{"id":1204373,"date":"2026-07-30T22:27:18","date_gmt":"2026-07-30T22:27:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1204373\/"},"modified":"2026-07-30T22:27:18","modified_gmt":"2026-07-30T22:27:18","slug":"christopher-nolans-odyssee-der-woken-uebersetzerin-ist-der-film-zu-woke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1204373\/","title":{"rendered":"Christopher Nolans \u201eOdyssee\u201c: Der woken \u00dcbersetzerin ist der Film zu woke"},"content":{"rendered":"<p>Christopher Nolans \u201eDie Odyssee\u201c zieht massenhaft Besucher an. Doch viele Kritiker sehen darin eine verf\u00e4lschende Modernisierung des uralten Mythos. Kritik kommt jetzt von unerwarteter Seite. Eine besondere Rolle spielt dabei der Hund des Helden.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die \u00dcbersetzerin Emily Wilson hat in den monatelangen giftigen Debatten, die der Ver\u00f6ffentlichung von Christopher Nolans \u201eOdyssee\u201c-Film vorangingen, die Rolle des Superschurken gespielt. Allzu gut passte sie mit ihrer T\u00e4towiertapete auf den Armen und mit ihren roten Haaren, die laut \u201efeministisch\u201c schreien, ins Klischee einer Frau, die alles tun w\u00fcrde, um einen der gr\u00f6\u00dften Helden der westlichen Literatur und Mythologie zu verkleinern \u2013 sogar den griechischen Originaltext verf\u00e4lscht wiederzugeben.<\/p>\n<p>Nachdem Christopher Nolan durchblicken lie\u00df, dass Wilsons \u00dcbersetzung eine seiner Quellen sei, war f\u00fcr viele das Urteil \u00fcber den Film schon gefallen. Wilsons Entscheidung f\u00fcr die \u00dcbertragung der ersten Verse, Homers ber\u00fchmt\u00ade Anrufung der Muse, schien eine fatale Richtung vorzugeben.  <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/poemshape.wordpress.com\/2018\/03\/12\/emily-wilsons-odyssey\/#:~:text=Tell%20me%20about%20a%20complicated%20man.%20Muse%2C,Find%20the%20beginning.%20So%20begins%20Wilson&#039;s%20translation.\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/poemshape.wordpress.com\/2018\/03\/12\/emily-wilsons-odyssey\/#:~:text=Tell%20me%20about%20a%20complicated%20man.%20Muse%2C,Find%20the%20beginning.%20So%20begins%20Wilson&#039;s%20translation.&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Sie lautet<\/a>: \u201eTell me about a complicated man.\/ Muse, tell me how he wandered and was lost\/ when he had wrecked the holy town of Troy.\u201c<\/p>\n<p>Besonderen Widerwillen l\u00f6ste das Wort \u201ecomplicated\u201c (kompliziert) aus. Es klingt doch arg nach modischem Mental-Health- und Beziehungsgebrabbel auf sozialen Medien: \u201eBeziehungsstatus zwischen Odysseus und den G\u00f6ttern: Es ist kompliziert\u201c. Im altgriechischen Original wird Odysseus als \u03c0\u03bf\u03bb\u03cd\u03c4\u03c1\u03bf\u03c0\u03bf\u03c2 (pol\u00fdtropos) beschrieben \u2013 w\u00f6rtlich \u201evielgewandt\u201c, \u201evielgereist\u201c oder \u201evon vielen Wendungen\u201c. Deutsche \u00dcbersetzer haben das Attribut des Odysseus im ersten Satz mit \u201evielgewandert\u201c (Vo\u00df), vielgewandt (Schadewaldt, Hampe) und \u201ewandlungsreich\u201c (Steinmann) \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Vielleicht hat sich Wilson entschieden, polytropos mit einem Ausdruck aus dem Therapiejargon zu \u00fcbersetzen, weil die Vorsilbe poly in der psychologischen Fachsprache so oft auftaucht: u.\u00a0a. Polymorphe Perversion, polyamor, Polychronizit\u00e4t, Polytoxomanie und \u2013 besonders odysseushaft\u00a0\u2013 polytrope Pers\u00f6nlichkeit. Vielleicht war es aber nur der moderne Drang, alles \u00fcberdeutlich auszusprechen, was in der Poesie verschl\u00fcsselt und mehrdeutig gesagt wird.