{"id":1142733,"date":"2026-07-04T16:37:29","date_gmt":"2026-07-04T16:37:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1142733\/"},"modified":"2026-07-04T16:37:29","modified_gmt":"2026-07-04T16:37:29","slug":"250-jahre-unabhaengigkeit-zehn-schluesseltexte-um-die-usa-zu-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1142733\/","title":{"rendered":"250 Jahre Unabh\u00e4ngigkeit: Zehn Schl\u00fcsseltexte, um die USA zu verstehen"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Am 4. Juli 2026 j\u00e4hrte sich die amerikanische Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung zum 250. Mal. In ihr steht der vielleicht k\u00fchnste Nebensatz der Neuzeit: das Recht auf \u201elife, liberty and the pursuit of happiness\u201c\u00a0\u2013 das Gl\u00fcck nicht als Besitz, sondern als immerw\u00e4hrende Jagd ohne Gew\u00e4hr. Die folgenden zehn Streiflichter basieren auf einer fulminanten Text-Jukebox des amerikanischen Schrifttums, \u201eI Have a Dream\u201c. <\/p>\n<p>Die Herausgeber Horst Lauinger und Stefan Wagner schreiben von ihrem Unterfangen, die amerikanische Literaturgeschichte in ein ann\u00e4hernd 1000-seitiges Buch zu bannen: Es \u00e4hnele dem Vorhaben, den Mississippi River in ein Whiskyglas f\u00fcllen zu wollen. So bezeichnen sie ihre Auswahl mit rund 250 Beitr\u00e4gen lieber als einen Roadtrip in Texten. Man k\u00f6nnte auch sagen, es ist der denkbar sch\u00f6nste Reader f\u00fcr Einsteiger in American Studies geworden. <\/p>\n<p>1. Charles Brockden Brown (1771\u20131810): \u201ePortr\u00e4t eines Emigranten. Auszug aus einem Brief\u201c<\/p>\n<p>Heute fast vergessen, war Charles Brockden Brown um 1800 der erste Berufsschriftsteller Amerikas \u2013 und der Mann, der dem jungen Land das F\u00fcrchten beibrachte. W\u00e4hrend Washington Irving die heitere, folkloristische Seite besorgte, erfand Brown den amerikanischen Albtraum, in Romanen wie \u201eWieland\u201c, in dem ein Mann Stimmen h\u00f6rt und im Wahn die eigene Familie ausl\u00f6scht. Schlafwandeln, religi\u00f6ser Fanatismus, die Fragilit\u00e4t der Vernunft \u2013 seine Themen lie\u00dfen schon ahnen, dass hinter der Zuversicht der Gr\u00fcnderjahre die Dunkelheit lauert. Poe, Hawthorne, Melville sind bei ihm in die Schule gegangen; man darf ihn getrost den Urahn auch von Stephen King nennen.<\/p>\n<p>Bei Browns Brief handelt es sich um eine h\u00fcbsche Milieustudie: Zu Besuch bei einer Mrs. K. erf\u00e4hrt er von deren neuen Nachbarn \u2013 ein vornehmer Franzose, seine Frau, eine Erbin aus Santo Domingo, deren Verm\u00f6gen die Revolution restlos verschluckt hat, dazu ein Waisenkind. Sie haben alles verloren und leben wie die Grillen. Geputzt wird nie, daf\u00fcr immerzu Gitarre gespielt. Der Wein steht schon morgens auf dem Tisch. Drei Stunden arbeitet er, zwischen zw\u00f6lf und drei; sie putzt sich heraus und flaniert. Man wartet auf das Urteil des Moralisten \u2013 es kommt nicht. Der Chronist des Grauens steht staunend vor diesem leichtsinnigen Gl\u00fcck, das auf dem Boden des Ruins bl\u00fcht. Die Franzosen, notiert er fast neidisch, seien die Einzigen, die zu leben verst\u00fcnden.