{"id":1161941,"date":"2026-07-12T19:37:43","date_gmt":"2026-07-12T19:37:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1161941\/"},"modified":"2026-07-12T19:37:43","modified_gmt":"2026-07-12T19:37:43","slug":"der-stadtrat-tagte-leipzig-bekommt-einen-gedenkort-fuer-die-opfer-von-femiziden-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1161941\/","title":{"rendered":"Der Stadtrat tagte: Leipzig bekommt einen Gedenkort f\u00fcr die Opfer von Femiziden \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p class=\"translation-notice\">This article is also available in English: <a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/en\/politics\/leipzig-en\/2026\/07\/the-city-council-met-leipzig-memorial-victims-femicide-663964\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Read this article in English<\/a>.<\/p>\n<p>Dass es zu diesem Beschlusspunkt am 2. Juli in der Ratsversammlung L\u00e4rm geben w\u00fcrde, war zu erwarten. Eingefleischte Patriarchen k\u00f6nnen halt nicht anders, als dazwischenzurufen und ihren altv\u00e4terlichen Unmut lautstark kundzutun. Sie haben das Patriarchat verinnerlicht. Und so wurde es dann auch laut im Stadtrat, als die Vorlage \u201eGestaltungsvorschlag Gedenken an die Opfer von Femiziden in Leipzig\u201c zum Aufruf kam. Drei Frauen redeten. Und M\u00e4nner br\u00fcllten dazwischen. Typisch. Und symptomatisch.<\/p>\n<p>Das Problem benannte an diesem Tag vor allem die Gr\u00fcnen-Stadtr\u00e4tin Anne Vollerthun, die darauf hinwies, dass das Problem der Femizide tief in patriarchalischen Strukturen verankert ist. Strukturen, die so tief in unserer Gesellschaft stecken, dass viele M\u00e4nner gar nicht mehr merken, wie sie davon profitieren und geleitet werden. Und wie das auch ihr Frauenbild pr\u00e4gt \u2013 mitsamt der verinnerlichten Abwertung und Verachtung von Frauen.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/caf3c2fdd4e044e9b2ef64285fb3ee80.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/politik\/leipzig\/2026\/07\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/politik\/leipzig\/2026\/07\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Als Anne Vollerthun am Seitenmikrofon nicht nur die offizielle Definition von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Femizid\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Femiziden<\/a> erl\u00e4uterte, sondern auch die Zahlen zu den Femiziden deutschlandweit und in Leipzig vortrug, wurde es auf der rechten Seite im Sitzungssaal laut und OBM Burkhard Jung musste dringend zur M\u00e4\u00dfigung mahnen.<\/p>\n<p>Dabei sind es dieselben Konstellationen, die die Diskussion um Femizide und ein w\u00fcrdiges Gedenken an die get\u00f6teten Frauen in Leipzig schon seit Jahren begleiten. Was eigentlich die Notwendigkeit, einen \u00f6ffentlichen Erinnerungsort an die get\u00f6teten Frauen und M\u00e4dchen zu schaffen, umso dringlicher macht. Denn das patriarchale Machtgehabe lebt auch davon, dass Femizide verdr\u00e4ngt werden, dass in Polizeiberichten oft nur von Beziehungstaten die Rede ist. Mantel des Schweigens dar\u00fcber, dann ist alles in Ordnung? Ist es nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/1783885061_391_Stadtrat-Beate_Ehms-Linke-Petitionsausschuss-00006970.