{"id":1140064,"date":"2026-07-03T14:03:20","date_gmt":"2026-07-03T14:03:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1140064\/"},"modified":"2026-07-03T14:03:20","modified_gmt":"2026-07-03T14:03:20","slug":"prognose-mittels-blutbild-unreife-immunzellen-zeigen-ueberlebenschancen-nach-einem-herzinfarkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1140064\/","title":{"rendered":"Prognose mittels Blutbild: Unreife Immunzellen zeigen \u00dcberlebenschancen nach einem Herzinfarkt"},"content":{"rendered":"<p>M\u00fcnster (upm\/kk) &#8211; Bei einem Herzinfarkt reagiert nicht nur das Herz, sondern auch das Immunsystem. Vor allem die neutrophilen Granulozyten, die h\u00e4ufigste Sorte wei\u00dfer Blutk\u00f6rperchen, werden in gro\u00dfer Zahl aus dem Knochenmark ins Blut ausgesch\u00fcttet. Im gesunden Zustand zirkulieren dort fast ausschlie\u00dflich reife Zellen. Steht der K\u00f6rper jedoch unter starkem Stress, etwa w\u00e4hrend eines Herzinfarkts, schickt das Knochenmark auch unreifere Vorstufen dieser Zellen in die Blutbahn. Das ist ein Zeichen daf\u00fcr, dass das Knochenmark im Ausnahmezustand arbeitet und bis auf seine fr\u00fchesten Reserven zur\u00fcckgreift. Dieser Vorgang ist seit fast einhundert Jahren bekannt, seine Bedeutung f\u00fcr den Krankheitsverlauf war jedoch bislang weitgehend unklar. Ein bisher ungel\u00f6stes Problem besteht darin, bereits bei der Aufnahme ins Krankenhaus zuverl\u00e4ssig und ohne aufw\u00e4ndige Zusatzuntersuchungen zu erkennen, welche Patientinnen und Patienten besonders gef\u00e4hrdet sind.<\/p>\n<p>Ein Forschungsteam um <a href=\"https:\/\/www.medizin.uni-muenster.de\/zmbe\/die-institute-des-zmbe\/inst-fuer-experimentelle-pathologie\/research\/research-group-prof-dr-dr-oliver-soehnlein.html\" target=\"_blank\" class=\"ext\" rel=\"nofollow noopener\">Prof. Oliver S\u00f6hnlein vom Institut f\u00fcr Experimentelle Pathologie<\/a> am Zentrum f\u00fcr Molekularbiologie der Entz\u00fcndung der Universit\u00e4t M\u00fcnster hat untersucht, wie stark diese \u201eNotfall-Mobilisierung\u201c von Neutrophilen bei verschiedenen akuten Erkrankungen ausgepr\u00e4gt ist und ob sich daraus R\u00fcckschl\u00fcsse auf den Krankheitsverlauf ziehen lassen. Dazu verglich das Team Patientinnen und Patienten mit Herzinfarkt, Herzschw\u00e4che und Schlaganfall. Es zeigte sich, dass das Ausma\u00df dieser Rekrutierung eng mit der Schwere der Erkrankung zusammenh\u00e4ngt. Je schwerer sie war, desto unreifere Vorstufen der Neutrophilen waren im Blut vorhanden. Sind die unreifsten dieser Vorstufen nachweisbar, ist das kurzfristige Sterberisiko deutlich erh\u00f6ht. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift \u201eNature Cardiovascular Research\u201c erschienen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Studie untersuchten die Forschenden Blutproben von \u00fcber 200 Patientinnen und Patienten, die an einem Herzinfarkt, Schlaganfall oder einer Herzschw\u00e4che erkrankt waren, sowie solche von gesunden Menschen. Mithilfe der hochaufl\u00f6senden spektralen Durchflusszytometrie bestimmten sie die verschiedenen Reifestadien der Neutrophilen. Dabei handelt es sich um ein Verfahren, mit dem sich einzelne Zellen im Blut anhand vieler Merkmale gleichzeitig pr\u00e4zise erfassen lassen. Die Freisetzung unreifer Zellen war am st\u00e4rksten ausgepr\u00e4gt beim \u201eST-Hebungsinfarkt\u201c. Bei dieser schwersten Form des Herzinfarkts ist ein Herzkranzgef\u00e4\u00df vollst\u00e4ndig verschlossen. Im Blut der betroffenen Patientinnen und Patienten fanden sich sogar sehr unreife Vorl\u00e4uferzellen, die sogenannten Preneutrophilen. Erg\u00e4nzend ma\u00dfen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Entz\u00fcndungsbotenstoffe im Blutplasma und fanden ein abgestimmtes Entz\u00fcndungsmuster, das die verst\u00e4rkte Zellmobilisierung begleitet.