{"id":1202646,"date":"2026-07-30T05:19:15","date_gmt":"2026-07-30T05:19:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1202646\/"},"modified":"2026-07-30T05:19:15","modified_gmt":"2026-07-30T05:19:15","slug":"berlin-erst-das-kino-dann-die-app","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1202646\/","title":{"rendered":"Berlin | Erst das Kino, dann die App"},"content":{"rendered":"<p>Berlin (dpa) &#8211; Ein Abend in einem Berliner Kino. Der Saal ist ausverkauft, obwohl niemand wei\u00df, welcher Film gleich kommt. Es l\u00e4uft die \u00abClassic Sneak\u00bb, bei der Leute gemeinsam Klassiker der Filmgeschichte schauen, aber erst im Kinosaal erfahren, welche. Es gibt so etwas nicht nur in den Berliner Yorck-Kinos, sondern zum Beispiel auch in T\u00fcbingen oder M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>An diesem Abend sind die Besucher recht jung. Einige halten das Erlebte in einer Film-App fest, die die \u00abClassic Sneak\u00bb in Berlin mit organisiert. Sie hei\u00dft Letterboxd und ist unter Filmfans beliebt, die Nutzerzahlen steigen stark. Man legt sich dort ein Profil an und bewertet Filme, oft mit am\u00fcsanten kleinen Kritiken. Die lustigsten Kurzkritiken bekommen Likes von anderen Nutzern und stehen dann ganz oben.\u00a0<\/p>\n<p>Es handelt sich sozusagen um eine Art Social-Media-Utopie: eine inhaltsgetriebene App, in der Algorithmen, Bots und KI (augenscheinlich) keine Rolle spielen. Anfang 2021 hatte Letterboxd 3 Millionen Nutzer, im April dieses Jahres 28 Millionen. Mehr als die H\u00e4lfte ist laut \u00abTime Magazine\u00bb unter 35 Jahre alt. Gerade laufen Berichten zufolge Gespr\u00e4che \u00fcber einen Verkauf, unter anderem mit Netflix und Sony, was Fans der App naturgem\u00e4\u00df in Schrecken versetzt. Dass die in Neuseeland gegr\u00fcndete App unabh\u00e4ngig ist, k\u00f6nnte also bald vorbei sein.\u00a0<\/p>\n<p>Der Kinogang liegt im Trend<\/p>\n<p>Nicht nur die \u00abClassic Sneak\u00bb, auch Veranstaltungen wie eine Reihe, in der die alten \u00abTwilight\u00bb-Filme laufen, ist bei den Kinos der Berliner Yorck-Gruppe sehr popul\u00e4r. Auch bei \u00abTwilight\u00bb sind eher j\u00fcngere Kinog\u00e4nger zu sehen. Die gehen aktuell besonders gerne ins Kino.\u00a0<\/p>\n<p>Laut einer Untersuchung des US-Marktforschungsinstituts NRG ist die Gen Z im nordamerikanischen Markt vergangenes Jahr 25 Prozent h\u00e4ufiger ins Kino gegangen als noch ein Jahr zuvor \u2013 der gr\u00f6\u00dfte Zuwachs aller Altersgruppen.\u00a0<\/p>\n<p>F\u00fcr Deutschland gilt diese Beobachtung zwar nicht \u2013 zumindest nicht fl\u00e4chendeckend. Bei bestimmten Betreibern aber schon. Ein Sprecher des Branchenverbands HDF Kino sagt: \u00abDie Gen Z z\u00e4hlt hierzulande zu den wichtigsten Kinogruppen und weist eine \u00fcberdurchschnittlich hohe Kinonutzung auf.\u00bb<\/p>\n<p>Kinobetreiber: Durchschnittsalter von 49 auf 37 gesunken<\/p>\n<p>Ganz gut erkennen l\u00e4sst sich das Revival des Kinos unter jungen Leuten gerade an den gefeierten Kinofilmen \u00abBackrooms\u00bb und \u00abObsession\u00bb, beide von Regisseuren, die selbst zur Gen Z geh\u00f6ren. Die Horrorfilme spielten erst in den USA, nun auch in Deutschland sehr gute Ergebnisse ein.<\/p>\n<p>\u00abSeit Jahren versucht Hollywood herauszufinden, wie man junge Leute wieder ins Kino locken kann\u00bb, hie\u00df es bei der \u00abNew York Times\u00bb k\u00fcrzlich dazu in einer Folge des Podcasts \u00abThe Daily\u00bb. \u00abIn diesem Fr\u00fchjahr ist dies dank zweier Low-Budget-Horrorfilme, die von Regisseuren in ihren Zwanzigern gedreht wurden, in einem unvorstellbaren Ausma\u00df gelungen.\u00bb<\/p>\n<p>Sowohl die Yorck-Kette als auch der Branchenverband HDF sind sich einig, dass Letterboxd einen Einfluss auf die Kinozahlen hat. \u00abPlattformen wie Letterboxd beeinflussen das Kinointeresse junger Menschen sp\u00fcrbar\u00bb, sagt der HDF-Sprecher. \u00abSie schaffen Sichtbarkeit f\u00fcr Filme und f\u00f6rdern den lebhaften Austausch \u00fcber Kinoerlebnisse. F\u00fcr viele junge Filmfans ist die Plattform heute ein wichtiger Ort der Filmentdeckung und damit auch relevant f\u00fcr den Kinobesuch.