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-662724 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/1783885061_391_Stadtrat-Beate_Ehms-Linke-Petitionsausschuss-00006970.jpg\" alt=\"Beate Ehms (Die Linke\/Petitionsausschuss) im Leipziger Stadtrat am 01.07.2026. Foto: Jan Kaefer\" width=\"5472\" height=\"3648\"  \/><\/a>Beate Ehms (Die Linke\/Petitionsausschuss) im Leipziger Stadtrat am 01.07.2026. Foto: Jan Kaefer<br \/>\nDie Vorgeschichte des Gedenkortes<\/p>\n<p>Schon am 15. Juni 2022 beschloss der Leipziger Stadtrat den von Mandy Gehrt und Beate Ehms (beide Die Linke) gestellten Antrag \u201eGedenken an die Opfer von Femiziden\u201c. Dieser hatte zum Inhalt, ein Konzept f\u00fcr einen Gedenkort zu entwickeln \u2013 in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Initiativen wie #KeineMehr.<\/p>\n<p>\u201eDie Stadt beauftragte daraufhin entsprechende Initiativen mit einem Gutachten. Dieses ordnet Femizide in Leipzig ein, vergleicht m\u00f6gliche Gedenkformen mit anderen St\u00e4dten und L\u00e4ndern und pr\u00fcft geeignete Standorte. Das Gutachten wurde im Juni 2024 vorgelegt\u201c, <a href=\"https:\/\/ratsinformation.leipzig.de\/allris_leipzig_public\/vo020?VOLFDNR=2026488&amp;refresh=false&amp;TOLFDNR=2203656\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">beschreibt nun das Kulturdezernat den Findungsprozess f\u00fcr den Leipziger Gedenkort.<\/a><\/p>\n<p>\u201eAm 12. M\u00e4rz 2025 stellte der Stadtrat im Doppelhaushalt 2025\/2026 finanzielle Mittel f\u00fcr den Gedenkort bereit (40.000 Euro f\u00fcr 2025, 100.000 Euro f\u00fcr 2026, vgl. VIII-HP-10324-VSP-02). Anschlie\u00dfend beauftragte die Stadt ein konkretes Umsetzungskonzept, das einen realisierbaren Entwurf f\u00fcr einen Standort in Leipzig innerhalb dieses Budgets entwickelt.<\/p>\n<p>Dieses Konzept wurde Ende Juli 2025 vom Verein Phia e.V. vorgelegt. Es wurde im August 2025 innerhalb der Stadtverwaltung abgestimmt und anschlie\u00dfend im Sachverst\u00e4ndigenforum f\u00fcr Kunst im \u00f6ffentlichen Raum und am Bau (18. August 2025) diskutiert. Dabei wurde es positiv bewertet und um Hinweise erg\u00e4nzt.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/femizide.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-663928 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/femizide.jpg\" alt=\"So k\u00f6nnte der Gedenkort im Kolonnadenviertel aussehen. Grafik: Stadt Leipzig\" width=\"2250\" height=\"1500\"  \/><\/a>So k\u00f6nnte der Gedenkort im Kolonnadenviertel aussehen. Grafik: Stadt Leipzig<\/p>\n<p>Verwirklicht werden soll der Gedenkort zusammen mit der LWB im Kolonnadenviertel \u2013 direkt vor den Geb\u00e4uden Kolonnadenstra\u00dfe 1 und 2. Dazu geh\u00f6ren eine \u201eInstallation zart leuchtender Worte an der oberen Fassade (Attika) der LWB-Geb\u00e4ude Kolonnadenstr. 1 und 2\u201c und die punktuelle Gestaltung der Glasscheiben der \u00dcberdachung der Kolonnaden. Veranstaltungen sind geplant, aber auch eine eigene Website, die zum Thema Femizide und konkret zu den in Leipzig registrierten Femiziden Auskunft gibt.<\/p>\n<p>Ein Problem gewinnt an Aufmerksamkeit<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend die AfD-Stadtr\u00e4tin Alexandra Hachmeister meinte, dass es so einen Gedenkort in Leipzig nicht brauche, wurde nicht nur Anne Vollerthun deutlich.<\/p>\n<p>Die gleichstellungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Pia Heine, benannte extra die Leipziger Zahlen: \u201eIn den vergangenen 15 Jahren gab es f\u00fcnfzehn Femizide in Leipzig. Frauen werden get\u00f6tet, einfach weil sie Frauen sind. Der T\u00e4ter gesteht dem weiblichen Opfer durch die Tat kein selbstbestimmtes Leben zu. Die Spirale beginnt aber viel fr\u00fcher, oft im eigenen Zuhause. Die steigenden Nutzerinnenzahlen der Beratungsstellen und Schutzeinrichtungen zeigen das. Im Einzugsbereich der Polizeidirektion Leipzig gibt es 300 Hochrisikof\u00e4lle, bei denen die Polizei davon ausgeht, dass ein T\u00f6tungsdelikt geschehen kann.