{"id":1150761,"date":"2026-07-08T02:32:33","date_gmt":"2026-07-08T02:32:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1150761\/"},"modified":"2026-07-08T02:32:33","modified_gmt":"2026-07-08T02:32:33","slug":"wir-haben-schon-vernuenftige-loesungen-fuer-krankschreibungen-gespraech-mit-dr-paula-piechotta-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1150761\/","title":{"rendered":"Wir haben schon vern\u00fcnftige L\u00f6sungen f\u00fcr Krankschreibungen: Gespr\u00e4ch mit Dr. Paula Piechotta \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p class=\"translation-notice\">This article is also available in English: <a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/en\/politics\/hotspot\/2026\/07\/we-already-have-sensible-solutions-for-sick-leave-an-interview-with-dr-paula-piechotta-663444\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Read this article in English<\/a>.<\/p>\n<p>Seit Friedrich Merz am 2. Juli vor die Kamera trat und verk\u00fcndete: \u201eWir schaffen die telefonische Krankschreibung ab und f\u00fchren die Vorlage einer Arbeitsunf\u00e4higkeitsbescheinigung ab dem ersten Krankheitstag ein\u201c, gab es viele widerspr\u00fcchliche Signale. Da ist die Rede von \u201evern\u00fcnftigen L\u00f6sungen\u201c durch Klingbeil und von mehr Digitalisierung durch Warken. Was ist eigentlich sicher, fragen sich viele Menschen.<\/p>\n<p><b>Dann kam Jens Spahn<\/b><\/p>\n<p>Der Fraktionsvorsitzende der CDU\/CSU im Bundestag <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/morgenmagazin\/koalitionsausschuss-beschliesst-reformpaket\/wdr\/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtMTAzMzQwMDQtNGI4MC00NDliLThmM2MtNjlmNWM5MWZjMTYz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">machte starke Aussagen<\/a>. Gefragt, ob man die Emp\u00f6rung \u00fcber diese Ma\u00dfnahmen h\u00e4tte voraussehen k\u00f6nnen, meinte er:<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/e1d67315c89a45b092266ebb7fa425d5.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/politik\/brennpunkt\/2026\/07\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/politik\/brennpunkt\/2026\/07\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>\u201eDieselben \u00c4rzte, Funktion\u00e4re, die uns w\u00e4hrend der Gesundheitsreform vor ein paar Wochen gesagt haben, oh Gott, das w\u00e4ren ja 80 Millionen Arztbesuche pro Jahr weniger, sagen jetzt, es w\u00fcrden zu viele Arztbesuche. Man macht sich das Argument auch immer gerade so, wie es passt.\u201c<\/p>\n<\/p>\n<p>Leider l\u00e4sst sich nicht nachweisen, welche \u00c4rzte und Funktion\u00e4re behauptet h\u00e4tten, dass die AU-Pflicht ab dem ersten Tag weniger Arztbesuche nach sich zieht.<\/p>\n<p>Die Aussage: \u201eIch glaube, jeder kennt in seinem echten, wahren Leben, Bekanntenkreis, Nachbarschaft, Freunde, vielleicht auf Arbeit, immer wieder auch die Situation, wo insbesondere montags und freitags, es gibt die sogenannten Bettkantenentscheidungen, man sitzt auf der Bettkante und \u00fcberlegt, passt das Heute?\u201c zeigt nur, dass Jens Spahn mit Glauben und Gef\u00fchl, statt harten Fakten, Politik macht.<\/p>\n<p>Im Video sehen Sie seine gesamten Ausf\u00fchrungen zum Thema, der letzte Teil, die Pflege betreffend, ist geradezu eine Unversch\u00e4mtheit.<\/p>\n<p><b>Was sagen andere?