\/p>\n<p>Das Echo lie\u00df nicht lange auf sich warten<\/p>\n<p>Der Rektor der Universit\u00e4t bestellte den Chefredakteur ein. Vom Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Fremdenverkehrsvereins wurde Weustenfeld massiv angegriffen. Schlimmer noch! \u00dcber sein Protestschreiben berichtete die Presse deutschlandweit. Schlagzeile: \u201eStudent bricht Westf\u00e4lischen Frieden\u201c. Der Student Weustenfeld schrammte scharf an einer Exmatrikulation vorbei. Die vornehme, feine Gesellschaft verunglimpfte ihn, selbst Studierende lie\u00dfen ihn links liegen. Lediglich Prof. Dr. Dr. Wilhelm Klemm, Rektor der Universit\u00e4t, bekundete ein ganz klein wenig Verst\u00e4ndnis: Er missbillige zwar die ungl\u00fcckliche Wortwahl, aber der Text tr\u00e4fe doch einen wahren Kern: \u201eWas den Studenten fehlt, sind M\u00f6glichkeiten, wo sie harmlos und ohne viel Geld ausgeben zu m\u00fcssen jung sein k\u00f6nnen.\u201c Die Studierenden bat er um konkrete Vorschl\u00e4ge. Diesen Fingerzeig griffen Lothar Weldert und Werner Otto Jedamzik auf, zwei Studenten, die kein Geld und vom Gastronomiegewerbe keinerlei Ahnung hatten, stattdessen aber ein hohes Potenzial an jugendlichem Pioniergeist besa\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Geburtsstunde der Cavete<\/p>\n<p>Mit einem von Rektor Klemm erstellten Empfehlungsschreiben fragten sie den Brauereichef und Direktor der Germania-Brauerei, Arnold Holtmann, ob sie von ihm eine kleine Lokalit\u00e4t in Pacht bekommen k\u00f6nnten. Holtmann \u00fcberlie\u00df ihnen eine marode, abgewirtschaftete Kutscherkneipe im Kuhviertel. Als in der Stadt die Nachricht von der Gr\u00fcndung einer Studentenkneipe durchsickerte, wurde diese Neuigkeit erfreulich und tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzt. F\u00fcr gespendete M\u00f6bel aus Stilrichtungen von Biedermeier bis Vintage, kitschigen Firlefanz und Tr\u00f6del sowie ausrangierten Hausrat sollte in der Cavete ein zweites Leben beginnen. Studis, K\u00fcnstler und Gef\u00e4ngnisfreig\u00e4nger schufteten gemeinsam auf der Baustelle. Begeisterte und gut betuchte Damen der Gesellschaft versorgten die Arbeitenden gratis mit Essen und Getr\u00e4nken. Sogar Rektor Klemm lie\u00df es sich nicht nehmen, ein wenig an der Cavete-Baustelle mitzuhelfen. Er schaute nach, ob das Dach dicht war.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Cavete_Buehrke_8185.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-133121\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" alt=\"Die Cavete geh\u00f6rt zu den beliebtesten Kneipen in M\u00fcnster. (Foto: B\u00fchrke)\" width=\"1200\" height=\"800\" data-lazy- data-lazy- data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Cavete_Buehrke_8185.jpg\"\/><\/a>Die Cavete geh\u00f6rt zu den beliebtesten Kneipen in M\u00fcnster. (Foto: B\u00fchrke)<br \/>\nWestf\u00e4lischer Friede wieder hergestellt<\/p>\n<p>Mit Bier-Unterst\u00fctzung von der Germania-Brauerei \u00f6ffnete die Studentenkneipe \u201eAkademische Bieranstalt Cavete\u201c am 28. April 1959 ihre T\u00fcren. Sie ist nicht nur die \u00e4lteste Studentenkneipe M\u00fcnsters. Sie ist auch das erste von und f\u00fcr Studenten betriebene Bierlokal Deutschlands. Von Beginn an brachen die Betreiber und ihre vorwiegend studentischen G\u00e4ste im Cavete mit alten Formalit\u00e4ten. Sie duzten sich und genossen die Aufenthalte in legerer Erscheinung. Das bis dahin selbstverst\u00e4ndliche Sie sowie die traditionelle Kleiderordnung \u2013 Anzug mit B\u00fcgelfalte und Schlips mit Einstecktuch \u2013 hatten in dieser Kneipe ausgedient. Genauso augenreibend ungew\u00f6hnlich las sich die erste Karte: Ein Pils: 35 Pfennige, ein Schnaps: 30 Pfennige, eine Frikadelle 40 Pfennige und ein T\u00f6ttchen eine Mark, alles plus 10 Prozent f\u00fcrs Anliefern. \u201eWenne wills, dann biste f\u00fcr drei Mark dick\u201c, vermerkte ein Reporter der M\u00fcnsterschen Zeitung.