{"id":1130409,"date":"2026-06-29T13:22:18","date_gmt":"2026-06-29T13:22:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1130409\/"},"modified":"2026-06-29T13:22:18","modified_gmt":"2026-06-29T13:22:18","slug":"ddr-die-nacht-in-der-ein-bruce-springsteen-konzert-geschichte-schrieb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1130409\/","title":{"rendered":"DDR: Die Nacht, in der ein Bruce Springsteen-Konzert Geschichte schrieb"},"content":{"rendered":"<p>Am 19. Juli 1988 versammelten sich so viele Jugendliche in der DDR wie nie zuvor zu einem Rockkonzert: Bruce Springsteen kam nach Ost-Berlin. Die Sehnsucht nach der Welt stellte den Staat bereits infrage. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Das Ende des anderen deutschen Nachkriegsstaates, den die WELT, bis er verschwand, in G\u00e4nsef\u00fc\u00dfchen setzte, hatte viele Anf\u00e4nge. Am 13. November 1976 gab Wolf Biermann ein Konzert in K\u00f6ln <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/80-jahre-welt\/article69e0a5a693130bd3499d3643\/wolf-biermann-ich-habe-die-feste-absicht-in-der-ddr-weiterzuleben.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/80-jahre-welt\/article69e0a5a693130bd3499d3643\/wolf-biermann-ich-habe-die-feste-absicht-in-der-ddr-weiterzuleben.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">und wurde ausgeb\u00fcrgert<\/a>. Udo Lindenberg spielte am 25. Oktober 1983 im Palast der Republik in Ost-Berlin und l\u00f6ste einen Aufruhr aus. Und am 19. Juli 1988 trat Bruce Springsteen in der DDR auf und erkl\u00e4rte, indem er auf Deutsch von seinem Zettel ablas: \u201eEs ist sch\u00f6n, in Ost-Berlin zu sein. Ich bin nicht f\u00fcr oder gegen eine Regierung. Ich bin hier, um Rock \u2019n\u2019 Roll f\u00fcr euch zu spielen.\u201c<\/p>\n<p>160.000 Eintrittskarten waren f\u00fcr die Radrennbahn in Wei\u00dfensee verkauft worden. Wie viele in Siebdruckwerkst\u00e4tten gef\u00e4lscht wurden, wie viele das Konzert besuchten, indem sie die Z\u00e4une niedertrampelten, verliert sich in den Sch\u00e4tzungen zwischen 300.000 und 500.000. Autos stauten sich erstmals auf dem Berliner Ring aus allen Richtungen des Landes. Das gr\u00f6\u00dfte Konzert der DDR ging auch in die Geschichte ein als gr\u00f6\u00dfte aller Shows, die Springsteen weltweit jemals gab. Am \u00fcbern\u00e4chsten Tag erschien die WELT mit zwei Artikeln dazu auf der Titelseite. Oben rechts im Leitartikel kommentierte Peter Gillies als Chefredakteur das Gastspiel, dem er einen Hauch von Woodstock zugestand.<\/p>\n<p>\u201eBei der FDJ durften Sternenbanner flattern\u201c, staunte eine kleine Reportage unten auf der Seite mit zwei Bildern, die ein solches selbst gemaltes Schild zeigten und zwei begeisterte Volkspolizisten, die dem Star mehr Aufmerksamkeit widmeten als allen staatsfeindlichen \u00c4u\u00dferungen. \u201eDer Beifall wird zum Orkan, als Springsteen (gesch\u00e4tzter Jahresverdienst 60 Millionen Dollar) vom \u201aNeuen Deutschland\u2018 als S\u00e4nger vorgestellt, \u201ader den Jugendlichen in der Welt des Kapitals Hoffnung und Mut zu geben versucht\u2018, und seine Band \u201aBorn in the U.S.A.\u2018 anstimmen. Leuchtraketen steigen in den Himmel und erhellen das Bild der Massenekstase.\u201c<\/p>\n<p>Springsteen spielte, sang und sprach vier Stunden lang. Leinw\u00e4nde zeigten ihn allen, die nicht vor der B\u00fchne stehen konnten. Jeder sah das Kreuz, das er als Katholik vor seiner Brust trug. Die Gitarre hielt er wie ein Sturmgewehr. Wer seine Lieder kannte, sie im L\u00e4rm verstand und sie sich aus dem Englischen erschlie\u00dfen konnte, bezog sie auf sich, die Lage und das Land. \u201eLights out tonight\u201c, hie\u00df es in \u201eBadlands\u201c, \u201etrouble in the heartland\u201c. Aber wie schon 25 Jahre vorher John F. Kennedy wollte der Boss, wie man ihn auch im Osten nannte, seine Botschaften auf Deutsch verk\u00fcnden. Der Chauffeur seines Tourneeveranstalters notierte ihm den Text \u00fcber den Rock\u2019n\u2019Roll und die Regierungen in Lautschrift. Urspr\u00fcnglich wollte der Rocks\u00e4nger den Wunsch \u00e4u\u00dfern, dass alle Mauern fallen m\u00f6gen. Davon rieten ihm seine Betreuer ab. Er hoffe, sprach er, \u201edass eines Tages alle Barrieren umgerissen werden.