{"id":1187060,"date":"2026-07-23T10:51:15","date_gmt":"2026-07-23T10:51:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1187060\/"},"modified":"2026-07-23T10:51:15","modified_gmt":"2026-07-23T10:51:15","slug":"indischer-comedian-akshay-rastogi-ein-roast-auf-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1187060\/","title":{"rendered":"Indischer Comedian Akshay Rastogi: Ein \u201eRoast\u201c auf Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Mit einem Arbeitsvisum kam Akshay Rastogi aus Indien nach D\u00fcsseldorf. Heute ist er im Internet mit witzigen Videos \u00fcber die Eigenarten deutscher St\u00e4dte erfolgreich \u2013 und hat sich zum ironischen Deutschland-Versteher etabliert.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Als Akshay Rastogi zum ersten Mal Moers betritt, verliert er kurz die Fassung. Er steht am Bahnhof, der eigentlich nur eine Unterf\u00fchrung ist. Auf Englisch ruft er: \u201eOh mein Gott. Das ist er? Schei\u00dfe.\u201c Das alte Empfangsgeb\u00e4ude daneben steht zwar noch, ist mittlerweile allerdings ein Tattoo- und Piercingstudio. Akshay dreht sich erst mal eine Zigarette. Dann tut er, was er immer tut, wenn er f\u00fcr seine Videos eine neue Stadt betritt. Er spricht Passanten mit seinem zurechtgelegten Einstiegssatz an. \u201eKommt ihr aus Moers?\u201c Tun sie nicht. Und beenden das Gespr\u00e4ch schnell, sie w\u00fcnschen ihm einen sch\u00f6nen Tag. \u201eDas geht mir oft so\u201c, sagt Akshay. \u201eWer will schon mit einem Fremden reden?\u201c<\/p>\n<p>Ein typisches Opfer namens Moers<\/p>\n<p>Akshay wei\u00df, wovon er spricht. Die Rolle des Fremden ist sein Erfolgskonzept. Eigentlich kam er im M\u00e4rz 2022 zum Arbeiten nach D\u00fcsseldorf. Digitales Marketing, nach drei Jahren wurde er gefeuert. Irgendwann hatte er parallel mit der Comedy begonnen. Er ver\u00f6ffentlichte ein Video \u00fcber seine Arbeitslosigkeit. Es ging viral. Das \u201eRumweinen\u201c, wie er es nennt, kommt bei den Menschen an. Also machte er daraus sein Markenzeichen. Akshay dreht kurze englischsprachige \u201eRoasts\u201c, was auf Deutsch hei\u00dft, dass er sich \u00fcber etwas lustig macht und Witze rei\u00dft. \u00dcber deutsche Eigenarten, deutsche Unternehmen, deutsche St\u00e4dte. Die Videos haben oft Hunderttausende Zuschauer, 40.000 Follower hat Akshay allein bei <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/instagram\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/instagram\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Instagram<\/a>. Moers ist sein 64. Opfer.<\/p>\n<p>Eigentlich hatte Akshay vor, als Erstes zum \u201eGeleucht\u201c zu gehen, dem Moerser Bergbau-Wahrzeichen, mit dessen Aussprache er sich so schwertut. Erst am Bahnhof bemerkt er, wie weit au\u00dferhalb es liegt. Also erst mal Richtung Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, so entscheidet er mit der Routine eines Serient\u00e4ters. Abgesehen von den Entfernungen hat er seinen Trip nach Moers minuti\u00f6s geplant. Er hat sich \u00fcber die Geschichte und Gegenwart informiert und sich bei <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/youtube\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/youtube\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Youtube<\/a> einen Stadtspaziergang angesehen. In einer Notiz-Datei auf seinem Handy stehen vorbereitete Witze, die er an unterschiedlichen Orten aufnehmen m\u00f6chte. Dass er nun Passanten anspricht, ist so etwas wie der Produkttest. Stimmt es, was er recherchiert hat? Teilen die Einheimischen seine Gedanken zu <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/moers\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/moers\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Moers<\/a>?