{"id":1178533,"date":"2026-07-19T19:03:18","date_gmt":"2026-07-19T19:03:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1178533\/"},"modified":"2026-07-19T19:03:18","modified_gmt":"2026-07-19T19:03:18","slug":"alte-staerken-neu-entdecken-chinas-diplomatie-als-signal-fuer-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1178533\/","title":{"rendered":"Alte St\u00e4rken neu entdecken: Chinas Diplomatie als Signal f\u00fcr Europa"},"content":{"rendered":"<p><strong>Als sich die zwei Enden der Welt begegneten<\/strong><\/p>\n<p>Von L\u00e1szl\u00f3 Flamm, Budapest (<a href=\"https:\/\/www.unsere-zeitung.at\/zeitschrift-international\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft II\/2026<\/a>)<\/p>\n<p>Die Diplomatie zwischen China und Europa begann nicht im 20. Jahrhundert \u2013 und nicht einmal im 19. Jahrhundert. Die Kontaktaufnahme reicht zweitausend Jahre zur\u00fcck, als der General der Han\u2011Dynastie, Ban Chao, seinen Gesandten Gan Ying nach dem R\u00f6mischen Reich entsandte. Die Mission erreichte Italien nicht, die Parther taten im Nahen Osten alles daf\u00fcr, dass sich die beiden Enden der Welt nicht direkt verbinden konnten. Sie wussten: Wenn China und Rom unmittelbar in Kontakt treten, bricht ihr Handelsmonopol zusammen. Die Geschichte kennt keine dauerhaften Mauern: Eineinhalb Jahrhunderte sp\u00e4ter erreichten die Gesandten von Kaiser Marcus Aurelius bereits den Hof der Han.<\/p>\n<blockquote>\n<p><strong>Die Verbindung zwischen den zwei Enden der Welt entstand nicht auf dem Schlachtfeld, sondern entlang der Handelsrouten. <\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Es war der erste Moment, in dem zwei Zivilisationen \u2013 ohne gemeinsame Sprache, Religion oder politisches System \u2013 im jeweils anderen das Bed\u00fcrfnis nach Ordnung und Stabilit\u00e4t erkannten. Der Dialog zwischen den beiden Enden der Welt bahnte sich nicht mit Gewalt, sondern mit Einsicht seinen Weg. Diplomatie entsteht nicht aus N\u00e4he, sondern aus dem Verst\u00e4ndnis von Distanz.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcnftausend Jahre chinesischer Diplomatie<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Welt in diesem Moment angespannt auf die Stra\u00dfe von Hormus blickt, hat Peking bereits leise, aber konsequent gehandelt: Yue Xiaoyong, der Sonderbeauftragte der Volksrepublik China, reiste innerhalb einer Woche nach Kabul und Islamabad \u2013 und brachte beide Seiten dazu, \u00f6ffentlich ihre Bereitschaft zu einer politischen L\u00f6sung zu erkl\u00e4ren. Das war nicht nur ein diplomatischer Erfolg. Es war ein zivilisatorischer Reflex. Die Wurzeln der chinesischen Diplomatie reichen tiefer als die jedes modernen Staates. Das chinesische politische Denken gr\u00fcndet nicht auf Konflikt, sondern auf der Wiederherstellung von Ordnung \u2013 m\u00f6glichst ohne Intervention und Gewalt. Stabilit\u00e4t ist nicht deshalb ein Wert, weil sie konfliktfrei w\u00e4re, sondern weil nur in einem stabilen Umfeld aufgebaut werden kann. China arbeitet an den Bedingungen, damit Frieden nicht von momentanen Interessen abh\u00e4ngig bleibt. \u00dcber Jahrhunderte hielt China seine Beziehungen nicht durch Vertr\u00e4ge aufrecht, sondern durch Pr\u00e4senz und die kontinuierliche Pflege der Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<blockquote>\n<p><strong>In der chinesischen strategischen Logik geht es nicht darum, die Schlacht zu gewinnen, sondern die Lage so zu gestalten, dass die Schlacht gar nicht erst notwendig wird. <\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das ist keine Geduld im westlichen Sinne, sondern die L\u00f6sung des Konflikts, bevor er \u00fcberhaupt entsteht.