{"id":1194079,"date":"2026-07-26T11:32:24","date_gmt":"2026-07-26T11:32:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1194079\/"},"modified":"2026-07-26T11:32:24","modified_gmt":"2026-07-26T11:32:24","slug":"bayreuther-festspiele-wagners-oper-rienzi-und-der-ns-schatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1194079\/","title":{"rendered":"Bayreuther Festspiele: Wagners Oper &#8222;Rienzi&#8220; und der NS-Schatten"},"content":{"rendered":"<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/kunstfiguren-wagner-ludwig-100.jpg\" alt=\"Das Bayreuther Festspielhaus am gr\u00fcnen H\u00fcgel mit Kunstfiguren von Richard Wagner und K\u00f6nig Ludwig II.\" title=\"Das Bayreuther Festspielhaus am gr\u00fcnen H\u00fcgel mit Kunstfiguren von Richard Wagner und K\u00f6nig Ludwig II. | picture alliance \/ Alexander Sch\"\/><\/p>\n<p class=\"metatextline\">Stand: 26.07.2026 \u2022 10:53 Uhr<\/p>\n<p class=\"article-head__shorttext\">\n        <strong>Bei den Bayreuther Festspielen feiert heute &#8222;Rienzi&#8220; Premiere. Die Wagner-Oper ist eng mit Hitler verwoben, wurde von den Nazis als &#8222;Erweckungserlebnis&#8220; des F\u00fchrers verkl\u00e4rt &#8211; und zeigt auch Parallelen zum heutigen Populismus auf.<\/strong>\n    <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die Geschichte vom vermeintlichen Erweckungserlebnis Adolf Hitlers durch Richard Wagners Musik sorgt immer noch regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr Aufregung. Vieles in der Diskussion ist l\u00e4ngst zum Mythos geworden. Zum einen, weil etliche Aussagen nur durch \u00dcberlieferungen von Weggew\u00e4hrten Hitlers stammen. Diese Quellen haben aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden ein Interesse, die Erinnerung in einem gewissen Licht erscheinen zu lassen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Hitler inszenierte aber vor allem selbst bewusst seinen Werdegang im Nachhinein als schicksalshaften Weg, ges\u00e4umt von Ereignissen, die das Narrativ der &#8222;Erweckung&#8220; bestens bedienten. Dabei spielt Wagners Oper &#8222;Rienzi&#8220; eine tragende Rolle.<\/p>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        Winifred Wagner begr\u00fc\u00dft Adolf Hitler 1939 bei seinem Eintreffen in Bayreuth vor dem Festspielhaus. Die  britisch-deutsche Schwiegertochter des 1883 gestorbenen Komponisten Richard Wagner leitete die Bayreuther Festspiele von 1930 bis 1944.\n                    <\/p>\n<p>    Wagner komponiert &#8222;Rienzi&#8220; als verschuldeter K\u00fcnstler<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Wagner komponiert &#8222;Rienzi&#8220; in den 1830er-Jahren als junger, verschuldeter Theatermann in Riga. Ein Komponist, der bis dato noch keinen Erfolg vorweisen kann und von Gro\u00dfem tr\u00e4umt. Genau in dieser Phase begegnet Wagner Cola di Rienzo, einer historischen Figur aus dem Rom des fr\u00fchen 14. Jahrhunderts.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Ein Mann aus dem Volk, der als selbsternannter Tribun f\u00fcr das Volk k\u00e4mpft. Gegen die korrupte Adelsherrschaft. F\u00fcr Freiheit. Die Oper &#8222;Rienzi&#8220; wird zur klingenden Umsetzung dieser Vision: Massench\u00f6re, Fackelglanz, Trompetensignale. Die Idee eines Berufenen, der das Volk &#8222;erweckt&#8220;.