{"id":1141287,"date":"2026-07-04T02:04:05","date_gmt":"2026-07-04T02:04:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1141287\/"},"modified":"2026-07-04T02:04:05","modified_gmt":"2026-07-04T02:04:05","slug":"faszination-wirtschaftsgeschichte-ein-plaedoyer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1141287\/","title":{"rendered":"Faszination Wirtschaftsgeschichte: Ein Pl\u00e4doyer"},"content":{"rendered":"<p>                    <strong>Dies ist ein Pl\u00e4doyer \u2013 daf\u00fcr, sich mit Wirtschaftsgeschichte, mit Unternehmensgeschichte zu besch\u00e4ftigen. Und die Gr\u00fcnde liegen nicht nur im N\u00fctzlichen.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die \u00fcblichen Gr\u00fcnde: Lehren f\u00fcr die Gegenwart aus der Geschichte gewinnen, gerade in Zeiten der Transformation. Als Traditionsunternehmen mit Geschichte werben. Identit\u00e4t schaffen, mit einem Unternehmen oder einer Region. Derlei N\u00fctzliches braucht man in Deutschland offenbar, um zu begr\u00fcnden, warum man sich mit Wirtschafts-, Unternehmens-, Industriegeschichte befasst. Und oft genug ziehen selbst diese Argumente nicht, das zeigt die Erfahrung: Das Thema hat es nicht leicht. Aber Wirtschaftsgeschichte bietet eben nicht nur das. Sondern auch Geschichten. Und Faszination, Freude, Begeisterung.<\/p>\n<p><strong>Der Reiz des Authentischen<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst: Wirtschafts- und Industriegeschichte hat einen Reiz an sich. Jedenfalls f\u00fcr mache. Es gibt Menschen, die sind einfach von dem begeistert, was Unternehmen in der Vergangenheit gemacht haben. F\u00fcr manche sind die Mauern alter Fabrikhallen nicht nur Mauern. Sondern Br\u00fccken in die Vergangenheit. Oder was bringt Menschen dazu, Zeit und Energie aufzubringen, um Industriegeschichte lebendig zu halten? Es ist der Reiz des Authentischen, f\u00fcr manche: die Magie eines Ortes. Und das ist nicht \u00fcbertrieben.<\/p>\n<p>Dazu z\u00e4hlen auch, vielleicht sogar ganz besonders, die verlassenen Orte, die lost places, vergessene, aber nichtsdestoweniger oft gro\u00dfartige Architektur. Geschichte ist eben nicht Vergangenheit: Hier war es, genau hier. Hier arbeiteten Menschen. Standen \u2013 oder stehen noch \u2013 Werkshallen und Fabriken. Wurden Lokomotiven gebaut, Waggons, Stra\u00dfenbahnen, Autos, Traktoren, Flugzeuge. Metall gegossen. Motoren gebaut. Salz und Seife hergestellt. Das alles \u00fcbrigens auf nur einem Teil Lindener Industriegel\u00e4ndes in Hannover, damals Industriedorf, heute Teil der Landeshauptstadt.<\/p>\n<p>Da werden B\u00fccher zur Industriegeschichte geschrieben und Manuskripte, die noch in Schubladen liegen. Es gibt ganze Bibliotheken, die im privaten Rahmen aufgebaut wurden. Da wird die Erinnerung an Unternehmen wach gehalten, das pr\u00e4gend waren f\u00fcr einen Ort. Oder ein Museum als Erinnerungsort eingerichtet. In gro\u00dfem Umfang fotografiert. Informationstafeln werden aufgeh\u00e4ngt, nur um zu zeigen: Hier genau war es, hier wurde produziert, gearbeitet, entwickelt. Und das alles au\u00dferhalb der Profi-Szene der Universit\u00e4ten, Archive und \u00f6ffentlichen Museen.<\/p>\n<p>Und dann ist da noch diese tiefe Kluft: Zwischen denen, die an Technikgeschichte interessiert sind und damit \u2013 fast \u2013 unvermeidlich auch Industriegeschichte erforschen. Auf die aber die akademisch-klassisch-gesellschaftlich ausgerichteten Historiker und Historikerinnen gerne mal herabsehen: Eine Bezeichnung wie \u201ePufferk\u00fcsser\u201c deutet da fast noch auf eine gewisse Kenntnis der Szene hin. Aber wenn man es schafft, einen klassischen Rennwagen wiederaufzubauen, dann geht das nur mit der Begeisterung f\u00fcr den Reiz des Authentischen \u2013 und riesigem Einsatz.