<\/p>\n<p>Diese Logik pr\u00e4gt die chinesische Diplomatie bis heute. Sie folgt einem eigenen Muster:<\/p>\n<ul>\n<li>Pr\u00e4senz in der fr\u00fchen Phase von Konflikten,<\/li>\n<li>Dialog mit allen beteiligten Akteuren,<\/li>\n<li>Wirtschaftliche und politische Beziehungen statt milit\u00e4rischer Mittel,<\/li>\n<li>Fokus auf den Prozess statt auf sofortige Ergebnisse,<\/li>\n<li>Stabilit\u00e4t statt Systemwechsel.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Chinas Diplomatie sucht keine schnellen L\u00f6sungen. Sie schafft Situationen, in denen L\u00f6sungen \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich werden.<\/p>\n<p><strong>Europa, das seine St\u00e4rken wiederentdecken muss<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Die europ\u00e4ische Diplomatie ist in den letzten zwanzig Jahren schw\u00e4cher geworden \u2013 nicht wegen anderer Gro\u00dfm\u00e4chte, sondern wegen sich selbst. Nach dem Kalten Krieg bot sich der Moment, in dem der Kontinent sein Schicksal selbst h\u00e4tte gestalten k\u00f6nnen. Doch 1995, am Ende des Jugoslawienkriegs in Dayton, diktierten bereits die Vereinigten Staaten den Frieden; die europ\u00e4ischen Staaten leisteten finanzielle Beitr\u00e4ge zur Friedenssicherung, blieben jedoch weitgehend von der politischen Gestaltung ausgeschlossen. Dennoch verlor Europa seine Vermittlungsf\u00e4higkeit nicht vollst\u00e4ndig. Im Kosovo versuchte es, eine L\u00f6sung herbeizuf\u00fchren. In Afrika entsandte die EU zu Beginn der 2000er-Jahre einen Sondergesandten in den Konflikt zwischen \u00c4thiopien und Eritrea und unterst\u00fctzte den Friedensprozess durch intensive Pendeldiplomatie. Die unter irischer Ratspr\u00e4sidentschaft geschaffene African Peace Facility zeigte, dass Europa langfristig Institutionen und regionale Kapazit\u00e4ten st\u00e4rken kann.<\/p>\n<p>Auch im Nahen Osten war Europa nicht immer nur Zuschauer: 1980 erkannte die Venedig\u2011Erkl\u00e4rung erstmals das pal\u00e4stinensische Selbstbestimmungsrecht an, 1995 schuf der Barcelona\u2011Prozess einen umfassenden Rahmen f\u00fcr regionale Zusammenarbeit, und 2015 spielte die EU eine Schl\u00fcsselrolle beim Zustandekommen des Iran\u2011Atomabkommens. Diese Erfolge beruhten nicht auf milit\u00e4rischer Macht, sondern auf Diplomatie, wirtschaftlicher Integration und einer institutionalisierten Dialogkultur.<\/p>\n<blockquote>\n<p><strong>Die Instrumente, mit denen Europa diese Erfolge erzielte, sind nicht verschwunden \u2013 sie sind nur in den Hintergrund getreten. <\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Nicht weil sie nicht funktionieren w\u00fcrden, sondern weil die Au\u00dfenpolitik zunehmend zwischen B\u00fcrokratie und innerer Fragmentierung feststeckte. Eine gemeinsame europ\u00e4ische Stimme formte sich nicht zu einer Einheit. Der aktuelle Krieg gegen den Iran zeigt jedoch, dass Europa es sich nicht leisten kann, weiterhin nur zu kommentieren. Die Frage ist nicht, ob Europa noch vermitteln kann, sondern ob es bereit ist, seine eigenen Instrumente wieder hervorzuholen und dort pr\u00e4sent zu sein, wo die M\u00f6glichkeit des Friedens entsteht.