{"id":1193992,"date":"2026-07-26T10:34:25","date_gmt":"2026-07-26T10:34:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1193992\/"},"modified":"2026-07-26T10:34:25","modified_gmt":"2026-07-26T10:34:25","slug":"wie-die-friedensdividende-einer-neuen-sicherheitslogik-gewichen-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1193992\/","title":{"rendered":"Wie die Friedensdividende einer neuen Sicherheitslogik gewichen ist"},"content":{"rendered":"<p>                            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Friedensdividende-F-2-01-31b92b18bdeff7a1.gif\"  width=\"1280\" height=\"720\"  alt=\"Friedenstaube mit Bauchlandung und wegrollender Euro mit Peacezeichen\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p class=\"lead beitraganriss\">Lange galt milit\u00e4rische Zur\u00fcckhaltung in Europa als Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Inzwischen dominieren Aufr\u00fcstung und Abschreckung den gesellschaftlichen Austausch.<\/p>\n<p>Als die Berliner Mauer fiel und die Sowjetunion zerbrach, schien f\u00fcr Europa ein goldenes Zeitalter anzufangen. Die bipolare Welt des Kalten Krieges war \u00fcberwunden, die Gefahr einer milit\u00e4rischen Konfrontation zwischen den beiden Machtbl\u00f6cken schien zeitlebens gebannt.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>In den 1990er-Jahren entstand die Vorstellung, dass Europa ewig in einer <a href=\"https:\/\/www.ifsh.de\/news-detail\/warum-ist-in-den-1990er-jahren-die-erhoffte-friedensdividende-nicht-ausgeschuettet-worden\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">\u00c4ra des Friedens<\/a> leben k\u00f6nnte. Verteidigungshaushalte wurden reduziert, Streitkr\u00e4fte verkleinert und Aufmerksamkeit auf wirtschaftliche Integration, Globalisierung und gesellschaftlichen Wohlstand gelenkt.<\/p>\n<p>Die Friedensdividende versprach, die finanziellen Ressourcen freizusetzen, die zuvor in Abschreckung und Aufr\u00fcstung investiert worden waren. Sicherheit schien keine milit\u00e4rische, sondern vor allem eine wirtschaftliche und politische Causa geworden zu sein. Mehr als drei\u00dfig Jahre danach wirkt diese Auffassung obsolet.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr der Geschichte<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens der <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/rubriken\/aussen-und-sicherheitspolitik\/artikel\/zeitenwende-1-5797\/\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">russische Angriff auf die Ukraine<\/a> im Februar 2022 markiert eine aufw\u00fchlende Z\u00e4sur. Krieg ist nach Europa zur\u00fcckgekehrt und mit ihm kritische Angelegenheiten, die als \u00fcberwunden galten: Wie l\u00e4sst sich Sicherheit gew\u00e4hrleisten? Welche Rolle spielen Abschreckung und milit\u00e4rische St\u00e4rke? Und wie abh\u00e4ngig darf Europa von den Sicherheitsgarantien der USA sein?<\/p>\n<p>Doch der Ukraine-Krieg ist weniger der Beginn einer schockierenden \u00c4ra als ihr sichtbarer H\u00f6hepunkt. Bereits die <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/krim-2024\/545057\/rekonstruktion-einer-annexion\/\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Annexion der Krim 2014<\/a>, wachsende geopolitische Spannungen zwischen den USA und China sowie die Erosion internationaler R\u00fcstungskontrollabkommen deuteten darauf hin, dass die vermeintliche feste Nachkriegsordnung br\u00fcchiger geworden war.<\/p>\n<p>Die Geschichte ist nicht zur\u00fcckgekehrt \u2013 sie war nie verschwunden. Europa hat lediglich (zu) lange geglaubt, sie hinter sich gelassen zu haben.