{"id":1197027,"date":"2026-07-27T18:37:22","date_gmt":"2026-07-27T18:37:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1197027\/"},"modified":"2026-07-27T18:37:22","modified_gmt":"2026-07-27T18:37:22","slug":"homosexualitaet-in-deutschland-die-grenzen-der-toleranz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1197027\/","title":{"rendered":"Homosexualit\u00e4t in Deutschland: Die Grenzen der Toleranz"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Wessen Brechreizschwelle hoch genug liegt, der konnte am Wochenende in die Kommentarspalten der sogenannten sozialen Medien blicken, ohne k\u00f6rperlichen Schaden zu nehmen. Der Hauptstrom des Hasses nach dem Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day \u2013 ohne Hass geht es ja offenbar nicht \u2013 ergoss sich wenig \u00fcberraschend \u00fcber die Gruppen, <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/politik\/deutschland\/csd-berlin-anschlag-abdul-b-seit-jahren-als-gefaehrder-bekannt_aid-152102937\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">mit denen der T\u00e4ter Abdul B. identifiziert wurde<\/a>: Islamisten im Besonderen und <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/muslime\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Muslime<\/a> im Allgemeinen. Schwer davon zu trennen ist der Hass auf Politiker und Beh\u00f6rden, die die Tat nicht verhindert h\u00e4tten.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ein gro\u00dfer Nebenstrom allerdings traf dann schon direkt die Opfer. Und zwar bevorzugt in zwei Varianten \u2013 H\u00e4me: \u201eJetzt wird der Regenbogen-Szene ihre selbst geforderte Buntheit zum Verh\u00e4ngnis\u201c, \u201eZum Dank werden sie \u00fcberfahren\u201c, \u201eNun haben sie ihre Vielfalt hautnah erlebt\u201c. Als h\u00e4tten sich Lesben und Schwule mit Nachdruck f\u00fcr fahrl\u00e4ssige Milde gegen islamistische Gef\u00e4hrder eingesetzt. Und Moralisierung: \u201eWer so offen seine L\u00fcste pr\u00e4sentiert\u201c, \u201eKarma schickt einen Transporter\u201c, \u201eWer nicht h\u00f6ren will, muss f\u00fchlen\u201c. Als habe eine erz\u00fcrnte h\u00f6here Macht einen R\u00e4cher geschickt.<\/p>\n<p>Den Opfern wird eine Mitschuld gegeben      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Nat\u00fcrlich ist das nicht repr\u00e4sentativ; es gibt auch Stimmen des Mitleids und der Besonnenheit (die Mehrheit waren sie allerdings zumindest online eher nicht). Kommentarspalten sind Jauchegruben der Frustabfuhr, das ist bekannt, und die Suche nach Schuld und Verantwortung ist zweifellos geboten. Auff\u00e4llig ist aber, dass zum einen Minderheit gegen Minderheit ausgespielt und zum anderen den Opfern eine Mitschuld an ihrem Leid gegeben wurde (was bei Anschl\u00e4gen auf einen Weihnachtsmarkt oder eine Gewerkschaftsdemo niemandem in den Sinn k\u00e4me).<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Der Anschlag von <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/berlin\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Berlin<\/a> ist, man muss es so sarkastisch sagen, eine erstklassige Gelegenheit, die eigene Anstandslosigkeit auszustellen. Bei den Vertretern der Politik kann das niemand so gut wie die AfD, und sie hat die Erwartungen auch dieses Mal nicht entt\u00e4uscht. Ihr Vizechef Sven Tritschler schaffte es, vor einem d\u00fcrren Mitgef\u00fchlssatz den CSD noch als \u201estaatlich geh\u00e4tschelte Feier der Verkommenheit\u201c zu bezeichnen. Die AfD-Bundestagsfraktion kam in ihrem Statement zwar ohne Beschimpfungen der Teilnehmer aus, daf\u00fcr aber auch ohne ein Wort der Anteilnahme.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Es liegt angesichts all dessen nicht fern, einen Blick auf den Umgang der deutschen Gesellschaft mit Homosexualit\u00e4t, Transsexualit\u00e4t, Queerness zu werfen. Dass Islamisten einen t\u00f6dlichen Hass auf Schwule hegen, ist richtig, aber als Feststellung auch trivial; nicht trivial sind die daraus zu ziehenden Konsequenzen. Die Einstellungen der deutschen Gesellschaft gegen\u00fcber der Opfergruppe von Samstag dagegen liefern entweder den Boden, auf dem weiterer Hass gedeiht, oder die R\u00fcckendeckung, auch \u00f6ffentlich zu seiner Identit\u00e4t zu stehen.