\u201c<\/p>\n<p>Damit der Gedenkort auch finanziert werden kann, hatten die Stadtr\u00e4t\/-innen von Gr\u00fcnen, Linken, SPD und Freier Fraktion einen entsprechenden Haushaltsantrag gestellt.<\/p>\n<p>Und dass das Thema Femizide auch bundesweit diskutiert wird, merkte Pia Heine ebenfalls an: \u201eDer geplante Leipziger Gedenkort f\u00fcr die Opfer von Femiziden unterst\u00fctzt damit auch das bundesweite Vorhaben des Gewalthilfegesetzes, indem er das Thema Gewalt an Frauen gesellschaftlich st\u00e4rker in unserer Stadt verankert. Ab 2032 gibt es \u2013 festgeschrieben durch das Gewalthilfegesetz \u2013 einen Rechtsanspruch auf kostenfreie Schutzpl\u00e4tze f\u00fcr alle Frauen, die Gewalt in Beziehungen erleiden und ihr Leben sch\u00fctzen m\u00fcssen. Patriarchale Gewalt gegen Frauen passiert nicht irgendwo durch irgendwen, sondern auch hier in unserer direkten Nachbarschaft.\u201c<\/p>\n<p>Zu wenige Schutzpl\u00e4tze<\/p>\n<p>Denn noch immer gibt es in Leipzig zu wenige solcher Schutzpl\u00e4tze. Die Eskalation in der Paarbeziehung k\u00fcndigt sich oft genug an mit F\u00e4llen h\u00e4uslicher Gewalt, die auch von der Polizei registriert werden. Nur k\u00f6nnen viele Frauen den Bereich dieser Gewalt nicht verlassen, weil es keine ausreichenden Schutzpl\u00e4tze oder verf\u00fcgbare Wohnungen gibt, die eine Trennung vom gewaltt\u00e4tigen Partner erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Beate Ehms, Sprecherin f\u00fcr Gleichstellung der Linksfraktion, und Mandy Gehrt, kulturpolitische Sprecherin der Fraktion, brachten das Problem nach der Sitzung so auf den Punkt: \u201eDas Thema Gewalt an Frauen bis hin zu ihrer T\u00f6tung muss sichtbar in der \u00d6ffentlichkeit sein. Viel zu oft werden Femizide medial abgetan als \u201aFamilientrag\u00f6dien\u2018 oder \u201aEifersuchtsdramen\u2018.<\/p>\n<p>Doch es muss klar und unanfechtbar sein: Es sind keine ungl\u00fccklichen Einzelf\u00e4lle, sondern die extreme Zuspitzung einer Reihe von Gewalttaten gegen Frauen, die von physischer und psychischer Herabw\u00fcrdigung, h\u00e4uslicher Gewalt und Einsperren \u00fcber Stalking bis zu sexueller Bel\u00e4stigung und Vergewaltigung reicht. Allein in 2024 sind laut Bundeskriminalamt 132 Frauen in Deutschland durch ihren (Ex-)Partner get\u00f6tet worden. Die Anzahl frauenfeindlicher Straftaten steigt j\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Am Dorotheenplatz im Leipziger Kolonnadenviertel wird in Zukunft ein Gedenkort Erinnerung und Aufkl\u00e4rung miteinander verbinden. Gleichzeitig soll er Raum f\u00fcr Veranstaltungen und Dialog bieten sowie Impulse f\u00fcr politische Ver\u00e4nderungen setzen. Er soll dazu aufrufen, bei Gewalt gegen Frauen, Kinder und LGBTI nicht wegzusehen, sondern sich couragiert f\u00fcr ein geschlechtergerechtes, friedliches Zusammenleben in Leipzig einzusetzen.<\/p>\n<p>Unser besonderer Dank gilt der Initiative #Keinemehr und den Frauen des Phia e.V. f\u00fcr die engagierte Arbeit an diesem Gedenkort.\u201c<\/p>\n<p>Die Vorlage wurde dann auch am 2. Juli mit gro\u00dfer Mehrheit mit 35 zu 19 Stimmen bei 4 Enthaltungen im Stadtrat beschlossen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"This article is also available in English: Read this article in English. 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