{"id":1184292,"date":"2026-07-22T07:07:28","date_gmt":"2026-07-22T07:07:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1184292\/"},"modified":"2026-07-22T07:07:28","modified_gmt":"2026-07-22T07:07:28","slug":"freiheitsdebatte-in-deutschland-wer-darf-wem-vorschriften-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1184292\/","title":{"rendered":"Freiheitsdebatte in Deutschland: Wer darf wem Vorschriften machen?"},"content":{"rendered":"<p>                            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Master_Demokratie-8bf75ac86a63e3ab.jpeg\"  width=\"1280\" height=\"720\"  alt=\"Die Reichstagskuppel im Blick\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p class=\"caption akwa-caption__text\"><a href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/de\/image-photo\/berlin-2024-august-07-evening-sun-2510527265?trackingId=f5d73058-9174-44df-9bdf-67403a62d01d&amp;listId=searchResults\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener nofollow\">Bild<\/a>: Shutterstock .com<\/p>\n<p class=\"lead beitraganriss\">Von Bargeld bis Autoverbot: Immer neue politische Forderungen greifen in den Alltag ein. Doch wer darf in einer Demokratie eigentlich wem Vorschriften machen?<\/p>\n<p>Politik bedeutet vor allem, Forderungen zu stellen. Ob Parteien, einzelne Parteivertreter oder Mitglieder einer Regierung, sie alle bieten nur \u00e4u\u00dferst selten an, selbst etwas (f\u00fcr die B\u00fcrger) zu tun.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Stattdessen fordern sie regelm\u00e4\u00dfig, was andere tun oder unterlassen sollen. Sie schlagen Gesetzes\u00e4nderungen, neue Gesetze oder Rechtsverordnungen vor, die die Bev\u00f6lkerung als Souver\u00e4n dann zu befolgen hat.<\/p>\n<p>Demokratisch verstanden, k\u00f6nnen Politiker dabei nur als Stellvertreter der B\u00fcrger selbst auftreten. Auch wenn sie laut Grundgesetz an keinerlei Auftr\u00e4ge gebunden sind, also auch nicht an Wahlversprechen als Lockmittel f\u00fcr die W\u00e4hlergunst, so haben sie dennoch nicht sich selbst, sondern das ganze Volk zu vertreten (<a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/gg\/art_38.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Art. 38 GG<\/a>; \u00e4hnlich formulieren es die Landesverfassungen).<\/p>\n<p><strong>Wer will von wem etwas?<\/strong><\/p>\n<p>Da die Bev\u00f6lkerung in fast jeder Angelegenheit kein einheitliches Interesse haben wird und von geplanten Regelungen individuell ganz unterschiedlich betroffen sein wird, ist jeweils zu kl\u00e4ren, <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/Die-unterschlagene-Frage-der-Demokratie-11127529.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">wer eigentlich von wem etwas m\u00f6chte<\/a>. Nur dann ist ein <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/Mehrheit-ist-Macht-nicht-unbedingt-Demokratie-11141652.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">demokratischer Interessenausgleich<\/a> m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Doch in der Praxis ist es gar nicht so einfach, die verschiedenen Gruppen zu benennen. Deutlich zu kurz greift jedenfalls eine Kurzformel der Art: Die Regierung will etwas, das Parlament beschlie\u00dft es, die B\u00fcrger m\u00fcssen es befolgen. Schlie\u00dflich soll nach demokratischem Verst\u00e4ndnis ja Politik f\u00fcr das Volk, nicht gegen das Volk gemacht werden.<\/p>\n<p>        Lesen Sie auchMehr anzeigenWeniger anzeigen<\/p>\n<p><strong>Beispiel Informationsfreiheitsgesetz<\/strong><\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Wie schon w\u00e4hrend der <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/meinung\/m\/kommentar-keine-abschaffung-informationsfreiheitsgesetz-ifg-cdu-philipp-amthor\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Koalitionsverhandlungen 2025<\/a> steht derzeit wieder eine Beschr\u00e4nkung des Informationsfreiheitsgesetzes (IFG) <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/politik\/schwarz-rote-koalition-spd-rebelliert-gegen-merz-plan-zur-beschneidung-der-informationsfreiheit-zr-94394495.