<\/p>\n<p>2. Walt Whitman (1819\u20131892): \u201eAn eine Lokomotive im Winter\u201c<\/p>\n<p>Lange vor jeder Klimadebatte, als der Atem der Zukunft noch Dampf und Qualm war, dichtete <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article162240841\/Entdeckt-Walt-Whitmans-unbekannter-Roman-Jack-Engle.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article162240841\/Entdeckt-Walt-Whitmans-unbekannter-Roman-Jack-Engle.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Walt Whitman<\/a> eine wuchtige Ode an den ungest\u00fcm voranst\u00fcrmenden Stahl. Seine \u201eLokomotive im Winter\u201c ist kein blo\u00dfes Transportmittel, sondern die schnaubende Inkarnation des noch jungen Amerikas im 19. Jahrhundert. Wenn er ihr goldenes Messing, die wuchtigen Kolbenstangen und das \u201ezitternde Blitzen der R\u00e4der\u201c besingt, feiert er die unaufhaltsame Dynamik einer ganzen Nation. Er misst an ihr den \u201ePulsschlag des Kontinents\u201c \u2013 ein raues, sch\u00f6nes Bild f\u00fcr den unb\u00e4ndigen Ausdehnungswillen, der bekanntlich auch seine bitterb\u00f6sen Seiten hatte.<\/p>\n<p>Der Dichter ist allerdings verknallt und himmelt die stampfende Urgewalt als \u201ewildkehlige Sch\u00f6ne\u201c an. In ihrem Sirenengesang klingt schon jener Mythos an, den das Kino ein Jahrhundert sp\u00e4ter visuell verewigen sollte, in der majest\u00e4tischen Wucht der Eisenbahn in Sergio Leones \u201eSpiel mir das Lied vom Tod\u201c. Whitman sieht in der Maschine das \u201eInbild des Modernen\u201c schlechthin, ein \u201eSinnbild von Kraft und Bewegung\u201c. Sie gleicht einer Naturgewalt, sich selbst genug und \u201edie eigene Spur unbeirrt haltend\u201c. In selbst rhythmisch rotierenden Versen bannt Whitman jene grenzenlose Energie, die den Traum eines Kontinents einst auf die Schienen setzte \u2013 \u201edurch Stille und Sturm, stetig voran\u201c.<\/p>\n<p>3. Catharine E. Beecher (1800\u20131878) &amp; Harriet Beecher Stowe (1811\u20131896): \u201eFr\u00fchaufstehen \u2013 eine demokratische Tugend\u201c<\/p>\n<p>Es gibt Ratschl\u00e4ge, so banal, dass nur ein wahrhaft amerikanisches Sendungsbewusstsein sie zur Staatsangelegenheit erheben kann. Die Schwestern Beecher \u2013 die eine Reformp\u00e4dagogin, die andere als Verfasserin von \u201eOnkel Toms H\u00fctte\u201c zu Weltruhm gelangt \u2013 nehmen sich des fr\u00fchen Aufstehens an und erkl\u00e4ren es, allen Ernstes, zur \u201edemokratischen Tugend\u201c. Wer sp\u00e4t aus den Federn komme, ahme die Aristokratie nach, die in London gegen Mittag fr\u00fchst\u00fcckt und nachts ins Parlament zieht; wer hingegen den fr\u00fchen Vogel fange, diene der Republik, dem Christentum und der Volksgesundheit, dazu \u201eder P\u00fcnktlichkeit, Tatkraft, Zeitersparnis und allgemeiner Leistungsf\u00e4higkeit\u201c.<\/p>\n<p>Man liest den Traktat mit wachsender Erheiterung \u2013 und denkt unweigerlich an jenes franz\u00f6sische Paar von eben aus Charles Brockden Browns Brief: ruiniert, ungewaschen, schon am Morgen bet\u00fcdelt \u2013 und ganz und gar gl\u00fccklich. Genau solche Lebensentw\u00fcrfe zerren die Beechers vor ihr Tribunal. Wo der Schauerdichter den Hut zog vor so viel leichtsinniger Lebenskunst, wittern die frommen Schwestern eine \u201eselbsts\u00fcchtige Praxis\u201c, einen Diebstahl am Gemeinwesen. So klingt Amerika, wenn es mit sich selbst \u00fcber das richtige Leben streitet: einmal als Lob des s\u00fc\u00dfen Nichtstuns, einmal als Hymne an den Wecker.