{"id":11328,"date":"2025-04-06T20:41:23","date_gmt":"2025-04-06T20:41:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/11328\/"},"modified":"2025-04-06T20:41:23","modified_gmt":"2025-04-06T20:41:23","slug":"menschenrechtsaktivist-maksym-butkevych-das-sowjetische-system-des-terrors-ist-zurueck-in-der-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/11328\/","title":{"rendered":"Menschenrechtsaktivist Maksym Butkevych: &#8222;Das sowjetische System des Terrors ist zur\u00fcck in der Ukraine&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Maksym Butkevych ist einer der bekanntesten Menschenrechtsaktivisten der Ukraine. Er arbeitete als Journalist und engagiert sich f\u00fcr die Rechte Gefl\u00fcchteter und den Schutz von Minderheiten. An der Gr\u00fcndung des unabh\u00e4ngigen ukrainischen Radiosenders Hromadske und der NGO ZMINA war er beteiligt. Nach Beginn der russischen Gro\u00dfinvasion im Februar 2022 trat er als Freiwilliger in die Armee ein und geriet wenige Monate sp\u00e4ter in russische Kriegsgefangenschaft. Am 13. M\u00e4rz 2023 wurde er in einem Scheinprozess zu 13 Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt. Noch w\u00e4hrend seiner Zeit in Haft erschien das Buch &#8222;Am richtigen Platz: Ein ukrainischer Friedensaktivist im Krieg&#8220; mit Texten von und \u00fcber Butkevych. Mitte Oktober 2024 kam er im Rahmen eines Gefangenenaustauschs frei. Mit ntv.de sprach Butkevych \u00fcber seine Erlebnisse.<\/p>\n<p><b>ntv.de: Herr Butkevych, im vergangenen Oktober kamen sie durch einen Austausch aus russischer Gefangenschaft frei. Wie haben Sie die vergangenen Monate verbracht?<\/b><\/p>\n<p>Maksym Butkevych: In den ersten vier Wochen habe ich ein Rehabilitationsprogramm absolviert. Viele M\u00e4nner, die mit mir freikamen, wurden schwer gefoltert und leiden unter posttraumatischen Belastungsst\u00f6rungen. Auch ich k\u00e4mpfe noch mit den Folgen der Haft und befinde mich weiter in Behandlung. Es ist ein langwieriger Prozess. Mittlerweile k\u00fcmmere ich mich aber auch wieder um meine Menschenrechtsarbeit. Dabei setze ich mich f\u00fcr ukrainische Soldaten und Zivilisten ein, die sich in russischer Gefangenschaft befinden. <\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/GettyImages-2188672468.jpg\">     <img decoding=\"async\" alt=\"Maksym Butkevych bei einer Veranstaltung im Dezember.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/GettyImages-2188672468.jpg\" class=\"lazyload\"\/>  <\/a>  <\/p>\n<p class=\"article__aside__caption\">Maksym Butkevych bei einer Veranstaltung im Dezember.<\/p>\n<p class=\"article__aside__copy\">(Foto: Global Images Ukraine via Getty )<\/p>\n<p><b>Sie dienten als Zugf\u00fchrer in einem Bataillon der ukrainischen Streitkr\u00e4fte. Wie wurden sie gefangengenommen?<\/b><\/p>\n<p>Im Juni 2022 wurden wir in das Dorf Myrna Dolyna in der Region Luhansk verlegt, um einen Beobachtungsposten einzurichten. In der Nacht wurden wir von russischen M\u00f6rsern beschossen und hatten keinen Funkkontakt zu unserem Kommandeur. Nach einigen Tagen mit kaum Schlaf und Wasser waren alle ersch\u00f6pft und dehydriert. Dann wurden wir von einem Soldaten einer benachbarten Einheit \u00fcber Funk kontaktiert. Er sagte, dass wir fast vollst\u00e4ndig umzingelt seien, aber immer noch eine Chance h\u00e4tten zu entkommen, wenn wir seinen Anweisungen folgen w\u00fcrden. Er lotste uns auf ein offenes Feld. Dann entschuldigte er sich und sagte, er sei seit der vergangenen Nacht in russischer Gefangenschaft und habe uns in eine Falle gelockt. Es gab keine M\u00f6glichkeit, in Deckung zu gehen. Ich war f\u00fcr acht M\u00e4nner verantwortlich. Also befahl ich ihnen, die Waffen niederzulegen.