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr die Praxis bedeutsam ist, dass sich diese unreifen Zellen mit einem einfachen, in nahezu jeder Klinik verf\u00fcgbaren Differential-Blutbild erfassen lassen \u2013 dabei handelt es sich um eine Laboruntersuchung, die die genaue Zusammensetzung der wei\u00dfen Blutk\u00f6rperchen bestimmt\u201c, erkl\u00e4rt Erstautor und Doktorand Mathis Richter. \u201eMan kann sie dort als sogenannte unreife Granulozyten (IG) erkennen.\u201c Um die Aussagekraft dieses IG-Werts abzusichern, \u00fcberpr\u00fcften die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Befunde in zwei weiteren, voneinander unabh\u00e4ngigen Patientengruppen mit mehreren hundert Personen, darunter eine r\u00fcckblickende und eine vorausschauende Kohorte. Dabei sagte der IG-Wert das Sterberisiko innerhalb der ersten drei\u00dfig Tage besser voraus als etablierte Biomarker.<\/p>\n<p>Selbst bei Ber\u00fccksichtigung weiterer bekannter Risikofaktoren blieb der IG-Wert ein eigenst\u00e4ndiger Vorhersagewert. Das bedeutet, dass er Informationen liefert, die weit \u00fcber die bereits bekannten Risikofaktoren hinausgehen. \u201eWir waren \u00fcberrascht, wie deutlich sich die Schwere der Erkrankung im Reifegrad der freigesetzten Zellen widerspiegelt. Das Knochenmark greift bei einem schweren Herzinfarkt buchst\u00e4blich auf die letzte Reserve zur\u00fcck\u201c, betont Mathis Richter. Der Vorteil des Verfahrens liegt darin, dass keine teuren oder zeitintensiven Spezialanalysen n\u00f6tig sind. So k\u00f6nnten Hochrisiko-Patienten zum Zeitpunkt der Aufnahme in der Klinik erkannt und beispielsweise engmaschiger \u00fcberwacht werden.<\/p>\n<p>Bevor das Verfahren in die klinische Praxis einflie\u00dfen kann, muss der Vorhersagewert von IG in weiteren unabh\u00e4ngigen Patientengruppen best\u00e4tigt werden. Langfristig k\u00f6nnte dies dazu beitragen, gef\u00e4hrdete Menschen fr\u00fcher zu erkennen und gezielter zu versorgen. \u201eWir verstehen jetzt besser, dass das gesch\u00e4digte Herz und das Knochenmark eng miteinander kommunizieren. Welche Signale diese verst\u00e4rkte Zellaussch\u00fcttung genau ausl\u00f6sen, wollen wir als N\u00e4chstes kl\u00e4ren, denn darin k\u00f6nnten Ansatzpunkte f\u00fcr neue Behandlungen liegen\u201c, blickt Oliver S\u00f6hnlein nach vorn.<\/p>\n<p><strong>Beteiligung<\/strong><\/p>\n<p>Federf\u00fchrend waren das Institut f\u00fcr Experimentelle Pathologie (ExPat) am Zentrum f\u00fcr Molekularbiologie der Entz\u00fcndung (ZMBE) der Universit\u00e4t M\u00fcnster (Erstautor: Mathis Richter, Letztautor: Oliver S\u00f6hnlein) und die Klinik f\u00fcr Kardiologie I des Universit\u00e4tsklinikums M\u00fcnster. Weitere beteiligte Institutionen: Universit\u00e4tsklinikum D\u00fcsseldorf, LMU Klinikum M\u00fcnchen, Universit\u00e4tsklinikum Essen, Universit\u00e4tsklinikum Schleswig-Holstein\/L\u00fcbeck, Leibniz-Institut f\u00fcr Analytische Wissenschaften (ISAS), Medizinische Universit\u00e4t Innsbruck und weitere Institute der Universit\u00e4t M\u00fcnster (Medizinische Informatik, Epidemiologie und Sozialmedizin, Molekulare Tumorbiologie).<\/p>\n<p><strong>F\u00f6rderung<\/strong><\/p>\n<p>Die Studie erhielt finanzielle Unterst\u00fctzung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG; mehrere Sonderforschungsbereiche und Einzelf\u00f6rderungen, vor allem SFB TRR 332), die Leducq Foundation, Novo Nordisk, das EU-Doktorandennetzwerk PRAETORIAN, die Else-Kr\u00f6ner-Fresenius-Stiftung sowie die Medizinische Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t M\u00fcnster.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s44161-026-00836-0\" target=\"_blank\" class=\"ext\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\"><strong>Link<\/strong> zur Originalpublikation<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"M\u00fcnster (upm\/kk) &#8211; Bei einem Herzinfarkt reagiert nicht nur das Herz, sondern auch das Immunsystem. 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