<\/p>\n<p>\u201eEs ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich k\u00fcssen\u201c      <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Oder beides gleichzeitig. Denn das Bild ist nur auf den ersten Blick eindeutig \u2013 sehr gro\u00dfe Mehrheiten verurteilen Homosexualit\u00e4t inzwischen nicht mehr. <a href=\"https:\/\/www.pewresearch.org\/religion\/2026\/03\/05\/in-25-country-survey-americans-especially-likely-to-view-fellow-citizens-as-morally-bad\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">2025 sagten in einer Umfrage des Pew Research Center<\/a> 56 Prozent in Deutschland, Homosexualit\u00e4t sei \u201emoralisch akzeptabel\u201c, 38 Prozent erkannten \u201ekeine moralische Frage\u201c (man beachte den feinen Unterschied). Das ist auch f\u00fcr westeurop\u00e4ische Verh\u00e4ltnisse ein hoher Wert.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">So eindeutig aber ist es dann doch nicht. Denn es gibt einen Unterschied zwischen dem Abstrakten und dem Konkreten. <a href=\"https:\/\/bosch-stiftung.de\/publikation\/das-vielfaltsbarometer-2025\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">In einer Erhebung der Robert-Bosch-Stiftung<\/a> stimmten ebenfalls im vergangenen Jahr 22 Prozent der Aussage zu: \u201eEs ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der \u00d6ffentlichkeit k\u00fcssen\u201c \u2013 vier Punkte mehr als 2019. Und dass transsexuelle Menschen \u201eunter sich bleiben\u201c sollten, fanden 21 Prozent, beinahe eine Verdoppelung gegen\u00fcber 2019. <a href=\"https:\/\/www.fes.de\/index.php?eID=dumpFile&amp;t=f&amp;f=159776&amp;token=c046b94f061255878306ea930e95f1bee68c2006\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">In der sogenannten Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung 2025<\/a> nannten es gut 19 Prozent \u201ealbern\u201c, wenn ein Mensch das Geschlecht wechseln will.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Homo- und Transphobie sind unter M\u00e4nnern weiter verbreitet als unter Frauen, eher unter \u00c4lteren als unter J\u00fcngeren, eher bei schlecht als bei gut Gebildeten. Bei den Parteipr\u00e4ferenzen liegen AfD-Anh\u00e4nger weit vorn, gefolgt bei der Ablehnung von Homosexualit\u00e4t von SPD-Anh\u00e4ngern, bei Transphobie von Unionsanh\u00e4ngern.<\/p>\n<p>Und wenn der eigene Sohn schwul ist?      <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Noch deutlicher werden die Ergebnisse, wenn es um einzelne Folgerungen geht. \u201eHomosexualit\u00e4t und eigene Kinder, das passt einfach nicht zusammen\u201c bejahten 2025 bei der Bosch-Stiftung 25 Prozent, vier Punkte mehr als sechs Jahre zuvor. Dass LGBT-Personen rechtlich vor Diskriminierung zu sch\u00fctzen sind, etwa im Arbeits- und <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/mietrecht\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mietrecht<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.ipsos.com\/sites\/default\/files\/ct\/news\/documents\/2026-07\/ipsos-lgbt-plus-pride-surey-report-2026.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">bef\u00fcrworteten Anfang 2026 in einer Ipsos-Studie<\/a> in Deutschland zwar 74 Prozent \u2013 was aber unter 26 untersuchten L\u00e4ndern ein knapp unterdurchschnittlicher Wert ist; au\u00dferdem ging die Zustimmung gegen\u00fcber 2025 zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Noch konkreter? 26 Prozent sprachen sich 2023 bei Ipsos gegen ein Adoptionsrecht f\u00fcr homosexuelle Paare aus. <a href=\"https:\/\/www.antidiskriminierungsstelle.de\/SharedDocs\/downloads\/DE\/publikationen\/Umfragen\/umfrage_einstellungen_geg_lesb_schwulen_und_bisex_menschen_de.