<\/p>\n<p><strong>Gemeinsame Verantwortung<\/strong><\/p>\n<p>Die Vereinten Nationen sind das Forum, von dem aus eine engere Zusammenarbeit zwischen China und Europa ihren Ausgang nehmen k\u00f6nnte. Beide definieren sich als Bef\u00fcrworter der internationalen Ordnung, multilateraler Strukturen und friedlicher Konfliktl\u00f6sung. Doch die Organisation steckt heute in einer schweren finanziellen Krise. Seit die Vereinigten Staaten ihre Beitr\u00e4ge reduziert haben, balanciert die UNO an der Grenze ihrer Handlungsf\u00e4higkeit. In dieser Lage sind China und die Europ\u00e4ische Union zu den beiden gr\u00f6\u00dften Geldgebern geworden \u2013 und damit in eine Rolle hineingewachsen, die weit \u00fcber blo\u00dfe Haushaltsbeitr\u00e4ge hinausgeht. Finanzierung ist nicht nur eine Budgetfrage, sondern Ausdruck politischer Pr\u00e4senz: Ein Zeichen daf\u00fcr, wer die internationale Ordnung erhalten will und wer bereit ist, Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Chinas strategische Geduld und Europas institutionalisierter Dialog stehen nicht im Wettbewerb. Es sind zwei unterschiedliche diplomatische Sprachen, die gemeinsam wirksamer sind. Die eine baut auf langfristige Stabilit\u00e4t, die andere auf Regeln und Prozesse \u2013 und gerade deshalb k\u00f6nnten sie gemeinsam etwas erreichen, was ihnen einzeln nicht gelingt: die multilaterale Ordnung neu zu denken. Die Frage ist also nicht, ob China und Europa die UNO \u201eretten\u201c k\u00f6nnen. Die Zukunft der Organisation h\u00e4ngt nicht von einer einzigen Entscheidung ab, sondern davon, ob die Gro\u00dfm\u00e4chte bereit sind, dort pr\u00e4sent zu sein, wo die Grundlagen der internationalen Ordnung entstehen. Die eigentliche Frage lautet, ob China und Europa die Chance nutzen, auch in der UNO zu zeigen: Der Dialog zwischen den zwei Enden der Welt bahnt sich nicht mit Macht, sondern mit Einsicht seinen Weg.<\/p>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 Flamm <\/strong>ist Historiker und Au\u00dfenpolitikexperte. Als Senior Research Fellow (extern) an der Zhejiang University sowie an der Shanghai Jiao Tong University ist er in mehrere akademische Kooperationsprojekte in China eingebunden.<\/p>\n<p>Titelbild: Unsere Zeitung \/ KI-generiert<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als sich die zwei Enden der Welt begegneten Von L\u00e1szl\u00f3 Flamm, Budapest (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft II\/2026) Die Diplomatie&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1178534,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[3933],"tags":[331,332,1157,227,508,548,663,158,3934,3935,15578,13,68087,71026,14,15,22953,12,37318,84154],"class_list":["post-1178533","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-eu","tag-aktuelle-nachrichten","tag-aktuelle-news","tag-aussenpolitik","tag-china","tag-diplomatie","tag-eu","tag-europa","tag-europaeische-union","tag-europe","tag-european-union","tag-frieden","tag-headlines","tag-konfliktloesung","tag-multilateralismus","tag-nachrichten","tag-news","tag-ordnung","tag-schlagzeilen","tag-stabilitaet","tag-uno"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116948199905026216","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1178533","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1178533"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1178533\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1178534"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1178533"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1178533"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1178533"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}