{"id":1170049,"date":"2026-07-16T04:17:17","date_gmt":"2026-07-16T04:17:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1170049\/"},"modified":"2026-07-16T04:17:17","modified_gmt":"2026-07-16T04:17:17","slug":"leipzig-mit-stefan-w-krieg-durch-die-tausendjaehrige-baugeschichte-der-stadt-spazieren-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1170049\/","title":{"rendered":"Leipzig: Mit Stefan W. Krieg durch die tausendj\u00e4hrige Baugeschichte der Stadt spazieren \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Animierende B\u00fccher zur Leipziger Architektur gibt es schon eine Reihe, meist mit spezifischem Blick etwa auf die Leipziger Gr\u00fcnderzeit oder die besonderen historischen Sehensw\u00fcrdigkeiten. Aber wie betrachtet man eine Stadt, wenn man darin versucht, die Architekturepochen der vergangenen 1.000 oder gar 3.000 Jahre zu entdecken? Und es gibt etwas zu entdecken. Das wei\u00df Stefan W. Krieg aus seiner beruflichen Arbeit, denn von 1995 bis 2022 war er Stadtbezirkskonservator bei der Stadt Leipzig.<\/p>\n<p>Die Idee f\u00fcr das Buch hatte eigentlich seine Frau. Im \u201eDank\u201c w\u00fcrdigt er ihre Anregung. Ihr fr\u00fcher Tod lie\u00df das Projekt beinahe scheitern. Da braucht es Mutmacherinnen, die einem sagen: Bleib dran. Bring das Projekt zu Ende. Und er hat es geschafft. Und l\u00e4dt nun mit diesem Buch ein, in Leipzig einfach loszuziehen und sich auf \u2013 stimmt \u2013 letztlich sogar \u00fcber 3.000 Jahre Architekturgeschichte einzulassen.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/47d469ad8d504f08b8cc9c19a79e9f7a.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/07\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/07\/1\"\/><\/p>\n<p>Was so beil\u00e4ufig deutlich macht, wie sehr alle, wirklich alle Architekturstile der Neuzeit in einer langen Tradition stehen, die nicht nur bis zu den R\u00f6mern und Griechen zur\u00fcckreicht, sondern bis zu den alten \u00c4gyptern. Eine Tatsache, die auch schon Katrin L\u00f6ffler 2025 in ihrem Buch <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/06\/pyramiden-an-der-pleisse-altes-agypten-leipziger-400-jahre-bann-627511\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u201ePyramiden an der Plei\u00dfe\u201c<\/a> aufmerksam machte.<\/p>\n<p>Stefan W. Krieg bindet das ein in einen gro\u00dfen \u00dcberblick aller in Leipzig sichtbaren Architekturstile und ihren Anleihen bei den Pyramidenbauern \u00c4gyptens, den Tempelbauern Griechenlands und den Baumeistern der Kolossalbauten Roms.<\/p>\n<p>Der lange Schatten Roms<\/p>\n<p>Und gerade das R\u00f6mische Reich mit seinen Nachwirkungen bis ins Frankenreich Karls des Gro\u00dfen hat auch die mittelalterlichen Baustile beeinflusst, die mit aufmerksamem Auge auch in Leipzig zu finden sind \u2013 Romanik und Gotik. Auch wenn die Reste dieser mittelalterlichen Bauwerke in Leipzig selten sind. Was logisch ist.<\/p>\n<p>Denn auch die Leipziger bauten Jahrhunderte lang nur ihre Kirchen aus Stein. Die Wohn- und Lagergeb\u00e4ude wurden bis weit in die Neuzeit aus den verg\u00e4nglichen Materialien der Umgebung gebaut: Holz, Stroh und Lehm. Sodass es im Stadtkern eigentlich nur die Front der Nikolaikirche ist, die diesen tiefen Blick in die Geschichte erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Aber Krieg nutzt bei solchen Gelegenheiten auch den Blick \u00fcber den Stadtrand hinaus, in kleinere Orte im Umland, in denen oft architektonische Sch\u00e4tze zu finden sind, die es in der immer wieder umgebauten Leipziger Innenstadt schon lange nicht mehr gibt.<\/p>\n<p>Das permanente Neu-Erfinden der Stadt, das Leipzigs wohlhabende B\u00fcrger betrieben, hat eben immer zwei Seiten gehabt \u2013 den Verlust \u00e4lterer Bausubstanz und den Gewinn neuer, pr\u00e4chtiger Architekturl\u00f6sungen. Und manchmal haben die verm\u00f6genden Kaufleute auch getrickst, haben ihr oft aus der Renaissance stammendes Stammhaus einfach mit einer neuen Fassade versehen, um den aktuellen Modetrends Paroli zu bieten.