<\/p>\n<p>McDonald\u2019s in Viersen, Kebab in Cottbus<\/p>\n<p>Akshay hat seine Videos auch schon in typischen Touristenzielen wie Hamburg, Heidelberg oder Potsdam gedreht. Seine Vorliebe gilt aber jenen St\u00e4dten, die au\u00dfer ihm niemand auf der Tagestrip-Liste hat. Und davon gibt es gerade in NRW einige. Er spricht positiv von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/muelheim\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/muelheim\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">M\u00fclheim<\/a> an der <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/ruhr\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/ruhr\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ruhr<\/a> oder Recklinghausen. \u201eDort ist es nicht so schlecht, wie man denkt.\u201c Gelsenkirchen hingegen habe seinen Ruf verdient, sagt er l\u00e4chelnd. Vor seinem Trip nach Moers hatte er sich zuletzt an Viersen versucht. Dort habe er einen Einheimischen gefragt, was man tun k\u00f6nne. Dem fiel nur der McDonald\u2019s ein. Egal, wie schwer sich die Recherche gestaltet. Ein Video ist noch immer dabei herausgekommen.<\/p>\n<p>Der Weg vom Moerser Bahnhof in die Innenstadt f\u00fchrt entlang einer wenig einladenden Hauptstra\u00dfe. Akshay spricht einen Pakistani an, der vor der Eingangst\u00fcr seines Ladens steht. Sie verst\u00e4ndigen sich in einer Mischung aus ihren fast identischen Sprachen Urdu und Hindi. Der Erkenntnisgewinn ist gering. Der Mann lebt zwar seit 15 Jahren hier, aber das nicht gern. Der Auftakt ist m\u00fchsam. Anderswo hat Akshay oft mehr Gl\u00fcck. \u201eIn jeder Stadt gibt es jemanden, der mich erkennt.\u201c Manchmal, wie in Cottbus, wird er gleich zum Kebab eingeladen. Oft schreiben sie ihm erst sp\u00e4ter, dass sie sich nicht getraut h\u00e4tten, \u201eHi\u201c zu sagen. \u201eIch reise so lange Strecken, dass die Menschen nicht erwarten, dass ich in ihrer Stadt bin. Wir neigen dazu, Menschen mit Orten in Verbindung zu bringen. Und niemand wei\u00df, wo ich als N\u00e4chstes bin.\u201c<\/p>\n<p>Wilde Indien-Stereotypen<\/p>\n<p>Kurz darauf kommt Akshay am Moerser Schloss an. Es liegt idyllisch am Rand der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, gleich neben einem gro\u00dfen Park. Nach einem Regenschauer zeigt sich die Sonne. Er setzt sich auf eine Bank, geht das Material in seiner Handy-Datei durch und findet den passenden Zweizeiler. Dann geht es ganz schnell. Ein paar Sekunden sucht er den passenden Winkel, wartet Passanten ab. Seine Stimme wird laut, sein Blick ernst. \u201eMoers ist eine gro\u00dfe Kleinstadt mit 100.000 Einwohnern, aber einer nationalen Sichtbarkeit eines \u00fcbrig gebliebenen USB-Kabels.\u201c Ein Take. Der Clip ist im Kasten.<\/p>\n<p>Am Anfang drehte er die Videos noch dort, wo er ohnehin gerade war. Nun geht er bewusst auf Reisen. Mehr als 100 St\u00e4dte stehen auf seiner Liste. Immer wieder recherchiert er und \u00fcberlegt, welche sich als n\u00e4chste lohnt. Ein Teil seines Online-Publikums bleibt gleich. Ein Teil h\u00e4ngt vom Ort ab. Bei Videos zu gro\u00dfen Studentenst\u00e4dten liest er viele Reaktionen von Expats, in G\u00fctersloh oder Bottrop dominieren die Deutschen die Kommentarspalten. Immer wieder berichten Lokalzeitungen dar\u00fcber. Manchmal wird es darin auch politisch. In Osnabr\u00fcck war ein Lokalredakteur unzufrieden mit dem Like des SPD-Oberb\u00fcrgermeisterkandidaten f\u00fcr Akshays Roast. Sein Kommentar endete in wilden Indien-Stereotypen.<\/p>\n<p>Bald schon wieder in der Heimat?