{"id":1161759,"date":"2026-07-12T17:30:26","date_gmt":"2026-07-12T17:30:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1161759\/"},"modified":"2026-07-12T17:30:26","modified_gmt":"2026-07-12T17:30:26","slug":"geschichtsfaelschung-als-kriegspropaganda-die-f-a-z-erklaert-russland-zum-hauptschuldigen-fuer-den-ersten-weltkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1161759\/","title":{"rendered":"Geschichtsf\u00e4lschung als Kriegspropaganda: Die F.A.Z. erkl\u00e4rt Russland zum Hauptschuldigen f\u00fcr den Ersten Weltkrieg"},"content":{"rendered":"<p>\u201eRusslands Rolle im Ersten Weltkrieg neu bewertet\u201c \u2013 unter dieser \u00dcberschrift hat die <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/geist-soziales\/eine-neue-these-zur-kriegsschuld-1914-200822288.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/a> am 29. Mai einen Beitrag des Historikers Ren\u00e9 Schlott ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Grundlage des Artikels ist ein Aufsatz, den der Wiener Rechtsphilosoph Joachim Dolezik 2025 in der Zeitschrift f\u00fcr Geschichtswissenschaft unter dem Titel \u201eHistoriografische Debatten zur Julikrise und die Frage nach der Verantwortung am Kriegsausbruch 1914\u201c ver\u00f6ffentlichte. Schlott schreibt im Untertitel: Dolezik \u201egeht \u00fcber Christopher Clark hinaus und sucht die Hauptschuld bei Russland\u201c. Nicht das Deutsche Reich, sondern das Zarenreich und Frankreich werden zu den eigentlichen Verantwortlichen f\u00fcr die \u201eUrkatastrophe des 20. Jahrhunderts\u201c erkl\u00e4rt. Deutschland erscheint als Macht, die sich verteidigte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"db relative center\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/796d268d-66f8-47d0-aa41-dcba6afb2ee9.jpeg\" style=\"max-height:100%\"\/>Deutsche Nachschubkolonne an der Ostfront [Photo by Bundesarchiv, Bild 183-S34205 \/ <a class=\"black-40 hover-black-60 no-underline\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/\">CC BY-SA 3.0<\/a>]<\/p>\n<p>Diese Umdeutung kommt nicht von ungef\u00e4hr. Sie f\u00e4llt in eine Zeit, in der die Bundesregierung f\u00fcr einen Krieg gegen Russland aufr\u00fcstet wie seit den Nazis nicht mehr. Die Geschichte des deutschen Imperialismus wird umgeschrieben, weil er in der Gegenwart einen neuen Krieg vorbereitet.<\/p>\n<p>Um zu verstehen, was diese Umdeutung bedeutet, muss man auf Fritz Fischer zur\u00fcckgehen. Als der Hamburger Historiker 1961 sein Buch \u201eGriff nach der Weltmacht\u201c ver\u00f6ffentlichte, l\u00f6ste er einen jahrelangen Sturm der Entr\u00fcstung aus. Die Kontroverse zog sich \u00fcber ein Jahrzehnt hin; 1964 bezogen auf dem Historikertag selbst Bundeskanzler Ludwig Erhard und Verteidigungsminister Franz Josef Strau\u00df \u00f6ffentlich gegen ihn Stellung. Fischer hatte den Nachkriegskonsens durchbrochen, der eine besondere deutsche Verantwortung f\u00fcr den Ersten Weltkrieg bestritt.<\/p>\n<p>Fischer ging es dabei nicht um die moralische Frage einer deutschen \u201eAlleinschuld\u201c. Er untersuchte systematisch die Kriegsziele und Interessen des deutschen Imperialismus und stellte die Julikrise in den Zusammenhang der deutschen \u201eWeltpolitik\u201c, des Weltmachtstrebens und der gesellschaftlichen Interessen von Industrie, Banken, Gro\u00dfgrundbesitz, Milit\u00e4r und Staatsapparat. Die deutsche Politik im Juli 1914, schrieb er, \u201edarf nicht isoliert gesehen werden. Sie erscheint erst dann im rechten Licht, wenn man sie als Bindeglied zwischen der deutschen \u201aWeltpolitik\u2018 seit Mitte der 90er Jahre und der deutschen Kriegszielpolitik seit dem August 1914 betrachtet.\u201c (Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht, 1961.)