<\/p>\n<p>Gerade jene Geb\u00e4ude, die die Zerst\u00f6rungen des Zweiten Weltkriegs \u00fcberstanden haben, bieten in ihrem Kern, in Kellern und Treppenh\u00e4usern oft \u00fcberraschende Blicke tief in die Geschichte der Stadt. Manchmal haben diese Spuren an unerwarteter Stelle \u00fcberdauert, wie Krieg an den Beispielen des Treppenturms des Hauses Zur Goldenen Fahne und dem benachbarten Torbogen zeigt, Zeugnisse der einst hier stehenden Renaissance-Bebauung.<\/p>\n<p>Strenge Muster und Schwelgereien<\/p>\n<p>Aber schon bei seinen gro\u00dfen Ausfl\u00fcgen in die Welt von Pyramiden und S\u00e4ulen sch\u00e4rft Stefan W. Krieg den Blick der Leser f\u00fcr die ganz bewussten Anleihen moderner Architekten bei den pr\u00e4genden Baulementen der antiken Baumeister. Auf einmal merkt man, wie stark auch die Leipziger Gr\u00fcnderzeit von diesen Architektur-Zitaten gepr\u00e4gt ist. Das sagt sich in Leipzig so leicht hin: Gr\u00fcnderzeit. Als w\u00e4re es eine unverhofft aufploppende Architekturepoche, die nicht ins Raster des sch\u00f6nen Bauens passt.<\/p>\n<p>Bereits bei den vorhergehenden Epochen von der Renaissance \u00fcber Barock und Rokoko bis zur Klassik zeigt Krieg anschaulich \u2013 und mit vielen Fotos unterlegt \u2013, wie sich die neuen Architekturstile jedes Mal direkt aus der vorhergehenden Epoche entwickelten, manchmal regelrecht zur \u00dcbertreibung gerieten (wie Manierismus und Rokoko), manchmal aber auch in Abgrenzung gegen diese Architekturschwelgereien und als R\u00fcckkehr zu den klassischen Vorbildern \u2013 wie eben der Klassizismus, der als Architekturepoche dem Historismus \u2013 dem wesentlich pr\u00e4genden Architekturstil der Gr\u00fcnderzeit \u2013 vorausging.<\/p>\n<p>Und Historismus hei\u00dft letztlich nur, dass sich die Architekten in dieser Zeit \u00fcberhaupt keinen Zwang mehr auferlegten, die gro\u00dfen Architekturstile der Vergangenheit zu kopieren. Oder \u2013 was eigentlich noch eher die Regel war \u2013 zu zitieren.<\/p>\n<p>Manchmal mit dem Mut zu v\u00f6llig neuen L\u00f6sungen, zu denen sie ja ab Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend gezwungen waren, als Leipzig zur Gro\u00dfstadt heranwuchs und Wohn- und Arbeitsraum f\u00fcr immer mehr Menschen in immer k\u00fcrzerer Zeit geschaffen werden musste. Und das oft mit einer Qualit\u00e4t, die heutige Bauherren verbl\u00fcfft.<\/p>\n<p>Vom opulenten Fassadenschmuck ganz zu schweigen, der \u2013 wie oben erw\u00e4hnt \u2013 Architekturvorbilder aus rund 3.000 Jahren immer wieder lustvoll zitiert. Oder regelrecht inszeniert, wie am Reichsgerichtsgeb\u00e4ude (dem heutigen Bundesverwaltungsgericht), der Universit\u00e4tsbibliothek oder dem Neuen Rathaus wundersch\u00f6n zu sehen ist.<\/p>\n<p>Die Lust, nach oben zu schauen<\/p>\n<p>Wenn Sie also in n\u00e4chster Zeit Leute entdecken, die mit in den Nacken zur\u00fcckgelegten K\u00f6pfen an den Fassaden hinaufschauen, dann k\u00f6nnten das Leser dieses Buches sein, erstmals wirklich angeregt, nach all den Details Ausschau zu halten, mit denen Architekten Wirkung erzielten. Und bis heute erzielen.<\/p>\n<p>Ma\u00dfstab auch f\u00fcr alle folgenden Stilepochen, f\u00fcr die Krieg in Leipzig ebenfalls anschauliche Beispiele gefunden hat \u2013 vom Jugendstil \u00fcber den Reformstil und das Neue Bauen bis zur Moderne der Nachkriegszeit (die in Leipzig mit dem Traditionalismus des gro\u00dfen Vorbilds Moskau zu ringen hatte) und der Postmoderne, die in Leipzig schon vor 1989 mit Beispielen zu finden war.<\/p>\n<p>Die j\u00fcngere Zeit \u2013 ab 1990 \u2013 untersetzt Krieb nat\u00fcrlich auch mit dutzenden Beispielen eindrucksvollen Bauens, auch wenn diese Zeit irgendwie noch nicht zu einem eigenst\u00e4ndigen Stilkanon gefunden zu haben scheint. Vielleicht auch nur eine Fortsetzung der Postmoderne mit anderen Mitteln ist. Manchmal schlicht den falschen, wie Krieg mit Hinweis auf die opulent angelegten gro\u00dfen Fensterfronten anmerkt, die in Zeiten der Erd\u00fcberhitzung schlichtweg kontraproduktiv sind.<\/p>\n<p>Jede greifbare Stilepoche hat in diesem Buch ein eigenes Kapitel mit einer kenntnistreichen Einf\u00fchrung in die Zeit und ihre stilistischen Bez\u00fcge bekommen. Und wie es die Baumeister dann umgesetzt haben, zeigt Krieg \u2013 mit gro\u00dfer Lust am Detail \u2013 dann an einigen markanten, ausgew\u00e4hlten Geb\u00e4uden. Die findet man im Umschlag des Buches dann auch noch auf zwei Stadtkarten, sodass man sich auch als Neuleipziger problemlos hinfindet und das Staunen lernt \u00fcber den Reichtum Leipziger Architektur.