{"id":112920,"date":"2025-05-15T16:14:09","date_gmt":"2025-05-15T16:14:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/112920\/"},"modified":"2025-05-15T16:14:09","modified_gmt":"2025-05-15T16:14:09","slug":"alexander-oetker-geht-zu-einem-essen-der-ihn-eigentlich-nervt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/112920\/","title":{"rendered":"Alexander Oetker geht zu einem essen, der ihn eigentlich nervt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Produktpreise explodieren, Strom- und Gaspreise auch. Die G\u00e4ste bleiben weg und Personal findet sich auch nicht mehr. Das macht es den Wirten schwer. Bj\u00f6rn Swanson platzt da schon mal der Kragen.<\/strong><\/p>\n<p>Wer Bj\u00f6rn Swanson auf den Berliner Flughafen anspricht, der muss sich auf was gefasst machen. &#8222;Dieses Millionengrab&#8220;, sagt er, &#8222;der Aiport funktioniert nicht, es gibt kaum noch Ank\u00fcnfte aus spannenden Regionen \u2013 und genau das sind die G\u00e4ste, die uns dann fehlen. Es ist wirklich nicht zum Aushalten.&#8220;<\/p>\n<p>Bj\u00f6rn Swanson ist 41, Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners. Er meldete sich freiwillig zu den US-Marines und er sieht bis heute genau so aus: gro\u00df, st\u00e4mmig, kraftvoll, ein B\u00e4r von einem Mann. Nach seinen amerikanischen Eskapaden entdeckte er in Berlin die Welt der K\u00fcchen f\u00fcr sich. Kochte im Alten Zollhaus, im Fischers Fritz, in der Weinbar Rutz, also im Who&#8217;s who der wenigen Berliner Lokale, die auch international mithalten konnten.<\/p>\n<p>Er er\u00f6ffnete das Hochhaus-Lokal &#8222;Golvet&#8220;, kaufte ein Hotel auf Mallorca und erkochte sich schlie\u00dflich im Sch\u00f6neberger &#8222;faelt&#8220; einen Stern. Den h\u00e4lt er bis heute \u2013 und hat nun mit dem &#8222;Swan&amp;Son&#8220; ein Bistrot franz\u00f6sischer Bauart er\u00f6ffnet, inmitten der gr\u00f6\u00dften gastronomischen Krise der letzten f\u00fcnfzig Jahre. Weil die G\u00e4ste ihre Kr\u00f6ten zusammenhalten, die wenigen Kellner, die noch Gastronomie betreiben wollen, Dollarzeichen in den Augen haben und weil die Rahmenbedingungen f\u00fcr Gastwirte einfach furchtbar sind &#8211; hohe Steuerlast, wenig Unterst\u00fctzung \u2013 hat gutes Essen hierzulande keine Lobby. Das sieht Koch Swanson auch so \u2013 aber er will sich damit nicht abfinden. Swanson ist ein Lautsprecher.<\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/imago197855660.jpg\">     <img decoding=\"async\" alt=\"Der Meister mit seinem Team im &quot;faelt&quot;.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/imago197855660.jpg\" class=\"lazyload\"\/>  <\/a>  <\/p>\n<p class=\"article__aside__caption\">Der Meister mit seinem Team im &#8222;faelt&#8220;.<\/p>\n<p class=\"article__aside__copy\">(Foto: IMAGO\/Funke Foto Services)<\/p>\n<p>   Zu laut, zu Berlinerisch<\/p>\n<p>Ich mache keinen Hehl daraus: Ich habe diesen Bj\u00f6rn Swanson nicht so richtig leiden k\u00f6nnen. Ich hielt ihn f\u00fcr zu laut, zu forsch, zu berlinerisch \u2013 und ich bin ja selbst aus dieser Stadt. Aber ich habe immer damit gehadert, wenn K\u00fcchenchefs allzu Hipster-m\u00e4\u00dfig drauf sind (das ist Bj\u00f6rn gottlob nicht) oder ihre G\u00e4ste beschimpfen (das tut Bj\u00f6rn manchmal).<\/p>\n<p>Doch ich wollte in diesen schweren Zeiten, in denen Gastronomen ja nicht nur mit steigenden Preisen f\u00fcr ihre Produkte, f\u00fcr Fische, Butter und Co., f\u00fcr Strom und Gas und f\u00fcr das Personal zu k\u00e4mpfen haben, nicht einfach einen Verriss schreiben. Stattdessen wollte ich mit diesem Bj\u00f6rn Swanson sprechen. \u00dcber die Probleme der Branche und \u00fcber die Bedeutung dessen, wo der Koch besonders laut auftritt: Im Internet. Wie wichtig sind Google-Bewertungen heute f\u00fcr Gastronomen, habe ich mich gefragt \u2013 denn besonders dort, in den Kommentarspalten, ist der Koch h\u00e4ufig sehr lautstark anzutreffen.