{"id":1195610,"date":"2026-07-27T04:10:18","date_gmt":"2026-07-27T04:10:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1195610\/"},"modified":"2026-07-27T04:10:18","modified_gmt":"2026-07-27T04:10:18","slug":"der-fall-fechtner-wenn-ein-mysterioeser-fenstersturz-in-leipzig-1986-zum-roman-einer-vergeblichen-suche-wird-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1195610\/","title":{"rendered":"Der Fall Fechtner: Wenn ein mysteri\u00f6ser Fenstersturz in Leipzig 1986 zum Roman einer vergeblichen Suche wird \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Wie erz\u00e4hlt man eine Geschichte, die sich letztendlich nicht mit Dokumenten untermauern l\u00e4sst, weil diese vernichtet wurden? Oder verf\u00e4lscht, passgerecht gemacht, damit der Tod eines Bonner Beamten auf Dienstreise in Leipzig nicht als Mordfall gewertet wurde? Und trotzdem f\u00fcr Unruhe sorgte? Mit \u201eDer Fall Fechtner\u201c erz\u00e4hlt Katrin Reiser tats\u00e4chlich die \u201ewahre Geschichte eines Fenstersturzes\u201c, die sich am 23. Juni 1986 in Leipzig abspielte. Die Geschichte ihres Vaters, etwas verwandelt. Erz\u00e4hlbar letztlich nur als Roman, weil die Akten schweigen.<\/p>\n<p>Oder voller L\u00f6cher sind, als h\u00e4tte jemand ganz gezielt genau jene Protokolle verschwinden lassen, die den mysteri\u00f6sen Tod von Alfons Reiser, der \u2013 angeblich stark alkoholisiert \u2013 aus einem Fenster des Hotels \u201eAstoria\u201c fiel, h\u00e4tten aufkl\u00e4ren k\u00f6nnen.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/d60c725a8fc24a67bf70674da5fd2da8.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/07\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/07\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Katrin Reiser, promovierte Historikerin, hat versucht, den Tod ihres Vaters aufzukl\u00e4ren. Eine Lebensaufgabe, wie sie selbst feststellt. \u00dcber die Jahre hat sie viele Indizien und Zeugenaussagen zusammengetragen, die auf eine unnat\u00fcrliche Todesursache, wenn nicht sogar auf einen Stasi-Mord, hindeuten. Doch bei all ihren Recherchen muss es ihr ganz \u00e4hnlich ergangen sein wie Benjamin Fechtner, den sie in ihrem Roman die Suche nach der Wahrheit beginnen l\u00e4sst. Sp\u00e4t erst, als h\u00e4tten ihn die Todesumst\u00e4nde seines Vaters bis dahin nicht interessiert.<\/p>\n<p>Nicht einmal, als seine Schwester Karolin schon in den fr\u00fchen 1990er Jahren begann, nach Akten zum Tod ihres Vaters zu fahnden.<\/p>\n<p>Doch viel konnte sie nicht finden. Und das Landwirtschaftsministerium, f\u00fcr das Hans Fechtner arbeitete, mauerte sowieso, versteckte sich hinter Amtsgeheimnissen. Was es auch zehn Jahre sp\u00e4ter noch tut, als Benjamin \u2013 durch einen Telefonanruf aufgeschreckt \u2013 selbst beginnt, nach Informationen zum Tod seines Vaters zu fahnden. Nicht ahnend, dass er damit auch sein eigenes Trauma reaktivieren w\u00fcrde. Denn er erinnert sich zwar noch, wie er als elfj\u00e4hriger Junge reagierte, als zwei unbekannte M\u00e4nner der Mutter die Nachricht \u00fcberbrachten.<\/p>\n<p>Das Schweigen<\/p>\n<p>Aber dass ihn der Verlust des geliebten Vaters als junger Mann v\u00f6llig aus der Bahn warf, das hatte er verdr\u00e4ngt. Notgedrungen. Auch weil die Mutter dar\u00fcber nie mehr reden wollte. Es ist also auch die Geschichte eines Traumas, die Katrin Reiser hier erz\u00e4hlt. Nur dass Benjamin das Schweigen jetzt nicht mehr aush\u00e4lt und sich regelrecht verbei\u00dft in die Suche nach der Wahrheit.