<\/p>\n<p><b>Wie wurden Sie nach der Gefangennahme von den Russen behandelt?<\/b><\/p>\n<p>Sie nahmen unsere Wertsachen ab, aber gaben uns auch Wasser, was f\u00fcr uns in dem Moment das Wichtigste war. Die russischen Soldaten waren gut gelaunt. Aber sie schienen nicht zu verstehen, was vor sich geht. Ein Soldat sagte zu uns: &#8222;Wenn das alles vorbei ist, kommt nach Samara und wir trinken ein Bier zusammen.&#8220; Ich schaute ihn nur ungl\u00e4ubig an. Es war offensichtlich: Er verstand nicht, dass er in der Ukraine ein Besatzer ist.<\/p>\n<p>Unsere H\u00e4nde waren stundenlang gefesselt, schwollen an und schmerzten. Dann wurden wir einer anderen Einheit \u00fcbergeben. Ihr Kommandeur versuchte, uns mit obsz\u00f6nen Beleidigungen zu provozieren. Dann las er eine Rede Putins vor, die wir Wort f\u00fcr Wort wiederholen mussten. F\u00fcr jeden Fehler meiner M\u00e4nner verpr\u00fcgelte mich der Offizier mit einem Holzstock. Noch heute zeugt eine Narbe von den Schl\u00e4gen. <\/p>\n<p><b>Sp\u00e4ter verbrachten Sie mehr als zwei Jahre in einer Haftanstalt in der besetzten Stadt Luhansk. Wie waren die Bedingungen dort?<\/b><\/p>\n<p>Die ersten Monate waren schwierig. Wir erhielten drei Mahlzeiten pro Tag, aber das Essen war entsetzlich. Die Lebensmittel waren teilweise verdorben und die Portionen sehr klein. Wir waren st\u00e4ndig hungrig und verloren schnell an Gewicht. Weil man uns die Stiefel abgenommen hatte, liefen wir auf Socken. Toilettenpapier erhielten wir nicht. In den Zellen hausten Bettwanzen. In den ersten Wochen gab es viele Verh\u00f6re, einige verliefen friedlich, andere gewaltsam. Man versuchte, uns mental zu brechen. Sie zwangen uns, \u00dcbungen wie Sit-ups und Liegest\u00fctze zu machen &#8211; bis zur totalen Ersch\u00f6pfung. Einige der Jungs wurden dabei ohnm\u00e4chtig. Sie schlugen mich und setzten mich unter Druck, sodass ich am Ende ein falsches Gest\u00e4ndnis unterschrieb.<\/p>\n<p><b>Im M\u00e4rz 2023 wurden Sie in einem Scheinprozess zu 13 Jahren Haft verurteilt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das Urteil h\u00f6rten?<\/b><\/p>\n<p>Ich erinnerte mich an meinen Urgro\u00dfvater, den ich nie kennengelernt habe, weil er 1938 der stalinistischen S\u00e4uberung zum Opfer fiel und hingerichtet wurde. Ich kenne seine Akte. Aus seinem Vernehmungsprotokoll kann man entnehmen, dass er gefoltert wurde. Und 84 Jahre sp\u00e4ter unterschrieb ich, sein Urenkel, ebenfalls ein falsches Gest\u00e4ndnis. Und dann dachte ich daran, dass dieses sowjetische System des Terrors nie verschwunden ist. Es hat sich nur eine Weile zur\u00fcckgezogen &#8211; jetzt ist es in die Ukraine zur\u00fcckgekehrt. <\/p>\n<p><b>Wie ist es Ihnen gelungen, die Zeit in Haft zu \u00fcberstehen?<\/b><\/p>\n<p>Es ist wichtig, eine Art Routine zu entwickeln, um nicht verr\u00fcckt zu werden. Ich habe versucht, mich k\u00f6rperlich und geistig fit zu halten. Ich habe viel \u00fcber philosophische Fragen nachgedacht und mich an meine Freunde und Verwandte erinnert. Da wir weder Papier noch Stifte hatten, habe ich in meinem Kopf Texte verfasst. Einige Zellengenossen habe ich in Englisch unterrichtet. Zudem dachte ich mir fiktive Geschichten aus, die ich dann den anderen Insassen vorgetragen habe. Auch h\u00e4ufiges Beten hat mir geholfen. <\/p>\n<p><b>W\u00fcrden Sie sagen, dass die Zeit im Gef\u00e4ngnis Sie ver\u00e4ndert hat?