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=4\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Bereits 2016 antworteten in einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes<\/a> ebenfalls 26 Prozent, dass sie \u201em\u00f6glichst wenig\u201c mit dem Thema Homosexualit\u00e4t in Ber\u00fchrung kommen m\u00f6chten, und gut 40 Prozent, es w\u00e4re ihnen unangenehm, wenn sie erf\u00fchren, dass ihr Sohn schwul ist. Einem Viertel ginge es so, wenn der Betreuer des Sohnes in der <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/kita\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kita<\/a> schwul ist. 44 Prozent stimmten der Aussage zu: \u201eHomosexuelle sollten aufh\u00f6ren, so einen Wirbel um ihre Sexualit\u00e4t zu machen.\u201c Zugleich befanden 80 Prozent, es gebe nach wie vor Diskriminierung.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Mit anderen Worten: Homosexualit\u00e4t als soziologische Kategorie ist in Deutschland nicht nur toleriert, also hingenommen, sondern akzeptiert. Homosexualit\u00e4t als sichtbares Alltagsph\u00e4nomen dagegen wird von einer nennenswerten Minderheit abgelehnt. Homosexualit\u00e4t in der Familie w\u00e4re f\u00fcr viele ein Problem, queere Massenveranstaltungen wie ein CSD sind es erst recht. Der Wunsch, ein zwangsl\u00e4ufig (auch) gesellschaftspolitisches Thema als privat wegzudefinieren, ist derzeit zwar nicht mehrheitsf\u00e4hig, aber er ist stark.<\/p>\n<p>\u201eSolange der misch nit anpackt\u201c      <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Von <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/konrad-adenauer\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Konrad Adenauer<\/a> ist \u00fcberliefert, er habe auf Ger\u00fcchte, sein Au\u00dfenminister Heinrich von Brentano sei schwul, gesagt: \u201eSolange der misch nit anpackt, isset mir ejal.\u201c <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/politik\/deutschland\/friedrich-merz-haltung-zu-homosexualitaet-und-schwulem-kanzler-antwort-loest-kritik-aus_aid-53483265\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Friedrich Merz antwortete 2020 auf die Frage<\/a>, ob er ein Problem mit einem schwulen Bundeskanzler h\u00e4tte: \u201eNein.\u201c Dabei belie\u00df er es aber nicht, sondern f\u00fcgte hinzu: \u201eSolange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft, ist das kein Thema f\u00fcr die \u00f6ffentliche Diskussion.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Wo Adenauer rheinische Ironie reichte, griff Merz tief in die Kiste der Vorurteile und kramte (ungefragt, spontan, authentisch) die alte Assoziation schwul-p\u00e4dophil hervor. Er ist mit solchen Ressentiments nicht allein. Schauen Sie mal in die Kommentarspalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wessen Brechreizschwelle hoch genug liegt, der konnte am Wochenende in die Kommentarspalten der sogenannten sozialen Medien blicken, ohne&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1197028,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[2],"tags":[30546,65528,65527,331,3924,332,3922,26625,13774,70702,3364,29,30,10759,249731,13,45238,7175,249729,249730,14,3923,15,3921,68660,12,475,16440],"class_list":["post-1197027","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-deutschland","tag-csd","tag-lesben","tag-schwule","tag-aktuelle-nachrichten","tag-aktuelle-nachrichten-aus-deutschland","tag-aktuelle-news","tag-aktuelle-news-aus-deutschland","tag-alte","tag-anschlag","tag-anschlaegen","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-hass","tag-hassreaktionen","tag-headlines","tag-homo","tag-homosexualitaet","tag-kommentarspalten","tag-lueste","tag-nachrichten","tag-nachrichten-aus-deutschland","tag-news","tag-news-aus-deutschland","tag-praesentiert","tag-schlagzeilen","tag-schwul","tag-sexualitaet"],"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1197027","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1197027"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1197027\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1197028"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1197027"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1197027"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1197027"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}