{"id":1190719,"date":"2026-07-24T23:16:20","date_gmt":"2026-07-24T23:16:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1190719\/"},"modified":"2026-07-24T23:16:20","modified_gmt":"2026-07-24T23:16:20","slug":"bruessel-schuman-kreisverkehr-europas-groesste-bratpfanne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1190719\/","title":{"rendered":"Br\u00fcssel: Schuman-Kreisverkehr &#8211; Europas gr\u00f6\u00dfte Bratpfanne"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Die Visitenkarte der europ\u00e4ischen Hauptstadt flimmert dieser Tage in der Sommerhitze. Sie besteht aus einer runden, \u00fcberdimensionierten Betonfl\u00e4che, auf der Passanten vergeblich nach Schatten oder B\u00e4nken suchen. Dieser Ort im Herzen des EU-Viertels \u2013 der Schuman-Kreisverkehr \u2013 ist von einem Prestigeprojekt zu einem Sinnbild des Scheiterns geworden. Dabei wird kaum ein Platz so h\u00e4ufig fotografiert, gefilmt und live in die Welt \u00fcbertragen wie jener zwischen dem Sitz der <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/eu-kommission\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">EU-Kommission<\/a>, dem Ratsgeb\u00e4ude und dem Europ\u00e4ischen Ausw\u00e4rtigen Dienst.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Hier treffen sich Staats- und Regierungschefs zu Gipfeln. Korrespondenten schalten vor dem monstr\u00f6sen Berlaymont. Touristen ziehen \u00fcber die Betonboulevards durchs Viertel, das ges\u00e4umt ist von st\u00e4hlernen B\u00fcrokomplexen und Verwaltungsburgen. Tausende Beamte str\u00f6men t\u00e4glich aus der <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/metro\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Metro<\/a>. Benannt nach dem EU-Gr\u00fcndervater Robert Schuman, ist der Kreisverkehr so etwas wie das politische Zentrum Europas. Als \u201eVisitenkarte\u201c f\u00fcr <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/bruessel\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Br\u00fcssel<\/a> bezeichnete ihn Pascal Smet, der fr\u00fchere Br\u00fcsseler Minister f\u00fcr Mobilit\u00e4t und Stadtentwicklung.<\/p>\n<p>Ein Platz zum Weglaufen statt zum Verweilen      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Er war es, der einst die Sanierung des symboltr\u00e4chtigen Platzes mit einem anf\u00e4nglichen Gesamtbudget von rund 30 Millionen Euro angesto\u00dfen hatte. \u201eDer einzige Grund, hier sein zu wollen, ist, mit seiner Freundin Schluss zu machen und dann so schnell wie m\u00f6glich wegzurennen\u201c, lie\u00df er sich von Br\u00fcsseler Medien zitieren. Treffender l\u00e4sst sich kaum beschreiben, welchen Ruf der Platz inzwischen genie\u00dft. Dabei sollte aus einem l\u00e4rmenden Verkehrsknoten ein europ\u00e4ischer Stadtplatz werden \u2013 ein Ort, an dem sich Menschen gerne aufhalten, statt nur vorbeizueilen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Das Siegerkonzept des Br\u00fcsseler Architekturb\u00fcros Brut und des d\u00e4nischen B\u00fcros Cobe sah eine gro\u00dfz\u00fcgige Fu\u00dfg\u00e4ngerzone vor, gekr\u00f6nt von einem kreisf\u00f6rmigen Stahlbaldachin mit begr\u00fcntem Dach. Die Konstruktion, angelehnt an den Plenarsaal des EU-Parlaments, sollte Schatten spenden, vor Regen sch\u00fctzen und dem Platz eine unverwechselbare Identit\u00e4t verleihen. Eine europ\u00e4ische Agora, wenn man so will: offen, urban und einladend. Geblieben ist davon erstaunlich wenig. Denn irgendwann ging der Stadt das Geld aus.<\/p>\n<p>Beton, keine B\u00e4ume, keine Sitzgelegenheiten      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Nach drei Jahren Bauzeit, jahrelangen Sperrungen, Chaos, L\u00e4rm und Kosten in zweistelliger Millionenh\u00f6he pr\u00e4sentiert sich Schuman heute als riesige, helle Betonfl\u00e4che. B\u00e4ume gibt es keine, Sitzgelegenheiten ebenso wenig. Am Rand schaufeln an diesem Freitag noch einige Bagger Schotter weg. W\u00e4hrend einer <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/hitzewelle\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hitzewelle<\/a> Ende Juni heizte sich der Platz so stark auf, dass er in den sozialen Netzwerken als \u201eEuropas gr\u00f6\u00dfte Bratpfanne\u201c verspottet wurde.