<\/p>\n<p>St\u00e4dte brauchen erlebbare Geschichte<\/p>\n<p>Eine Architektur, die Krieg wiederum als Beispiel sehen m\u00f6chte. Denn vergleichbare B\u00fccher k\u00f6nnte man auch \u00fcber andere europ\u00e4ische St\u00e4dte schreiben. Nicht \u00fcber alle, denn in vielen St\u00e4dten, gerade im Westen, haben die Bomben des Zweiten Weltkriegs ganze architektonische Schichten ausgel\u00f6scht. Und als man die St\u00e4dte nach dem Krieg wieder aufbaute, nahmen die Architekten wenig R\u00fccksicht auf die historische Substanz, schlugen die breiten Einfallstra\u00dfen mitten durch die Tr\u00fcmmerw\u00fcsten.<\/p>\n<p>Manche St\u00e4dte \u2013 wie Frankfurt am Main \u2013 haben ihren historischen Stadtkern erst in den letzten Jahren m\u00fchsam rekonstruiert. F\u00fcr teuer Geld nat\u00fcrlich. Aber auch die Frankfurter haben gelernt, dass es sich in einer Stadt, deren Geschichte baulich nicht mehr zu finden ist, nicht besonders heimisch werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Was ja eine der Attraktionen Leipzigs ist: Dass der Gro\u00dfteil der innerst\u00e4dtischen Bausubstanz nicht nur die Bombardements des Weltkriegs, sondern auch die Vernachl\u00e4ssigung in der DDR-Zeit \u00fcberlebt hat und nach 1990 liebevoll restauriert werden konnte.<\/p>\n<p>Stets unter Begleitung von Leipzigs Denkmalsch\u00fctzern, die selbst ihre \u00dcberraschungen erlebten \u2013 sp\u00e4testens, wenn sie die Villen und Wohnh\u00e4user der Gr\u00fcnderzeit betraten und merkten, dass die Architekten nicht nur auf eine sch\u00f6ne Fassade geachtet haben, sondern auch auf kluge Wohnungsgrundrisse und eindrucksvolle Treppenh\u00e4user mit faszinierenden Malereien oder sogar prachtvollen S\u00e4ulen, die einen wie einen K\u00f6nig auftreten lassen, wenn man das pr\u00e4chtige Vestib\u00fcl vor sich hat.<\/p>\n<p>Weil aber all die pr\u00e4chtigen Geb\u00e4ude zumeist in Privatbesitz sind, gibt es eher wenige Fotos aus ihrem Inneren. Aber allein schon die Aufnahmen von T\u00fcren, Balkonen und Fenstern lassen den Betrachter auch von au\u00dfen ahnen, wie k\u00f6niglich es sich in diesen H\u00e4usern wohnen l\u00e4sst. W\u00e4hrend Krieg bei vielen Bauten der j\u00fcngeren Vergangenheit mit ihren oft unbest\u00e4ndigen Baustoffen so seine Zweifel hat, ob sie in ein paar Jahren noch in Bauf\u00fchrern auftauchen werden oder je so etwas wie den Denkmalstatus erreichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vielleicht eher im negativen Sinn: Als verungl\u00fcckter Versuch, an der falschen Stelle zu sparen.<\/p>\n<p><strong>Stefan W. Krieg <a href=\"http:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783867952071@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u201eLeipzig. Europas Architektur in einer Stadt\u201c<\/a><\/strong> Verlag der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Bonn 2026, 39,90 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Animierende B\u00fccher zur Leipziger Architektur gibt es schon eine Reihe, meist mit spezifischem Blick etwa auf die Leipziger&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1170050,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[2250,72961,3364,29,30,71,1803,859,11028],"class_list":["post-1170049","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-architektur","tag-architekturgeschichte","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-leipzig","tag-rezension","tag-sachsen","tag-stadtgeschichte"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116927730193720796","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1170049","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1170049"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1170049\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1170050"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1170049"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1170049"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1170049"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}