<\/p>\n<p><strong>Wissen, was war<\/strong><\/p>\n<p>Hannover hat es nicht leicht. Jedenfalls, was die Industriegeschichte betrifft. Wichtige, die Stadt \u00fcber viele Jahrzehnte pr\u00e4gende Unternehmen gibt es entweder gar nicht mehr, nicht mehr hier oder nicht mehr in dieser Form. Hanomag, Pelikan, Sprengel, um drei gro\u00dfe Namen in den Raum zu werfen. Noch ein Beispiel: Die Preussag wurde in einem ganz besonderen, einzigartigen Prozess zur TUI. Damit fallen sie f\u00fcr die Bewahrung von Unternehmens- und Industriegeschichte ganz oder teilweise aus. Die Hanomag-Geschichte etwa wird unabh\u00e4ngig vom Unternehmen \u2013 heute Komatsu \u2013 von Technik-Enthusiasten gepflegt.\u00a0<\/p>\n<p>Hannover, wie Niedersachsen insgesamt, gehe nachl\u00e4ssig mit seiner Industrie-, seiner Wirtschaftsgeschichte um, hei\u00dft es immer wieder. Manche sprechen von einem blinden Fleck. Belegen l\u00e4sst sich das ohne Weiteres nicht, dazu m\u00fcsste man Vergleiche anstellen mit anderen St\u00e4dten und Regionen. Und es ist ja nicht so, dass es nichts gibt. Umfassende Ver\u00f6ffentlichungen zuletzt \u00fcber Bahlsen und Continental, zuvor \u00fcber Madsack, Sprengel, Appel, die VGH, Pelikan. Das Buch von Hans Mommsen und Manfred Grieger \u00fcber die Zwangsarbeit bei Volkswagen gilt als bahnbrechend. Es gibt Monografien zur hannoverschen Industrie, beginnend mit der von Paul Hirschfeld 1891. Viele Kurzbeitr\u00e4ge gehen zur\u00fcck auf Waldemar R\u00f6hrbein, den ehemaligen Direktor des Historischen Museum, und den ebenso ehemaligen Stadtarchivar Klaus Mlynek. Auch aus der IHK Hannover gibt es die eine oder andere Ver\u00f6ffentlichung. Vor allem aber ist eine umfangreiche Dissertation zu ihrer Geschichte unterwegs. Die Liste ist keineswegs vollst\u00e4ndig, und f\u00fcr Niedersachsen k\u00f6nnte man eine \u00e4hnliche aufstellen: Sartorius, Salzgitter, Lemf\u00f6rder Metallwaren, oft in anl\u00e4sslich von Jubil\u00e4en. Zuletzt etwa 200 Jahre Volksbank im Harz. Aber ist das jetzt mehr oder weniger als anderswo?<\/p>\n<p>Vielleicht liefern die Wirtschaftsarchive Hinweise, um diese Frage zu beantworten. Das <a href=\"https:\/\/www.ndswa.de\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nieders\u00e4chsische Wirtschaftsarchiv <\/a>wurde 2005 gegr\u00fcndet. Erst 2005 und eben nicht in Hannover, sondern in Wolfenb\u00fcttel. Beides k\u00f6nnte durchaus daran liegen, dass Wirtschaftsgeschichte vor 20 Jahren und auch davor kein Thema war: Wichtig ist nur jetzt.<\/p>\n<p>Insbesondere Nordrhein-Westfalen liegt da anders. Das Rheinisch-Westf\u00e4lische Wirtschaftsarchiv in K\u00f6ln, das \u00e4lteste dieser Art in Deutschland, entstand 1906 und damit rund 100 Jahre vor dem nieders\u00e4chsischen. Und neben dem RWWA gibt es in Nordrhein-Westfalen noch ein weiteres: das Westf\u00e4lische Wirtschaftsarchiv in Dortmund, seit 1941. Zugegeben, die Wirtschaftsarchive in anderen Bundesl\u00e4ndern sind weit j\u00fcnger als diese beiden. Aber Niedersachsen ist der Nachz\u00fcgler.