{"id":1137257,"date":"2026-07-02T10:42:12","date_gmt":"2026-07-02T10:42:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1137257\/"},"modified":"2026-07-02T10:42:12","modified_gmt":"2026-07-02T10:42:12","slug":"karriere-eines-gemaeldes-wer-so-schaut-kann-doch-nur-ein-rembrandt-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1137257\/","title":{"rendered":"Karriere eines Gem\u00e4ldes: Wer so schaut, kann doch nur ein Rembrandt sein"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 2014 wurde ein Altmeisterbild mit einer biblischen Szene noch als anonymes Werk in K\u00f6ln versteigert. Ein H\u00e4ndler erkannte darin einen Rembrandt, lie\u00df forschen und restaurieren. Nun soll das Gem\u00e4lde in London Millionen bringen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Mit der Losnummer 21 versteigert das Londoner <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.sothebys.com\/en\/digital-catalogues\/old-master-19th-century-paintings-and-sculpture-evening-auction-l26033\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.sothebys.com\/en\/digital-catalogues\/old-master-19th-century-paintings-and-sculpture-evening-auction-l26033&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Auktionshaus Sotheby\u2019s<\/a> an diesem Mittwoch ein Altmeistergem\u00e4lde als Rembrandt. Der Sch\u00e4tzpreis f\u00fcr das dem Barock-Genie der Niederlande zugeschriebene Bibel-Motiv \u201eLasset die Kinder zu mir kommen\u201c betr\u00e4gt acht bis zw\u00f6lf Millionen Pfund. Die Geschichte hinter dieser Leinwand geh\u00f6rt eigentlich selbst auf die Leinwand. M\u00f6glicher Filmtitel: \u201eVom No-Name zum Superstar\u201c. Oder: \u201eWie wird man Rembrandt?\u201c Wir protokollieren die ungew\u00f6hnliche Karriere des Bildes.<\/p>\n<p>Sie beginnt Anfang 2014 mit einem Anruf bei Alice von Seldeneck, der Leiterin der Berliner Dependance des K\u00f6lner Auktionshauses Lempertz. Ein ihr unbekannter Herr stellt ihr am Telefon eine Frage: \u201eK\u00f6nnen Sie mal bei mir vorbeischauen? Ich h\u00e4tte vielleicht etwas Interessantes f\u00fcr Sie.\u201c Ein Abgesandter f\u00e4hrt zur angegebenen Adresse im Berliner Westen, zu einem eher schlichten Mietshaus. Was er sogleich erkennt, als man ihm ein unsigniertes Altmeisterbild zeigt: Es hat Potenzial \u2013 und besitzt als Zugabe das Gutachten eines fr\u00fcheren Berliner Museumsdirektors aus dem Jahr 1954, der das Werk dem Rembrandt-Sch\u00fcler Govert Flinck zugeschrieben hatte. Mehr wei\u00df der Besitzer, der es Jahre zuvor geerbt haben soll, nicht. Er tr\u00e4umt von lediglich ein paar Tausend Euro Erl\u00f6s.<\/p>\n<p>Alice von Seldenecks Mutter Mariana Hanstein, die Altmeister-Expertin des Familienunternehmens Lempertz und Gattin von Firmenchef Henrik Hanstein, \u00fcbernimmt das gro\u00dfformatige Bild (103 mal 86 Zentimeter) im K\u00f6lner Stammhaus. Weil sich die Zuschreibung an Flinck nach Befragung von Kunsthistorikern zerschl\u00e4gt, bietet Lempertz es unverf\u00e4nglich als \u201eNiederl\u00e4ndische Schule, Mitte des 17. Jahrhunderts\u201c an. Doch kaum ist der Katalog f\u00fcr die Auktion am 17. Mai 2014 online, sind Kenner und H\u00e4ndler elektrisiert.