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Von der Friedens- zur Sicherheitsdividende<\/p>\n<p>Das kollektive Vokabular hat sich in verbl\u00fcffender Geschwindigkeit ver\u00e4ndert. Bellizistische Begriffe wie Aufr\u00fcstung, Wehrf\u00e4higkeit und strategische Autonomie, die noch vor ein paar Jahren kontrovers diskutiert wurden, z\u00e4hlen nun zum routinierten politischen Tagesgesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Union investiert viele Milliarden Euro in Verteidigungsprojekte, Nato-Staaten erh\u00f6hen ihre Milit\u00e4rausgaben, und Deutschland hat mit dem <a href=\"https:\/\/www.bmvg.de\/de\/presse\/sondervermoegen-bundeswehr-5362120\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Sonderverm\u00f6gen<\/a> f\u00fcr die Bundeswehr einen rigorosen Kurswechsel eingeleitet. Bis 2029 m\u00f6chte die deutsche Bundesregierung die Verteidigungsausgaben auf <a href=\"https:\/\/www.das-parlament.de\/inland\/verteidigung\/das-ende-der-friedensdividende\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">153 Milliarden Euro<\/a> erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Zugleich gewinnt die Idee \u00fcber einen europ\u00e4ischen Nuklearschirm enorm an Gewicht. Die Unsicherheit \u00fcber die Verl\u00e4sslichkeit <a href=\"https:\/\/www.vorwaerts.de\/international\/neue-nationale-sicherheitsstrategie-amerikas-kriegserklaerung-europa\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">amerikanischer Sicherheitsgarantien<\/a> \u2013 insbesondere vor dem Hintergrund den Entwicklungen in den USA \u2013 f\u00fchrt dazu, dass Frankreichs Nuklearstreitkr\u00e4fte als Hauptglied einer europ\u00e4ischen Sicherheitsarchitektur verhandelt werden.<\/p>\n<p>Die Friedensdividende ist einer Sicherheitsdividende gewichen: Sicherheit wird erneut als Voraussetzung f\u00fcr politische und wirtschaftliche Robustheit verstanden.<\/p>\n<p>Eine neue Sicherheitsordnung entsteht<\/p>\n<p>Europa befindet sich gegenw\u00e4rtig in einer Periode strategischer Neuorientierung. Die Annahme, wirtschaftliche Verflechtung werde zu Best\u00e4ndigkeit f\u00fchren, ist erheblich ersch\u00fcttert worden. Russlands Angriffskrieg hat gezeigt, dass wirtschaftliche Beziehungen milit\u00e4rische Konflikte nicht zwangsl\u00e4ufig verhindern.<\/p>\n<p>Somit gilt das Prinzip &#8222;<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/internationale-wirtschaftsbeziehungen-wandel-durch-handel-100.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Wandel durch Handel<\/a>&#8220; in den internationalen Beziehungen als veraltet bzw. \u00fcberholt. Gleichzeitig macht die Konkurrenz zwischen den USA und China unmissverst\u00e4ndlich deutlich, dass geopolitische Macht auch im 21. Jahrhundert nichts von ihrer Sprengkraft verloren hat.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass moderne Sicherheitspolitik l\u00e4ngst \u00fcber klassische Milit\u00e4rpunkte hinausgeht. Cyberangriffe, <a href=\"https:\/\/www.kas.de\/de\/monitor\/detail\/-\/content\/deutschland-im-hybriden-krieg-sicherheit-wahren-demokratie-schuetzen\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">hybride Kriegsf\u00fchrung<\/a>, Desinformation und die Kontrolle kritischer Infrastruktur erweitern den Begriff der Sicherheit exorbitant.<\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Nord-Stream-Mutmasslicher-Saboteur-will-ukrainischer-Militaer-gewesen-sein-id31110073.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Anschl\u00e4ge auf die Nord-Stream-Pipelines<\/a> im September 2022 sowie abermalige Warnungen vor Sabotageakten gegen Unterseekabel und Energieinfrastrukturen betonen, wie verwundbar hochvernetzte Gesellschaften geworden sind.