{"id":1167969,"date":"2026-07-15T08:01:19","date_gmt":"2026-07-15T08:01:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1167969\/"},"modified":"2026-07-15T08:01:19","modified_gmt":"2026-07-15T08:01:19","slug":"uebersterblichkeit-wie-die-zahl-der-hitzetoten-ermittelt-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1167969\/","title":{"rendered":"\u00dcbersterblichkeit: Wie die Zahl der Hitzetoten ermittelt wird"},"content":{"rendered":"<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/rettungssanitaeter-120.jpg\" alt=\"Rettungssanit\u00e4ter k\u00fcmmern sich um eine Patientin mit hitzebedingten Beschwerden.\" title=\"Rettungssanit\u00e4ter k\u00fcmmern sich um eine Patientin mit hitzebedingten Beschwerden. | dpa\"\/><\/p>\n<p>                    <strong>Faktenfinder<\/strong><\/p>\n<p class=\"metatextline\">Stand: 15.07.2026 \u2022 09:03 Uhr<\/p>\n<p class=\"article-head__shorttext\">\n        <strong>Die Zahl der Hitzetoten wird in den sogenannten Alternativmedien stark angezweifelt. Doch auch wenn es sich dabei meist um Sch\u00e4tzungen handelt, sind die Zahlen laut Wissenschaftlern belastbar.<\/strong>\n    <\/p>\n<p>Von Christian Frahm und Pascal Siggelkow, Redaktion ARD-faktenfinder\n                    <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">&#8222;5120 &#8218;Hitzetote&#8216;: RKI im Hitze-Panik-Modus!&#8220; oder &#8222;Hitzetote-Humbug&#8220;: In mehreren sogenannten Alternativmedien werden die Zahlen zu den Hitzetoten von Institutionen wie dem Robert Koch-Institut (RKI) stark angezweifelt. Der Tenor: Die Zahlen w\u00fcrden sich lediglich auf Sch\u00e4tzungen berufen und nur in den wenigsten F\u00e4llen sei die Hitze wirklich die Todesursache. Diese Darstellung greift jedoch zu kurz.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die 5.120 Hitzetote, auf die sich die Alternativmedien beziehen, stammen aus einem <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Themen\/Gesundheit-und-Gesellschaft\/Gesundheitliche-Einflussfaktoren-A-Z\/H\/Hitze\/Bericht_Hitzemortalitaet.html\" title=\"RKI\" class=\"textlink--extern js-link-dialog\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" target=\"_blank\" data-type=\"external\">Bericht des RKI<\/a>. <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wissen\/klima\/robert-koch-institut-hitzetote-deutschland-100.html\" title=\"Hitzewelle in Deutschland - mehr als 5.000 Tote bis Ende Juni\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Das Institut hat gesch\u00e4tzt<\/a>, dass in Deutschland bis Ende Juni rund 5.120 hitzebedingte Sterbef\u00e4lle aufgetreten sind. Allein in der Woche mit den besonders hei\u00dfen Tagen vom 22. bis 28. Juni habe es 4.310 hitzebedingte Todesf\u00e4lle gegeben. Demnach verstarben vor allem Menschen im Alter von \u00fcber 75 Jahren.<\/p>\n<p>    Mehr Tote w\u00e4hrend Hitzewelle<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Um auf die Zahlen der Hitzetoten zu kommen, greift das RKI auf die <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Themen\/Gesellschaft-Umwelt\/Bevoelkerung\/Sterbefaelle-Lebenserwartung\/Publikationen\/Downloads-Sterbefaelle\/statistischer-bericht-sterbefaelle-tage-wochen-monate-aktuell-5126109.html\" title=\"Destatis\" class=\"textlink--extern js-link-dialog\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" target=\"_blank\" data-type=\"external\">Sterbefallzahlen des Statistischen Bundesamts<\/a> zur\u00fcck und vergleicht die Sterbef\u00e4lle einer Woche mit dem Mittel der Sterbef\u00e4lle aus den Vorjahren. Zum Beispiel starben w\u00e4hrend der Hitzewelle im Juni knapp 24.000 Menschen und damit etwa 5.400 mehr als im Mittel der Jahre 2022 bis 2025 in diesem Zeitraum. Ein Gro\u00dfteil davon ist laut RKI auf hitzebedingte Todesf\u00e4lle zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Um die hitzebedingten Sterbef\u00e4lle zu sch\u00e4tzen, modellierten die Forschenden, wie viele Todesf\u00e4lle es stattdessen unter Bedingungen mit Temperaturen bis maximal 20 Grad Celsius gegeben h\u00e4tte. Dabei spielen auch zum Beispiel langfristige Mortalit\u00e4tstrends und saisonale Ver\u00e4nderungen eine Rolle.