<\/p>\n<p>Das 1905 in Hannover gegr\u00fcndete Handels- und Industriemuseum der Handelskammer Hannover, Mitte der 1930er Jahre vollkommen neu gestaltet und 1943 zerst\u00f6rt, z\u00e4hlt da h\u00f6chstes zum Teil: Es zeigte \u2013 \u00e4hnliche wie etwas kleiner in Hildesheim &#8211; zun\u00e4chst eine warenkundliche Ausstellung, vielleicht auf Basis einer Sammlung des Gewerbevereins, und sp\u00e4ter die aktuelle Wirtschaft in der Provinz Hannover. Wirtschaftsgeschichte d\u00fcrfte eher weniger Thema gewesen sein: Wichtig war die Gegenwart. Warum sich mit Vergangenem besch\u00e4ftigten?<\/p>\n<p>Warum also?<\/p>\n<p><strong>Industrie-Kultur und Standort-Stolz<\/strong><\/p>\n<p>Das Ruhrgebiet, Deutschlands gr\u00f6\u00dfte Stadtlandschaft, nutzt das Erbe der Kohle- und Stahlindustrie ausdr\u00fccklich. Entlang der Route der Industriekultur wird deutlich, was diesen Teil Westfalens verbindet. Zeche Zollverein, Villa H\u00fcgel, Schiffshebewerk Henrichenburg. Der Duisburger Innenhafen bietet inzwischen Raum f\u00fcr B\u00fcro oder Bistro, sprich Gewerbe und Gastronomie. Auch der Gasometer in Oberhausen geh\u00f6rt dazu, und das muss man erstmal schaffen: als Industriedenkmal besungen werden. Von den Kabarettistinnen Gerburg Jahnke und Stephanie \u00dcberall: \u201eSteh\u00dfe auf\u00b4m Gasometer im Sturmesbrausen und alles watte siehs is Oberhausen.\u201c Was der Autor Frank Goosens an anderer Stelle kongenial kommentierte: Oberhausen? \u201eN\u00e4, sch\u00f6n is dat nich. Abba meins.\u201c<\/p>\n<p>Was bedeutet: F\u00fcr Standort-Verbundenheit, um nicht zu sagen: Standort-Stolz, braucht man keine Sch\u00f6nheit. Das wird gerade in Hannover gerne \u00fcbersehen, wo allzu schnell diese Einsch\u00e4tzung akzeptiert wird: \u201eNicht sch\u00f6n. Aber gr\u00fcn.\u201c<\/p>\n<p>Nur gr\u00fcn? Nicht sch\u00f6n? Es ist ein Gl\u00fccksfall f\u00fcr Hannover, dass mit Bahlsen eines der bekanntesten Unternehmen Hannovers vor Jahren wieder in die Traditionsgeb\u00e4ude im Stadtteil List zur\u00fcckgekehrt ist. Das nicht weit entfernte Pelikan-Viertel steht nicht nur f\u00fcr ein Industriequartier, das heute vielf\u00e4ltig genutzt wird: Mit dem Tintenturm bietet es Erinnerungsort an ein bedeutendes Unternehmen, das nicht nur herstellte, womit man schreiben lernte. Sondern wo auch \u00fcber Jahrzehnte festgelegt wurde, wie man im Westen Deutschlands schreiben lernte. Bedeutend unter den 50er-Jahre-Bauten: die Nord\/LB-Zentrale. Und wer wei\u00df noch, warum an der pr\u00e4chtigen Fassade einer anderen gro\u00dfen deutschen Bank in Hannover gro\u00df Hannoversche Bank steht?<\/p>\n<p>Weder der Bank-Bau noch der Bahlsen-Stammsitz noch das Pelikan-Viertel haben es \u00fcbrigens in die geschichte-unterwegs.app des Historischen Museums geschafft. Bei der gerade vorgestellten hanno.guide ist immerhin eine Medien-Tour geplant, die dann sicher zum grandiosen und auch architekturhistorisch bedeutenden Anzeiger-Hochhaus f\u00fchrt. Immerhin.<\/p>\n<p>Und in der Region? Nat\u00fcrlich das Unesco-Welterbe Fagus-Werk in Alfeld, der Gropius-Fabrikbau. Die M\u00f6belindustrie in der Deister-S\u00fcntel-Region hat in Eimbeckhausen ein Stuhlmuseum. Glasindustrie entlang der Weser, Papierherstellung bis zur\u00fcck ins 16. Jahrhundert in Dassel, Porzellan aus F\u00fcrstenberg seit fast 280 Jahren: Es gibt sie also, die Verbindung von Industriegeschichte und Kultur. Wer es sehen will, sieht es. Zum Beispiel der Kalibergbau. So bedeutend in der Region, dass in Hildesheim in den 1920er Jahren daf\u00fcr eigens ein deutschlandweites Museum eingerichtet werden sollte. Kali-Halden findet man noch einige in der Region. Im Ruhrgebiet, entlang der Route der Industriekultur, sind die Halden inzwischen Aussichtspunkte.