{"id":1176017,"date":"2026-07-18T15:11:31","date_gmt":"2026-07-18T15:11:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1176017\/"},"modified":"2026-07-18T15:11:31","modified_gmt":"2026-07-18T15:11:31","slug":"wann-werden-wir-uns-wiedersehen-eine-maedchenfreundschaft-und-eine-gefaehrliche-flucht-ueber-die-ostsee-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1176017\/","title":{"rendered":"Wann werden wir uns wiedersehen? Eine M\u00e4dchenfreundschaft und eine gef\u00e4hrliche Flucht \u00fcber die Ostsee \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Es war einmal ein Land. Von einer streng bewachten Grenze umgeben, die prim\u00e4r seine eigenen B\u00fcrger daran hindern sollte, das Land zu verlassen. Und trotzdem versuchten von 1961 bis 1989 Tausende, diese Grenze irgendwie zu \u00fcberwinden. Die meisten scheiterten. Viele starben. Auch auf dem gef\u00e4hrlichen Weg \u00fcber die Ostsee. Wie erlebten das Jugendliche, die von ihren Eltern auf so eine Flucht mitgenommen wurden? Darum geht es in Constanze Neumanns Buch.<\/p>\n<p>Sie ist in Leipzig geboren und war gerade sechs Jahre alt, als ihre Eltern mit ihr aus der DDR flohen. Nicht \u00fcber die Ostsee, sondern im Kofferraum eines Autos. Was ganz bestimmt nicht weniger dramatisch war und von \u00c4ngsten begleitet.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst ist sie selbst Mutter, leitet den Pfaueninsel Verlag in K\u00f6ln. Und wollte ihrer Tochter Antonia m\u00f6glichst plastisch erz\u00e4hlen, \u201ewie es war, in der DDR aufzuwachsen\u201c. Denn in der Flucht der Familie, in der die Buchheldin Jana aufw\u00e4chst, kulminiert die Geschichte.<\/p>\n<p>Aber vorher lebte Jana nat\u00fcrlich ein ganz normales Leben in Leipzig. So normal, wie es in den 1980er Jahren sein konnte, wenn beide Eltern dem Staat kritisch gegen\u00fcberstanden, hier kaum noch eine berufliche Zukunft sahen und das Kind auch nicht emunterten, Mitglied der Pionierorganisation zu werden, in der fast alle Kinder ganz automatisch Mitglied waren.<\/p>\n<p>Denn das wussten ja auch alle: Wer sich dieser Einvernahme in die gesellschaftlichen Massenorganisationen verweigerte, musste nicht nur mit Ausgrenzung und Schikanen rechnen, f\u00fcr den sanken auch die Chancen auf ein Abitur oder gar ein Wunschstudium auf null.<\/p>\n<p>Das Land mit seinen linientreuen Lehrern und Funktion\u00e4ren und der allgegenw\u00e4rtigen Stasi beurteilte seine Bewohner nach ihrer Bereitschaft zur Unterordnung und Anpassung. Gerade die Stasi praktizierte den Leitspruch \u201eWer nicht f\u00fcr uns ist, ist gegen uns\u201c mit radikaler Konsequenz.<\/p>\n<p>Nicht ganz zu Unrecht bef\u00fcrchten Janas Eltern, dass ihre Wohnung verwanzt sein k\u00f6nnte und sie mit der Tochter nur im Garten \u00fcber die Fluchtpl\u00e4ne sprechen k\u00f6nnen. Unter strengster Schweigepflicht, niemandem etwas zu verraten. Schon gar nicht Katja, ihrer besten Freundin.<\/p>\n<p>Was ist Freiheit?<\/p>\n<p>Denn Katjas Vater arbeitet ausgerechnet bei der Staatssicherheit. Wenn der spitzkriegen sollte, dass Janas Eltern Fluchtpl\u00e4ne schmieden, war\u2019s das, dann w\u00fcrde ihnen Gef\u00e4ngnis sicher sein. Sp\u00e4testens an der Stelle werden Eltern ihren Spr\u00f6sslingen so einiges erkl\u00e4ren m\u00fcssen, wenn das Buch hier wichtige Fragen aufwirft.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/253764c13c50430f8feedf0696524f02.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/07\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/07\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Fragen, die auch formuliert werden. Was ist das f\u00fcr ein Land, das mit einer martialisch bewachten Grenze seine eigenen B\u00fcrger daran hindert, das Land zu verlassen?