<\/p>\n<p>Zeigt der nach vorn dr\u00e4ngende Junge oben rechts auf dem Gem\u00e4lde nicht das Gesicht des 20-j\u00e4hrigen Rembrandt, das er bereits in jungen Jahren immer wieder von sich selbst gemalt und radiert hat? Sind nicht weitere Figuren bekannt von Drucken und Zeichnungen? Wie Rembrandts Vater im Hintergrund und die alte Frau, die man lange f\u00fcr Rembrandts Mutter hielt. Was noch keiner offen ausspricht: Handelt es sich um ein unbekanntes Fr\u00fchwerk des ber\u00fchmten <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/rembrandt\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/rembrandt\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Rembrandt van Rijn<\/a> (1606-1669)?  <\/p>\n<p>Kleine Tricks zur Ablenkung<\/p>\n<p>Davon ist einer jedenfalls sofort \u00fcberzeugt: Der Amsterdamer H\u00e4ndler Jan Six, in seiner Heimat prominent als Spross einer traditionsreichen Kaufmannsdynastie, deren Stammvater Jan Six I. einst ein enger Freund von Rembrandt war und von ihm portr\u00e4tiert wurde. Das Six-Gem\u00e4lde ist noch in Familienbesitz und unverk\u00e4uflich. Aber zur\u00fcck zum \u201eneuen\u201c Rembrandt. Mariana Hanstein erinnert sich: \u201eJan Six rief an und bat um einen Termin au\u00dferhalb der \u00f6ffentlichen Preview in K\u00f6ln. Auf seinen Wunsch suchten wir seine ausgew\u00e4hlten 15 Bilder heraus und stellten sie auf dem Rollwagen hin. ,Lasset die Kinder zu mir kommen\u2018 schaute er sich eher nebenbei an.\u201c<\/p>\n<p>Jan Six best\u00e4tigt gegen\u00fcber WELT AM SONNTAG seinen kleinen Ablenkungstrick: \u201eNat\u00fcrlich will man bei einer solchen Entdeckung kein Aufsehen erregen.\u201c<\/p>\n<p>Ein anderer Interessent f\u00fcr das Gem\u00e4lde meldet sich bei Lempertz f\u00fcr ein telefonisches Gebot. Aus Gr\u00fcnden der Tarnung nicht f\u00fcr das begehrte Teil, sondern f\u00fcr ein anderes Bild, das kurz vor dem entscheidenden Los 1174 an der Reihe ist. Der verbl\u00fcfften Mitarbeiterin sagt er w\u00e4hrend der Auktion am Telefon: \u201eAch, nein, f\u00fcr das angemeldete Los biete ich doch nicht. Aber lassen Sie mich in der Leitung.\u201c Um dann mitzuk\u00e4mpfen um den Rembrandt, der zu dem Zeitpunkt noch keiner ist.<\/p>\n<p>In einer anderen Leitung ist der New Yorker Kunsth\u00e4ndler Otto Naumann, und im Saal bietet ein Gesch\u00e4ftspartner von Six, der bei 1,5 Millionen Euro den Zuschlag erh\u00e4lt. Der Besitzer des Bildes in Berlin ist fassungslos vor Freude \u00fcber den unverhofften Geldsegen. Und Six hat zusammen mit namentlich nicht bekannten Investoren ein Gem\u00e4lde gekauft, das einen langen Weg vor sich hat. Der \u201eSchl\u00e4fer\u201c, wie nicht erkannte oder falsch eingesch\u00e4tzte Kunstwerke genannt werden, muss erst noch zum Rembrandt erweckt werden.<\/p>\n<p>Halleluja, ein Rembrandt!<\/p>\n<p>September 2018. Der Autor dieses Texts besucht Jan Six in dessen damaliger Galerie in der feinen Amsterdamer Herengracht vor dem inzwischen teilrestaurierten Bild. Die ersten \u00dcbermalungen aus sp\u00e4teren Jahrhunderten sind verschwunden. So steht die R\u00fcckenfigur eines Kindes neben Jesus Christus inzwischen ohne Kleidung da und zeigt uns den blanken Po.<\/p>\n<p>Auf die Frage, ob der Kunsthistoriker und Rembrandt-Papst Ernst van de Wetering (verstorben 2021) das Gem\u00e4lde akzeptiert habe, antwortet Six damals: \u201eJa, ich fragte ihn auch bei diesem Bild. Und nat\u00fcrlich ist es ein fantastisches Gef\u00fchl, wenn er sagt: \u201aJa, es ist ein Rembrandt.\u2018 Halleluja!\u201c<\/p>\n<p>Van de Weterings Zuschreibung wird jetzt im Sotheby\u2019s-Katalog als \u201em\u00fcndlich\u201c erw\u00e4hnt. Warum gibt es keine schriftliche Expertise? \u201eF\u00fcr die Aufnahmen zur Dokumentation \u201aMy Rembrandt\u2018 hat Ernst vor der Kamera drei Stunden lang auf akademische und sehr brillante Art erkl\u00e4rt, warum es ein eigenh\u00e4ndiges Werk ist. Leider wurden viele Passagen in dem Film herausgeschnitten. Ein Fehler. Aber das Video existiert ja\u201c, erkl\u00e4rt Six.