{"id":1134767,"date":"2026-07-01T08:15:16","date_gmt":"2026-07-01T08:15:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1134767\/"},"modified":"2026-07-01T08:15:16","modified_gmt":"2026-07-01T08:15:16","slug":"100-jahre-peter-alexander-der-letzte-entertainer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1134767\/","title":{"rendered":"100 Jahre Peter Alexander: Der letzte Entertainer"},"content":{"rendered":"<p>Peter Alexander war glaubw\u00fcrdig, und selbst wenn er parodierte, stellte er nie blo\u00df. In einer Zeit der M\u00f6chtegern-Models im Dschungelcamp und zynischer Casting-Show-Juroren wird deutlicher denn je, was wir an dem \u00d6sterreicher hatten. Eine W\u00fcrdigung zum Hundertsten.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Showmaster. <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/editorial.one\/editor\/welt\/article\/67ef14c58fba3c5c325fec4c\/edit\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/editorial.one\/editor\/welt\/article\/67ef14c58fba3c5c325fec4c\/edit&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Was f\u00fcr ein gro\u00dfspuriges Wort <\/a>f\u00fcr einen, der mit dem, was er hat und kann, Menschen unterhalten, sie ablenken, ihnen Freude schenken will. Dazu muss er Talent besitzen, besser noch: Talente. Die m\u00fcssen gar nicht so au\u00dferordentlich sein, aber die richtige Mischung, die macht es aus. Sie muss freilich gepaart sein mit dem, was man Charisma nennt, Pers\u00f6nlichkeit, Individualit\u00e4t. Gerade das kann man nicht lernen, kaum \u00fcben. Man hat es. Oder eben nicht. Deswegen ist der ein grandioser Showmaster und eben Entertainer \u2013 und der andere h\u00f6chstens Unterhalter. <\/p>\n<p>Das war einmal. Heute freilich, in der \u00c4ra alles \u00fcberflutender Reality-Stars \u2013 \u201eman kennt mich aus dem Fernsehen und aus diesen Formaten\u201c \u2013, die nichts k\u00f6nnen, nur gecastet werden, weil sie polarisieren, niedrige Instinkte (angefangen bei der Schadenfreude) wecken, hat ein solcher Entertainer nichts mehr verloren. Auch wenn er einmal die ganze Nation unterhielt und mit ihm der Fernseher zum BRD-Lagerfeuer mit Traumquote wurde. Ganz so lange ist das eigentlich gar nicht her. Und doch mutet es an wie ein Widerschein vom Beginn des Holoz\u00e4ns.<\/p>\n<p>Kriegsabitur, dann Flakhelfer<\/p>\n<p>Schlager singen, in harmlosen Filmkom\u00f6dien spielen, ein wenig tanzen, viel parodieren, gern in Damenkleidern auftreten und durch gro\u00dfe Samstagabendshows f\u00fchren. Das war es, was Peter Alexander Ferdinand Maximilian Neumayer, den die gesamte deutschsprachige Fernsehwelt nur unter seinen ersten beiden Vornamen kannte, fast ein ganzes, 84 Jahre w\u00e4hrendes Leben lang getan hat. Vor 15 Jahren ist er gestorben, heute w\u00e4re er hundert geworden. Man muss riesigen, ach was, allergr\u00f6\u00dften Respekt davor haben, wie er seinen Job gemacht hat. Professionell, ehrlich, menschlich, und vor allem \u2013 mit Herz.<\/p>\n<p>Heute mutet so etwas, besonders im Mediengewerbe, als altmodische Tugend an. Heute, wo Dieter Bohlen (der \u00fcbrigens Peter Alexanders letzte Platte produzierte) als einer der Lieblings-Entertainer der Deutschen immer noch als vorgebliche \u201eSuperstars\u201c zumeist unbegabte junge Casting-Show-Aspiranten beleidigt, sie mit per Drehbuch vorgegebenen Zynismen \u00fcbergie\u00dft, ihnen die W\u00fcrde nimmt. Das hatte Peter Alexander nie n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Am 30. Juni 1926 in Wien geboren, legte er 1944 das Kriegsabitur ab, war Flakhelfer, Arbeitsdienstler in Breslau und bei der Kriegsmarine, wo er in britische Gefangenschaft geriet. Hier begann Peter Alexander das Wachpersonal zu unterhalten, besuchte nach seiner R\u00fcckkehr in Wien das Reinhardt-Seminar, wo er sich mehr und mehr seines komischen Talents versicherte. Dank seiner schmeichelnden Stimme verkaufte er 1951 erste Platten mit der Tr\u00e4ller-Verhei\u00dfung \u201eDas machen nur die Beine von Dolores\u201c und wurde 1956 an der Seite von Caterina Valente, noch so eine nicht-deutsche S\u00e4ule fr\u00fchen BRD-Frohsinns, im Revuefilm \u201eLiebe, Tanz und tausend Schlager\u201c zum Star.