<\/p>\n<p>In diesen Kontext geh\u00f6rt auch der deutsche \u201eBlankoscheck\u201c: Berlin ermutigte Wien, Serbien den Krieg zu erkl\u00e4ren, und sagte \u00d6sterreich-Ungarn die milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung Deutschlands gegen Russland zu. Das war die bewusste Unterst\u00fctzung eines Angriffs auf Serbien \u2013 im Wissen, dass daraus ein Krieg mit Russland und Frankreich werden konnte.<\/p>\n<p>Wie weit die deutschen Ziele reichten, zeigte sich offen, sobald der Krieg begonnen hatte: Im Septemberprogramm Bethmann Hollwegs von 1914 wurden ein wirtschaftlich von Deutschland beherrschtes Mitteleuropa, die territoriale und wirtschaftliche Unterwerfung der Nachbarstaaten, ein zusammenh\u00e4ngendes mittelafrikanisches Kolonialreich und die Zur\u00fcckdr\u00e4ngung Russlands zum Programm erhoben. <\/p>\n<p>Die F.A.Z. schreibt, zw\u00f6lf Jahre nach Christopher Clarks Bestseller \u201eDie Schlafwandler\u201c habe sich dessen These von der geteilten Verantwortung aller Gro\u00dfm\u00e4chte durchgesetzt, und Dolezik spitze sie nun \u201emit einem Akzent auf den v\u00f6lkerrechtlichen Implikationen\u201c zu. Das Ergebnis: Deutschland und \u00d6sterreich-Ungarn tr\u00fcgen zwar \u201eeine betr\u00e4chtliche Mitverantwortung\u201c, die \u201eHauptverantwortung\u201c aber k\u00f6nne \u201eRussland und Frankreich zugeschrieben werden\u201c.<\/p>\n<p>Doleziks Beweisf\u00fchrung ist Schritt f\u00fcr Schritt als juristische Argumentation angelegt. Den \u00f6sterreichisch-serbischen Konflikt behandelt er als rein regionalen Streit, den erst die \u201eforcierte [\u2026] Delokalisierung eines rein regionalen Balkankonflikts\u201c durch Russland und Frankreich zum europ\u00e4ischen Krieg ausgeweitet habe (S. 920). Den B\u00fcndnisfall zwischen Wien und Berlin \u2013 den casus foederis, also das vertraglich vereinbarte Eintreten f\u00fcr den B\u00fcndnispartner \u2013 wertet er als v\u00f6lkerrechtlich gedeckte, defensive B\u00fcndnistreue.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ai.wsws.org\/?utm_source=wsws&amp;utm_medium=in-article-ad&amp;utm_campaign=socialism-ai-launch&amp;utm_content=de-top-third-banner\" class=\"db avenir f6 lh-title pa1 br2 tc mw6 mw-75rem-m bg-black-05 mt3 center\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\"><img decoding=\"async\" class=\"dn db-m\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/25ec0a66-6196-494a-b37c-21128d5af4ea.png\"\/><img decoding=\"async\" class=\"db dn-m\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/757eb3bc-3c41-4c7f-a951-5eff14906863.png\"\/><\/a><\/p>\n<p>Den eigentlichen Wendepunkt sieht er nicht im \u00f6sterreichischen Angriff und nicht im deutschen Blankoscheck, sondern in der russischen Mobilmachung; sie sei \u201eso entscheidend [\u2026] wie der Blankoscheck\u201c (S. 913). Die deutsche Kriegserkl\u00e4rung an Russland erscheint folgerichtig als rechtm\u00e4\u00dfige Reaktion auf eine \u201eunmittelbare Bedrohungslage\u201c (S. 916), und die \u201eHauptverantwortung\u201c f\u00fcr den Krieg wird St. Petersburg und Paris zugeschrieben (S. 920). Dolezik schlie\u00dft sich dabei ausdr\u00fccklich dem Urteil Herfried M\u00fcnklers an: \u201eder Schl\u00fcssel zum Krieg\u201c habe \u201ein der russischen Hauptstadt\u201c gelegen (S. 913).<\/p>\n<p>Diese Thesen stellen bei Weitem nichts Neues dar. Die WSWS ist dieser Geschichtsf\u00e4lschung seit mehr als einem Jahrzehnt entgegengetreten. Bereits 2014 <a href=\"https:\/\/www.mehring-verlag.de\/library\/scholarship-or-war-propaganda\/04.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">analysierte<\/a> sie die Flut von B\u00fcchern, Sendungen und Kommentaren, die zum 100. Jahrestag des Ausbruches des Ersten Weltkriegs erschienen, als \u201egezielte Bem\u00fchungen, das bisherige Verst\u00e4ndnis der Ursachen des Kriegs und der Verantwortung Deutschlands zu revidieren und in \u00dcbereinstimmung mit den neuen au\u00dfenpolitischen Zielen der deutschen Regierung zu bringen\u201c.