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Besonders vernichtend f\u00e4llt das Urteil ausgerechnet von jenem Mann aus, der den Platz entworfen hat. \u201eAm Ende haben wir tats\u00e4chlich den Platz bekommen, den niemand wollte\u201c, sagte Francis De Wolf, federf\u00fchrender Architekt des Projekts, gegen\u00fcber Medien. Werde dieser Zustand dauerhaft, sei dies \u201edas schlechteste m\u00f6gliche Ergebnis\u201c. Der zentrale Baldachin, dessen Bau nach Angaben der Architekten lediglich rund f\u00fcnf Millionen Euro gekostet h\u00e4tte, fiel politischen Querelen und explodierenden Baukosten zum Opfer. \u00dcbrig blieb gewisserma\u00dfen die B\u00fchne, nur ohne Kulisse.<\/p>\n<p>Das belgische Muster: viele Akteure, aber keiner f\u00fchlt sich verantwortlich      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Hinter dem Desaster steckt das komplizierte politische System des belgischen Staatswesens und der Hauptstadt, in dem sich Zust\u00e4ndigkeiten auf Bund, Region, Stadt, Beliris, die f\u00f6derale Infrastrukturgesellschaft, sowie europ\u00e4ische Institutionen verteilen. Zahlreiche Akteure waren an dem Projekt beteiligt, kaum einer f\u00fchlte sich am Ende verantwortlich. Als die Baukosten stiegen, fehlten pl\u00f6tzlich zw\u00f6lf Millionen Euro. Zwar hatte das Projekt bereits 17,4 Millionen Euro aus dem europ\u00e4ischen Corona-Wiederaufbaufonds erhalten, doch f\u00fcr die Fertigstellung reichten die Mittel nicht mehr. Die Br\u00fcsseler Regionalregierung bat sogar die EU-Kommission um zus\u00e4tzliches Geld, doch Premierminister Bart De Wever lehnte den Vorsto\u00df als dem\u00fctigende Bettelei ab. Am Ende entschied man sich f\u00fcr die belgischste aller L\u00f6sungen: Man baute irgendwie fertig.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Heute schieben sich die Beteiligten gegenseitig die Schuld zu. Es ist ein typisch belgisches Muster: Verantwortung wird so lange verteilt, bis sie niemand mehr tr\u00e4gt. Smets Nachfolgerin Elke Van den Brandt etwa verweist auf explodierende Baupreise infolge der Corona-Pandemie und Russlands Angriffskrieg gegen die <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/ukraine\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ukraine<\/a> sowie auf die politische Blockade in der Region. Beliris wiederum betont, lediglich politische Entscheidungen umgesetzt zu haben. Immerhin bei einer Sache herrscht Einigkeit: Das Ergebnis ist misslungen. Eine Vision ist zum ungeliebten Kompromiss verkommen.<\/p>\n<p>Ein Platz nicht f\u00fcr hei\u00dfe Sommertage gemacht      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Hinter den Kulissen verweisen EU-Beamte zudem auf die Ironie der Geschichte hin. W\u00e4hrend die EU gro\u00df darin ist, Strategien gegen Hitzeinseln in St\u00e4dten zu verabschieden und klimaresiliente Stadtplanung sowie nachhaltige \u00f6ffentliche R\u00e4ume zu fordern, entstand direkt vor ihrer T\u00fcr ein Platz, der an hei\u00dfen Sommertagen schlichtweg nicht zu benutzen ist. Mitte Juli einigte sich die Br\u00fcsseler Regierung nun auf einen \u201e\u00dcberdachungsplan\u201c, um mehr Gr\u00fcn auf dem Kreisverkehr anzulegen. Dieser solle einfacher und kosteng\u00fcnstiger sein als die urspr\u00fcnglich vorgesehene Stahl\u00fcberdachung, deren Idee endg\u00fcltig begraben ist. Wann die \u00c4nderungen umgesetzt werden sollen, ist aber offen. Allzu viele M\u00f6glichkeiten gibt es ohnehin nicht. Gro\u00dfe B\u00e4ume etwa k\u00f6nnen wegen der Tunnel unter dem Kreisverkehr nicht mehr nachtr\u00e4glich gepflanzt werden.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\"><a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/europa\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Europa<\/a> wollte seiner Hauptstadt einen Treffpunkt schaffen und ein Aush\u00e4ngeschild schenken, das Offenheit, Modernit\u00e4t und Selbstbewusstsein ausstrahlt. Herausgekommen ist der \u201eh\u00e4sslichste Platz\u201c, den Architekten bedauern, Politiker verspotten und Passanten meiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Visitenkarte der europ\u00e4ischen Hauptstadt flimmert dieser Tage in der Sommerhitze. 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