<\/p>\n<p>4. Mark Twain (1835\u20131910): \u201eDie Wahrheit in Sachen des gro\u00dfen Rindfleischkontrakts\u201c<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article69aad506b9534a9bd25d8513\/actionszenen-der-weltliteratur-als-mark-twain-vom-hochrad-fiel.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article69aad506b9534a9bd25d8513\/actionszenen-der-weltliteratur-als-mark-twain-vom-hochrad-fiel.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mark Twain<\/a> mag der Ehrentitel des lustigsten Schriftstellers aller Zeiten geb\u00fchren. Wer\u2019s nicht glaubt, der lese \u201eDie schreckliche deutsche Sprache\u201c \u00fcber seinen Versuch, sich bei einem Besuch in Heidelberg die hiesige Zunge anzueignen. Oder auch den im Titel genannten Text, eine atemlose B\u00fcrokratieposse, die einen lehrt, dass Amerika keine Zeit verlor, einen ordentlichen Beamtenapparat aufzubauen.<\/p>\n<p>Vorgeblich geht es um das Testament eines gewissen John Wilson Mackenzie, der einst General Sherman hinterherreiste, im vergeblichen Bem\u00fchen, ihm 30 F\u00e4sser Rindfleisch auszuh\u00e4ndigen. Nach einer Odyssee, die Homer gefesselt h\u00e4tte, die den armen Mackenzie unter anderem nach Beirut f\u00fchrte, verstarb er, nur sechs Kilometer von Shermans Lager entfernt \u2013 Stichwort Indianer, Tomahawk, Skalpierung.<\/p>\n<p>Nun geht das Testament durch allerlei H\u00e4nde, nachdem Mackenzies Sohn eine kleine Rechnung an die Regierung gestellt hat: 30 Fass Rindfleisch \u00e0 100 Dollar gleich 3.000 Dollar plus Reise- und Transportkosten in H\u00f6he von 14.000 Dollar. Macht nach Adam Riese 17.000 Dollar. Leider liegt kein Segen auf dem Dokument. Wem immer es zufliegt, der scheidet dahin. \u201eDer Tod machte seine Forderung geltend\u201c, schreibt Twain. Der Autor selbst erbt das verfluchte Ding. Wochenlang geht er allerlei Ministern auf die Nerven. Schlie\u00dflich schenkt er es aus Rache einem unf\u00e4higen Beamten. Dreimal d\u00fcrfen Sie raten, was dem bl\u00fcht.<\/p>\n<p>5. John Muir (1838\u20131914): \u201eDie Gro\u00dfen B\u00e4ume\u201c<\/p>\n<p>Es gibt Liebende, die ihren Gegenstand vermessen, und solche, die ihn besingen \u2013 Muir tut beides im selben Atemzug. Der schottische Einwanderer und Autodidakt, Vater der Nationalparks und Gr\u00fcnder des Sierra Club, geistiger Ziehsohn von Emerson und Thoreau, hat dem amerikanischen Nature Writing die Muskeln gegeben: Wo der Einsiedler von Walden \u00fcber den Menschen in der Natur nachsann, stapft Muir in die Wildnis selbst.<\/p>\n<p>In \u201eDie Gro\u00dfen B\u00e4ume\u201c tritt er vor die Mammutb\u00e4ume der Sierra wie vor gekr\u00f6nte H\u00e4upter \u2013 \u201eder K\u00f6nig der Nadelb\u00e4ume dieser Welt und der Edelste unter den edlen Arten\u201c. Es entspinnt sich das Wunder einer Prosa, die Botanikerin und Dichterin zugleich ist. Mit dem Beil tr\u00e4gt Muir die verkohlte Rinde eines Giganten ab, z\u00e4hlt unter der Lupe viertausend Jahresringe und h\u00e4lt n\u00fcchtern fest, der Baum habe \u201ezu Beginn unserer Zeitrechnung im Zenit seines Lebens\u201c gestanden.