<\/b><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/innenpolitik\/krankschreibung-krankheitstage-au-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Vizekanzler Lars Klingbeil<\/a> will eine vern\u00fcnftige L\u00f6sung und sagt: \u201eWenn man erstens sagt, ihr m\u00fcsst euch nicht krank zum Arzt schleppen und auch nicht krank auf die Arbeit schleppen. Und das Zweite ist: Am besten geben wir den Tarifpartnern oder den Betrieben M\u00f6glichkeiten, das Ganze so zu regeln, wie sie es gerne h\u00e4tten.\u201c Die vern\u00fcnftige L\u00f6sung gab es schon jetzt, Arbeitgeber konnten arbeitsvertraglich, mit Betriebsr\u00e4ten in Betriebsvereinbarungen und die Tarifpartner konnten in Tarifvertr\u00e4gen vereinbaren, ab wann eine AU abgegeben werden muss.<\/p>\n<p>Bundesgesundheitsministerin Nina Warken meinte: \u201eGenerell gilt: Niemand soll zur Arbeit gehen, wenn Krankheit dem entgegensteht. Daran soll sich auch in Zukunft nichts \u00e4ndern\u201c<\/p>\n<p>Das sollte sich von selbst verstehen.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich trefflich \u00fcber dieses Thema streiten, wir haben uns mit der Bundestagsabgeordneten Dr. Paula Piechotta (B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen) zu einem kurzen Gespr\u00e4ch per Zoom getroffen und nachgefragt.<\/p>\n<p><b>Gespr\u00e4ch mit MdB Dr. Piechotta<\/b><\/p>\n<p><b>Frau Dr. Piechotta, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen. In den \u00c4u\u00dferungen verschiedener Politiker zum Thema Krankschreibungen ist immer die Rede von einer exorbitant gestiegenen Anzahl von Krankheitstagen gegen\u00fcber dem Stand 2020. Wie muss man das einordnen?<\/b><\/p>\n<p>Die Auswertungen der Krankenkassen zu diesem Thema deuten darauf hin, dass das vor allem an der Umstellung auf die elektronische Arbeitsunf\u00e4higkeitsbescheinigung liegt \u2013 Krankheitstage werden jetzt vollst\u00e4ndiger erfasst. Als es nur die Papier-Krankschreibung gab haben viele die nicht an die Krankenkasse weitergeleitet. Somit wurden diese Tage nicht erfasst und tauchten nicht in der Statistik auf. Das erkl\u00e4rt einen gro\u00dfen Teil der Steigerung und wahrscheinlich auch gro\u00dfe Teile der Unterschiede zu anderen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Was man nicht ausschlie\u00dfen kann ist, dass nat\u00fcrlich die Corona-Pandemie auch bei vielen zu einem anderen Bewusstsein \u00fcber Ansteckungen und Gesundheit gef\u00fchrt hat und jetzt sich nicht mehr so oft mit Erk\u00e4ltung zur Arbeit schleppen wie fr\u00fcher. Das kann aber auch den Effekt haben, dass weniger Arbeitskollegen angesteckt werden und dadurch weniger wegen Krankheit ausfallen.<\/p>\n<p>Insgesamt ist es so, dass wir zwei gro\u00dfe Effekte haben. Die elektronische Erfassung f\u00fchrt dazu, dass wir insgesamt mehr erfassen. Auf der anderen Seite haben wir durch die Pandemie bei bestimmten Gruppen, nicht bei allen Arbeitnehmern, ein anderes Gesundheitsverhalten und Gesundheitsbewusstsein.<\/p>\n<p><b>Spielen eventuell auch mehr Langzeiterkrankungen, beispielsweise Long Covid, eine Rolle?<\/b><\/p>\n<p>Das kann sein.<\/p>\n<p><b>Kann man, Ihrer Meinung nach, sagen, dass der Wegfall der telefonischen Krankschreibung und die AU-Pflicht ab dem ersten Tag, auf jeden Fall zu einer erh\u00f6hten Belastung der Hausarztpraxen f\u00fchrt?<\/b><\/p>\n<p>Ja, die Menschen m\u00fcssen ja die Praxen aufsuchen, oder virtuell mit dem Arzt sprechen. Das erh\u00f6ht auf jeden Fall das Arbeitsaufkommen f\u00fcr die Haus\u00e4rzte. Die Haus\u00e4rzte in Deutschland leiden ja nicht unter Unterbesch\u00e4ftigung. Auf dem Dorf haben Haus\u00e4rzte tendenziell viel mehr Patienten zu versorgen als die in der Stadt. Das geh\u00f6rt auch zur Wahrheit dazu, weil die \u00c4rztedichte in den St\u00e4dten immer noch deutlich \u00fcber der im l\u00e4ndlichen Raum ist.