{"id":1180514,"date":"2026-07-20T16:19:28","date_gmt":"2026-07-20T16:19:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1180514\/"},"modified":"2026-07-20T16:19:28","modified_gmt":"2026-07-20T16:19:28","slug":"ukraine-tagebuch-am-ende-wird-es-vier-billionen-euro-kosten-und-dreissig-jahre-dauern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1180514\/","title":{"rendered":"Ukraine-Tagebuch: &#8222;Am Ende wird es vier Billionen Euro kosten und drei\u00dfig Jahre dauern&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Warum bist du so lange in Kyjiw geblieben, Michael? Du bist doch nur f\u00fcr zwei Wochen hierhergekommen.<\/p>\n<p>Ich mache immer den Witz, dass jeder, der nach Kyjiw kommt und zwei Wochen hier verbringt, nie wieder weg will. Es ist wirklich eine wunderbare Stadt. Die Menschen sind unglaublich \u2013 wegen ihrer, wie hei\u00dft dieses schicke Wort noch, Resilienz.<\/p>\n<p>Erst gestern wurde ein Geb\u00e4ude getroffen, ganz in der N\u00e4he. Podil hatten sie vorher nie angegriffen, das ist etwa hundert Meter von hier entfernt, wo wir jetzt sitzen. In einem Umkreis von ungef\u00e4hr einem H\u00e4userblock gibt es Wohnungen und Geb\u00e4ude ohne Fenster, \u00fcberall liegt Glas. Und trotzdem \u2013 das war gestern, Sonntag, der letzte Luftalarm endete gegen acht Uhr morgens. Ich war gegen Mittag dort, und da waren mindestens hundert Leute. \u00dcberall standen Zelte und gro\u00dfe Maschinen, und die Menschen r\u00e4umten einfach das Glas von den Gehwegen. Die Caf\u00e9s, deren Fenster komplett zerst\u00f6rt waren, machten trotzdem Cappuccino f\u00fcr die Leute. Deshalb bin ich hier geblieben.<\/p>\n<p>Jeder, den ich kenne, arbeitet zw\u00f6lf Stunden am Tag. Das ist die normale Schicht. In diesem Caf\u00e9, in diesem Hotel \u2013 zw\u00f6lf Stunden. Man arbeitet von acht bis acht. Danach muss man noch aufr\u00e4umen. Und dann muss man vor halb elf in die Metro kommen, weil die Ausgangssperre um Mitternacht beginnt.<\/p>\n<p>Und irgendwo dazwischen schaffen es all diese Menschen auch noch, DJ zu sein oder Dichter oder Modedesigner. Wirklich jeder, der das hier liest, muss nach Kyjiw kommen. Ihr m\u00fcsst das erleben, dann werdet ihr verstehen. Dann m\u00fcsst ihr nicht einmal mehr an Menschenrechte oder all diese anderen Dinge glauben. Ihr wollt einfach nur irgendein Stock nehmen und an die Front gehen, denn diese Menschen haben das verdient.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte glauben und hoffen, dass wir genauso w\u00e4ren, wenn \u2013 Gott bewahre \u2013 Kanada jemals angegriffen w\u00fcrde. Dass wir uns genauso zusammenschlie\u00dfen w\u00fcrden. Dass wir genauso durchhalten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ich kann es wirklich nicht richtig beschreiben. Aber jede einzelne Person, die ich kennengelernt habe \u2013 und ich mag Menschen, ich lerne gern Menschen kennen \u2013, ob Ausl\u00e4nder oder Ukrainer, ist sich in einem Punkt einig: Wir werden diesen Krieg gewinnen. Er wird vorbei sein. Wir werden wieder aufbauen. Vielleicht werden wir sogar besser sein als vorher.<\/p>\n<p>Ich wusste vorher \u00fcberhaupt nicht, was mich hier erwarten w\u00fcrde. Dachte ich, man w\u00fcrde hier nur Borschtsch und Kartoffeln bekommen? Nein. Ich habe hier einige der besten Mahlzeiten meines Lebens gegessen. Es gibt Musik und Clubs und den besten Techno-Club der Welt. Zwei meiner Freunde, die Resident-DJs im Berghain in Berlin waren, sind nach Kyjiw gezogen und zwei andere kommen alle sechs Wochen. Sie sagen, dass dieser Techno-Club K41 der beste reine Techno-Club der Welt ist.<\/p>\n<p>Das hier ist Europa. Die Franzosen m\u00fcssen sagen: &#8222;Verdammt, sie greifen Paris an.&#8220; Die Deutschen m\u00fcssen sagen: &#8222;Nein, verdammt, sie greifen Berlin an.&#8220; Die Tschechen m\u00fcssen sagen: &#8222;Nein, sie greifen Prag an&#8220;. Denn genau das ist es.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Warum bist du so lange in Kyjiw geblieben, Michael? Du bist doch nur f\u00fcr zwei Wochen hierhergekommen. 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