{"id":1133860,"date":"2026-06-30T23:23:18","date_gmt":"2026-06-30T23:23:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1133860\/"},"modified":"2026-06-30T23:23:18","modified_gmt":"2026-06-30T23:23:18","slug":"francis-fukuyama-ueber-s-21-das-gespenst-der-vetokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1133860\/","title":{"rendered":"Francis Fukuyama \u00fcber S 21: Das Gespenst der &#8222;Vetokratie&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Diese Ansicht ist nicht neu, schon der ehemalige Stuttgarter Oberb\u00fcrgermeister Manfred Rommel (CDU) hat sie vertreten. In einer \u00f6ffentlichen Diskussion mit B\u00fcrger:innen in der Sendereihe &#8222;Lokaltermin&#8220; von SDR und SWF im Jahr 1996 gab der so b\u00fcrgernahe OB auf den Zuruf einer jungen Frau \u2013 &#8222;Wir wollen einen B\u00fcrgerentscheid&#8220; \u2013 zum Besten: &#8222;Ja, ja des glaub i scho, i unterschreib au \u00fcberall. Nat\u00fcrlich werden die B\u00fcrger beteiligt, aber nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir nicht ein solches Projekt durchf\u00fchren, indem wir vorher jeden B\u00fcrger um sein schriftliches Einverst\u00e4ndnis fragen.&#8220; Das hat man dann auch unterlassen, das Auslegen von Pl\u00e4nen war offensichtlich genug, denn wie Rommel in der gleichen Sendung verk\u00fcndete: &#8222;Man hat noch nie ein Gro\u00dfprojekt mit so viel Sorgfalt dargestellt und ver\u00f6ffentlicht wie dieses.&#8220;<\/p>\n<p>Keine Spur also von &#8222;Vetokratie&#8220;, das Projekt sollte durchgezogen werden. Entschieden und verk\u00fcndet! Zur Wahrheit geh\u00f6rt allerdings auch, dass Stuttgart 21 in allen befassten Parlamenten mit \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheiten best\u00e4tigt worden ist.<\/p>\n<p>Fukuyama r\u00e4umt jedoch ein, dass gro\u00dfe Infrastrukturprojekte &#8222;umfangreiche Konsultationen mit den B\u00fcrgern&#8220; erfordern, und &#8222;die deutschen Planer vers\u00e4umten es, diese ordnungsgem\u00e4\u00df durchzuf\u00fchren.&#8220; Also doch die Fr\u00f6sche fragen, bevor man den Sumpf trockenlegt?<\/p>\n<p>Eine halbe Seite mit vielen Fehlern<\/p>\n<p>Der Politikwissenschaftler beschreibt, dass der Widerstand von Natursch\u00fctzern so wild gewesen sei, dass sie sich an B\u00e4ume gekettet haben. Und es kam schlie\u00dflich zum \u00c4u\u00dfersten: &#8222;Der Konflikt eskalierte so weit, dass die Christdemokraten, die seit der Gr\u00fcndung der Bundesrepublik im Jahr 1949 das Land Baden-W\u00fcrttemberg regiert hatten, durch eine rot-gr\u00fcne Koalition abgel\u00f6st wurden. Der Bahnhof ist bis heute nicht fertig.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich schlimm! Nein, nicht das mit den sachlichen Fehlern im Text (Baden-W\u00fcrttemberg wurde erst 1952 gegr\u00fcndet, der erste Ministerpr\u00e4sident war Reinhold Maier von der FDP\/DVP und die Regierung ab 2011 war gr\u00fcn-rot), sondern das mit der Regierung und dem Bahnhof. Fukuyamas Kausalkette ist nicht ganz nachvollziehbar, zumindest ist sie l\u00fcckenhaft, der Part der Bahn fehlt, und ob nun die &#8222;rot-gr\u00fcne&#8220; Koalition schuld war oder doch die widerborstigen Gegner, wird nicht ganz deutlich. Nun ja, Nebens\u00e4chlichkeiten f\u00fcr den Denker.