{"id":1141161,"date":"2026-07-04T00:46:28","date_gmt":"2026-07-04T00:46:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1141161\/"},"modified":"2026-07-04T00:46:28","modified_gmt":"2026-07-04T00:46:28","slug":"zeuginnenschaft-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1141161\/","title":{"rendered":"Zeuginnenschaft \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man an einem sonnigen Tag auf die Kolonnadenstra\u00dfe und den angrenzenden Dorotheenplatz tritt, ist es leicht, den Ort ins Herz zu schlie\u00dfen. Ein \u00e4lterer Herr putzt seine Fensterl\u00e4den, unter ihm Caf\u00e9g\u00e4ste, die sich angeregt unterhalten. Gleichzeitig kennen die hier Wohnenden auch eine andere Realit\u00e4t: betrunkene M\u00e4nnergruppen in den Abendstunden und prek\u00e4res Leben in Sozialwohnungen oder auf der Stra\u00dfe. Mit diesen Facetten der \u00bbKolle\u00ab werden bereits viele Themen auf engstem Raum verhandelt. Ein weiteres soll nun mit dem Gedenkort gegen Femizide auf dem Dorotheenplatz hinzukommen. \u00dcber dessen Ausgestaltung will die Initiative Feministisches Gedenken, die aus Mitgliedern des Vereins Phia und der Leipziger Gruppe Keine Mehr besteht, in einer Veranstaltungsreihe mit der Anwohnerschaft, Expertinnen und Experten ins Gespr\u00e4ch kommen. <\/p>\n<p>Mit dem Begriff Femizid meint die Initiative die geschlechtsspezifische t\u00f6dliche Gewalt gegen Frauen oder FLINTA (Frauen,\u00a0Lesben,\u00a0intergeschlechtliche,\u00a0nicht-bin\u00e4re,\u00a0trans und\u00a0agender Personen). Laut Bundeskriminalamt wurden 2024 in Deutschland 308 Frauen und M\u00e4dchen get\u00f6tet, davon 191 durch Partner, Ex-Partner oder Familienmitglieder. Die Dunkelziffer d\u00fcrfte weit h\u00f6her sein. In Leipzig gab es in den letzten 15 Jahren 15 Femizide. Das Thema bleibt hier erschreckend aktuell: Dem Femizid an Susann K. in Reudnitz im August 2025 folgte im Mai die Amokfahrt in der Innenstadt, der h\u00e4usliche Gewalt und Frauenhass vorausgingen (s. kreuzer 6\/2026).<\/p>\n<p>Dass 2024 zum ersten Mal ein \u00bbBundeslagebild\u00ab von \u00bbgeschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichteten Straftaten\u00ab erschien, zeigt, wie wenig Sichtbarkeit dem Thema bisher zugekommen ist. Deshalb, so betont nun die Leipziger Initiative, sei ein Gedenkort wichtig. Geschlechtsspezifische Gewalt sei allt\u00e4glich \u00bbund genauso allt\u00e4glich soll das Thema hier in diesem Ort sichtbar sein\u00ab, sagt Franzi vom Verein Phia dem kreuzer. Im letzten Jahr beschloss der Leipziger Stadtrat, einen solchen Gedenkort mit k\u00fcnstlerischer Arbeit im \u00f6ffentlichen Raum zu realisieren. Der Beschlussvorschlag zum Haushaltsantrag kam von Stadtr\u00e4tinnen der Gr\u00fcnen, Linken, SPD und PARTEI. Daf\u00fcr wurden in das Erinnerungskultur-Budget der Stadt im Jahr 2025 zus\u00e4tzlich 40.000 Euro eingestellt. Weitere 100.000 Euro sollen dieses Jahr freigegeben werden \u2013 das beschloss der Stadtrat in seiner Sitzung Anfang Juli. Zum 8. M\u00e4rz 2027 m\u00f6chte die Initiative mindestens den Grundstein legen. Als Standort f\u00fcr den Gedenkort wurde der Dorotheenplatz entschieden, da ganz in der N\u00e4he auf der Kolonnadenstra\u00dfe bereits des Femizids an Sophia L. im Jahr 2018 gedacht wird. Die Stra\u00dfe selbst sei laut der Initiative f\u00fcr den Gedenkort zu sehr ein Durchgangsraum; auf dem anliegenden Platz sollen nach dessen Neugestaltung mehr intime Momente m\u00f6glich sein. <\/p>\n<p>Statt klassischer Symbole wie Kreuze oder Todesdaten solle der Dorotheenplatz \u00bbein Ort des Austausches, des Miteinander-Erlebens, der Ruhe, des Gedenkens und der Sch\u00f6nheit sein\u00ab, erkl\u00e4rt Klara Charlotte Zeitz. Sie ist im Vorstand des Vereins Phia und f\u00fcr die k\u00fcnstlerische Umsetzung des Gedenkorts verantwortlich. Sie sieht drei Ebenen vor: Eine Dachinstallation mit Schrift, bunte beschriftete Gl\u00e4ser an den Kolonnaden und eine Sitzstruktur direkt auf dem Platz. Eine Webseite soll Hintergrundinformationen zu geschlechtsspezifischer Gewalt und den Femiziden in Leipzig bereitstellen. K\u00fcnftig soll der Platz Start- und Endpunkt f\u00fcr Demonstrationen sein k\u00f6nnen oder f\u00fcr Workshops genutzt werden. Der Initiative sei es ein Anliegen, dass sich verschiedene Gruppen aktiv beteiligen und das Gedenken auf deren Weise aufgreifen. Daf\u00fcr bezieht sie im gesamten Entwicklungsprozess viele unterschiedliche Stimmen ein. