{"id":1148444,"date":"2026-07-07T03:44:15","date_gmt":"2026-07-07T03:44:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1148444\/"},"modified":"2026-07-07T03:44:15","modified_gmt":"2026-07-07T03:44:15","slug":"hamburg-moenchengladbach-angepasst-aber-erschoepft-was-hinter-masking-steckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1148444\/","title":{"rendered":"Hamburg\/M\u00f6nchengladbach | Angepasst, aber ersch\u00f6pft: Was hinter Masking steckt"},"content":{"rendered":"<p>Hamburg\/M\u00f6nchengladbach (dpa\/tmn) &#8211; Nach au\u00dfen angepasst, innerlich ersch\u00f6pft: Was wie souver\u00e4nes Sozialverhalten wirken kann, ist f\u00fcr viele neurodivergente Menschen das Ergebnis intensiver Anpassung \u2013 in der \u00d6ffentlichkeit bekannt als Masking (deutsch: maskieren), in der Psychologie auch Camouflaging (deutsch: tarnen) genannt.<\/p>\n<p>Kurzfristig kann das entlasten. Langfristig kann es jedoch viel Energie kosten, sich st\u00e4ndig verstellen zu m\u00fcssen, um in eine \u00fcberwiegend neurotypisch gepr\u00e4gte Umwelt zu passen. Doch was genau steckt dahinter \u2013 und was hilft Menschen, die durch Masking ersch\u00f6pft sind? Experten geben Antworten.<\/p>\n<p>Was genau steckt hinter Masking und wer ist besonders betroffen?<\/p>\n<p>\u00abUnter Masking versteht man das bewusste oder auch unbewusste Verbergen neurodivergenter Eigenschaften, um sozial besser dazuzugeh\u00f6ren oder nicht aufzufallen\u00bb, so Sascha Reiners, psychologischer Psychotherapeut und stellvertretender Landesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung in Nordrhein. Der Begriff wird besonders h\u00e4ufig im Kontext von Autismus verwendet, allerdings berichten auch Menschen mit ADHS oder anderen Formen von Neurodivergenz von solchen Erfahrungen.<\/p>\n<p>Es \u00e4u\u00dfert sich laut Reiners vor allem darin, dass Betroffene soziale Regeln genau beobachten und nachahmen, Blickkontakt steuern, Gespr\u00e4che ein\u00fcben oder Reiz\u00fcberforderung unterdr\u00fccken. H\u00e4ufig entstehen feste Strategien oder innere \u00abSkripte\u00bb. Ausl\u00f6ser sind oft fr\u00fche Erfahrungen: \u00abViele Betroffene haben erlebt, dass ihr nat\u00fcrliches Verhalten irritiert oder negativ bewertet wurde\u00bb, so Reiners.<\/p>\n<p>In der Forschung werden unterschiedliche Begriffe wie Masking und Camouflaging verwendet, erkl\u00e4rt der Psychologe Johannes Boettcher. Er leitet die Arbeitsgruppe \u00abSoziale Kommunikation und Psychische Gesundheit\u00bb am Universit\u00e4tsklinikum Hamburg-Eppendorf. Gemeint ist der bewusste oder unbewusste Einsatz von Strategien, um autistische Merkmale zu verbergen oder soziale Schwierigkeiten auszugleichen.<\/p>\n<p>Boettcher nutzt den Begriff Camouflaging ausschlie\u00dflich im Kontext von Autismus, da dies den Schwerpunkt seiner Arbeit bildet. Gleichzeitig betont er, dass es sich nicht um ein rein autistisches Ph\u00e4nomen handelt: \u00abWir alle wollen irgendwie den Eindruck von uns so anpassen, dass wir bei dem Gegen\u00fcber gut ankommen. Und das macht dieses Konstrukt sehr schwierig.\u00bb<\/p>\n<p>Ein wichtiger Unterschied bei Autisten sei, dass \u00absie eine hohe Motivation haben, in die nicht-autistische Welt hineinzupassen\u00bb, so Boettcher. Camouflaging ist demnach keine willk\u00fcrliche Handlung, sondern eine Reaktion auf eine Welt, die autistische Verhaltensweisen nur begrenzt akzeptiert &#8211; und keine Krankheit, sondern eine Anpassungsstrategie.