<\/p>\n<p><b>Kann man sagen, dass der zu erwartende erh\u00f6hte Andrang in den Hausarztpraxen sich eventuell negativ auf die Qualit\u00e4t der \u00e4rztlichen Behandlungen auswirkt?<\/b><\/p>\n<p>Pauschal kann man das nicht sagen, aber die Haus\u00e4rzte haben dann nat\u00fcrlich weniger Zeit f\u00fcr anderes.<\/p>\n<p><b><a href=\"https:\/\/www.zdfheute.de\/politik\/deutschland\/merz-koalition-treffen-reformen-100.html?targetContentType=news\" target=\"_top\" rel=\"nofollow noopener\">Die Bundesregierung will auch<\/a> \u201aDie unrichtige Ausstellung einer Arbeitsunf\u00e4higkeitsbescheinigung\u2018 (AU) st\u00e4rker bestrafen. Was k\u00f6nnen Sie dazu sagen?<\/b><\/p>\n<p>Damit werden \u00c4rzte unter Generalverdacht gestellt, das ist schon ein starkes St\u00fcck. Das ist wieder diese Anti-\u00c4rzte-Politik, die die CDU gerade macht, wo man wirklich nicht wei\u00df, wo das herkommt. Wir haben heute schon einzelne Arbeitgeber, die \u00c4rzte immer wieder vor Gericht zwingen, weil sie sagen: Die AU war nicht richtig. Dann muss der Hausarzt vor Gericht erscheinen und dann fehlt wieder ein Tag in der Praxis. So werden \u00c4rzte auch gezielt von bestimmten Arbeitgebern zur Zielscheibe gemacht und das muss definitiv aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p><b>Es gibt ja schon Behauptungen, dass dieses Thema nur so pr\u00e4sent aufgestellt wurde, weil die Koalition von anderen Themen wie Befristungen und Aufweichung des K\u00fcndigungsschutzes ablenken will. Ist da etwas dran?<\/b><\/p>\n<p>Das halte ich f\u00fcr unwahrscheinlich, weil wir ja sehr genau wissen wie dieser Kompromiss in der Nacht entstanden ist. Wir wissen, dass die CDU etwas viel H\u00e4rteres durchsetzen wollte, n\u00e4mlich dass der erste Krankheitstag vom Urlaub oder vom Gehalt abgezogen wird. Dann ist dieser komische Kompromiss herausgekommen, wo man sagen muss: Es hat offensichtlich niemand im Kanzleramt bei der Kompromiss-Suche dar\u00fcber nachgedacht, wie das praktisch im Alltag umgesetzt werden soll. Der Protest jetzt ist so gro\u00df, weil man bei diesem Beispiel alles zusammenkommt, was die Menschen an dieser Bundesregierung hassen:<\/p>\n<p>Erstens wird auch hier wieder deutlich, dass Friedrich Merz und Jens Spahn Arbeitnehmer einfach pauschal f\u00fcr faul halten. Was eine krasse Unterstellung ist, wir hatten in Deutschland noch nie so viele Arbeitsstunden wie in den letzten Jahren, weil immer mehr Leute arbeiten. Zweitens sieht man auch hier, dass diese Bundesregierung handwerklich einfach schlecht ist. Der dritte Punkt ist, dass die SPD diese ganzen Sozialzumutungen nicht verhindert. Das ist auch etwas, was viele Leute an dieser Bundesregierung entt\u00e4uscht. Schwarz-Rot macht jetzt so unsoziale Sachen, die konnte sich die FDP in ihren feuchtesten Tr\u00e4umen nicht vorstellen. Und dass die Ampel sozialer war, als es jetzt schwarz-rot ist, das haben, glaube ich, viele W\u00e4hler bei der letzten Bundestagswahl so nicht kommen sehen. Diese Arbeitnehmerverachtung, die inzwischen in der Union tagt\u00e4glich zu beobachten ist, die ist neu. Diese Radikalisierung der Union macht sich unter anderem bei diesem Thema fest.<\/p>\n<p><b>Frau Dr. Piechotta, ich bedanke mich f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"This article is also available in English: Read this article in English. Seit Friedrich Merz am 2. 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