<\/p>\n<p><strong>Transformation: Im Fluss der Zeit<\/strong><\/p>\n<p>Noch einmal ins Ruhrgebiet: \u201eTransformation ist das gro\u00dfe Thema der Manifesta16, und so passt es, dass die Er\u00f6ffnungsfeier an einem Ort stattfindet, der daf\u00fcr steht wie kaum ein anderer: der Zeche Zollverein in Essen.\u201c Das schreibt die Journalistin Elke Buhr im Kunstmagazin Monopol. Manifesta, das ist eine Kunstausstellung, eine \u201eWanderbiennale\u201c. Schaupl\u00e4tze sind Kirchen. Aber beim gro\u00dfen Manifesta-Thema Transformation kommt man im Ruhrgebiet um die Industrie nicht herum. Dort hat man einen Strukturwandel hinter sich, den andere Regionen noch vor sich haben. Stichwort Automobilindustrie.<\/p>\n<p>Auch wenn man sich in Hannover-Linden die dort gerade angebrachten Tafeln am Orpil-Fabrikgel\u00e4nde ansieht, hat man die Transformation buchst\u00e4blich vor Augen. Lindener Eisen und Stahl, Saline Georgenhall, Hannoversche Baugesellschaft \u2013 verschwunden, und das Jahrzehnte, bevor der Name Hanomag aus dem Handelsregister verschwand. Hanomag: Der Name prangt aber auf der Fabrikhalle, die vor 100 Jahren f\u00fcr den Schlepper- und Autobau errichtet wurde \u2013 gut sichtbar von der Bahn aus, erinnert der Schriftzug daran, was hier war, auf einem riesigen Areal, dessen viele Geb\u00e4ude heute ganz anders genutzt werden. Verschwunden ist aber die Pelikan-Leuchtschrift, der lange Reisende am hannoverschen Hauptbahnhof begr\u00fc\u00dfte. Und wer an der richtigen Stelle zu den D\u00e4chern der hannoverschen Innenstadt hochblickt, sieht eine ehemals leuchtende Neon-Eule: Markenzeichen einer Tapetenfabrik genau hier. Nahezu nichts blieb von der lange f\u00fcr die Stadt so wichtigen Textilindustrie. Dort steht heute das Ihme-Zentrum. Erlebbar ist der industrielle Wandel dort nicht, stattdessen die Probleme eines architekturhistorischen Vorzeigebaus. Und auch von der Hanomag gibt au\u00dfer dem weithin sichtbaren Schriftzug trotz vieler Geb\u00e4ude wenig Greifbares. Hei\u00dft unter dem Strich: Man setzt wohl mehr auf Zufall und das Engagement der Begeisterten, um den Wandel festzuhalten.<\/p>\n<p>Transformation ist also nicht nur heute ein Thema. Sondern war es immer schon. Wirtschafts-, Industriegeschichte machen den Wandel erlebbar. Schumpeters Begriff der sch\u00f6pferischen Zerst\u00f6rung zum Anfassen, sozusagen. Und auch das wird deutlich: Hauptsache, es kommt \u00fcberhaupt etwas Sch\u00f6pferisches nach.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/assets.coco-online.de\/89141783066831-jVt9493p\/industrie-linden-1900-klein-003_large_w.jpg\" data-lightbox=\"1783130640\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"aspect-ratio:768\/575;\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/industrie-linden-1900-klein-003_medium_w.jpg\" alt=\"Historische Karte der gr\u00f6\u00dften Fabriken in Linden um 1900\" title=\"Industrie in Linden 1900 \u2013 Karte der gr\u00f6\u00dften Fabriken und Standorte\" data-media-id=\"327257\" width=\"768\" height=\"575\"\/><\/a>Das Industriedorf: Lindens Industrie um 1900, erstellt von Andreas Kleine.