{"id":1150337,"date":"2026-07-07T22:09:15","date_gmt":"2026-07-07T22:09:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1150337\/"},"modified":"2026-07-07T22:09:15","modified_gmt":"2026-07-07T22:09:15","slug":"michael-stiller-der-ganz-normale-wahnsinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1150337\/","title":{"rendered":"Michael Stiller: Der ganz normale Wahnsinn"},"content":{"rendered":"<p>Den Weg zur Schauspielerei fand er zuf\u00e4llig. Nach dem Abi absolvierte Stiller seinen Zivildienst bei der Kirche. In einer von ihm betreuten Jugendfreizeit lernte er Paco Gonz\u00e1lez kennen, den einzigen staatlich ausgebildeten Clown Deutschlands. Der gab dort Workshops, an denen auch Stiller teilnahm. Gonz\u00e1lez riet: &#8222;Hey, du musst unbedingt auf eine Schauspielschule.&#8220; Es habe gleich bei der ersten Aufnahmepr\u00fcfung geklappt: 1982 in Bochum. Der junge Mann war vorher noch so gut wie nie im Theater gewesen. Er habe sich in der Schauspielschule in der ersten Zeit wie ein Fremdk\u00f6rper gef\u00fchlt. &#8222;Da waren Leute unterwegs, die strotzten nur so vor Selbstbewusstsein: Dietmar B\u00e4r, Peter Lohmeyer, Martin Wuttke. Der Josef Ostendorf sagte nach einem halben Jahr mal zu mir: &#8218;Ach, du bist hier auf der Schule? Ich dachte immer, du wartest auf jemanden.'&#8220;<\/p>\n<p>Nach der Ausbildung geht es aber ratzfatz mit der Theaterkarriere. Kein Hangeln von Job zu Job, kein Stranden in Vorabendserien, keine nervige Nebenbesch\u00e4ftigung, &#8222;keine Leidenszeit&#8220;, wie Stiller es nennt. Ein erstes Gastengagement f\u00fcr &#8222;Macbeth&#8220; 1985 f\u00fchrt ihn ans Theater Dortmund, wo er auf Friedrich Schirmer trifft. Der war dort Chefdramaturg und ab der folgenden Spielzeit Intendant an der W\u00fcrttembergischen Landesb\u00fchne Esslingen. Schirmer engagiert Stiller sofort fest f\u00fcr sein zuk\u00fcnftiges Ensemble.<\/p>\n<p>Trag\u00f6dien zwischen Weihnachtsb\u00e4umen<\/p>\n<p>Landesb\u00fchnen haben traditionell die H\u00e4lfte ihrer Vorstellungen dort zu spielen, wo es keine Theater gibt. So geht es f\u00fcr den Berufseinsteiger erst einmal nicht nur auf die Esslinger B\u00fchne, sondern in kleine St\u00e4dte wie Metzingen, Blaustein oder K\u00fcnzelsau, in B\u00fcrgerh\u00e4user, Gastst\u00e4tten oder Stadthallen. Einmal mussten sie Shakespeares &#8222;Richard III&#8220; in einer Turnhalle spielen, die schon f\u00fcr Weihnachten dekoriert war. Das habe geschult: diese Trag\u00f6die zwischen zwei riesigen Weihnachtsb\u00e4umen aufzuf\u00fchren. &#8222;Man musste sich wahnsinnig konzentrieren, um das wirklich ernst r\u00fcberzubringen.&#8220;<\/p>\n<p>Intendant Schirmer schrieb in Esslingen Theatergeschichte, der Begriff &#8222;Esslinger Dramaturgie&#8220; machte die Runde. Er setzte auf regional interessante Stoffe, auf politisches Volkstheater, darunter &#8222;Der Schweinepriester&#8220; von Hermann Essig. &#8222;Da musste ich mit einem echten Schwein spielen&#8220;, erinnert sich Stiller: &#8222;Die sind schlau und wahnsinnig sensibel. Das Schwein kannte nach ein paar Proben schon das Stichwort f\u00fcr seinen Auftritt. Das hat seine Rolle immer gleich gespielt. Wahnsinn!&#8220;<\/p>\n<p>1989 wechselte Stiller mit Schirmer ans Theater Freiburg. Auch da gab&#8217;s so ein schlaues Tier: eine riesige schwarze Dogge, &#8222;eine imposante Erscheinung namens Lord&#8220;. Die kam in Euripides&#8216; &#8222;Orestie&#8220; zum Einsatz. &#8222;Der Hund sollte \u00fcber die ersten Zuschauerreihen dr\u00fcberspringen, w\u00e4hrend das Herrchen, ein Metzger, hinterm Publikum gestanden und mit einer Wurst gewunken hat. Ein irrsinniger Moment. Und es hat immer geklappt.&#8220;<\/p>\n<p>Freiburg war eine ungeheuer inspirierende Zeit f\u00fcr den jungen Schauspieler. Schirmer hatte die beiden &#8222;Kettenhunde&#8220; des damaligen Theaters an Land gezogen: die Regisseure J\u00fcrgen Kruse und G\u00fcnter Gerstner. &#8222;Die hatten Wut im Bauch&#8220;, so Stiller, &#8222;sehr martialisch, die Inszenierungen.&#8220; Gerstner habe sich mal auf dem Titelblatt von &#8222;Theater heute&#8220; abbilden lassen mit einem Stahlhelm auf dem Kopf, auf dem mit Blut &#8222;Regie&#8220; geschrieben stand: &#8222;Wir f\u00fchlten uns als Speerspitze des zuk\u00fcnftigen Theaters. Wir entdeckten bereits die Postmoderne, z\u00e4umten das Pferd von hinten auf und schauten, ob es trotzdem funktioniert.&#8220;<\/p>\n<p>Arbeitsdruck hemmt das Miteinander<\/p>\n<p>1993 ging es dann mit Schirmer nach Stuttgart. Stiller schw\u00e4rmt vom famili\u00e4ren Miteinander damals, von den &#8222;irrsinnigen&#8220; Premierenfeiern. Das sei heute anders, auch weil der Arbeitsdruck h\u00f6her geworden sei. Das Ensemble sei um zehn bis 15 Leute kleiner als damals \u2013 bei gleicher Premierenanzahl.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Den Weg zur Schauspielerei fand er zuf\u00e4llig. Nach dem Abi absolvierte Stiller seinen Zivildienst bei der Kirche. 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