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">im Raum<\/a>. Nur noch bei berechtigtem Interesse sollen B\u00fcrger (und <a href=\"https:\/\/www.abgeordnetenwatch.de\/recherchen\/informationsfreiheit\/diese-recherchen-waeren-kuenftig-nicht-mehr-moeglich\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">keine Organisationen<\/a> mehr) amtliche Dokumente erhalten d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Wollen nun Beh\u00f6rden etwas von den B\u00fcrgern (n\u00e4mlich: weniger Anfragen), oder wollen einzelne B\u00fcrger etwas von Beh\u00f6rden (n\u00e4mlich Informationen)?<\/p>\n<p>Nach der demokratischen Legitimationskette sollen Beh\u00f6rden f\u00fcr die B\u00fcrger da sein. Die Polizei verfolgt den Bankr\u00e4uber quasi im Auftrag der B\u00fcrger, denen gerade ihr Geld gestohlen wurde. Das Finanzamt treibt Steuern ein, weil die B\u00fcrger eine entsprechende finanzielle Ausstattung des Staates w\u00fcnschen, wenigstens theoretisch ge\u00e4u\u00dfert \u00fcber ihre politische Wahl und einen dann parlamentarisch beschlossenen Haushalt.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen dann \u00fcberhaupt Beh\u00f6rden ein Eigeninteresse vertreten, hier also eine Begrenzung ihrer derzeitigen Auskunftspflichten? Oder m\u00fcssten nicht ausschlie\u00dflich die B\u00fcrger untereinander verhandeln, in welchem Umfang sie Informationsfreiheit verlangen und wo sie Grenzen sehen (um beispielsweise die Funktionsf\u00e4higkeit &#8222;ihrer&#8220; Beh\u00f6rde nicht zu gef\u00e4hrden)?<\/p>\n<p><strong>Der Streit ums Auto <\/strong><\/p>\n<p>Das Volksbegehren &#8222;Berlin autofrei&#8220; ist im Mai <a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/politik\/beitrag\/2026\/05\/volksbegehren-berlin-autofrei-voraussichtlich-gescheitert-berlin.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">gescheitert<\/a>. Statt der ben\u00f6tigten 175.000 Unterschriften von Unterst\u00fctzern kamen nur rund 140.000 zusammen. Das Ansinnen wurde heftig diskutiert, auch au\u00dferhalb Berlins.<\/p>\n<p>Wollten hier einzelne B\u00fcrger anderen das Autofahren in der Innenstadt verbieten? Oder fordern nicht umgekehrt st\u00e4ndig Automobilisten Fahr- und Park-Platz von anderen B\u00fcrgern, die Akzeptanz von L\u00e4rm und Luftbelastung?<\/p>\n<p>Es liegt emotional nahe, solche Fragen vom gew\u00fcnschten Ergebnis her zu beantworten. Doch damit bleibt man im Bereich der viel praktizierten Willk\u00fcr. Ge- und Verbote richten sich dann nach \u00f6ffentlichen, oft auch nur vermuteten Stimmungen oder schlicht nach der Vehemenz, mit der die verschiedenen Positionen vorgetragen werden.<\/p>\n<p>Dabei ist es f\u00fcr eine freiheitliche Gesellschaft von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung zu kl\u00e4ren, wer mit etwas <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/Wer-begrenzt-unsere-Freiheit-Wir-selbst-oder-das-System-11126240.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">in die Freiheit anderer eingreift<\/a>. Deshalb kann man auch mal pr\u00fcfen, wie es mit einem Fahrradverbot auss\u00e4he. Oder einem LKW-Verbot (das es auf einzelnen Stra\u00dfen und zu <a href=\"https:\/\/www.balm.bund.de\/DE\/Themen\/RechtsentwicklungRechtsvorschriften\/Rechtsvorschriften\/Strassenverkehrsrecht\/LKW-Fahrverbote\/LKW-Fahrverbote_node.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">bestimmten Zeiten<\/a> schon gibt).<\/p>\n<p><strong>F\u00fchrerschein ab 26<\/strong><\/p>\n<p>Der Soziologe und Verkehrsforscher Andreas Knie hat angesichts illegaler Autorennen vorgeschlagen, dass M\u00e4nner erst <a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/panorama\/beitrag\/2024\/11\/berlin-autorennen-rasen-unfall-tod-crash-autos-kudamm.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">ab einem Alter von 26<\/a> den F\u00fchrerschein erhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>M\u00f6chten junge Menschen von der Gesellschaft das Recht erhalten, Auto fahren zu d\u00fcrfen, oder verlangt umgekehrt irgendwer in der Gesellschaft bisher ein Fahrverbot bis zum Alter von 18 Jahren (bzw. in Begleitung bis 17)? Wer greift hier in wessen Freiheit ein?<\/p>\n<p><strong>Cash or Card only<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt Gesch\u00e4fte, die nur Bargeld akzeptieren. Laut Koalitionsvertrag (<a href=\"https:\/\/www.koalitionsvertrag2025.de\/sites\/www.koalitionsvertrag2025.de\/files\/koav_2025.pdf\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Seite 49<\/a>) soll k\u00fcnftig &#8222;mindestens eine digitale Zahlungsoption schrittweise angeboten werden&#8220;.