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe gab es beispielsweise Anfang Juni eine Podiumsdiskussion mit Aktivistinnen und Mitwirkenden \u00e4hnlicher k\u00fcnstlerischer Projekte aus anderen St\u00e4dten. Abende wie diese geben Zeitz Kraft und zeigen Wertsch\u00e4tzung. Sie findet, dass der Begriff \u00bbZeuginnenschaft\u00ab gut passe, um genau dieses Gemeinschaftsgef\u00fchl zu beschreiben.<\/p>\n<p>Ein Femizid ist kein tragischer Einzelfall, kein Beziehungsdrama. Das soll der Gedenkort vermitteln und das betont auch Hanna von Keine Mehr: Bei Femiziden \u00bbist es immer noch die Aufgabe, zu politisieren, in die \u00d6ffentlichkeit und aus dem privaten Diskurs herauszuholen\u00ab. Diese \u00d6ffentlichkeit geh\u00f6rt auch mit den Anwohnerinnen und Anwohnern ausgehandelt \u2013 das wei\u00df die Initiative. Viele, die im Viertel leben, haben Bedenken, die sie zu Anke Schleper vom Buchladen Rotorbooks tragen. Sie ist in der nachbarschaftlichen Kolonnadenstra\u00dfe gut vernetzt. Nicht alle m\u00f6chten sich vor der eigenen Haust\u00fcr dieses schweren Themas annehmen, erz\u00e4hlt Schleper im Gespr\u00e4ch mit dem kreuzer. Sie findet aber: \u00bbIch glaube, da wird etwas verwechselt. Nicht der Ort ist die Zumutung, sondern die gesellschaftlichen misogynen und patriarchalen Strukturen\u00ab. Dass der Gedenkort nicht abschrecken solle und hier auch weiterhin Kaffee getrunken und mit Kindern gespielt werden k\u00f6nne, ist der Initiative wichtig zu betonen. Auf dem Dorotheenplatz solle es um das Leben gehen. Genau deshalb brauche es die Vermittlungsarbeit. Immer wieder zeigt sich die Initiative deswegen in dem Viertel pr\u00e4sent und bietet Raum f\u00fcr Gespr\u00e4che. Am 4. Juli findet daf\u00fcr ein Stra\u00dfenfest in der Kolonnadenstra\u00dfe statt. Alle Anwohnenden sind zu einer gro\u00dfen Tafel geladen und k\u00f6nnen ihre Ideen und Bedenken \u00e4u\u00dfern. F\u00fcr die Initiative ist klar: Feministisches Gedenken geschieht im Dialog. Es muss auf vielen Schultern getragen werden und ist ein wohl nie abgeschlossener Prozess.\u00a0<\/p>\n<p>&gt; Kolonnadenstra\u00dfenfest: 4.7., ab 15 Uhr mit Kaffeetrinken, Lesung bei Rotorbooks, Tischgespr\u00e4ch und Essen, Musik von ANTR<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wenn man an einem sonnigen Tag auf die Kolonnadenstra\u00dfe und den angrenzenden Dorotheenplatz tritt, ist es leicht, den&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1141162,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[3364,11351,3536,29,25626,30,71,859],"class_list":["post-1141161","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-de","tag-denkmal","tag-denkmalschutz","tag-deutschland","tag-femizide","tag-germany","tag-leipzig","tag-sachsen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116858951221142361","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1141161","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1141161"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1141161\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1141162"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1141161"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1141161"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1141161"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}