{"id":114861,"date":"2025-05-16T10:13:09","date_gmt":"2025-05-16T10:13:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/114861\/"},"modified":"2025-05-16T10:13:09","modified_gmt":"2025-05-16T10:13:09","slug":"bernardine-evaristo-blondes-herz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/114861\/","title":{"rendered":"Bernardine Evaristo \u2013 Blondes Herz"},"content":{"rendered":"<p>In Bernardine Evaristos kontrafaktischem Roman <strong>\u201e<\/strong>Blondes Herz&#8220; wird die Kolonialgeschichte umgekehrt: Afrikaner versklaven Europ\u00e4er. Eine satirisch zugespitzte Welt, in der wei\u00dfe Menschen unter afrikanischer Herrschaft leiden. Im Zentrum steht Doris, eine versklavte Europ\u00e4erin \u2013 Symbol f\u00fcr Identit\u00e4tsfragen, Machtverh\u00e4ltnisse und Perspektivwechsel.<\/p>\n<p>Die Welt in diesem Roman steht Kopf. Wei\u00df ist schwarz. Afrika und Europa haben die Pl\u00e4tze getauscht, Opfer sind T\u00e4ter geworden. Denn <a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swrkultur\/literatur\/bernardine-evaristo-maedchen-frau-etc-100.html\" class=\"link link-inline inline-link\" title=\"Gespr\u00e4ch - Bernardine Evaristo \u2013 M\u00e4dchen, Frau etc.\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bernardine Evaristo<\/a> spielt mutig mit Geschichte und Geografie, um einen frischen Blick auf den transatlantischen Sklavenhandel zu erm\u00f6glichen. <\/p>\n<p>Europa ist in dieser kontrafaktischen Erz\u00e4hlung also der graue Kontinent, immer wolkenverhangen \u2013 gerade an der \u201eKohlkopfk\u00fcste\u201c, an der mutige Kolonisatoren aus \u201eAphrika\u201c landen, um unzivilisierte Europ\u00e4er aus ihrer eigenen Wildheit zu f\u00fchren. <\/p>\n<p>Zu diesem Zweck pferchen sie sie auf Schiffen zusammen und verschleppen sie nach \u201eAphrika\u201c. Dort \u2013 auf dem sonnigen Kontinent \u2013 angekommen, sind die blassen M\u00e4nner und Frauen zwar nicht mehr frei, aber immerhin auf zivilisiertem Boden. Die Erz\u00e4hlung ist historisch verbrieft, nur die Rollen musste Bernardine Evaristo umkehren.<\/p>\n<p><strong>Bernardine Evaristo: <br \/>\u201e<\/strong>F\u00fcr mich als Autorin war es ein gro\u00dfer Spa\u00df. Denn sobald ich diese Idee hatte: Afrikaner f\u00fchlen sich den Europ\u00e4ern \u00fcberlegen, versklaven sie und die Geografie ist auch noch auf den Kopf gestellt, sodass das \u201eVereinigte K\u00f6nigreich von Gro\u00dfambossanien\u201c die Zentrale des Sklavenhandels ist, bei dem Europ\u00e4er versklavt werden, die aus Europa kommen, wo eigentlich Afrika liegt\u2026 Sobald ich diese Idee hatte, machte es einfach Spa\u00df, damit zu spielen. Der Roman ist Satire.