<\/p>\n<p>\u201eIch bewege mich immer auf d\u00fcnnem Eis\u201c, sagt Akshay beim Spaziergang durch die Moerser Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Beim Roasten gehe es ihm darum, glaubw\u00fcrdige Dinge zu sagen. \u201eEin wei\u00dfer Typ, der das tut, w\u00e4re bestimmt auch erfolgreich. Aber mein Dreh ist, dass ich eine Person bin, die hier nicht hingeh\u00f6rt und Stadt, Kultur und Menschen dennoch versteht.\u201c Die Rolle eines Immigranten aus einem Dritte-Welt-Land in einem Erste-Welt-Land begleite ihn dabei. Er k\u00f6nne so nicht einfach hassen. \u201eMoers sieht tausendmal besser aus als die Stadt, aus der ich komme.\u201c Er will mit seinen Videos Menschen zu einem Besuch inspirieren. Eine Journalistin hat ihn mal einen \u201eInfotainment-Influencer\u201c genannt. Das gefiel ihm.<\/p>\n<p>Seine Heimat Indien k\u00f6nnte Akshay schneller wiedersehen, als ihm lieb ist. Seit seiner K\u00fcndigung hat er keinen neuen regul\u00e4ren Job gefunden. Sein Visum, das an die Arbeit gekn\u00fcpft ist, l\u00e4uft im September aus. Einerseits arbeitet er t\u00e4glich an seinem Traum, allein von der Kunst zu leben. Auf der anderen Seite schreibt er Bewerbungen, um eine neue Stelle zu finden. \u201eIch lebe jeden Tag mit diesem Stress\u201c, sagt er. \u201eVielleicht werfen sie mich am Ende aus dem Land. Wenn es geschieht, geschieht es.\u201c<\/p>\n<p>Soziale Medien, Jobsuche, Auftritte. Als w\u00e4re das nicht genug, organisiert der 31-J\u00e4hrige auch noch eine Show. In einer Bar in D\u00fcsseldorf treten jeden Dienstag englischsprachige Comedians auf. Akshay f\u00fchrt durch den Abend und testet dabei eigenes Material. Seine Witze unterteilt er in zwei Kategorien. Die eine nennt er Vorstellung eines braunen Mannes gegen\u00fcber wei\u00dfen Menschen. Zur anderen geh\u00f6rt das, womit sich jeder identifizieren kann: Gesundheitsversorgung, B\u00fcrokratie, Fitnessstudio. Mit seinem Programm ist er schon quer durch Europa gereist. Am wohlsten f\u00fchlt er sich auf Englisch, als Opener f\u00fcr andere indische Comedians trat er aber auch schon auf Hindi auf. Sein Traum aber ist ein internationales Publikum.<\/p>\n<p>Deutschland \u201eroasten\u201c als Knochenjob<\/p>\n<p>Den zweiten Clip dreht Akshay in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Wieder geht es schnell. Er setzt nur einmal neu an. \u201eAlles in der Stadt ist 15 Minuten entfernt. Das Zentrum, das Schloss, der Park, dein Wunsch zu verschwinden.\u201c Seine Liste ist nun lang genug. Die Witze, neun werden es am Ende sein, sind geschrieben. Er muss nur noch zu den richtigen Orten, um sie zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>In rund vier Jahren hat sich Akshay vom indischen Zuwanderer zum viralen Deutschland-Versteher entwickelt. Nur nicht bei B\u00fcrokratie und Digitalisierung, sagt er. Aber das durchblicke sowieso niemand. Seine Zeit als Moers-Versteher neigt sich mit einem Video vor dem Geleucht dem Ende zu. Er vergleicht es darin mit einem Pixar-Charakter. Ganz am Schluss steht er wieder vor dem Bahnhof. Im fertigen Video wird das die erste Szene sein. \u201eMoers ist eine weitere Stadt mit Identit\u00e4tskrise\u201c, sagt er. \u201eDie Stadt liegt genau auf der Grenze zwischen Ruhrgebiet und Niederrhein. Es ist, als h\u00e4ttest du deine F\u00fc\u00dfe in zwei Booten. Und beide haben L\u00f6cher.\u201c<\/p>\n<p>Es ist kurz nach 20 Uhr, als Akshay eine letzte Nachricht verschickt. Mehr als acht Stunden, nachdem er am D\u00fcsseldorfer Hauptbahnhof in den Zug nach Moers gestiegen war, ist er endlich wieder zu Hause. Er schickt ein Foto seiner Aktivit\u00e4ts-App mit. 19.502 Schritte, 11,78 Kilometer. Deutschland zu roasten kann ein richtiger Knochenjob sein.<\/p>\n<p>Marc Latsch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit einem Arbeitsvisum kam Akshay Rastogi aus Indien nach D\u00fcsseldorf. 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