<\/b><\/p>\n<p>Absolut. Ich habe Dinge erlebt, von denen ich dachte, dass ich daran zerbrechen k\u00f6nnte. Aber das ist nicht passiert. Ich habe mehr Angst erlebt als jemals zuvor in meinem Leben. Und das war das Schlimmste, weil Angst einen l\u00e4hmt und zu einem Objekt macht. Und das ist auch der Grund, warum die Russen uns diese Dinge angetan haben. Damit wir tun, was sie uns befehlen. Mittlerweile sch\u00e4tze ich es viel mehr, die Freiheit zu haben, eigene Entscheidungen zu treffen. Ich empfinde eine gro\u00dfe Dankbarkeit f\u00fcr die Menschen, die sich f\u00fcr meine Freilassung eingesetzt haben. Freiheit ist etwas Wesentliches, doch nicht selbstverst\u00e4ndlich. Es ist ein kostbares Gut.<\/p>\n<p><b>Sie haben sich im Fr\u00fchjahr 2022 freiwillig zur Armee gemeldet. Hatten Sie vorher jemals den Gedanken, zur Waffe zu greifen?<\/b><\/p>\n<p>Ja, nach der Krim-Besetzung und dem Ausbruch der K\u00e4mpfe im Donbass 2014. Ich koordinierte damals Hilfsprojekte, die Binnenfl\u00fcchtlinge aus den Kriegsgebieten unterst\u00fctzten. Mir wurde klar, dass ich diese Arbeit nur leisten kann, weil es Leute gibt, die an vorderster Front stehen, um die Eindringlinge zur\u00fcckzuhalten. Als Russland 2022 seine gro\u00dfangelegte Invasion startete, entschied ich, einer derjenigen zu sein, der sich den Streitkr\u00e4ften anschlie\u00dft. Damit diesmal andere Menschenrechtsaktivisten ihre Arbeit machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>Sie selbst haben sich in fr\u00fcheren Interviews als Antimilitarist bezeichnet. Warum haben Sie dennoch im Milit\u00e4r gedient? <\/b><\/p>\n<p>Es klingt zun\u00e4chst wie ein Widerspruch, ist es aber nicht. Ich betrachte mich als Antimilitarist, weil ich Gewalt und Krieg hasse. Pers\u00f6nlich kenne ich keine einzige Person in der Ukraine, die einen Krieg will. Es geht darum, Leben zu verteidigen und den Menschen zu erm\u00f6glichen, in Frieden zu leben. Wenn man beobachtet, wie eine Person einer anderen Person etwas Schreckliches antut und man in der Lage ist, es zu verhindern, dann sollte man das tun. Wenn man sich aber neutral verh\u00e4lt und das Opfer nicht gegen den Aggressor verteidigt, dann steht man auf der Seite des T\u00e4ters und macht sich mitschuldig.<\/p>\n<p><b>Wie erleben Sie derzeit die Stimmung in der ukrainischen Gesellschaft nach so vielen Jahren Krieg?<\/b><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es Ersch\u00f6pfungserscheinungen, was verst\u00e4ndlich ist. Putin f\u00fchrt einen Zerm\u00fcrbungskrieg und die ukrainischen Ressourcen sind, trotz internationaler Hilfe, nicht vergleichbar mit denen Russlands. Viele Ukrainer haben einen hohen Preis bezahlt. Jeder, den ich kenne, hat einen Freund, Kollegen oder einen Verwandten durch den Krieg verloren. Daher ist eine Kapitulation einfach keine Option f\u00fcr uns. In meinem Umfeld sind viele Leute entschlossen, weiterzumachen. Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr unsere Werte und unsere Freiheit.<\/p>\n<p><b>Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, um einen gerechten und dauerhaften Frieden f\u00fcr die Ukraine zu gew\u00e4hrleisten? <\/b><\/p>\n<p>Ohne Sicherheitsgarantien durch internationale Institutionen oder befreundete Staaten wird es keinen dauerhaften Frieden geben. Ein Waffenstillstand w\u00fcrde Russland dazu nutzen, sich neu zu gruppieren, um dann wieder anzugreifen. Denn Moskau geht es in der Ukraine nicht um Territorien oder Rohstoffe. Russland will, dass die Ukraine aufh\u00f6rt zu existieren. Das ist das einzige Ziel dieses Krieges. Sie wollen uns ausl\u00f6schen.<\/p>\n<p>Mit Maksym Butkevych sprach Janis Peitsch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Maksym Butkevych ist einer der bekanntesten Menschenrechtsaktivisten der Ukraine. 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