<\/p>\n<p>Eine Frage, die auch Katja umtreibt, der die starre Haltung ihrer Eltern fremd ist. Bei einem Urlaub in Prerow auf dem Dar\u00df erlebt sie selbst, wie gnadenlos die Bewachung auch der Ostseek\u00fcste ist, als sie mit ihrem Freund Ingo nachts zum Baden an den Strand geht.<\/p>\n<p>Dass das f\u00fcr sie noch glimpflich endet, hat mit ihrem Alter, zw\u00f6lf Jahre, zu tun. Aber wohl auch mit dem Einfluss des Vaters, auch wenn der sich regelrecht sch\u00e4mt f\u00fcr die Unvernunft der Tochter. Denn sie leben in einem Urlauberheim, in dem nur staatstreue Genossen untergebracht sind.<\/p>\n<p>So ein kleiner \u00dcberwachungsstaat funktioniert auch deshalb relativ leidlich, weil sich auch die staatstreuen Genossen gegenseitig be\u00e4ugen, misstrauen und \u00fcberwachen und nicht mal den Gedanken daran zulassen, wie das eigentlich w\u00e4re, wenn man wirklich frei w\u00e4re.<\/p>\n<p>Was ist wirklich Freiheit? Eine Frage, die sich auch Katja stellt, die sich freilich ebenfalls h\u00fctet, ihre Erlebnisse vom Prerower Strand zu erz\u00e4hlen. Das lernt man in so einem Land schnell, was man anderen erz\u00e4hlt und was man lieber f\u00fcr sich beh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Gef\u00e4hrliche Fluchten<\/p>\n<p>Ein Schweigen, das Jana noch viel schwerer f\u00e4llt, die mit ihren Eltern zur Oma auf Hiddensee f\u00e4hrt, von wo ihr Vater die Flucht nach D\u00e4nemark plant. Wie kann sie den absehbaren Abschied vor Katja verheimlichen? Wo doch alles zwischen ihnen auf Vertrauen und Wahrhaftigkeit beruht?<\/p>\n<p>Denn daraus besteht ja nun einmal die Freundschaft, gerade wenn es die allerwichtigste Freundschaft ist. Eine Freundschaft, die am Ende auch die Flucht \u00fcbersteht.<\/p>\n<p>Eine Flucht, die Constanze Neumann den auch in B\u00fcchern dokumentierten gelungenen Fluchten anderer Familien \u00fcber die Ostsee nachgestaltet. Es ist ja alles nachlesbar. Und mit ihrer Jugendgeschichte l\u00e4dt die Autorin geradezu ein, sich mit diesen Dokumenten eines Staates zu besch\u00e4ftigen, der bis zuletzt alle Kraft darauf verwendete, die Menschen am Verlassen des Landes zu hindern.<\/p>\n<p>Mit oft dramatischen und t\u00f6dlichen Folgen. Und auch Janas kleine Familie kommt nur mit Ach und Krach davon, denn die K\u00fcstenwacht der DDR ist dicht gestaffelt. Ein falscher Schritt, und schon fallen m\u00f6glicherweise t\u00f6dliche Sch\u00fcsse. Trotzdem sind rund 600 Fluchten \u00fcber die Ostsee gelungen.<\/p>\n<p>Aber auch an die mindestens 200 Ertrunkenen erinnert Constanze Neumann. Logisch, dass auch Jana wilde \u00c4ngste aussteht auf der Flucht, auf die sie praktisch nichts mitnehmen kann. Und selbst wenn die Flucht gl\u00fcckt, w\u00fcrde das ja \u2013 nach den damaligen Regeln der DDR \u2013 bedeuten, dass die beiden M\u00e4dchen einander erst wiedersehen, wenn sie in Rente sind.<\/p>\n<p>Neugier und Anpassung<\/p>\n<p>Aber Constanze Neumann hat die Geschichte vier Jahre vor dem Mauerfall am 9. November 1989 angesiedelt. Nat\u00fcrlich geht sie gut aus. Und auch die Freundschaft der M\u00e4dchen besteht die Zeit.<\/p>\n<p>Zweier M\u00e4dchen, die noch unverstellt auf die Stadt schauen, in der sie aufwachsen, neugierig und mit den ganz gro\u00dfen Fragen, die M\u00e4dchen nun einmal auch mit zw\u00f6lf Jahren umtreiben. Da liegt der Herz meist noch auf der Zunge und man ahnt, wie schwer es Jana f\u00e4llt, Katja nichts zu verraten.<\/p>\n<p>Es sind auch diese scheinbar so ganz gew\u00f6hnlichen Erfahrungen aus der sp\u00e4ten Kindheit, die das Buch tragen. Einem Alter, in dem Kinder noch ohne Scheuklappen auf das Leben, ihre Familie, die Lehrer und das Land schauen. Scheuklappen, die sich viele erst sp\u00e4ter zulegen, wenn sie glauben, Anpassung w\u00e4re das Allerwichtigste im Leben.<\/p>\n<p>Tun, was die M\u00e4chtigen von einem verlangen. Mit den W\u00f6lfen heulen, wie das so sch\u00f6n hei\u00dft. Und was heute schon wieder Viele tun, die ganz offensichtlich v\u00f6llig vergessen haben, wie sich der obrigkeitliche Staat von innen anf\u00fchlte.