<\/p>\n<p>Kein Wunder, das Transformation auch ein gro\u00dfes Thema der akademischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte ist. Ausdr\u00fccklich etwa am traditionsreichen Lehrstuhl der Uni G\u00f6ttingen von Hartmut Berghoff. Klar, es geht ausdr\u00fccklich darum, aus der Vergangenheit f\u00fcr das heute zu lernen. Was in Deutschland aber weniger ausgepr\u00e4gt scheint als in anderen L\u00e4ndern. Berghoffs W\u00fcrzburger Kollege Jan-Otmar Hesse beklagte gerade erst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dass Deutschland hier schw\u00e4chelt und eine f\u00e4cher\u00fcbergreifende Sicht nahezu nicht vorhanden ist.<\/p>\n<p><strong>Gute Unterhaltung \u2013 auch das\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wirtschafts-, Unternehmens-, Industriegeschichte sind voll von schweren Themen. Zwangsarbeit aufarbeiten, Verstrickung aufdecken. Krisenerfahrungen f\u00fcr heutige Krisen nutzbar machen. \u201cLehren f\u00fcr die Gegenwart\u201d &#8211; das steht auch \u00fcber Jan-Otmar Hesses Beitrag in der in der Sonntagszeitung. Ist alles richtig. Muss getan werden. Jeder einzelne Gedenkort erinnert zu Recht daran, dass dort Menschen gelitten haben und gestorben sind.<\/p>\n<p>Je \u00e4lter ein Unternehmen ist, desto mehr mehr sind Schuld und Verfehlung, Ausbeutung und Leid verflochten mit unternehmerischem Mut und Erfolg, Innovation, Entwicklung und wirtschaftlicher Bedeutung eines Standorts, oder anders gesagt, mit Transformation. Entst\u00fcnde also der Eindruck, dass es in erster Linie oder allein um die dunklen Seiten einer Unternehmensgeschichte geht, w\u00e4re das ungleichgewichtig.<\/p>\n<p>Eine Balance allerdings ist wohl auch nicht einfach zu erreichen. Vielleicht am Beispiel der Bahlsen-Geschichte, in der Hartmut Berghoff und Manfred Grieger ausgehend einer von \u00f6ffentlichem Druck ausgel\u00f6sten Untersuchung der Zwangsarbeit im Unternehmen eine Entwicklungsgeschichte des Keks- und Geb\u00e4ckherstellers geschrieben haben. Und manchmal ist die Verflechtung nicht mehr zu entwirren. Das zeigte die die Vorstudie zu Fritz Beindorff, Pelikan-Chef und von 1917 bis 1921 IHK-Pr\u00e4sident in Hannover.\u00a0<\/p>\n<p>Aber da ist noch etwas. Gerade Industriegeschichte hat nicht nur einen Reiz an sich, sondern kann &#8211; auch &#8211; hoch unterhaltsam sein. Vor allem aber bietet sie nicht nur Geschichte, sondern Geschichten. Gesehen hat das zum Beispiel <a href=\"https:\/\/martha-sophie-marcus.de\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Martha Sophie Marcus <\/a>mit ihren beiden Novemberrosen-Romanen. Schon der Klappentext reicht, um zu sehen, in welche Richtung sie zielt: Es geht um eine der f\u00fcnf T\u00f6chter des hannoversche Lokomotiv-Fabrikanten Georg Brinkhoff. Und zielt damit, auch wenn wohl mehr Liebes- und Beziehungsdinge im Mittelpunkt stehen, auf eine ungekl\u00e4rte Unternehmensnachfolge. Denn Vorbild ist die Familie des Hanomag-Gr\u00fcnders Georg Egestorff, dessen einziger Sohn fr\u00fch starb. Vielfach-Unternehmer Fritz Hurtzig, Mitgr\u00fcnder der Ilseder H\u00fctte, Zuckerfabrikant, Salinendirektor, Aufsichtsratsmulti, beteiligt an der Gr\u00fcndung des Deutschen Handelstags, treibende Kraft bei der Entstehung der hannoverschen Handelskammern, Gr\u00fcnder der Hannoverschen Brotfabrik, des heutigen Harry-Standorts, folgte seinem Onkel an der Spitze des Firmenverbunds eben nicht. Daf\u00fcr Schwiegers\u00f6hne Egestorffs. Mit offenkundig \u00fcberschaubarem Erfolg: Nach Johann und Georg Egestorff war die Gr\u00fcnderfamilie mit der dritten Generation raus aus der sp\u00e4teren Hanomag. Auf diesem historischen Hintergrund lassen sich nicht nur Romane erz\u00e4hlen: Allein die Fakten ergeben schon eine gute Geschichte.