\u201c F\u00fcr eine barrierefreie Welt, ein Diplomat in Lederweste. Aus der zeitversetzten Fernseh\u00fcbertragung wurden Springsteens Hoffnungen herausgeschnitten.<\/p>\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte Konzert im deutschen Osten hatte eine Vorgeschichte: 1987 war der ehemalige Wahlberliner David Bowie auf der Wiese vor dem West-Berliner Reichstag aufgetreten. Auch er hatte einen Gru\u00df auf Deutsch verlesen: \u201eWir schicken unsere besten W\u00fcnsche zu unseren Freunden, die auf der anderen Seite der Mauer sind.\u201c Die Freunde auf der anderen Seite h\u00f6rten zu und wurden daf\u00fcr von der Polizei verpr\u00fcgelt. 1988 spielten Michael Jackson und Pink Floyd am Reichstag \u2013 und die FDJ veranstaltete auf der Radrennbahn in Wei\u00dfensee ihren \u201eBerliner Rocksommer\u201c mit eigenen G\u00e4sten aus dem Westen, mit Bryan Adams und James Brown. \u00dcber der B\u00fchne hingen Banner gegen die Apartheid und gegen Atomraketen. Katarina Witt sagte die Weltstars s\u00e4chselnd an, als Eiskunstlauf-Olympiasiegerin und als sch\u00f6nstes Gesicht der SED. Das Volk buhte, beschimpfte und bewarf sie. Nie wurde ein W\u00fcrdentr\u00e4ger in der DDR \u00f6ffentlich so gedem\u00fctigt.<\/p>\n<p>Es brach vieles zusammen an den Sommerabenden von 1988. Die Hoffnung des Staates, die verlorene Jugend sei noch zu gewinnen durch eine Art Perestroika in der Popkultur, und auch der Irrglaube der Jugend, wenn James Brown den Staat besucht, w\u00e4re er noch zu retten. Als Bruce Springsteen einen Monat sp\u00e4ter sein Konzert in Wei\u00dfensee gab, stand zwar auf den Eintrittskarten noch \u201eKonzert f\u00fcr Nikaragua\u201c f\u00fcr damals stolze 19,95 Mark der DDR. Die B\u00fchnenbanner mit der Aufschrift \u201eNikaragua im Herzen\u201c lie\u00df der Gast aus Feindesland aber kurzerhand abh\u00e4ngen. <\/p>\n<p>Er sang \u201eBorn in the U.S.A.\u201c, und junge Frauen in blauen Hemden auf den Schultern ihrer Freunde sangen mit und klatschten dazu in die H\u00e4nde. Es ging ihnen auch nicht um Amerika. Es war ein Heimweh nach der Welt, und diese Welt war eine Nacht lang in der DDR zu Gast. Das Fundament der Mauer wurde br\u00fcchiger, als auch die Freie Deutsche Jugend in \u201eBorn in the U.S.A.\u201c einstimmte, eine der globalen Hymnen in den Achtzigerjahren. Als w\u00fcrde sich eine Masse ihrer Macht zum ersten Mal bewusst. <\/p>\n<p>Und nichts geschah: Die freiwilligen Ordner und Volkspolizisten hingen, wie die WELT erkannte, einem S\u00e4nger an den Lippen, der vom anderen Leben sang. Die Stasi legte einen schmalen Aktenordner zum Konzert an, in dem nicht mehr stand, als dass ein S\u00e4nger sein Musikhandwerk beherrscht und dass seine Besucher mit ihm ihre Freude hatten.<\/p>\n<p>\u201eEs geh\u00f6rt zur Taktik des Regimes, sorgf\u00e4ltig dosierte Freir\u00e4ume zu gestatten, wobei mit jeder \u00d6ffnung Grenz\u00fcberschreitungen umso strenger geahndet werden. Wegen der ideologischen Reinheit wurde Millionenverdiener Springsteen auch noch als Mann aus der Arbeiterklasse dargestellt, der den Untergang des Kapitalismus und das Leid der Unterdr\u00fcckten (in Amerika) besingt. Es schien nicht so, als habe diese Einkleidung des Rock die Jugendlichen beeindruckt\u201c, schrieb Peter Gillies in der WELT am 21. Juli 1988, und dar\u00fcber, was die DDR-Jugend nach Wei\u00dfensee zog: \u201eHunger nach jenem Lebensgef\u00fchl, das sie in Kalifornien oder New York vermuten und im Sozialismus vermissen, nach \u201aNormalit\u00e4t\u2018, die von Politikern beschworen wird, aber nicht real existiert. Aus Tonb\u00e4ndern und Filmen kann man es herausschneiden, aus Herzen nicht.\u201c <\/p>\n<p>Im Jahr darauf fiel die Barriere in Berlin, im \u00fcbern\u00e4chsten Jahr war auch ihr Staat Geschichte.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/michael-pilz\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/michael-pilz\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><b>Der Autor<\/b><\/a><b> verschaffte sich am 19. Juli 1988 ohne Eintrittskarte Zutritt zum Konzertgel\u00e4nde und lernte, Bruce Springsteen zu lieben, auch wenn er dessen Rockmusik nicht mochte.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am 19. 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