<\/p>\n<p>Ganz offensichtlich sind eine Menge Leute nur zu vergesslich, haben das Bedrohliche verdr\u00e4ngt und sich nur das Sch\u00f6ne gemerkt. Das es auch gab. So wie das Freibad, das Katja und Jana besuchen, die Pinguin Milchbar und die langen Ferientage an der Ostsee.<\/p>\n<p>Man konnte die \u00dcberwachung und die Abschottung durchaus ausblenden, solange man nur angepasst lebte und nicht allzu hartn\u00e4ckig fragte, was Freiheit tats\u00e4chlich bedeutet. Die Freiheit, selbst \u00fcber das eigene Leben zu bestimmen, wie es Janas Eltern tun.<\/p>\n<p>Eine sehr, sehr aktuelle Frage, die wieder mitten im Raum steht, seit eine durch und durch autorit\u00e4re Partei bei den ostdeutschen W\u00e4hlern Zuspruch findet. Als h\u00e4tten sie wirklich alle vergessen, wie es sich lebte in einem Staat, der die Menschen sortierte in die, die dazugeh\u00f6ren, und die, die nicht (mehr) dazugeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die Logiken der Bevormundung<\/p>\n<p>Dass dann auch das Denken seltsame Verdrehungen macht, merkt auch Katja nach ihrer R\u00fcckkehr von der Ostsee, als sie \u00fcber ihre Erlebnisse gr\u00fcbelt: \u201eAber die Frage blieb, die Anja gestellt hatte: Wieso musste man auf Leute schie\u00dfen, um sie zu sch\u00fctzen?\u201c<\/p>\n<p>Wie verquer die Logik dann wird, wird Katja bewusst, als sie an die Argumentation ihres Vaters denkt: \u201eDaf\u00fcr kann doch der Staat nichts\u201c, w\u00fcrde ihr Vater sagen. \u201eDas liegt an den Menschen, die nicht mitmachen wollen, die einfach abhauen, als ginge sie das alles hier nichts an. Und weil es solche Menschen gibt, d\u00fcrfen auch die anderen, die bleiben wollen, nicht an den Strand.\u201c So verquer wird die Logik, wenn man autorit\u00e4res Denken einfach weiterdenkt.<\/p>\n<p>Und Katja stellt sich so einige Fragen, was denn dann Freiheit ist. Wo sie sich doch selbst nicht unfrei gef\u00fchlt hat bisher? Zumindest bis zu ihrem Erlebnis am n\u00e4chtlichen Prerower Strand und dem Tag, als ihre beste Freundin Jana ihr \u2013 obwohl sie so sehr damit gek\u00e4mpft hatte, es nicht zu verraten \u2013 von der geplanten Flucht erz\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Und beinahe kommen alle heraus. Beinahe. Denn selbst der so linientreue Stasi-Vater von Katja zeigt auf einmal ein St\u00fcck Menschlichkeit. Vielleicht auch nur, weil er seine Tochter liebt. Denn wo beginnt Freiheit eigentlich? Doch genau dort, wo wir unsere Menschlichkeit zeigen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Wo die Losungen des erstarrten Staates aufh\u00f6ren, die Regeln vorzugeben. Das kommt so ganz beil\u00e4ufig mit in dieser Geschichte, in der Constanze Neumann das Thema Flucht aus der DDR einmal konsequent und einf\u00fchlsam aus der Perspektive zweier Freundinnen erz\u00e4hlt, die in Leipzig aufgewachsen sind und f\u00fcr die die unbeschwerte Kindheit auf einmal endet.<\/p>\n<p>Mit einer Flucht ins Ungewisse. Denn auch Janas Eltern wissen nicht, ob es ihnen gelingt.<\/p>\n<p>Man fiebert mit. Und darf am Ende auch ein bisschen erleichtert sein. Denn die Geschichte geht gut aus f\u00fcr die beiden. Und wer etwas \u00e4lter ist, wei\u00df auch, was f\u00fcr ein Gl\u00fcck das f\u00fcr alle war, als sich Genosse Schabowski so gr\u00fcndlich verplapperte, dass noch in derselben Nacht die Mauer fiel.<\/p>\n<p><strong>Constanze Neumann <a href=\"http:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783961295890@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Wann werden wir uns wiedersehen?<\/a><\/strong> Karibu \/ Edel Verlagsgruppe, Hamburg 2026, 14,99 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es war einmal ein Land. 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