<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Satz wiegt sich ein junger Sequoia \u201eleicht wie der Schwanz eines Eichh\u00f6rnchens im Wind\u201c. Die Greise gr\u00fc\u00dfen morgens als Erste die Sonne, entbieten ihr abends als Letzte den Gru\u00df und stehen neben ihren kurzgeratenen Nachbarn \u201ewie Mastodonten unter den heimischen B\u00e4ren und Hirschen\u201c. Die schlanke, biegsame Sprache schmiegt sich an jede W\u00f6lbung des Stamms. Nur einmal verfinstert sie sich, ganz beil\u00e4ufig: Einen jener Tausendj\u00e4hrigen, notiert Muir lakonisch, habe man im Calaveras Grove gef\u00e4llt, \u201eum seinen Stumpf als Tanzfl\u00e4che zu nutzen\u201c.<\/p>\n<p>6. William Faulkner (1897\u20131962): \u201eF\u00fcnfundzwanzig Dollar\u201c (Auszug aus \u201eSchall und Wahn\u201c)<\/p>\n<p>\u201eSchall und Wahn\u201c \u2013 im Original \u201eThe Sound and the Fury\u201c (1929) \u2013 ist Faulkners Durchbruch, und die S\u00fcdstaaten-Trag\u00f6die schlechthin. Eine Erz\u00e4hlerstimme geh\u00f6rt Quentin Compson, besessen von der verlorenen Unschuld seiner Schwester Caddy \u2013 eine fatale Mischung aus Schuld und einem unausgesprochenen Inzestwunsch. Faulkner kleidet die psychologische H\u00f6llenfahrt in einen radikalen Bewusstseinsstrom: Gegenwart und Vergangenheit verflie\u00dfen, S\u00e4tze zersplittern, die Chronologie l\u00f6st sich auf \u2013 ein \u201eUlysses\u201c f\u00fcr die Neue Welt.<\/p>\n<p>Die kleine Szene im Buch spielt an Quentins letztem Tag. Morgens rei\u00dft er von seiner Uhr die Zeiger ab \u2013 die Zeit soll innehalten; abends wird er, mit B\u00fcgeleisen beschwert, ins Wasser gehen. Dazwischen blitzt eine unerwartete, fast komische Pastorale auf: Drei Jungen streiten am Bach, w\u00e4hrend eine uralte Forelle reglos in der Str\u00f6mung steht. Sie symbolisiert Quentin selbst: das stillgestellte Begehren, die Zeit, die er anhalten will und die ihn doch unweigerlich davontr\u00e4gt.<\/p>\n<p>7. Amelia Earhart (1897\u20131937): \u201eWozu Frauen f\u00e4hig sind\u201c<\/p>\n<p>Im Jahre 1936 ist <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/kopf-des-tages\/article224084528\/Amelia-Earhart-wollte-Frauen-aus-dem-Kaefig-ihres-Geschlechts-herausholen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/kopf-des-tages\/article224084528\/Amelia-Earhart-wollte-Frauen-aus-dem-Kaefig-ihres-Geschlechts-herausholen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Amelia Earhart<\/a> die ber\u00fchmteste Pilotin der Welt: 1932 \u00fcberquert sie als erste Frau allein den Atlantik, 1935 als erster Mensch den Pazifik von Hawaii nach Kalifornien. Nun plant sie das Gr\u00f6\u00dfte \u2013 die Erde entlang des \u00c4quators in einer zweimotorigen Lockheed Electra zu umrunden. Dieser Brief geh\u00f6rt zur Startvorbereitung: Earhart bittet den Pr\u00e4sidenten, ihr die Navy zur Seite zu stellen, konkret f\u00fcr eine Luftbetankung \u00fcber der winzigen Pazifikinsel Midway. Nur so lie\u00dfe sich der Sprung von 3900 Meilen zwischen Honolulu und Tokio schaffen, ohne die Maschine beim Start lebensgef\u00e4hrlich zu \u00fcberladen.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte dieses Schreiben auf die angenehmste Weise abgehoben nennen: Es ist h\u00f6flich, n\u00fcchtern und getragen von dem leisen Selbstbewusstsein einer Frau, die genau wei\u00df, dass ihr technisches Anliegen zugleich ein politisches ist. Am Ende schreibt sie, sie unternehme den Flug nur, \u201eweil ich der \u00dcberzeugung bin, dass Frauen ab und zu zeigen m\u00fcssen, wozu Frauen f\u00e4hig sind\u201c.