<\/p>\n<p>    Adolf Hitler erlebt &#8222;Rienzi&#8220; in Linz<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Hier kreuzt sich die Biografie Hitlers mit dem Werk auf beklemmende Weise. Der jugendliche Hitler erlebt &#8222;Rienzi&#8220; in Linz, vermutlich 1905. August Kubizek, Jugendfreund und sp\u00e4ter wichtige Quelle des sogenannten Erweckungsmythos, schildert in seinem Buch &#8222;Adolf Hitler mein Jugendfreund&#8220; den Zustand &#8222;v\u00f6lliger Entr\u00fcckung&#8220; und eine n\u00e4chtliche Szene auf dem Linzer Freinberg. Dort soll Hitler von seiner &#8222;Mission&#8220; gesprochen haben: Das Volk zu Freiheit und Gr\u00f6\u00dfe zu f\u00fchren.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Sp\u00e4ter, bei den Bayreuther Festspielen 1939, soll Hitler den Satz gesagt haben: &#8222;In jener Stunde begann es.&#8220; Die Oper wird zur Basis eines inszenierten Sendungsbewusstseins, mit dem sich ein politischer F\u00fchrer als schicksalhaft Auserw\u00e4hlter darstellen kann.<\/p>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        Hier wird die Wagner-Oper &#8222;Rienzi, der Letzte der Tribunen&#8220; 1939 auf der Dietrich-Eckart-Freilichtb\u00fchne (heute Berliner Waldb\u00fchne) auf dem Olympiagel\u00e4nde in Berlin aufgef\u00fchrt.\n                    <\/p>\n<p>    &#8222;Rienzi&#8220; im Nationalsozialismus<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Allerdings ist &#8222;Rienzi&#8220; f\u00fcr die NS-Propaganda Geschenk und Problem zugleich. Geschenk, weil sich das St\u00fcck wie ein Drehbuch f\u00fcr die Massenchoreografie lesen l\u00e4sst. Ein Protagonist aus einfachen Verh\u00e4ltnissen, der das Volk erhebt. Einer, der den Kampf anf\u00fchrt gegen korrupte Eliten, der Einheit und Aufbruch beschw\u00f6rt. Dazu geh\u00f6rt die \u00fcberw\u00e4ltigende Klangkulisse der Ouvert\u00fcre, die Trompetenrufe der Freiheit, der Jubel der Ch\u00f6re. All das passt ideal zur Selbstinszenierung eines Regimes, das seine Macht \u00fcber Bilder und T\u00f6ne organisiert: Kein N\u00fcrnberger Parteitag ohne die &#8222;Rienzi&#8220;-Ouvert\u00fcre.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Problematisch f\u00fcr die Nazis ist, dass das Werk im Zusammenbruch endet: Rienzi wird von jener Masse verlassen, die er einst zu sich rief. Rom brennt, der Tribun stirbt. Also wird der Untergang als M\u00e4rtyrertod romantisiert, als Opfer, das den Mythos eher befeuert als relativiert. Warum &#8222;Rienzi&#8220; nicht nur damals als propagandistische Triebfeder funktionierte, sondern auch Parallelen zum heutigen Populismus bietet, zeigen folgende vier Motive.<\/p>\n<p>    &#8222;Rienzi&#8220; und die Parallelen zum Populismus<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Erstens: Die Figur des Volkstribuns. Rienzi ist der Mann, der von unten kommt, die da oben anklagt, einfache, pathetische Sprache spricht und gro\u00dfe Versprechen gibt. Seine Reden, die alte Gr\u00f6\u00dfe beschw\u00f6ren und einen unmittelbaren Draht zum Volk behaupten, wirken wie Vorl\u00e4ufer populistischer Rhetorik. Die arbeitet gerne mit Bildern der Wiederherstellung nationaler W\u00fcrde, mit der Anklage gegen Eliten und sogenannte Systemparteien.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Zweitens: Die \u00c4sthetik des Aufbruchs. &#8222;Rienzi&#8220; inszeniert den Moment, in dem das Volk sich als Gemeinschaft erf\u00e4hrt: marschierend, singend, jubelnd. Diese Darstellung der Masse, die von einer einzigen Stimme gef\u00fchrt wird, ist attraktiv f\u00fcr politische Strategien, die auf Resonanzr\u00e4ume setzen: Demonstrationen als Show oder Social-Media-Inszenierungen als Teil der emotionalen Infrastruktur.<\/p>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        Katharina Wagner ist Urenkelin von Richard Wagner. Sie leitet die Bayreuther Festspiele seit 2008.