<\/p>\n<p>In der heutigen, zeitgem\u00e4\u00dfen 16-seitigen Getr\u00e4nkekarte und der 12-seitigen Speisekarte findet fast jeder Gast, auch wenn er kein Studi ist, etwas Ess- und Trinkbares. Und, man staune: Es gibt sogar eine Kinderkarte! Nicht mehr zu finden sind die anf\u00e4nglichen Frikadellen und das T\u00f6ttchen. Stattdessen ist die Original Berliner Currywurst mit Pelle angesagt.<\/p>\n<p>Bleibt am Schluss die Frage nach Wilfried Weustenfeld. Ihm wurde von den Betreibern f\u00fcr seine Semesterspiegel-Elegie unbegrenzt Freibier in der Cavete zugesagt. Angeblich hat er das Angebot nicht ein einziges Mal in Anspruch genommen.<\/p>\n<p>Dieser Artikel ist erstmals in der MSZ 04\/2025 vom 01.12.2025 erschienen.<\/p>\n<p>                         <a href=\"https:\/\/www.allesmuenster.de\/author\/js\/\" class=\"fn url\" target=\"_blank\" title=\"Josef Scheller\" rel=\"nofollow noopener\"> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"247\" alt=\"\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" class=\"avatar avatar-250 photo\" style=\"max-width:250px\" data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/austermann-1.12.2018-josef-scheller-kopie_600x450_acf_cropped.jpg\"\/><\/a> <\/p>\n<p>Josef, im \u00f6stlichen M\u00fcnsterland aufgewachsen und zum Industrie-Fachwirt ausgebildet, war insgesamt 56 Jahre beruflich im Vertrieb und Objektmanagement t\u00e4tig. Privaten Ausgleich fand er in seiner begrenzten Freizeit mit der Pflege seines privaten Gartens. Heute lebt er mit seiner Frau in M\u00fcnster in der DKV-Residenz und genie\u00dft auch hier \u201cAckern\u201d auf bl\u00fchenden Beeten.<\/p>\n<p> <a href=\"https:\/\/www.allesmuenster.de\/author\/js\/\" class=\"url\" target=\"_blank\" title=\"Josef Scheller\" rel=\"nofollow noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"247\" alt=\"\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" class=\"avatar avatar-250 photo\" style=\"max-width:250px\" data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/austermann-1.12.2018-josef-scheller-kopie_600x450_acf_cropped.jpg\"\/><\/a>      <\/p>\n<p class=\"mspp-donation-head\">Unterst\u00fctze unsere Arbeit<\/p>\n<p class=\"mspp-donation-sub\">Unser Lokaljournalismus ist dir mehr wert als nur ein Like? Jetzt spenden!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Cavete, eine Institution in M\u00fcnster Kuhviertel. (Foto: B\u00fchrke) Vor 68 Jahren sorgte der Jurastudent Wilfried Weustenfeld in&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1127422,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1843],"tags":[237646,3364,29,30,15554,237647,8970,1209],"class_list":["post-1127421","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-muenster","tag-cavete","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-kneipe","tag-kuhviertel","tag-muenster","tag-nordrhein-westfalen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116826243570130300","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1127421","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1127421"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1127421\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1127422"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1127421"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1127421"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1127421"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}