<\/p>\n<p>Im selben Jahr hatten Bundespr\u00e4sident, Au\u00dfenminister und Verteidigungsministerin auf der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz verk\u00fcndet, die Zeit der milit\u00e4rischen Zur\u00fcckhaltung sei vorbei. An der Spitze der historischen Begleitkampagne stand Herfried M\u00fcnkler. Er forderte \u00f6ffentlich \u201eeine Abkehr von den Thesen Fritz Fischers\u201c und behauptete \u2013 ohne jeden Beleg \u2013, \u201edie j\u00fcngere Forschung\u201c neige \u201einzwischen st\u00e4rker der Position Ritters zu\u201c, also jener rechtskonservativen Historiker, die nach 1945 jeden Zusammenhang zwischen kaiserlicher \u201eWeltpolitik\u201c und Krieg geleugnet hatten.<\/p>\n<p>Wie die WSWS schon damals nachwiesen hatte, geh\u00f6ren die Attacken auf Fischer und die R\u00fcckkehr zu einer aggressiven Au\u00dfenpolitik untrennbar zusammen. \u201eUm neue Verbrechen des deutschen Imperialismus vorzubereiten\u201c, schrieben Ulrich Rippert und Peter Schwarz im Juli 2014, \u201em\u00fcssen seine historischen Verbrechen, zu deren Verst\u00e4ndnis Fischer ma\u00dfgeblich beigetragen hat, verharmlost und besch\u00f6nigt werden.\u201c<\/p>\n<p>In einem <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2015\/01\/07\/humb-j07.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Vortrag<\/a> an der Humboldt-Universit\u00e4t zitierte Peter Schwarz Anfang 2015 den Vorsitzenden der Socialist Equality Party, David North: \u201eDie Geschichte ist zum Schlachtfeld geworden. \u2026 Die Vergangenheit wird im Interesse der heutigen politischen Reaktion gef\u00e4lscht.\u201c M\u00fcnklers Attacken, so Schwarz, dienten dazu, \u201edas geistige Klima zu vergiften und Widerstand gegen den Militarismus zu ersticken\u201c.<\/p>\n<p>Doch Dolezik geht \u00fcber Clark und M\u00fcnkler hinaus. 2014 lautete die Botschaft, alle M\u00e4chte seien gemeinsam, \u201eschlafwandelnd\u201c, in den Krieg geraten. Dolezik dagegen r\u00fcckt die Mittelm\u00e4chte in die Rolle der Verteidiger eines \u201edefensiven Sicherheitsparadigmas\u201c (S. 909). Der deutsche Blankoscheck wird zur \u201edefensiven, rechtm\u00e4\u00dfigen B\u00fcndnistreue\u201c (S. 914), die deutsche Kriegserkl\u00e4rung zum Handeln \u201erechtm\u00e4\u00dfig in Notwehr\u201c (S. 916). Entscheidend sei nicht der \u00f6sterreichische Angriff oder der deutsche Blankoscheck, sondern \u201eder Beschluss Russlands, in den regionalen Konflikt zu intervenieren und gegen \u00d6sterreich-Ungarn zu mobilisieren\u201c (S. 915). <\/p>\n<p>Deutschland wird also nicht mehr nur von einer besonderen Verantwortung entlastet. Es wird zum Opfer einer russisch-franz\u00f6sischen Aggression erkl\u00e4rt. Und die F.A.Z. pr\u00e4sentiert diese altbekannte Entlastungslegende als \u201eneue These\u201c.<\/p>\n<p>Diese Entlastungslegende lebt von einer Unterstellung \u00fcber Fritz Fischer. Er hat nie eine deutsche \u201eAlleinschuld\u201c behauptet. Schon bei Erscheinen seines Buches wies er 1961 in der Zeit die ihm untergeschobene Formel zur\u00fcck: \u201eDiesen Begriff habe ich in meinem Buch nicht gebraucht, vielmehr ausdr\u00fccklich darauf hingewiesen, dass [\u2026] die Regierungen der beteiligten europ\u00e4ischen M\u00e4chte in der einen oder anderen Weise und in sehr abgestufter Form an der Verantwortung f\u00fcr den Ausbruch des Weltkrieges teilhaben.\u201c (Fritz Fischer, \u201eDie Schuld am Ersten Weltkrieg\u201c, Die Zeit, 24. November 1961.)<\/p>\n<p>Der Erste Weltkrieg war ein imperialistischer Krieg. Deutschland, das aufgrund der ausgebliebenen b\u00fcrgerlichen Revolution bei der Aufteilung der Welt zu sp\u00e4t gekommen war, trat den alten Kolonialm\u00e4chten Gro\u00dfbritannien und Frankreich entgegen, die ihr Raubgut mit allen Mitteln verteidigten. Die USA, die erst sp\u00e4t in den Krieg eingriffen, begannen ihren Aufstieg zur dominierenden Weltmacht.