<\/p>\n<p>Wenn die Stasi-Akten schon nichts verraten bis auf vier l\u00e4cherliche Blatt Papier zu seinem Vater, dann k\u00f6nnten die Protokolle aus der Gerichtsmedizin vielleicht weiterhelfen. Auch sie werden behandelt wie eine Verschlusssache.<\/p>\n<p>Man erlebt mit, wie Benjamin sich immer neue Beulen holt bei Amtstr\u00e4gern in Leipzig, Bonn und Berlin, die den \u201eFall Fechtner\u201c behandeln wie eine brisante Verschlusssache, nur unwillig Schriftst\u00fccke herausgeben. Und weiter mauern. Im Landwirtschaftsministerium, bei der Staatsanwaltschaft, die am Ende auch nach 1990 nicht ermittelt hat. Als w\u00e4re auch in bundesdeutschen Beh\u00f6rden das Interesse, diesen Fall aufzukl\u00e4ren, denkbar gering.<\/p>\n<p>Als w\u00e4ren die Verantwortlichen auch nach der \u201eWende\u201c noch immer bem\u00fcht, ja nicht an den alten Fall zu r\u00fchren. Als schriebe man immernoch das Jahr 1986 und m\u00fcsste auf die hypersensiblen Machthaber in Ostberlin R\u00fccksicht nehmen. Als w\u00e4re das labile deutsch-deutsche Verh\u00e4ltnis in Gefahr, wenn jemand den Mumm hat, die Todesumst\u00e4nde von Hans Fechtner tats\u00e4chlich endlich aufzukl\u00e4ren.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens \u00fcberhaupt kein abwegiges Unterfangen. Denn genau mit diesem Dunkelfeld besch\u00e4ftigte sich von 1991 bis 2000 die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zentrale_Ermittlungsstelle_f%C3%BCr_Regierungs-_und_Vereinigungskriminalit%C3%A4t\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalit\u00e4t (ZERV)<\/a>. Zur Ermittlungsarbeit der ZERV geh\u00f6rten auch 50 Auftragsmorde des MfS.<\/p>\n<p>Lauter Sackgassen<\/p>\n<p>Aber dass Benjamin immer wieder in Sackgassen landet bei seinen Recherchen, hat auch damit zu tun, dass er partout kein Motiv f\u00fcr einen Mord an seinem Vater finden kann. Selbst die vielversprechende Spur zu den Umweltverbrechen, die in der industriellen Landwirtschaft der DDR zum Alltag geh\u00f6rten, endet in einer Sackgasse. Auch wenn Ben dabei Menschen trifft, die sich im besten Sinne an seinen Vater erinnern. Das aber verst\u00f6rt ihn eher, als dass es tr\u00f6stet. Denn die amtlich aussehenden Dokumente behaupten etwas anderes.<\/p>\n<p>Man landet mit Benjamin mittendrin in der Spiegelwelt des Geheimdienstes, zu dessen Praktiken auch die systematische Irref\u00fchrung geh\u00f6rte, das Malen falscher (Feind-)Bilder, Methoden der Zersetzung, die Menschen in die H\u00f6lle des Zweifels und des Misstrauens in ihrer Mitwelt versetzen konnten. Und Ben erlebt es am eigenen Leib, wie das funktioniert. Denn er bekommt nicht nur mysteri\u00f6se Telefonanrufe, jemand verschafft sich in seiner Abwesenheit auch Zugang zur Wohnung und die durchgeschnittenen Bremsschl\u00e4uche an seinem Auto sorgen beinah daf\u00fcr, dass er bei einem Unfall verungl\u00fcckt.<\/p>\n<p>Sind also die alten Stasi-Seilschaften noch am Werk? Das sind doch ihre Methoden?<\/p>\n<p>Und wie gelangt ein als \u201egeheim\u201c eingestuftes Dokument aus seiner Arbeit als Referent eines Bundestagsabgeordneten an die Presse? Wer spielt da im Hintergrund eigentlich ein faules Spiel mit ihm und sorgt daf\u00fcr, dass er sogar seinen Job verliert?<\/p>\n<p>Ein Mord ohne Motiv<\/p>\n<p>Und dabei war sein Leben doch gerade auf der richtigen Spur, hat er die attraktive Journalistin Mariam kennengelernt, die ihm bei seinen Recherchen helfen will. Denn wenn die zust\u00e4ndigen Bundesbeh\u00f6rden mauern, ist es nur noch die Presse, die den Fall \u00f6ffentlich machen kann. Denn dann steht ja auch die Frage im Raum, ob da in den Beh\u00f6rden nicht auch noch Leute sitzen, die einst f\u00fcr den ostdeutschen Geheimdienst spioniert haben. Oder ist das alles nur die Feigheit von Beamten, die sich hinter Akten und Dienstgeheimnissen verstecken, aber f\u00fcr nichts pers\u00f6nlich gerade stehen wollen?