<\/p>\n<p>Welche Folgen kann Masking haben?<\/p>\n<p>Kurzfristig kann Masking sch\u00fctzen, etwa soziale Teilhabe erm\u00f6glichen und Ausgrenzung im Schul- oder Berufsalltag verhindern oder verringern. Langfristig kann das st\u00e4ndige Anpassen jedoch ersch\u00f6pfen und mit Angst oder Depressionen in Verbindung stehen \u2013 Studien zeigten hier lediglich Assoziationen, keine Kausalit\u00e4t, so Boettcher.<\/p>\n<p>Klar ist jedoch: \u00abSich die ganze Zeit sehr stark zu verstellen, kostet Energie\u00bb, so Boettcher. Wer dauerhaft Masking betreibt, verliert leicht den Kontakt zum eigenen Ich.\u00a0<\/p>\n<p>Problematisch wird es laut Sascha Reiners auch, wenn eigene Bed\u00fcrfnisse kaum noch wahrgenommen werden: \u00abWenn Menschen \u00fcber lange Zeit das Gef\u00fchl haben, nicht sie selbst sein zu k\u00f6nnen, kann das zu Ersch\u00f6pfung, innerem Druck oder Unsicherheit im eigenen Selbstbild f\u00fchren.\u00bb<\/p>\n<p>F\u00fcr das Umfeld bleibt oft unsichtbar, wie viel Energie in die Anpassung flie\u00dft. Belastung oder Reiz\u00fcberforderung werden leicht untersch\u00e4tzt, was laut Reiners zu Missverst\u00e4ndnissen f\u00fchren kann. Psychotherapeutisch geht es daher meist nicht darum, Masking ganz abzulegen, sondern den Umgang damit bewusster und selbstf\u00fcrsorglicher zu gestalten.<\/p>\n<p>Welche Strategien helfen beim Umgang mit Masking &#8211; und wie findet man wieder zu einer besseren Selbstwahrnehmung?<\/p>\n<p>Laut Boettcher sollte das Ziel nicht sein, das Masking komplett abzulegen. Wichtiger sei, bewusst zu w\u00e4hlen, wann man sich anpasst und wann man das eigene Ich zeigen kann. Ein erster Schritt ist, zu erkennen, wann und wie man camoufliert, und diese Anpassung gezielt einzusetzen.<\/p>\n<p>Boettcher betont dabei, dass es darum geht, die Schichten des Camouflaging zu erkennen und das eigene Verhalten bewusst wahrzunehmen: \u00abDas erm\u00f6glicht einem, dass man vielleicht wieder zum eigenen Selbst und zu dem eigenen Verhalten zur\u00fcckkommt.\u00bb Ziel ist, bestimmte Verhaltensweisen wieder zulassen zu k\u00f6nnen, sodass das st\u00e4ndige Unterdr\u00fccken weniger Energie kostet und das eigene Selbst wieder in den Vordergrund r\u00fcckt.<\/p>\n<p>\u00abEin zentraler Schritt ist, die Aufmerksamkeit wieder st\u00e4rker auf eigene innere Signale zu richten\u00bb, so Reiners. Dazu geh\u00f6rt zu erkennen, wann Stress entsteht, welche Situationen besonders belastend sind und wie K\u00f6rper und Gedanken reagieren. Sich sichere R\u00e4ume zu schaffen, ist ein weiterer Schritt: \u00abDas k\u00f6nnen vertraute Beziehungen oder Umgebungen sein, in denen man sich sicher f\u00fchlt\u00bb, sagt der Psychotherapeut.\u00a0<\/p>\n<p>Regelm\u00e4\u00dfige Pausen und R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten verringern zus\u00e4tzlich die Belastung. Eigene Bed\u00fcrfnisse klar zu kommunizieren, etwa am Arbeitsplatz, und kleine Ver\u00e4nderungen im Alltag k\u00f6nnen Stress deutlich reduzieren. Achtsamkeits\u00fcbungen, Tagebuchschreiben oder gezielte Selbstreflexion k\u00f6nnen ebenfalls helfen. Kleine Experimente im Alltag, bei denen man sich weniger stark anpasst, st\u00e4rken zus\u00e4tzlich das Gesp\u00fcr f\u00fcr die eigenen Bed\u00fcrfnisse, so Reiners.