<\/p>\n<p>2. November 2019. Das weiterhin noch nicht zu Ende restaurierte Gem\u00e4lde bekommt den Ritterschlag in der Ausstellung \u201eYoung Rembrandt\u201c in Leiden, der Heimatstadt des K\u00fcnstlers, und anschlie\u00dfend in Oxford. Es wird als Rembrandt pr\u00e4sentiert mit einem Text des Kurators Christiaan Vogelaar, der vermutet, dass es sich um ein nicht vollendetes Fr\u00fchwerk von circa 1627 handelt. Das auff\u00e4llige Kolorit passe zur Anfangsphase von Rembrandt. Nach dessen Umzug nach Amsterdam habe m\u00f6glicherweise ein anderer Maler wie etwa Claes Moeyaert Hand angelegt. <\/p>\n<p>Nach den Ausstellungen verschwindet das Bild wieder in der Amsterdamer Restauratorenwerkstatt und wandelt sich weiter. Zwei im Vordergrund dargestellte Kinder fallen der Abnahme zum Opfer, andere Figuren erscheinen in neuem Licht. \u201eDie letzten Jahre waren schwierig. Schicht um Schicht wurden \u00dcbermalungen abgetragen. Jeden Monat passierte etwas Neues. Die aktuelle Restaurierung der Rembrandt-Nachtwache im Rijksmuseum ist dagegen ein Kinderspiel\u201c, scherzt Six.<\/p>\n<p>Dass bei einigen Experten Zweifel herrschen, ob es sich tats\u00e4chlich um einen Rembrandt handelt und nicht um eine Collage mehrerer Rembrandt-Motive, kann Six \u00fcberhaupt nicht verstehen: \u201eDas ist idiotisch\u201c, schimpft er. \u201eWer diesen Rembrandt anzweifelt, kann gleich 80 Prozent aller Rembrandts anzweifeln. Nein! Das Bild wird seinen Platz in der Kunsttheorie finden. Es erkl\u00e4rt uns Rembrandt.\u201c<\/p>\n<p>Espresso zum Abschied<\/p>\n<p>Sotheby\u2019s versteigert das Gem\u00e4lde nun uneingeschr\u00e4nkt als von des Meisters Hand, inklusive m\u00f6glicher Provenienzangaben, die bis ins fr\u00fche 17. Jahrhundert reichen. Allerdings gibt es ein Zeitloch zwischen Amsterdam 1663 und Berlin 1954. Als aktueller Inhaber wird ein Trust angegeben. Hat Six daran Anteile, was geh\u00f6rt ihm noch von der Leinwand? Auf diese Frage schweigt er. Gesch\u00e4ftsgeheimnis.<\/p>\n<p>Bevor in London \u00fcber dem Los 21 der Hammer f\u00e4llt, ist das Werk bereits verkauft. Eine Garantie von nicht genannter Seite und H\u00f6he liegt vor. Das bedeutet: Der Garantiegeber erwirbt das Bild, wenn es in der Auktion das Limit nicht \u00fcbersteigt. Falls es teurer weggeht, partizipiert er \u00fcblicherweise an der Differenz \u00fcber dem Limit.<\/p>\n<p>Nach zw\u00f6lf Jahren wird Jan Six nun also Abschied nehmen von seinem \u201eBaby\u201c \u2013 auf seine spezielle Art: \u201eIch werde nach London fliegen und in aller Ruhe ohne Publikum zusammen mit meiner Lebensgef\u00e4hrtin Sarah einen Espresso vor dem Rembrandt trinken. Ihm Lebewohl sagen. So wie ich es bei jedem meiner Gem\u00e4lde tue.\u201c<\/p>\n<p>Von einem No-Name-Altmeister-Schinken aus einer Berliner Mietwohnung zum Glanzst\u00fcck einer bedeutenden Auktion in der Londoner New Bond Street \u2013 wie wird wohl die Karriere dieses Gem\u00e4ldes weitergehen?<\/p>\n<p>\u201eOld Master &amp; 19th Century Paintings and Sculpture Evening Auction\u201c, 1. Juli 2026, Sotheby\u2019s London<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Jahr 2014 wurde ein Altmeisterbild mit einer biblischen Szene noch als anonymes Werk in K\u00f6ln versteigert. 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