<\/p>\n<p>Oder: Was passiert, wenn ein D\u00fcsseldorfer Seifen- und Waschmittelhersteller namens Henkel merkt, dass es in Hannover einen Seifen- und Waschmittelhersteller gleichen Namens gibt? Wie verliert sich eine M\u00f6belfabrikanten-Familie im aufkommenden Nationalsozialismus? Was verbindet die Familie Anne Franks mit der nieders\u00e4chsischen Wirtschaft?<\/p>\n<p>Geschichten aus der Wirtschaft finden Interesse. Eines der fr\u00fchesten, allerdings nicht historischen, daf\u00fcr komplett fiktiven Beispiele ist das des gro\u00dfen Bellheim, 1993 vierteilig verfilmt mit dem Schauplatz Hannover und dem j\u00fcngst verstorbenen Mario Adorf in der Hauptrolle. Zuletzt ging es ebenfalls in einem Vierteiler um das schwarze Gold, die \u00d6lf\u00f6rderung in der Heide. Aenne Burda, die Wirtschaftswunderfrau: Ebenso verfilmt wie die Lebensgeschichte von Margarete Steiff. Oder die von Levi Strauss, als Vierteiler.<\/p>\n<p>Noch mehr Stoff, das sei mal einfach so in den Raum gestellt, bietet die Geschichte um eine Motorenkonstrukteur, der seinen Halbbruder, einen Kunsthistoriker, nach Hannover holt. Erster Weltkrieg und danach, der eine baut Flugzeuge, der andere Museumskonzepte. Beide verschl\u00e4gt es sp\u00e4ter in die USA, zwischenzeitlich hilft der Ingenieur, dass vier Studenten aus Hannover heraus auf der Wasserkuppe den Segelflug revolutionieren. Technische Entwicklungen, wirtschaftliche Interessen, pers\u00f6nliche Beziehungen \u2013 au\u00dferdem brennt es regelm\u00e4\u00dfig auf dem Gel\u00e4nde, der Rote Baron war auch mal da, und wenn man will, kann man noch die Geschichte eines Kunstradfahrers einbauen, der vorgibt, indianischer Herkunft zu sein.<\/p>\n<p>Industriegeschichte, reich an Geschichten. Reicht, oder?<\/p>\n<p><strong>Mit Geschichte werben<\/strong><\/p>\n<p>Furchtbarer Begriff: History Marketing. Aber regelm\u00e4\u00dfig als einer der wichtigsten Gr\u00fcnde genannt, warum sich Unternehmen mit der eigenen Geschichte besch\u00e4ftigen sollten. Neben Belegen f\u00fcr etwaige Rechtsstreitigkeiten, Immobilienfragen oder Erbangelegenheiten.<\/p>\n<p>Man hat nur Geschichte, wenn man sie kennt: Das Etikett Traditionsunternehmen reicht nicht aus. Wusste zum Beispiel Christian Hinsch, der 2021 fr\u00fchere Pr\u00e4sident der IHK Hannover. Und richtete in der heutigen HDI-Zentrale in Hannover einen Geschichtsort ein, museales Festhalten der Unternehmensgeschichte.<\/p>\n<p>Was gar nicht so einfach ist, wenn ein Unternehmen wie eine Versicherung vor allem Immaterielles herstellt. F\u00fcr einen Autohersteller ist das leichter. Volkswagen hat in der Autostadt ein Museum, bietet aber noch mehr: Das Unternehmensarchiv verzeichnet etwa 6000 Anfragen pro Jahr: Auch eine Form des History Marketings. Eine vergleichbare Zahl ist zum Beispiel f\u00fcr das Archiv der Continental nicht \u00f6ffentlich bekannt, obwohl auch hier neben der Unternehmensgeschichte sowohl Sport als auch Technik im Spiel sind. Und Erich Maria Remarque, mit seiner kurzen Zeit als Redakteur der Continental-Unternehmenszeitschrift.