&#8220;<\/p>\n<p>Der Witz des Romans steckt im Detail. Bernardine Evaristo hat enorme Freude am Ausgestalten der verkehrten Welt: Welches Essen w\u00fcrde als minderwertig gelten, wenn nicht das wei\u00dfe Europa den Ton in der internationalen K\u00fcche ang\u00e4be? Was g\u00e4lte als sch\u00f6n, was als h\u00e4sslich, wenn sich schwarze Menschen zu den gnadenlosesten Kolonisatoren aufgeschwungen h\u00e4tten? <\/p>\n<p>In einer der witzigsten Szenen des Romans landet die Ich-Erz\u00e4hlerin Doris \u2013 eine Europ\u00e4erin, die als Kind verschifft und versklavt wurde \u2013 in einem Friseursalon, in dem es schmalzinkige K\u00e4mme speziell f\u00fcr \u201eschwer zu b\u00e4ndigendes, feines Flatterhaar\u201c wie ihres gibt. Der Selbsthass, von dem Schwarze in den USA und Europa so oft berichten, ein Selbsthass, der sich in der Realit\u00e4t oft im Gl\u00e4tten und Bleichen von schwarzem Haar ausdr\u00fcckt, ist in diesem Buch Teil einer wei\u00dfen Geschichte. <\/p>\n<p><strong>Bernardine Evaristo:<br \/>\u201e<\/strong>Mein Modell f\u00fcr Doris war Gwyneth Paltrow in ihrer Bl\u00fctezeit. Als ich mit dem Roman anfing, das ist jetzt 23, 24 Jahre her, war sie ein Musterbild wei\u00dfer Sch\u00f6nheit. Sehr d\u00fcnn, feine Gesichtsz\u00fcge, langes, glattes blondes Haar. Und ich dachte mir: Meine Figur soll aussehen wie sie, aber in der schwarzen Welt ihrer Sklavenhalter wird das als h\u00e4sslich angesehen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Detail-Arbeit der Weltverkehrung hat bei Bernardine Evaristo auch sprachliche und erz\u00e4hlerische Qualit\u00e4t: Doris etwa wird als Sklavin umbenannt in Omorenomwara \u2013 \u201eDoris\u201c ist unaussprechlich f\u00fcr ihre Herren: Den Namen zu benutzen wird also die absolute Ausnahme, ein Akt der Selbstbehauptung, der \u2013 wie in historischen Erz\u00e4hlungen von Sklaven \u2013\u00a0von enormer Bedeutung ist.<\/p>\n<blockquote class=\"quote-blockquote\">\n<p>\u201eBitte sag Doris zu mir. Ich bin Doris. Mein Name ist Doris.&#8220;<br \/>Er l\u00e4chelte breit und gab sich alle M\u00fche, meinen richtigen Namen auszusprechen, langsam und mit betretener Miene machte er drei lange Silben daraus, und seine Zunge stolperte \u00fcber die fremdartigen Laute. Als er es schlie\u00dflich geschafft hatte, wirkte er sehr zufrieden. Es war wirklich allerliebst.<br \/>\u201eDoooraaascha\u201c, sagte er.<br \/>Herrje.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Doris\u2019\u00a0Master verfasst derweil \u201eDie Flamme\u201c, eine Propaganda-Schrift, um Sklavenhandel und Kolonialismus pseudowissenschaftlich zu legitimieren, und klingt \u2013 ein schwarzer Mann \u2013 wie ein britischer Kolonialherr aus dem 18. Jahrhundert:<\/p>\n<p><strong>Bernardine Evaristo:<br \/>\u201e<\/strong>Bwana stammt aus dem K\u00f6nigreich Gro\u00dfambossanien, ein Spiegelbild von Gro\u00dfbritannien. Aber er spricht mit der Stimme eines Briten aus der Upper Class \u2013 solche M\u00e4nner haben diese Texte ja geschrieben. Insofern afrikanisiere ich die europ\u00e4ische Rechtfertigung des Sklavenhandels, aber ich tue es mit Hilfe eines schwarzen Afrikaners, der wie ein Vertreter der englischen Oberschicht klingt.