<\/p>\n<p>Es gibt aber auch Gesch\u00e4fte, die nur noch digitale Zahlungen akzeptieren. Nach dem Wortlaut des Koalitionsvertrags soll auch das nicht mehr m\u00f6glich sein, Bargeld w\u00e4re dann immer zu akzeptieren.<\/p>\n<p>Zweifelsohne wird damit in die Vertragsfreiheit eingegriffen. Wer sich bisher die Kosten f\u00fcr ein digitales Zahlungssystem spart, w\u00e4re zu dessen Bereitstellung verpflichtet. Wer sich bisher dem Aufwand und ggf. einem Risiko mit Bargeld entzogen hat, m\u00fcsste sich k\u00fcnftig darauf einlassen (was <a href=\"https:\/\/www.ecb.europa.eu\/euro\/cash_strategy\/acceptance-cash\/html\/index.de.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">ebenfalls die EU vorbereitet<\/a>).<\/p>\n<p>Auch hier: <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/Die-unterschlagene-Frage-der-Demokratie-11127529.html#:~:text=Fragen%20beantwortet%20werden%3A-,Die%20zentrale%20Frage,-demokratischen%20Aushandelns\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">wer will was von wem wof\u00fcr wie warum<\/a>?<\/p>\n<p>Es d\u00fcrfte mindestens drei verschiedene Gruppen von Anspruchstellern geben, n\u00e4mlich die Only-Cash-Fraktion, die Only-Card-Fraktion und diejenigen, die beides haben wollen. Und in der Digital-Gruppe wird es noch weitere W\u00fcnsche geben, damit sie ihren bevorzugten Zahlungsweg nutzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mit welchem Recht aber kann man solche Forderungen an H\u00e4ndler und Gastronomen stellen? Und was bekommen sie daf\u00fcr als Gegenleistung?<\/p>\n<p>Eine M\u00f6glichkeit \u2013 nur als Diskussionsangebot \u2013 w\u00e4re, \u00fcber die <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/Grundeigentum-und-Demokratie-Warum-wir-ueber-Boden-verhandeln-muessten-11244139.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">begrenzte Ressource Immobilien<\/a> zu argumentieren.<\/p>\n<p>        Lesen Sie auchMehr anzeigenWeniger anzeigen<\/p>\n<p><strong>Kommunale Verpackungssteuer<\/strong><\/p>\n<p>Letztes Beispiel: der neue Trend zu \u00f6rtlichen Abgaben f\u00fcr Einwegverpackungen von Lebensmitteln f\u00fcr den Sofortverzehr. T\u00fcbingen hatte sie im Jahr 2020 <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/tuebingen-die-erste-kommunale-verpackungssteuer-kommt-100.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">als erstes eingef\u00fchrt<\/a>, weitere Kommunen folgten oder diskutieren noch.<\/p>\n<p>Ziel dieser Steuer ist es, den Verbrauch von Einweggeschirr grunds\u00e4tzlich zu verringern und im \u00dcbrigen die st\u00e4dtischen Kosten f\u00fcr die M\u00fcllentsorgung von To-Go-Verpackungen zu kompensieren.<\/p>\n<p>Hatte bisher der Freund des Unterwegs-Kaffees die Kosten f\u00fcr die Beseitigung seines Bechers der Allgemeinheit aufgehalst? Oder hatte er daf\u00fcr vielleicht schon bezahlt (etwa \u00fcber die Gewerbesteuer)?<\/p>\n<p>Handelt es sich um eine Ungleichbehandlung gegen\u00fcber anderen Nutzern des \u00f6ffentlichen Raums? Denn was nicht der Verpackungssteuer unterliegt, kann weiterhin unentgeltlich in die st\u00e4dtischen M\u00fclleimer geworfen werden.<\/p>\n<p>Wird hier vielleicht willk\u00fcrlich ein Detail geregelt, wo es <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/Deutschland-100-000-Regeln-und-niemand-fuehlt-sich-frei-11305862.html#:~:text=Vom%20Speziellen%20zum%20Allgemeinen\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Grundsatzfragen<\/a> zu kl\u00e4ren g\u00e4lte?<\/p>\n<p><strong>Forderungen sind leicht gestellt<\/strong><\/p>\n<p>Es ist einfach, Forderungen zu erheben. Sie tauchen in fast jedem privaten Gespr\u00e4ch \u00fcber Politik ebenso auf wie im Telepolis-Forum (z.B. <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/forum\/Telepolis\/Kommentare\/Gleiche-Packung-weniger-drin-und-Sie-zahlen-sogar-mehr\/Ursache-liegt-woanders\/posting-46284433\/show\/\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">einheitliche Verpackungsgr\u00f6\u00dfen<\/a>).<\/p>\n<p>Doch f\u00fcrs demokratische Aushandeln ist es wichtig, wer dabei von wem etwas verlangen m\u00f6chte, wer also in wessen Freiheit eingreifen will.<\/p>\n<p>Und nur weil etwas schon geregelt ist, bedeutet es nicht, dass dem ein faires Aushandeln vorangegangen sein muss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bild: Shutterstock .com Von Bargeld bis Autoverbot: Immer neue politische Forderungen greifen in den Alltag ein. 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