<\/p>\n<p>Erstaunlich ist, dass Fukuyama sich \u00fcberhaupt mit dem Thema besch\u00e4ftigt, im Buch nimmt es kaum eine halbe Seite ein. Es wird kolportiert, dass ein Sohn eines ehemaligen Stuttgarter Oberb\u00fcrgermeisters dem Politikwissenschaftler die Geschichte eingesungen habe. An dieser Stelle ein Tipp des Journalisten an den Wissenschaftler: Man sollte seine Quellen stets genau pr\u00fcfen.<\/p>\n<p>S-21-Widerstand: das Gegenteil von Disruption<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war der Widerstand gegen Stuttgart 21 das genaue Gegenteil von dem, was Fukuyama als Drohkulisse an die Wand malt. Es hie\u00df eben nicht nur, &#8222;wir wollen keinen neuen unterirdischen Bahnhof&#8220;, sondern es wurden konstruktiv sehr genau ausgearbeitete Gegenvorschl\u00e4ge vorgelegt. Es wurde der Plan eines modernisierten Kopfbahnhofs (K21) entwickelt, ein Kombibahnhof wurde (wieder) ins Spiel gebracht. Die meisten Kritikpunkte der Gegner:innen haben sich sp\u00e4ter als richtig herausgestellt. Unsachlich waren die Bef\u00fcrworter:innen des Projekts, die s\u00e4mtliche Planungs-, Bau- und Kapazit\u00e4tsrisiken nicht nur kleingeredet, sondern auch zu vertuschen versucht haben.<\/p>\n<p>Die Wut bei vielen Gegner:innen ist auch entstanden, weil sich die Bef\u00fcrworter:innen des Projekts noch nicht einmal die M\u00fche gemacht haben, sich mit den Gegenvorschl\u00e4gen auseinanderzusetzen.<\/p>\n<p>Der Prozess verlief also genau umgekehrt, wie Fukuyama es beschreibt: Die Auflehnung erfolgte nicht zur Durchsetzung von irrationalen Partikularinteressen, sondern war ein Appell an die Vernunft, der ignoriert worden ist. Stuttgart 21 ist als Argument f\u00fcr seine These schlicht ein Fehlgriff.<\/p>\n<p>Das Ende der Geschichte<\/p>\n<p>In der Ignoranz des Wissenschaftlers gegen\u00fcber seinem Beispiel liegt allerdings auch eine gewisse Ironie. Fukuyama wurde zu Beginn der 1990er-Jahre mit seinem Buch &#8222;Das Ende der Geschichte&#8220; bekannt. Seine These darin: Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems in der Sowjetunion und den von ihr abh\u00e4ngigen Ostblockstaaten und mit der damit verbundenen Aufl\u00f6sung der ideologischen Machtbl\u00f6cke w\u00fcrden sich ganz automatisch die liberalen Demokratien weltweit durchsetzen. Denn diese w\u00fcrden den meisten Menschen Freiheit und Wohlstand bringen, wie jeder vern\u00fcnftige Mensch doch sehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Nun, es kam etwas anders, und Fukuyama wurde f\u00fcr viele zur Lachnummer mit seiner These. In seinem neuen Buch gibt er der Verteidigung seines alten Werkes sehr viel Raum. Die Leute h\u00e4tten nur die \u00dcberschrift gelesen und nicht die ganze Analyse, zu Unrecht seien Hohn und Spott \u00fcber ihm ausgegossen worden. Hier findet sich der Konnex zu seinen Stuttgart-21-Thesen: Auch die sind nur oberfl\u00e4chlich, und er hat sich leider nur mit der \u00dcberschrift und nicht mit dem ganzen Inhalt besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Francis Fukuyamas neues Buch &#8222;Der letzte Mensch&#8220; hat daher etwas gemeinsam mit dem Projekt Stuttgart 21: Wo im Gro\u00dfen gedacht wird, werden &#8222;Details&#8220; gerne mal vergessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Diese Ansicht ist nicht neu, schon der ehemalige Stuttgarter Oberb\u00fcrgermeister Manfred Rommel (CDU) hat sie vertreten. 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