<\/p>\n<p>Klar, Jubil\u00e4en sind der regelm\u00e4\u00dfige Anlass, selbst ins eigene Archiv zu steigen. Und wom\u00f6glich gibt es in Deutschland mehr Unternehmensarchive, als man denken k\u00f6nnte. Allerdings begibt man sich damit auch auf eine Gratwanderung zwischen eigenst\u00e4ndiger Geschichtsaufarbeitung und historisch-kritischer Analyse. Das l\u00e4sst sich beobachten, wenn die Dissertation zur Geschichte der IHK Hannover vorliegt, die einem Geschichtsbild aufr\u00e4umen d\u00fcrfte, die von der Industrie- und Handelskammer selbst aufgebaut, lange gepflegt und weitergetragen wurden. Wenn aber Vorstellungen im Unternehmen auf historisch-wissenschaftlichen Anspruch prallen, dann werden schnell T\u00fcren zugeschlagen. Notwendig ist dagegen vielmehr ein gegenseitiges Verst\u00e4ndnis aller, die \u2013 aus welchen Gr\u00fcnden auch immer \u2013 im Bereich der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte unterwegs sind. Im besten Fall baut das eine auf dem anderen auf: akademisch akzeptiertes Herangehen auf der vielf\u00e4ltiger, eigenst\u00e4ndiger Besch\u00e4ftigung mit Geschichte.<\/p>\n<p><strong>Und schlie\u00dflich: Haltung<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/assets.coco-online.de\/89141780644152-egHJg9yT\/nw-80-jahre-logo_large_w.jpg\" data-lightbox=\"1783130640\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"image-style-align-left image_resized\" style=\"aspect-ratio:295\/295;width:20.35%;\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/nw-80-jahre-logo_medium_w.jpg\" alt=\"NW 80 Jahre Jubil\u00e4umslogo in Blau und Gr\u00fcn\" width=\"295\" height=\"295\" title=\"NW 80 Jahre Logo \u2013 Jubil\u00e4umsemblem zum 80-j\u00e4hrigen Bestehen\" data-media-id=\"316385\"\/><\/a><\/p>\n<p>Diese Zeitschrift, die Nieders\u00e4chsische Wirtschaft, in deren Online-Magazin Sie gerade diesen Beitrag lesen, blickte im Mai 2026 auf 80 Jahre ihres Bestehens zur\u00fcck. Die ersten Ausgaben kommenziemlich n\u00fcchtern daher. \u201eTatsachen \u2013 Pl\u00e4ne \u2013 Hoffnungen\u201c, so ist der erste Leitartikel der Nieders\u00e4chsischen Wirtschaft \u00fcberschrieben. Er stammt mutma\u00dflich vom <a href=\"https:\/\/nw-ihk.de\/ihk\/80-jahre-nw-zu-beginn-ein-praegender-kopf\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">ersten Chefredakteur Johannes Niggemann<\/a>. Aber erst, wenn man das heute leicht im Internet verf\u00fcgbare <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=XiuTOz0uaGg\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Filmmaterial aus Hannover ab 1945 <\/a>betrachtet, wird deutlich, unter welchen Umst\u00e4nden das \u00fcberhaupt geschah. Menschen, deren Lebensplan noch wenige Jahr zuvor auf keinen Fall vorsah, in einer Tr\u00fcmmerlandschaft nach einem Neuanfang suchen zu m\u00fcssen, taten genau das: Am Boden der Tatsachen, moralisch wie materiell angekommen, trotzdem wieder Pl\u00e4ne zu machen, um Hoffnungen folgend trotz allem weitermachen. Und dann bekommt das, was f\u00fcr Niggemann die wesentliche Quelle f\u00fcr Zuversicht ist, eine ganz andere Bedeutung: Es geht nur gemeinsam, \u201eund wenn etwas hoffnungsfreudig stimmen kann, so ist es die Feststellung, da\u00df die gemeinschaftsbildenden und gemeinschaftsbejahenden Kr\u00e4fte in allen Teilen unserer Wirtschaft heute die \u00f6ffentliche Meinung und alle ma\u00dfgebenden Faktoren beherrschen.\u201c Das erschien im Mai 1946. Kein schlechter Fingerzeig f\u00fcr heute. Auch das kann die Besch\u00e4ftigung mit Wirtschaftsgeschichte leisten.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dies ist ein Pl\u00e4doyer \u2013 daf\u00fcr, sich mit Wirtschaftsgeschichte, mit Unternehmensgeschichte zu besch\u00e4ftigen. 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