&#8220;<\/p>\n<p>Der Roman \u201eBlondes Herz\u201c ist insofern ein literarisches Labor, in dem die eigenen Emotionen, Reaktionen auf dem Seziertisch ausgebreitet werden: Wie unbefangen traue ich mich zu lachen, wenn pl\u00f6tzlich ein Schwarzer Sklavenhalter ist und menschenverachtende L\u00fcgen erz\u00e4hlt? Und wenn ich lache, \u00fcber wen dann eigentlich? Mit wem habe ich Mitleid, wenn ich von Doris lese? <\/p>\n<p>Mit der wei\u00dfen Versklavten, von der hier wortw\u00f6rtlich geschrieben ist, oder mit den Millionen von Schwarzen, auf deren Schicksal Doris\u2019 Geschichte eigentlich abzieht? Wie \u00e4ndert sich Identifikation, Mitleid mit einer versklavten Figur, wenn sie keinen Namen tr\u00e4gt, den ich nur ungelenk aussprechen k\u00f6nnte, sondern einen vertrauten Namen wie Doris? <\/p>\n<p><strong>Bernardine Evaristo:<br \/>\u201e<\/strong>F\u00fcr wei\u00dfe Leser ist da immer die Frage: Wor\u00fcber lache ich hier? Das Buch kann dich fertigmachen, es sind da so viele Schichten \u2013\u00a0und deshalb wei\u00df ich es zu sch\u00e4tzen, wenn Leser nicht wissen, wie sie reagieren sollen.&#8220; <\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/1747300568130,2025-05-18-bernardine-evaristo-blondes-herz-102~_v-icon_-7bcdf069542bbe2d1d9ef71cb5865.jpeg\"  class=\"\" data-copyright=\"Foto: Pressestelle, Tropen Verlag\" alt=\"Bernardine Evaristo - Blondes Herz\" title=\"Bernardine Evaristo - Blondes Herz (Foto: Pressestelle, Tropen Verlag)\" width=\"320\" height=\"481\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\"\/><\/p>\n<p>Bernardine Evaristo &#8211; Blondes Herz<\/p>\n<p><a rel=\"external nofollow\" class=\"link\" tabindex=\"-1\" itemprop=\"url\"><br \/>\nPressestelle<br \/>\n<\/a><\/p>\n<p><a rel=\"external nofollow\" class=\"link\" tabindex=\"-1\" itemprop=\"url\"><br \/>\nTropen Verlag<br \/>\n<\/a><\/p>\n<p>Blondes Herz<br \/>\nAus dem Englischen von Tanja Handels <\/p>\n<dl>\n<dt class=\"review-author\">Autor:<\/dt>\n<dd class=\"review-author\">\nBernardine Evaristo\n<\/dd>\n<dt class=\"review-genre\">Genre:<\/dt>\n<dd class=\"review-genre\">Roman<\/dd>\n<dt class=\"review-publisher\">Verlag:<\/dt>\n<dd class=\"review-publisher\">Tropen (288 Seiten, 25 Euro)<\/dd>\n<dt class=\"review-date-published\">Erscheinungsdatum:<\/dt>\n<dd class=\"review-date-published\">17.05.2025<\/dd>\n<dt class=\"review-isbn\">ISBN:<\/dt>\n<dd class=\"review-isbn\">978-3-608-50275-6<\/dd>\n<\/dl>\n<p>Bernardine Evaristo beweist schon mit diesem fr\u00fchen Roman, dass sie eine durch und durch originelle Autorin ist, eine Autorin, die das literarische Experiment sucht, einen Weg, ihre Fragen auf eine Art durchzuspielen, die vor ihr niemand getestet hat. Und sie beweist, dass sie bei aller Experimentierfreude nie aus dem Blick verliert, was einen Roman im Kern zusammenh\u00e4lt: eine Figur aus Fleisch und Blut. <\/p>\n<p>Denn genau das ist Doris, diese Frau \u2013 widerspenstig und meinungsstark, komplex und verwirrend \u2013, die auch als Sklavin beides erlebt: den Horror des Lebens und das gro\u00dfe Gl\u00fcck, am Leben zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In Bernardine Evaristos kontrafaktischem Roman \u201eBlondes Herz&#8220; wird die Kolonialgeschichte umgekehrt: Afrikaner versklaven Europ\u00e4er. 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