\n                    <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Drittens: Die Erz\u00e4hlbarkeit des Mythos. Populismus lebt von klaren Geschichten. Das Volk, der Verrat, der Retter. &#8222;Rienzi&#8220; liefert genau diese Struktur &#8211; samt der biografischen Aufladung durch Hitler. Der Jugendliche im Theater, die Vision, der sp\u00e4tere F\u00fchrer: Die NS-Propaganda nutzte diese Story, um politische Macht mit k\u00fcnstlerischer &#8222;Berufung&#8220; zu vernetzen. Auch heutige populistische Akteure stellen sich gern als Figuren eines Schicksalsdramas dar, die durch Krisen &#8222;gerufen&#8220; wurden.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Viertens: Die Blindheit gegen\u00fcber dem Ende. Populismus ist stark im Moment der Mobilisierung, schwach im Nachdenken \u00fcber Folgen. &#8222;Rienzi&#8220; sollte als Lehrst\u00fcck lesbar sein. Die Verschiebung vom Tribun zum Autokraten, die Eskalation, die Gewalt, der Untergang. \u00c4hnlich wie in der NS-Zeit werden solche Enden auch von Populisten ausgeblendet, wenn sie der Selbstinszenierung im Weg stehen.<\/p>\n<p>    Die Rolle der Bayreuther Festspiele<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">&#8222;Rienzi&#8220; bei den Bayreuther Festspielen zu inszenieren, ist in vielfacher Hinsicht spannend. Zum einen empfand Wagner selbst das St\u00fcck als unw\u00fcrdig, als nicht reif genug f\u00fcr seine von ihm 1876 ins Leben gerufenen Festspiele. Bisher ist der &#8222;Rienzi&#8220; nicht im sogenannten &#8222;Bayreuther Kanon&#8220; vertreten. Wagner hat 13 Opern geschrieben, davon werden in Bayreuth nur zehn gespielt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Zum anderen ist gerade dieser Ort nationalsozialistisch stark aufgeladen: Als festes Kultur-Ritual im Propaganda-Kalender und mit der pers\u00f6nlichen, fast schon famili\u00e4ren N\u00e4he Hitlers zur Familie Wagner.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Dieses St\u00fcck zeigt, wie Kunst zur Ressource politischer Begehrlichkeiten wird. Gerade f\u00fcr einen Ort wie die Bayreuther Festspiele eine Hypothek, an der sich die Inszenierung 2026 messen lassen muss.<\/p>\n<p>    \u00dcbertragung in ARD-Mediathek live<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Zum 150. Jubil\u00e4um der Bayreuther Festspiele wird am 26. Juli erstmals auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel die Wagner-Oper &#8222;Rienzi&#8220; aufgef\u00fchrt. Regie f\u00fchren die H\u00fcgel-Deb\u00fctantinnen Alexandra Szemer\u00e9dy und Magdolna Parditk. Die musikalische Leitung hat Nathalie Stutzmann. Die Titelpartie <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/musik\/klassik\/bayreuther-festspiele-andreas-schager-singt-rienzi-premiere,andreasschager-102.html\" title=\"Bayreuther Festspiele: Andreas Schager singt Rienzi-Premiere  \" class=\"textlink--extern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u00fcbernimmt der Tenor Andreas Schager<\/a>. <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/ard-klassik\/richard-wagners-rienzi-premiere-bayreuther-festspiele-2026\/br\/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdFNjaGVkdWxlU2xvdC8zM2U1YTA0OS1mZTg2LTQxMjYtOGVlNC0zYmI4MDZhMzlhYTM\" title=\"Bayreuther Festspiele 2026: Wagners &quot;Rienzi&quot; -Live\u00fcbertragung der Premiere\" class=\"textlink--extern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Die ARD-Mediathek \u00fcbertr\u00e4gt live<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 26.07.2026 \u2022 10:53 Uhr Bei den Bayreuther Festspielen feiert heute &#8222;Rienzi&#8220; Premiere. 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