<\/p>\n<p>Selbst Bens einstige Studienkollegin Christina, die \u2013 anders als er \u2013 ihr Jurastudium abgeschlossen hat, hilft ihm. Steht ihm bei, die Leute im Landwirtschaftsministerium mit ihrem fadenscheinigen Umgang mit dem Fall Fechtner zu konfrontieren. Doch auch diese Begegnung der dritten Art f\u00fchrt Ben vor Augen, wie unwillig bundesdeutsche Beh\u00f6rden auch 14 Jahre nach der \u201eWende\u201c sind, den Tod des eigenen Beamten aufzukl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Man beruft sich gar auf die damaligen Schriftst\u00fccke aus Leipzig, die einen Unfall behaupten. Nur dass Vieles darin genauso unstimmig ist wie die polizeiliche Beschreibung des Todesfalls oder die Aussage der Zeugen. Als h\u00e4tte man das Ganze erst nachtr\u00e4glich konstruiert.<\/p>\n<p>Aber was steckt dahinter? Dass die offiziellen Verlautbarungen so nicht stimmen k\u00f6nnen, best\u00e4tigen Ben auch einstige Kollegen seines Vaters, auch wenn sie nur in Andeutungen sprechen k\u00f6nnen, weil sie Dienstgeheimnisse als Beamte nicht weitergeben d\u00fcrfen. Und nach und nach erf\u00e4hrt er auch, dass der Mordverdacht von Anfang an im Raum stand. Was bleibt ihm da am Ende noch anderes \u00fcbrig, als einen einstigen Stasi-Generalmajor zu kontaktieren? W\u00e4re der bereit, \u00fcber die tats\u00e4chlichen Vorg\u00e4nge zu sprechen?<\/p>\n<p>In der Welt der Geheimniskr\u00e4mer<\/p>\n<p>Oder wird auch der nur blenden und Ben ein M\u00e4rchen vom erfolgreichen Wirken des DDR-Geheimdienstes erz\u00e4hlen? Sp\u00e4testens hier merkt man, wie dunkel es in der Welt der Geheimdienste und Geheimniskr\u00e4mer ist. Die ja nicht 1990 einfach so verschwunden sind. Im Gegenteil. Nicht ganz grundlos tauchen in Katrin Reisers Roman auch die<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rosenholz-Dateien\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\"> Rosenholz-Dateien<\/a> auf, die 2003 f\u00fcr Furore sorgten, als sie von der CIA an die Bundesrepublik zur\u00fcckgegeben wurden.<\/p>\n<p>Die Dateien listeten lauter Personen auf, die im Westen f\u00fcr die Stasi arbeiteten. Und m\u00f6glicherweise auch nach 1990 aktiv blieben, nun vom \u00fcberlebenden russischen Geheimdienst KGB weitergef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Man ahnt, in was f\u00fcr ein Wespennest Benjamin da gestochen hat. Und warum einige Leute vielleicht sogar ein Interesse daran haben k\u00f6nnten, ihn selbst aus dem Weg zu r\u00e4umen oder ihn wenigstens so einzusch\u00fcchtern, dass er nicht weiterforscht.<\/p>\n<p>Der alte Stasi-General, den Ben kontaktiert, bietet ihm sogar ein m\u00f6gliches Motiv f\u00fcr den Mord an seinem Vater an, obskur wie das ganze Wirken des Geheimdienstapparates, der in den 1980er Jahren, als der wirtschaftliche Niedergang der DDR l\u00e4ngst un\u00fcbersehbar war und das Land nur noch mit den durch<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franz_Josef_Strau%C3%9F\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\"> Franz Josef Strau\u00df<\/a> vermittelten Milliardenkrediten \u00fcber Wasser blieb, begann, sein eigenes S\u00fcppchen zu kochen. Zumindest im Roman.