\u00bb<\/p>\n<p>F\u00fcr die Yorck-Kinogruppe, die 14 H\u00e4user in Berlin und eins in M\u00fcnchen betreibt, sagt Sprecherin Katja Schubert: \u00abVon 2019 zu 2023 hat sich das Medianalter unseres Publikums von 49 auf 37 Jahre verj\u00fcngt.\u00bb Die Gruppe der 18- bis 29-J\u00e4hrigen trage dabei am st\u00e4rksten zu dem Wachstum bei, sagt sie.<\/p>\n<p>Gegenentwurf zum Doomscrolling<\/p>\n<p>\u00abDie App hat keine Mechanismen, die ihre User so lang wie m\u00f6glich an sie binden soll \u2013 es geht wirklich darum, Filme zu entdecken und sie anzusehen\u00bb, sagt Schubert. \u00abSie ist in gewisser Weise ein Gegengewicht zu den Social-Media-Feeds, bei denen Verweildauer das Kernkriterium ist; und eine der wenigen Apps, bei der die Beziehungen zu Freunden wirklich noch den Mittelpunkt bildet.\u00bb<\/p>\n<p>Neben Letterboxd spielen auch YouTube und TikTok eine Rolle dabei, wie junge Menschen Filme entdecken. Der 26 Jahre alte Regisseur von \u00abObsession\u00bb, Curry Barker, wurde mit YouTube-Videos ber\u00fchmt. TikTok erreicht unter dem Hashtag FilmTok ein junges Kinopublikum.\u00a0<\/p>\n<p>Doch das Vertrauen in die Inhalte dort schwindet ein wenig. Das Magazin \u00abVulture\u00bb und andere US-Medien haben gerade dazu recherchiert, wie Agenturen Kampagnen in den sozialen Netzwerken starten, um Begeisterung f\u00fcr Filme und andere Kulturprodukte zu simulieren.\u00a0<\/p>\n<p>Mit dem Aufkommen von KI-generierten Inhalten weiten sich Manipulationsm\u00f6glichkeiten aus, wie Yorck-Sprecherin Schubert ausf\u00fchrt. \u00abDas Vertrauen des Publikums, dort Inhalte zu finden, wird sicherlich weiter schwinden.\u00bb Letterboxd hingegen gilt \u2013 noch \u2013 als authentisch. Das macht die Scores dort zu einer ernstzunehmenden W\u00e4hrung: Wer heute einen Film sehen will, schaut davor oft auf Letterboxd \u2013 oder den Webseiten Rotten Tomatoes und Metacritic, welche die Kritiken von Zeitungs- und Onlinemedien zusammenfassen.<\/p>\n<p>Die Kehrseite von Letterboxd<\/p>\n<p>Das hat wiederum finanzielle Konsequenzen. \u00abSchlechte Kritiken sind viel schneller ein Todessto\u00df f\u00fcr einen Film als fr\u00fcher\u00bb, sagt Schubert. Die alte Branchenweisheit, dass man einen mittelm\u00e4\u00dfig bewerteten Film noch \u00fcbers erste Wochenende retten kann, gelte nicht mehr. Schlechtes \u00abWord of Mouth\u00bb k\u00f6nne heute einem Film innerhalb von Stunden am Er\u00f6ffnungstag Tickets kosten.<\/p>\n<p>Das Gegenbeispiel existiert allerdings auch: Der \u00abSuper Mario\u00bb-Film war trotz durchwachsener Kritiken ein riesiger Kassenerfolg, wie Schubert sagt. Im Mainstream-Kino z\u00e4hlen Letterboxd-Scores weniger. Im Arthouse \u2013 dem Terrain der Yorck-Kinos \u2013 umso mehr.<\/p>\n<p>Dass einzelne Plattformen so eine Macht haben, ist nat\u00fcrlich auch bedenklich. Schubert \u2013 die darauf verweist, dass Yorck nach ihren Angaben als erstes deutsches Unternehmen einen Letterboxd-Account hatte \u2013 sieht ein Risiko darin, \u00absich zu sehr von einer einzelnen Plattform abh\u00e4ngig\u00bb zu machen. \u00abDiese kann jederzeit ihre Ausrichtung \u00e4ndern, und dann steht man im Regen. Wir versuchen daher, mehrere Kan\u00e4le zu bespielen.\u00bb<\/p>\n<p>Aktuell aber ist Letterboxd der Favorit vieler Kinofans. Manche Nutzer sagen, die M\u00f6glichkeit, einen Film auf der App als \u00abGesehen\u00bb zu markieren, motiviert sie erst dazu, diesen zu schauen. Es ist nat\u00fcrlich etwas ironisch, dass das \u00abechte\u00bb Erlebnis damit im digitalen Raum r\u00fcckgekoppelt wird. Zumindest endet der Kinogang auch bei der \u00abClassic Sneak\u00bb damit, dass viele Leute im Anschluss direkt ihr Smartphone z\u00fccken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin (dpa) &#8211; Ein Abend in einem Berliner Kino. 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