<\/p>\n<p>Deutschland hatte bereits 16 Jahre vor Kriegsausbruch mit einem intensiven Flottenbauprogramm begonnen, um den Briten die Herrschaft \u00fcber die Weltmeere streitig zu machen. Aber die Hauptexpansionsrichtung des deutschen Imperialismus lag im Osten \u2013 in Mitteleuropa und Russland. Die Gener\u00e4le des Kaiserreichs schmiedeten Kriegspl\u00e4ne gegen Russland und dr\u00e4ngten darauf, den Krieg m\u00f6glichst bald zu beginnen, weil die Zeit f\u00fcr Russland arbeite. Der Schlieffen-Plan, der der Reichswehr zu Kriegsbeginn als strategische Grundlage diente, war bereits 1905 ausgearbeitet worden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.mehring-verlag.de\/library\/north-30-jahre-krieg\/00.html\" class=\"no-underline pointer\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" class=\"db relative center\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/19b71883-5de1-401a-8f7f-7226c4b24a37\" style=\"max-height:100%\"\/><\/p>\n<p>David North<\/p>\n<p>30 Jahre Krieg: Amerikas Griff nach der Weltherrschaft 1990\u20132020<\/p>\n<p>Seit dem ersten Golfkrieg 1990\u20131991 f\u00fchren die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg.\u00a0Gest\u00fctzt auf ein marxistisches Verst\u00e4ndnis der Widerspr\u00fcche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Milit\u00e4rinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.<\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Fischers angebliche Alleinschuldthese ist ein Strohmann. Was Fischer untersuchte, war die besondere Verantwortung der deutschen Reichsleitung: Sie hatte den \u00f6sterreichisch-serbischen Krieg gewollt und gedeckt und dabei bewusst einen Konflikt mit Russland und Frankreich in Kauf genommen.<\/p>\n<p>Doleziks behandelt den \u00f6sterreichisch-serbischen Konflikt als neutralen Ausgangspunkt, der erst durch das Eingreifen Russlands und Frankreichs zum europ\u00e4ischen Krieg geworden sei. Doch dieser Konflikt fiel nicht vom Himmel: Die deutsche F\u00fchrung hatte ihn aktiv gef\u00f6rdert und mit dem Blankoscheck politisch abgesichert. Deshalb l\u00e4sst sich die Frage der deutschen Verantwortung nicht auf den sp\u00e4teren Ablauf von Mobilmachungen, Ultimaten und formalen B\u00fcndnisf\u00e4llen reduzieren. Dass auch die anderen imperialistischen M\u00e4chte Schuld trugen, hat Fischer nie bestritten \u2013 \u201eaber das milderte nicht die Verantwortung der herrschenden Klasse Deutschlands f\u00fcr den Krieg\u201c, wie Rippert und Schwarz damals kommentierten.<\/p>\n<p>Doleziks Schl\u00fcsselbegriffe \u2013 casus foederis (der B\u00fcndnisfall, der die Beistandspflicht ausl\u00f6st), casus belli (der Kriegsgrund), Mobilmachung und v\u00f6lkerrechtliche Rechtm\u00e4\u00dfigkeit \u2013 verschieben die Untersuchung auf die unmittelbare juristische Abfolge der Krise: wer zuerst mobilisierte, welche Erkl\u00e4rung formal gedeckt war, wann der B\u00fcndnisfall eintrat. Was dabei aus dem Blick ger\u00e4t, sind die imperialistischen Interessen, die zum Krieg f\u00fchrten. Der Angriff \u00d6sterreich-Ungarns auf Serbien war kein gegebener Ausgangspunkt, sondern eine bewusste Entscheidung, einen Krieg mit Russland zu provozieren, die Berlin mit dem Blankoscheck ermutigte und unterst\u00fctzte.<\/p>\n<p>Die deutsche F\u00fchrung wollte den Krieg gegen Russland und nahm die Gefahr eines gro\u00dfen europ\u00e4ischen Kriegs im Dienst ihrer eigenen machtpolitischen Ziele bewusst in Kauf. Wie weit diese Ziele reichten, trat offen zutage, sobald der Krieg begonnen hatte \u2013 im Septemberprogramm mit seinem deutsch beherrschten Mitteleuropa und der Zur\u00fcckdr\u00e4ngung Russlands. Dass auch Frankreich, Russland und Gro\u00dfbritannien imperialistische Interessen verfolgten, widerlegt die deutsche Verantwortung nicht.