<\/p>\n<p>In den F\u00fcnfziger- und Sechzigerjahren tobte der verschmitzt grinsende Wiener als ewiger Junge durch als perfektes Klamauk-Handwerk abschnurrende deutsch-\u00f6sterreichische Filmkom\u00f6dien: mal als Zahlkellner Leopold im \u201eWei\u00dfen R\u00f6ssl\u201c, mal als \u201eGraf Bobby\u201c beim \u201eBadewannentango\u201c, als \u201eCharleys Tante\u201c und \u201eMusterknabe\u201c, schlie\u00dflich mit Heintje bei den \u201eL\u00fcmmeln aus der letzten Bank\u201c. Er sang \u201eIch z\u00e4hle t\u00e4glich meine Sorgen\u201c und gl\u00e4nzte in diversen Operettenaufnahmen. In den Siebzigerjahren wurde Peter Alexander schlie\u00dflich zu Peter dem ganz Gro\u00dfen und zum \u00fcber die Bundesrepublik und die DDR (in der er nie aufgetreten ist) herrschenden TV-K\u00f6nig. Wenn er auf Live-Tour ging, war er neben seinem \u00f6sterreichischen Landsmann Udo J\u00fcrgens der erfolgreichste deutschsprachige Show-Act.<\/p>\n<p>Sicher, es gab im damaligen Zwei-Kanal-Fernsehen den trockenen Peter Frankenfeld und den halbseidenen Harald Juhnke, den schnurrigen Dietmar Sch\u00f6nherr und den jovialen Hans-Joachim Kulenkampff, den k\u00e4sig-frechen Rudi Carrell, den liebensw\u00fcrdigen Hans Rosenthal (der sein Judentum erst sp\u00e4t thematisierte) und den arg netten Frank Elstner. Aber keiner war so universell, dabei so souver\u00e4n und immer gleich sympathisch wie Peter Alexander. An dem Mann war kein Arg und kein falsches Wort, auch in seinen Parodien hat er nie blo\u00dfgestellt.<\/p>\n<p>Peter Alexander war glaubw\u00fcrdig. Das merkten alle Zuschauer in den Jahren von 1969 bis 1996. Die Kriegsgeneration, die mit ihm schunkelte, weil er auch an der Front gewesen war und dort seine spezielle Begabung entdeckte; die Wirtschaftswunder-Generation, die sein So-Sein schon nostalgisch fand; die Achtundsechziger, die er nicht weiter herausforderte; die Generation Golf, die diesen auch in reifen Jahren lausb\u00fcbischen Anachronismus mit Samtfliege ulkig fand; und selbst noch die Nachwendejugend, die diesen Herrn, der jetzt \u201eSpezialit\u00e4ten\u201c servierte, einmal im Jahr mit der \u201ePeter Alexander Show\u201c wie ein h\u00f6chst lebendiges Fossil aus grauer Entertainment-Vorzeit bestaunen durfte.<\/p>\n<p>Heute kommen, wenn \u00fcberhaupt, amerikanische Stars in deutsche Sendungen, um Platten oder Filme anzupreisen, mit dem kleinen \u00dcbersetzungsmann im Ohr und mit festgetackertem Grinsen. Peter Alexander mit seinem schmiegsamen Bariton sang in den Neunzigerjahren noch mit Larry Hagman \u201eJung samma, fesch samma\u201c und mit Tom Jones \u201eDelilah\u201c, mit Liza Minnelli \u201eThere\u2019s no Business Like Show Business\u201c, mit Montserrat Caball\u00e9 den Kuhdutten-Jodler (nat\u00fcrlich im Dirndl) und mit Joan Collins Wiener Heurigenlieder.<\/p>\n<p>Er fuhr mit Johnny Cash im Fiaker, miaute mit Christa Ludwig Rossinis \u201eKatzenduett\u201c und gab neben dem Henry Higgins von Richard Chamberlain die \u201eMy Fair Lady\u201c. Das alles wurde, von TV-Pate Wolfgang Rademann produziert, akribisch geschrieben, geprobt, f\u00fcr das Playback voraufgenommen und in riesigen Hallen performt.<\/p>\n<p>Peter Alexander hat zu Lebzeiten w\u00e4hrend 45 skandal- wie absturzfreier Karrierejahre in 38 Filmen gespielt, 156 Singles und 120 Langspielplatten allein in Deutschland 45 Millionen Mal verkauft. Man kann seine Kunst der netten Liedchen, Sketche, Parodien (am liebsten: Hans Moser) und Travestien (einmal spielte er die Queen, Queen Mum, Princess Margaret, Diana und Anne plus alle m\u00e4nnlichen Royals gleichzeitig) spie\u00dfig und muffig nennen, aber sie erreichte eine einzigartige Mehrheit von bis zu 84 Prozent der Deutschen bei seinen TV-Shows. Er surfte auf der Schlager-, Klamotten- wie Heimatfilmwelle bis hin zu den Paukerfilmen. <\/p>\n<p>Er hat sich nie auf diesem Polster zur\u00fcckgelehnt, er hat verl\u00e4sslich und immer gleich geliefert. In den Achtzigern gab es eine Umfrage, wonach Peter Alexander der Traummann der \u00d6sterreicherinnen w\u00e4re. Ein Sexualtherapeut erkl\u00e4rte das so: \u201eEr stellt f\u00fcr viele Frauen genau das dar, was der eigene Mann nicht ist. Er ist freundlich, charmant, gewaschen, gut angezogen. Er kommt mit Blumen ins Haus, auch wenn er gar keine in der Hand hat.