<\/p>\n<p>Wie sich zeigt, war auch der Absturz bis dato ein m\u00e4nnliches Vorrecht: Acht Monate sp\u00e4ter, im Juli 1937, verschwindet Earhart mit ihrem Navigator kurz vor der Howland-Insel spurlos. 1939 wird sie f\u00fcr tot erkl\u00e4rt. So ger\u00e4t der Brief, in dem sie die Mittel f\u00fcr ihren Beweis der Parit\u00e4t der Geschlechter unter demselben Himmel einwirbt, unfreiwillig zum Vorwort ihres Verschwindens. <\/p>\n<p>8. Billie Holiday (1915\u20131959): \u201eStrange Fruit\u201c<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/pop\/article139173264\/Urenkelin-der-Erbsuende-Amerikas-Billie-Holiday-zum-100.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/pop\/article139173264\/Urenkelin-der-Erbsuende-Amerikas-Billie-Holiday-zum-100.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Billie Holiday<\/a>, 1939, am Ende ihres Auftritts im Caf\u00e9 Society, New Yorks erstem Nachtclub mit gemischtem Publikum. Das Lied kommt stets zuletzt, die Kellner stellen den Service ein, der Saal verdunkelt sich, bis auf einen kleinen Spot. Sie singt von einer seltsamen Frucht, die an den B\u00e4umen des S\u00fcdens h\u00e4ngt. Wenn sie endet, erlischt das Licht \u2013 keine Zugabe. Dem Publikum bleibt der erl\u00f6sende Applaus verwehrt. So wurde \u201eStrange Fruit\u201c zu dem Lied, mit dem ihr Name f\u00fcr immer verbunden ist.<\/p>\n<p>Geschrieben hat es ein anderer, auch wenn auf den Platten oft \u201eBillie Holiday und Lewis Allan\u201c steht \u2013 Lewis Allan war das Pseudonym von Abel Meeropol, j\u00fcdischer Lehrer und Gewerkschaftler aus der Bronx. Holiday hat den Song nur interpretiert. Angesto\u00dfen hatte ihn die Fotografie eines Lynchmords, wie sie im S\u00fcden als Postkarte zirkulierte.<\/p>\n<p>Vordergr\u00fcndig geht es um eine Ernte: B\u00e4ume, die eine Frucht tragen. Dann kippt das Bild \u2013 Blut an den Bl\u00e4ttern, ein K\u00f6rper an der Pappel. Die \u201eseltsame Frucht\u201c ist der Leichnam eines ermordeten Schwarzen. Magnolienduft und der Geruch verbrannten Fleisches stehen in derselben Strophe. Weil Columbia sich nicht traute, erschien der Song beim kleinen Label Commodore. \u00dcber Jahrzehnte scheiterten derweil Anti-Lynch-Gesetze im Senat. \u201eTime\u201c k\u00fcrte \u201eStrange Fruit\u201c sp\u00e4ter zum Lied des Jahrhunderts.<\/p>\n<p>9. Truman Capote (1924\u20131984): \u201eEin Licht im Fenster\u201c<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article252922452\/Schriftsteller-Truman-Capote-Wir-hatten-beide-mit-einem-labilen-Elternteil-zu-kaempfen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article252922452\/Schriftsteller-Truman-Capote-Wir-hatten-beide-mit-einem-labilen-Elternteil-zu-kaempfen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Truman Capote<\/a> war in den 1960er Jahren der wohl ber\u00fchmteste Schriftsteller Amerikas: \u201eBreakfast at Tiffany\u2019s\u201c, dann \u201eIn Cold Blood\u201c, die Erfindung der \u201enonfiction novel\u201c, der Reportage mit den Mitteln des Romans. Ein Salonl\u00f6we, der seine reichen Freundinnen, die \u201eswans\u201c, sp\u00e4ter in einem indiskreten Buch verriet und daf\u00fcr versto\u00dfen wurde. \u201eA Lamp in a Window\u201c stammt aus der Zeit danach, aus \u201eMusic for Chameleons\u201c (1980), seinem letzten Buch, geschrieben im Niedergang aus Alkohol und Tabletten \u2013 kurze, k\u00fchle Prosast\u00fccke, mit denen der Abgest\u00fcrzte sich das Schreiben gleichsam neu beibrachte.