<\/p>\n<p>Dolezik beruft sich f\u00fcr seine Interpretation ausdr\u00fccklich auf die Revisionisten der Zwischenkriegszeit \u2013 auf Barnes, Wegerer, Montgelas und Lutz (S. 919). Diese hatten damals die Mitverantwortung aller Gro\u00dfm\u00e4chte in den Vordergrund r\u00fcckten, um den Versailler Kriegsschuldartikel zu bek\u00e4mpfen, der Deutschland untragbare Reparationen auferlegte. Nun kehren die alten Entlastungsmuster wieder.<\/p>\n<p>Aber warum werden diese alten Thesen wieder an die Oberfl\u00e4che bef\u00f6rdert? Am 28. November 2025 beschloss der Bundestag einen Verteidigungshaushalt von 108,2 Milliarden Euro \u2013 der h\u00f6chste Stand seit dem Ende des Kalten Krieges; bis 2029 soll er auf 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Die im April 2026 vorgestellte Milit\u00e4rstrategie nennt Russland offen als zentrale Bedrohung und will die Bundeswehr zur \u201est\u00e4rksten konventionellen Armee Europas\u201c ausbauen. Verteidigungsminister Pistorius rechtfertigt jede Steigerung mit der \u201eBedrohung durch Russland\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr ein solches Programm ist die Erinnerung an die Verbrechen des deutschen Imperialismus in zwei Weltkriegen ein Hindernis; die Ablehnung von Krieg und Militarismus sitzt tief. Also muss Deutschland als bedrohte, lediglich reagierende Macht erscheinen \u2013 und Russland nicht nur heute, sondern r\u00fcckwirkend als Aggressor von 1914. Die Kontinuit\u00e4t deutscher Gro\u00dfmachtinteressen und der Expansionsrichtung nach Osten, die schon 1914 von der Ukraine \u00fcber das Baltikum bis zum Kaukasus reichte, soll verdeckt werden. Unsere damalige Warnung best\u00e4tigt sich in der Eskalation des Ukrainekriegs, die vor allem von Deutschland vorangetrieben wird.<\/p>\n<p>Die F\u00e4lschung der Vergangenheit dient der Vorbereitung gegenw\u00e4rtiger und k\u00fcnftiger Kriege. Schon Fischer zeigte, dass Militarismus immer auch eine innenpolitische Funktion hatte: Kaiser Wilhelm wies Kanzler B\u00fclow 1905 an: \u201eErst die Sozialisten abschie\u00dfen, k\u00f6pfen und unsch\u00e4dlich machen, wenn n\u00f6tig, per Blutbad, und dann Krieg nach au\u00dfen\u201c (vgl. Fritz Fischer, \u201eGriff nach der Weltmacht\u201c, 1961.) Auch heute richtet sich die Aufr\u00fcstung nach innen wie nach au\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Geschichtsf\u00e4lschung ist Teil der ideologischen Kriegsvorbereitung \u2013 nach au\u00dfen wie nach innen. Die Antwort darauf ist der Kampf f\u00fcr die internationale Einheit der Arbeiterklasse auf der Grundlage des Sozialismus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eRusslands Rolle im Ersten Weltkrieg neu bewertet\u201c \u2013 unter dieser \u00dcberschrift hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 29.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1161760,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[4013],"tags":[331,332,15850,243646,13,103580,95238,14,15,4043,4044,850,307,12],"class_list":["post-1161759","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-russland","tag-aktuelle-nachrichten","tag-aktuelle-news","tag-erster-weltkrieg","tag-geschichtsfaelschung","tag-headlines","tag-imperialismus","tag-kriegspropaganda","tag-nachrichten","tag-news","tag-russia","tag-russian-federation","tag-russische-foederation","tag-russland","tag-schlagzeilen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116908198005025005","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1161759","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1161759"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1161759\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1161760"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1161759"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1161759"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1161759"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}