<\/p>\n<p>Aber so weit entfernt von der Wirklichkeit wird das nicht sein. Denn keine Institution in der DDR wusste besser Bescheid \u00fcber den tats\u00e4chlichen Zustand des Landes. Sorgt man da nicht vor, wie es Bens Gespr\u00e4chspartner getan hat?<\/p>\n<p>Am Ende merkt Ben, dass er bei seiner Suche nach der Wahrheit selbst zum Spielball wurde und nicht jeder seiner Gespr\u00e4chspartner tats\u00e4chlich das war, was er von sich behauptete.<\/p>\n<p>Der Preis des Schweigens<\/p>\n<p>W\u00e4re das Buch ein Krimi, d\u00fcrfte man jetzt entt\u00e4uscht sein. So intensiv und nervenaufreibend sich Bens Suche nach der Wahrheit gestaltet, so ungreifbar bleiben die tats\u00e4chlichen Vorg\u00e4nge. Auch wenn etliches, was Ben herausfindet, der These vom Unfall deutlich widerspricht. Aber das Mauern und Schweigen der eigentlich zust\u00e4ndigen bundesdeutschen Beh\u00f6rden hat seinen Preis. Ben muss sich damit abfinden, dass er nach 17 Jahren keinen Beweis mehr findet, der den Mord an seinem Vater so sicher begr\u00fcnden w\u00fcrde, dass ein Staatsanwalt die Ermittlungen wieder aufnehmen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Was nun?<\/p>\n<p>Dem Stasi-Offizier hat er noch selbstbewusst damit gedroht, ihn in eine Romanfigur zu verwandeln. Und ungef\u00e4hr so muss es auch Katrin Reiser ergangen sein. Die tats\u00e4chlichen Ereignisse bleiben so ungreifbar, dass es schwer gewesen w\u00e4re, das alles stringent in einem Sachbuch aufzuarbeiten. Blieb also noch der Weg der Verfremdung in einem Roman, der auch dem Unbehagen Bens Raum gibt, derart gr\u00fcndlich am Unwillen auch gerade bundesdeutscher Beh\u00f6rden zu scheitern, den alten Fall doch noch aufzukl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Das kann einsam machen. Und am Ende merkt er selbst, wie er tats\u00e4chlich all die Menschen verprellt hat, die ihm eigentlich die n\u00e4chsten im Leben sind. Aber er lernt auch etwas \u00fcber sich selbst, was ihm ohne diese intensive Besch\u00e4ftigung mit dem Tod des Vaters nie bewusst geworden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Denn so ein Todesfall, erst recht, wenn er dann mit jahrelangem Schweigen beiseitegedr\u00fcckt wurde, bleibt dennoch wie ein Schatten im Leben der Kinder, die gezwungen sind, eigene Strategien im Umgang mit dem Verlust zu finden. Strategien, die auch die vielen Verwerfungen erkl\u00e4ren, die dann ihr Leben und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>So entsteht im Grunde eine vielschichtige Geschichte, in der Bens verbissene Suche und sein Scheitern auch davon erz\u00e4hlen, wie sehr er den Vater immer vermisst hat. Auch weil er nie wirklich Abschied nehmen konnte. Und darin d\u00fcrften sich viele Leserinnen und Leser wiedererkennen. Und auch mitf\u00fchlen k\u00f6nnen, wenn sich Ben in die Suche nach der Wahrheit so richtig verbei\u00dft und dabei deutlich \u00fcber seine Grenzen geht.<\/p>\n<p>Und f\u00fcr die Leipziger Leser kommt hinzu, dass diese Geschichte eine dunkle Seite des Hotels \u201eAstoria\u201c beleuchtet, die meist vergessen wird, wenn \u00fcber dieses Hotel und seine Geschichte erz\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p><strong>Katrin Reiser <a href=\"http:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783784437804@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u201eDer Fall Fechtner\u201c<\/a><\/strong> Langen M\u00fcller Verlag, M\u00fcnchen 2026, 24 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wie erz\u00e4hlt man eine Geschichte, die sich letztendlich nicht mit Dokumenten untermauern l\u00e4sst, weil diese vernichtet wurden? 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