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Im verwendeten Modell treten hitzebedingte Sterbef\u00e4lle ab einer Wochenmitteltemperatur von mehr als 20 Grad auf. W\u00e4hrend des H\u00f6hepunktes der Hitzewelle im Juni lag die Durchschnittstemperatur bei knapp 27 Grad.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">In anderen Untersuchungen werden zum Teil niedrigere Wochenmitteltemperaturen herangezogen, in denen hitzebedingte Sterbef\u00e4lle erwartet werden. So kommt es, dass in der Vergangenheit einige Studien teilweise <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/europa\/hitzetote-studie-europa-100.html\" title=\"Studie z\u00e4hlt mehr als 47.000 Hitzetote in Europa im Jahr 2023\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">noch deutlich mehr hitzeassoziierte Todesf\u00e4lle<\/a> ermittelt haben als das RKI.<\/p>\n<p>    Hitze nur selten direkte Todesursache<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Dass es zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt bei der Berechnung der Hitzetoten, liegt vor allem daran, dass hitzebedingte Todesf\u00e4lle schwer zu erfassen sind. Denn Hitze wird nur selten direkt als Todesursache angegeben. &#8222;Hitzetote werden nicht gez\u00e4hlt, sondern auf Basis der \u00dcbersterblichkeit statistisch gesch\u00e4tzt&#8220;, sagt Jonas Gerke von der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG). &#8222;Insgesamt ist das methodisch sehr robust. Anders ist eine Zuordnung von Todesf\u00e4llen zu Hitze schwer m\u00f6glich&#8220;, so Gerke. Das liege daran, dass Menschen meist an einer Kombination aus Vorerkrankung und Hitze sterben w\u00fcrden.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Ein weiterer Grund, warum eine Zuordnung laut Experten schwierig ist, ist, dass Hitze oft mit einer Zeitverz\u00f6gerung auf das Sterbegeschehen durchschl\u00e4gt. Das f\u00fchre dazu, dass die Zahlen oftmals untersch\u00e4tzt w\u00fcrden. Denn ein extrem hei\u00dfes Wochenende treibe die Sterbefallzahlen auch in der Folgewoche in die H\u00f6he.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">&#8222;Analysen auf Wochenbasis k\u00f6nnten die hitzeassoziierte Mortalit\u00e4t im Vergleich zu Tagesauswertungen zumindest in Einzeljahren deutlich untersch\u00e4tzen&#8220;, sagt Alexandra Schneider, stellvertretende Direktorin des Instituts f\u00fcr Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum M\u00fcnchen. Eine <a href=\"https:\/\/di.aerzteblatt.de\/int\/archive\/article\/237272\" title=\"\u00c4rzteblatt\" class=\"textlink--extern js-link-dialog\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" target=\"_blank\" data-type=\"external\">Untersuchung<\/a> kommt beispielsweise zu dem Ergebnis, dass in den vergangenen Jahren die Untersch\u00e4tzung der hitzebedingten Todesf\u00e4lle zwischen 35 und 50 Prozent lag.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Auf der anderen Seite gebe es auch den Effekt der vorgezogenen Sterbef\u00e4lle (Mortality Displacement) infolge einer Hitzewelle, so Schneider. &#8222;Es versterben also Menschen, die normalerweise erst in den n\u00e4chsten Wochen oder Monaten verstorben w\u00e4ren, zum Beispiel aufgrund hohen Alters oder chronischer Krankheit.&#8220; Viele Studien h\u00e4tten jedoch gezeigt, dass dies bei Weitem nicht alle Sterbef\u00e4lle betreffe, in manchen Studien sei sogar kaum oder gar kein &#8222;Mortality Displacement&#8220; aufgetreten.<\/p>\n<p>    &#8222;Hitze ist untersch\u00e4tzte Gesundheitsgefahr&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Der Kritik, die ver\u00f6ffentlichten Zahlen zu den Hitzetoten seien Panikmache und v\u00f6llig \u00fcberh\u00f6ht, widerspricht Gerke. &#8222;Hitze ist eine untersch\u00e4tzte, potenziell t\u00f6dliche Gesundheitsgefahr. Die F\u00e4higkeit des K\u00f6rpers, sich anzupassen, ist nach oben hin sehr stark begrenzt.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Und genau darin liege die Gefahr. Der K\u00f6rper h\u00e4lt seine Kerntemperatur von rund 37 Grad \u00fcber zwei Mechanismen stabil: Er strahlt W\u00e4rme \u00fcber die Haut ab, indem sich die Blutgef\u00e4\u00dfe weiten und mehr Blut an die K\u00f6rperoberfl\u00e4che flie\u00dft. Das funktioniert allerdings nur, solange die Umgebung k\u00fchler ist als der K\u00f6rper selbst. Zus\u00e4tzlich k\u00fchlt er \u00fcber das Schwitzen, also die Verdunstung von Wasser auf der Haut. Bei hoher Luftfeuchtigkeit versagt diese Verdunstungsk\u00fchlung, und die W\u00e4rme staut sich im K\u00f6rper.