<\/p>\n<p>Auch der Austausch mit anderen neurodivergenten Menschen, Wissen \u00fcber Neurodivergenz oder pers\u00f6nliche Reflexion helfen, das eigene Verhalten besser zu verstehen und Bew\u00e4ltigungsstrategien zu entwickeln.<\/p>\n<p>Wann kann eine Psychotherapie sinnvoll sein?<\/p>\n<p>Laut Boettcher ist eine Therapie vor allem dann sinnvoll, wenn eine deutliche psychische Belastung beziehungsweise zus\u00e4tzliche psychische Erkrankungen bestehen, etwa Depressionen oder Angstst\u00f6rungen. Masking kann so tief verankert sein, dass der Zugang zum eigenen Selbst schwerf\u00e4llt.\u00a0<\/p>\n<p>Wichtig: Psychotherapie zielt nicht darauf ab, Autismus oder autistische Merkmale zu behandeln, sondern die begleitenden psychischen Belastungen zu lindern, so Boettcher. In der Therapie kann laut Reiners daran gearbeitet werden, die eigene Wahrnehmung zu st\u00e4rken, Selbstakzeptanz zu entwickeln und neue Strategien im Umgang mit sozialen Anforderungen zu finden.<\/p>\n<p>Wie findet man einen guten Umgang mit Reaktionen auf das unverstellte Selbst?<\/p>\n<p>Wer lange camoufliert, erlebt laut qualitativen Studien vor allem im Erwachsenenbereich oft Irritation oder Ablehnung &#8211; selbst von nahestehenden Personen -, wenn er das Masking reduziert und wieder das eigene Ich zeigt, so Boettcher. \u00abUnd vielleicht spiegelt das wider, wie sehr eigentlich autistische Menschen in unserer Gesellschaft unter Druck stehen, sich anzupassen.\u00bb<\/p>\n<p>Reiners betont, dass andere oft an bestimmte Verhaltensweisen gew\u00f6hnt sind. Ver\u00e4nderungen sollten daher schrittweise angegangen und zun\u00e4chst mit vertrauten Menschen erprobt werden. Offene Gespr\u00e4che \u00fcber eigene Bed\u00fcrfnisse und neurodivergente Erfahrungen f\u00f6rdern Verst\u00e4ndnis. Ein stabiles Selbstgef\u00fchl und unterst\u00fctzende Beziehungen helfen, gelassener damit umzugehen &#8211; und das eigene Ich wieder st\u00e4rker in den Mittelpunkt zu r\u00fccken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Hamburg\/M\u00f6nchengladbach (dpa\/tmn) &#8211; Nach au\u00dfen angepasst, innerlich ersch\u00f6pft: Was wie souver\u00e4nes Sozialverhalten wirken kann, ist f\u00fcr viele neurodivergente&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1148445,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1826],"tags":[16181,113078,23678,2632,241272,29,30,141,692,638,241271,185385,13353,4205,60740,79844],"class_list":["post-1148444","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-hamburg","tag-adhs","tag-anpassung","tag-autismus","tag-brcmj","tag-camouflaging","tag-deutschland","tag-germany","tag-gesundheit","tag-hamburg","tag-krankheiten","tag-masking","tag-neurodivergenz","tag-psychologie","tag-therapie","tag-tmn0309","tag-zum-13-juli"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116876638051165587","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1148444","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1148444"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1148444\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1148445"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1148444"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1148444"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1148444"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}