\u201c<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/editorial.one\/editor\/welt\/article\/67ef168a5d8d663adcaa6273\/edit\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/editorial.one\/editor\/welt\/article\/67ef168a5d8d663adcaa6273\/edit&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Peter Alexander<\/a>, das war der ewig burschikose Frohsinn. Aber doch gab es, vielleicht war das sein b\u00f6hmisches Erbe m\u00fctterlicherseits, immer einen leisen, melancholischen Zug. Man schaue sich seine gar nicht immer so fr\u00f6hlichen Liedtitel an: \u201eIch z\u00e4hle t\u00e4glich meine Sorgen\u201c, \u201eHier ist ein Mensch\u201c, \u201eUnd manchmal weinst du sicher ein paar Tr\u00e4nen\u201c und die sich in die Geh\u00f6rg\u00e4nge fressende, aber eben auch ehrliche \u201eKleine Kneipe\u201c. Die in \u00d6sterreich \u201eDas kleine Beisl\u201c hie\u00df.<\/p>\n<p>Heute hat jedes M\u00f6chtegern-Model, das im Dschungelcamp Kakerlaken erbricht, einen Manager, einen Agenten und einen Pressesprecher. Peter Alexander, der wohl eine Weltkarriere h\u00e4tte machen k\u00f6nnen, aber es sich lieber im deutschen Film und Fernsehen bequem einrichtete, hatte nur seine Gattin Hilde. Die, genannt \u201eSchnurrdiburr\u201c, war sein Fels und sein Schutz, 51 Jahre waren sie verheiratet. Als sie 2003 starb, erlosch ein Gro\u00dfteil von ihm. Auch den Unfalltod seiner Tochter musste er erleben. In seinem Schmerz hat er auf Diskretion gedrungen und keine Homestorys zugelassen. Das machte ihn nur noch sympathischer. Vorn war immer Sonnenschein, die dunklen Schatten hinter den Jalousien in Wien-D\u00f6bling (auch sein Sohn ist inzwischen verstorben) gingen niemanden was an.<\/p>\n<p>Peter Alexander ist Mitte der Neunziger abgetreten, rechtzeitig und in W\u00fcrde: als feste Gr\u00f6\u00dfe deutscher Unterhaltungsgeschichte, der sich traumsicher zwischen Weltstars und Fernsehballett bewegte \u2013 weil f\u00fcr ihn und seine Formate im zielgruppenzersplitterten Fernsehen l\u00e4ngst kein Platz und auch kein Sinn mehr war. Zum 80. Geburtstag, als er sich freilich jede Ehrung verbat, da sah man ihn 2006 in einer TV-Hommage ein letztes Mal. Bei sich zu Hause am E-Piano, mit grauen Haaren, sang er \u201eDankesch\u00f6n\u201c. So wie es das Ritual in seinen Sendungen zum Jahresende war, die immer in einem Weihnachtslieder-Medley gipfelten. Ohne Showtreppe, ohne Glamour, und doch war auch dieses Mal wieder gleich die l\u00e4chelnd-sentimentale Peter-Alexander-W\u00e4rme da.<\/p>\n<p>All\u00fcre- und egofrei<\/p>\n<p>Peter Alexander, der \u201ePrater-Buffo\u201c, bei dem irgendwann die \u00f6ffentliche wie die private Existenz eins zu sein schienen, obwohl er mal ernsthafter Schauspieler, ein Crooner wie Frank Sinatra hatte werden wollen, er machte es sich in seinem K\u00e4fig als Gl\u00fccksbringer f\u00fcr den Eskapismus der Massen und asexueller gro\u00dfer Bubi mit dem netten Akzent bequem. Er blieb all\u00fcre- und egofrei, nie zynisch oder kontrovers, er hat keine H\u00e4me beschert. Er hat zweckfrei Freude bereitet. <\/p>\n<p>Unterhaltung, in der \u201edas Leben noch lebenswert ist\u201c, ja, auch der sch\u00f6ne, schon in seiner Hochzeit nostalgisch angegilbte Schein, wo angeblich \u201eniemand fragt, was du hast, wer du bist\u201c, das war sein Reich. Er war, wie passend f\u00fcr einen Wiener, Deutschlands letzter Kaiser auf der ganz gro\u00dfen Samstagabendshow-B\u00fchne. Dieser \u201ePeter Neumayer, der sich hinter Peter Alexander versteckt hat\u201c (so konstatierte es eine kluge Kollegin), er brachte eine Nation zum Lachen und ber\u00fchrte sie. Er war Conf\u00e9rencier (was heute Moderator hei\u00dft), S\u00e4nger, Darsteller, Gastgeber, Showmaster, Alleinunterhalter. Der letzte gl\u00fcckliche Entertainer eben.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Peter Alexander war glaubw\u00fcrdig, und selbst wenn er parodierte, stellte er nie blo\u00df. 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