<\/p>\n<p>Die neue europ\u00e4ische Sicherheitsstruktur entsteht nicht allein auf den Schlachtfeldern der Ukraine, sondern in Rechenzentren, Satellitennetzen und digitalen Infrastrukturen.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr der Abschreckung<\/p>\n<p>Besonders bemerkenswert ist die Renaissance eines Wortes, das als Relikt des Kalten Krieges galt: Abschreckung. Jahrzehntelang wurde die europ\u00e4ische Sicherheitsarchitektur ma\u00dfgeblich durch amerikanische Garantien getragen. Mittlerweile wird wieder unverbl\u00fcmt \u00fcber milit\u00e4rische St\u00e4rke, nukleare Schutzschirme und <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/international\/abschreckung-neue-debatte-ueber-nuklearen-schutzschirm-fuer-europa\/100191857.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">glaubw\u00fcrdige Abschreckung<\/a> disputiert.<\/p>\n<p>Beim deutsch-franz\u00f6sischen Ministerrat im Juli 2026 auf Schloss Augustusburg in Br\u00fchl k\u00fcndigten Bundeskanzler Friedrich Merz und Pr\u00e4sident Emmanuel Macron an, die Kooperation in Verteidigungsfragen auszubauen. Erstmals sollen deutsche Streitkr\u00e4fte an einer <a href=\"https:\/\/table.media\/europe\/thema-des-tages\/deutsch-franzoesischer-ministerrat-berlin-und-paris-vertiefen-atomwaffen-kooperation\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">franz\u00f6sischen Nuklear\u00fcbung teilnehmen<\/a>. Ein Schritt, der fr\u00fcher nicht auszudenken gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das ist sowohl Ausdruck ver\u00e4nderter geopolitischer Realit\u00e4ten als auch einer substanziellen Kurs\u00e4nderung. Sicherheit wird nicht mehr als Dauerzustand verstanden. Vielmehr als eine Dynamik, die aktiv hergestellt und verteidigt werden muss.<\/p>\n<p>Die europ\u00e4ische Politik befindet sich im Zwiespalt: Zum einen w\u00e4chst die Einsicht, dass milit\u00e4rische F\u00e4higkeiten notwendig bleiben. Andererseits besteht die Gefahr, dass Aufr\u00fcstung und Abschreckung selbst zum Paradigma werden.<\/p>\n<p>Das Ende der Illusionen<\/p>\n<p>Die wahrscheinlich gr\u00f6\u00dfte Transformation liegt im Ende einer europ\u00e4ischen Selbstverst\u00e4ndlichkeit: der Annahme, Frieden sei der Normalzustand.<\/p>\n<p>Die Generation nach dem Kalten Krieg ist mit der Anschauung aufgewachsen, dass zwischenstaatliche Kriege in Europa der Vergangenheit angeh\u00f6ren. Diese Gewissheit ist gescheitert. Eine unkalkulierbare Sicherheitsordnung wird Europa in den kommenden Jahren pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Unklar bleibt jedoch, ob sie zu gr\u00f6\u00dferer Stabilit\u00e4t f\u00fchrt oder die R\u00fcckkehr alter rivalisierender Muster markiert.<\/p>\n<p>Leben nach der Friedensdividende<\/p>\n<p>Die Friedensdividende war Symbol einer historischen Hoffnung: dass wirtschaftliche Verflechtung, internationale Institutionen und diplomatische Kooperation Milit\u00e4rmacht ersetzen k\u00f6nnten. Diese Hoffnung hat sich g\u00e4nzlich zerschlagen.<\/p>\n<p>Europa steht vor dem Richtungswechsel, Sicherheit neu zu definieren. Die Frage ist keinesfalls, ob die Friedensdividende endet \u2013 sie ist bereits beendet. Entscheidend ist, welche Ordnung an ihre Stelle tritt.<\/p>\n<p>Fest steht: Der Sicherheitsplan der vergangenen drei Jahrzehnte tr\u00e4gt nicht mehr. Europa tritt in eine brenzliche Phase ein und muss erst noch lernen, was das bedeutet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Lange galt milit\u00e4rische Zur\u00fcckhaltung in Europa als Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Inzwischen dominieren Aufr\u00fcstung und Abschreckung den gesellschaftlichen Austausch. 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