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">&#8222;Genau die Kombination aus gro\u00dfer Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit ist deshalb besonders gef\u00e4hrlich, weil hier klare k\u00f6rperliche Grenzen erreicht werden&#8220;, so Gerke. Die Folgen k\u00f6nnen Dehydrierung und Hitzschlag bis hin zu Herz-Kreislauf-Versagen, Nierenversagen und Schlaganfall sein. Besonders gef\u00e4hrdet sind \u00e4ltere Menschen, Schwangere, Kleinkinder und Menschen mit Vorerkrankungen.<\/p>\n<p>    Keine Vergleichbarkeit zwischen K\u00e4lte- und Hitzetoten<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">In den sogenannten Alternativmedien werden Hitzetote oftmals mit den K\u00e4ltetoten im Winter aufgerechnet, um die Hitzetoten zu relativieren. In den Wintermonaten sterben nach Angaben des Statistischen Bundesamts tats\u00e4chlich mehr Menschen als im Rest des Jahres. Doch daraus abzuleiten, Hitze sei kein ernstes Problem, greift aus mehreren Gr\u00fcnden zu kurz. Denn der K\u00f6rper ist in der kalten und dunklen Jahreszeit anf\u00e4lliger f\u00fcr Krankheiten.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Daher fehlt laut Gerke die Vergleichbarkeit zwischen Sommer und Winter: &#8222;Die winterliche \u00dcbersterblichkeit ist stark vom Infektionsgeschehen gepr\u00e4gt. Ein milderer Winter senkt die Sterblichkeit deshalb nicht automatisch im gleichen Ma\u00dfe, in dem hei\u00dfere Sommer sie erh\u00f6hen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Zudem zeigten aktuelle Modellierungen f\u00fcr Europa, dass der Anstieg der hitzebedingten Todesf\u00e4lle den R\u00fcckgang der k\u00e4ltebedingten in allen betrachteten Szenarien \u00fcbersteigt. &#8222;Ein &#8218;Nullsummenspiel&#8216;, bei dem sich milde Winter und hei\u00dfe Sommer gegenseitig ausgleichen, gibt es also nicht&#8220;, sagt Gerke.<\/p>\n<p>    Schlechte Anpassungsf\u00e4higkeit bei Hitze<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Der Mensch k\u00f6nne sich au\u00dferdem an Hitze wesentlich schlechter anpassen als an K\u00e4lte, sagt Gerke. Der menschliche K\u00f6rper sto\u00dfe bei Hitze an harte physiologische Grenzen. Nach unten sei er dagegen etwa durch Kleidung, Heizung oder Wohnraum besser angepasst.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die Gegen\u00fcberstellung der winter- gegen die sommerbedingten Sterbef\u00e4lle dient laut Gerke daher meist der Verharmlosung. Der aktuelle Vergleich zeige sogar eher das Gegenteil. &#8222;Durch die Hitzewelle Ende Juni haben wir eine erh\u00f6hte Sterblichkeit erreicht, die wir im Sommer bisher in dem Ausma\u00df nicht hatten und wie sie sonst nur w\u00e4hrend der Corona-Pandemie oder anderer Infektionswellen im Winter stattfindet&#8220;, sagt Gerke. Diese Entwicklung sei kein Zufall. Durch den Klimawandel w\u00fcrden Hitzewellen in Zukunft immer h\u00e4ufiger, intensiver und auch l\u00e4nger andauern.<\/p>\n<p>    Immer mehr Hitzetage<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Das best\u00e4tigen auch die Zahlen des Deutschen Wetterdienstes. Zwischen 1951 und 1990 gab es lediglich ein Jahr, in dem gemittelt \u00fcber die Fl\u00e4che Deutschlands mehr als zehn hei\u00dfe Tage registriert wurden. In den darauffolgenden Jahrzehnten bis heute war dies hingegen bereits 14 Mal der Fall &#8211; zehn dieser Jahre liegen allein im Zeitraum von 2010 bis 2025. Den bisherigen H\u00f6chstwert verzeichnete das Jahr 2018 mit insgesamt 20,4 hei\u00dfen Tagen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Auch die Durchschnittstemperatur in Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Im vergangenen Jahr lag sie bei 10,1 Grad Celsius. Zum Vergleich: Im Jahr 1960 betrug sie noch 8,4 Grad Celsius.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Faktenfinder Stand: 15.07.2026 \u2022 09:03 Uhr Die Zahl der Hitzetoten wird in den sogenannten Alternativmedien stark angezweifelt. 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