<\/p>\n<p>Die Geschichte ist eine Schauer-Miniatur in Reinform. Capote, nachts auf einer Landstra\u00dfe gestrandet, klopft an die einzig helle H\u00fctte. Eine alte Frau, Mrs. Kelly, \u00f6ffnet, nimmt ihn ohne Z\u00f6gern auf und fl\u00f6\u00dft ihm den Whiskey ihres verstorbenen Mannes ein. Eine G\u00fcte, die den Erz\u00e4hler besch\u00e4mt \u2013 er gesteht sich ein, dass er, umgekehrt, kaum den Mut zu solcher Gastfreundschaft gehabt h\u00e4tte. \u2013 Am Morgen ein Blick in die Tiefk\u00fchltruhe in der K\u00fcche, darin, gestapelt und tadellos konserviert, Dutzende toter Katzen. \u201eAlles meine Freunde, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben.\u201c <\/p>\n<p>Capote bietet seine ganze Kunst des \u201eSouthern Gothic\u201c auf. Aufgewachsen in Louisiana und Alabama, wusste er immer, dass der Horror nicht im Keller wohnt, sondern in der guten Stube. Eines Urteils enth\u00e4lt er sich. Ob dies nun eine wahre Begebenheit war oder nicht, bleibt offen. Wie so oft, macht Capote Reportage und Erfindung ununterscheidbar. So \u00fcberdauert seine Geschichte, wie ihr grausiger Gegenstand, alle Zeit.<\/p>\n<p>10. Lauren Groff (geboren 1978): \u201eGeister und Leerst\u00e4nde\u201c<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article247600854\/Lauren-Groff-Die-weite-Wildnis-Letzte-der-Pioniere.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article247600854\/Lauren-Groff-Die-weite-Wildnis-Letzte-der-Pioniere.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Lauren Groff<\/a>, heute eine der gefeiertsten Erz\u00e4hlerinnen Amerikas, lebt seit Jahren in Gainesville, Florida \u2013 und dorthin f\u00fchrt diese Geschichte, die Er\u00f6ffnung ihres Bandes \u201eFlorida\u201c. Ihre namenlose Erz\u00e4hlerin, Mutter zweier S\u00f6hne, ist, wie sie schon im ersten Satz bekennt, \u201eeine Frau geworden, die herumschreit\u201c. Darum schn\u00fcrt sie abends die Laufschuhe und dreht Runde um Runde durchs Viertel; das Gehen soll den Zorn austreiben, den die Lekt\u00fcre \u00fcber die Katastrophen der Welt in ihr n\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Auf diesen Runden liest sie, aber blo\u00df die Topografie ihres Wohnorts \u2013 erleuchtete Fenster, kleine Aquarien, in denen je ein fremdes Leben schwimmt. Da ist die hochgewachsene Frau mit der Deutschen Dogge, das joggende Paar, die Nonnen, die ein Haus herrichten. Zwischendrin dunkle Scheiben, die \u201eLeerst\u00e4nde\u201c des Titels, zwangsger\u00e4umt und \u201eaufgewertet\u201c, und die \u201eGeister\u201c, die Obdachlosen an der Bo Diddley Plaza. Es sind Abendspazierg\u00e4nge im Gegenlicht des amerikanischen Gl\u00fccksversprechens. <\/p>\n<p>Horst Lauinger,\u00a0Stefan Wagner (Hg.): I Have a Dream. Manesse, 960 Seiten, 40 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am 4. Juli 2026 j\u00e4hrte sich die amerikanische Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung zum 250. Mal. 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