<\/p>\n<p>Klar, er hat eben eine Berliner Schnauze und schie\u00dft mit der gerne mal \u00fcbers Ziel hinaus. Und doch muss es ja einen Grund geben, warum er neben all dem Lob jeden negativen Beitrag zu seinem Restaurant so pers\u00f6nlich nimmt. Bei seinem neuen Bistro &#8222;Swan&amp;Son&#8220; hat er sich n\u00e4mlich entschieden, negative Kritiken offen zu entgegnen. Statt Google-Sterne vergibt der Gastronom pers\u00f6nlich Bj\u00f6rn-Schw\u00e4ne \u2013 zusammen mit deftigen Worten.<\/p>\n<p> Zu hei\u00df gebadet <\/p>\n<p>Einer Frau, die Preis und schlechte L\u00fcftung mit einem Stern kritisiert, entgegnet Swanson: &#8222;Wer Bock auf anstrengende G\u00e4ste hat, ist bei Anna genau richtig. Leider k\u00f6nnen wir diesen Gast nicht empfehlen.&#8220; Anna kriegt von ihm nur einen Schwan. <\/p>\n<p>In seinem Sterne-Restaurant &#8222;faelt&#8220; bewertet ein Christian: &#8222;Essen schlecht, Service schlecht, Wirte wie Dich braucht kein Mensch.&#8220; Bj\u00f6rn Swanson entgegnet: &#8222;Christian mein Schatz, bist Du als Kind zu hei\u00df gebadet worden?&#8220;<\/p>\n<p>Eine andere Dame beschwert sich \u00fcber die unfreundliche Bedienung und bekommt als Antwort: &#8222;Eigenartiger Stil von einer gestandenen Frau.&#8220; Immerhin kriegt sie noch zwei Schw\u00e4ne. Das kann man als Publikumsbeschimpfung sehen, aber Bj\u00f6rn Swanson findet, irgendwann sei es auch mal gut. &#8222;Kann sein, dass ich da auch empfindlich bin. Aber wer in diesen Zeiten so viel Geld und Liebe in ein Restaurant steckt, der darf auch empfindlich sein&#8220;, sagt er. &#8222;Am meisten regen mich die Leute auf, bei denen ich mich am Tisch f\u00fcr einen Fehler entschuldige, ihnen noch ein Glas Champagner ausgebe und die dann, kaum sind sie aus dem Restaurant raus, eine Ein-Sterne-Bewertung hinterlassen \u2013 da frage ich mich dann schon, in was f\u00fcr Zeiten wir hier gelandet sind.&#8220;<\/p>\n<p>Preise gesenkt<\/p>\n<p>Verst\u00e4ndlich, finde ich. Gerade bei einem Perfektionisten wie Swanson. Der eben nicht auf IKEA-Gl\u00e4ser setzt, sondern Riedel einkauft, der KPM-Geschirr hat und auf allerbeste Produkte setzt.<\/p>\n<p>Selbst im Swan&amp;Son gibt es Gillardeau-Austern, die Skinny-Bitch-Variante mit Wodka und Limetten-Schaum ist tats\u00e4chlich grandios \u2013 und mit sechs Euro auch nicht \u00fcberbezahlt.<\/p>\n<p>Kein Wunder, hat Swanson in der Krise eben erst die Preise gesenkt, damit die sch\u00f6ne Terrasse auf der Giesebrechtstra\u00dfe im Berliner Westen bald wieder gut gef\u00fcllt ist. Am Essen soll es jedenfalls nicht scheitern, befindet der Kritiker: Der wilde Brokkoli soll wie eine Ceviche daherkommen \u2013 und das gelingt. Das Gericht mit Jalape\u00f1o und brauner Butter ist s\u00fcffig und scharf, echtes Seelenessen also.<\/p>\n<p>Grandios auch die japanische Maultasche mit Enten-Dashi und Koriander, leichte R\u00f6stnoten kitzeln die Aromen hervor, eine tolle Vorspeise. Das Cordon bleu ist sehr schlotzig, der K\u00e4se l\u00e4uft feinfl\u00fcssig aus dem Schnitzel, der Gurkensalat dazu ist frisch und lecker. Ein echtes Bistrotgericht, vielleicht ein wenig zu stark verarbeitet und trotzdem sehr gut. Genau wie der gebackene Lachs mit Chili-Mayonnaise und Spitzkohl, eben kein Allerweltsgericht und gerade deshalb ph\u00e4nomenal.<\/p>\n<p>All das wird f\u00fcr Berliner Verh\u00e4ltnisse sehr wohltuend, souver\u00e4n und freundlich serviert und ist preislich angenehm kalkuliert. Bj\u00f6rn Swanson wei\u00df also, was er da tut. Er hat nur keine Lust mehr, sich auch noch im Internet beschimpfen zu lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Produktpreise explodieren, Strom- und Gaspreise auch. 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