<\/p>\n<p>Mit der Entscheidung f\u00fcr Wilsons Text und ihren \u201ecomplicated man\u201c schien festzustehen, dass auch Nolan vorh\u00e4tte, den Helden der archaischen Griechenzeit zu einem M\u00e4nnlein mit moderner Psyche zu erniedrigen.<\/p>\n<p>Um die Erregung dar\u00fcber zu verstehen, muss man wissen, dass der Bezug auf die klassische Antike in konservativen Kreisen ein identit\u00e4tsstiftendes Signal geworden ist. \u00dcberdurchschnittlich viele rechte Accounts in sozialen Medien haben r\u00f6mische Marmork\u00f6pfe im Profilbild, und es ist kein Zufall, dass der Autor dieser Zeilen bei X als \u201eSpeerzenturio\u201c firmiert. Das war urspr\u00fcnglich ein selbstironischer Gag auf die Unteroffiziersposition im Redaktionsgef\u00fcge, aber politisch passt\u2019s schon auch.<\/p>\n<p>Es geht bei dieser Debatte also nicht nur um Philologie. Mit der Entscheidung f\u00fcr Wilsons Text, so glauben die Kritiker, war die Bahn in den Charybdis-Strudel der Wokeness eingeschlagen. Wer Odysseus f\u00fcr \u201ecomplicated\u201c h\u00e4lt, der muss auch Helena mit einer Schwarzen besetzen und den Helden Sinon von einem Transmann spielen lassen.<\/p>\n<p>Mit einem ziemlich guten Aphorismus hat der konservative Podcaster Matt Walsh die Vorbehalte auf den Punkt gebracht: \u201eIn \u201aApocalypto\u2018 versetzt Mel Gibson einen in die Gedankenwelt eines Maya vor 500 Jahren. In \u201aThe Northman\u2018 versetzt Robert Eggers einen in die Gedankenwelt eines Wikingers vor tausend Jahren. In \u201aThe Odyssey\u2018 versetzt Christopher Nolan einen in die Gedankenwelt einer linken Frau aus dem Jahr 2017.\u201c Wilsons \u00dcbersetzung, die mittlerweile eine Million Mal verkauft wurde, erschien 2017.<\/p>\n<p>Doch ausgerechnet Wilson kritisiert nun Nolan daf\u00fcr, dass sein Film Odysseus in einer Weise darstelle, die mehr mit modernen Sentimentalit\u00e4ten als mit griechischer Mythologie zu tun habe: \u201eIch m\u00f6chte die Tatsache feiern, dass so viel mehr Menschen \u201aDie Odyssee\u2018 \u00fcberhaupt kennen und wieder an das Epos herangef\u00fchrt wurden\u201c, sagte sie der Associated Press. \u201eAber gleichzeitig hatte ich das Gef\u00fchl, dass Christopher Nolan versuchte, alles hineinzupacken, w\u00e4hrend er Themen verfehlte, die f\u00fcr das Epos essenziell waren.\u201c<\/p>\n<p>Wilson, eine Professorin f\u00fcr Klassische Philologie an der University of Pennsylvania, sagte, sie wolle zwar nicht wie eine \u201esnobbistische\u201c, kleinkr\u00e4merische Expertin wirken, die sich gegen jede Abweichung vom Originaltext sperrt. Doch sie hinterfragt eine Reihe von Auslassungen und anderen Entschl\u00fcssen \u2013 vom Fehlen der G\u00f6tter Zeus und Poseidon auf der Leinwand (Athene wird von Zendaya gespielt) bis hin zur \u201einkoh\u00e4renten\u201c Botschaft, die sowohl Krieg als auch k\u00f6rperliche Feigheit verurteilt. Sie empfand Penelopes Rolle als so stark ausged\u00fcnnt, dass dies \u201ejede M\u00f6glichkeit gef\u00e4hrdet, an diese Ehe zu glauben\u201c. Wilson meint auch, dass Teile des Films \u201edie moderne Gef\u00fchlsduselei bedienten\u201c. Insbesondere die Szenen mit Odysseus\u2019 Hund Argos: \u201eBei einem Hund wird eben jeder schwach.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEin Film, der sich f\u00fcr Scham interessiert\u201c<\/p>\n<p>Noch weiter ging Wilson in einem Interview mit Sara Ruhl, das f\u00fcr den Kanal des New Yorker Kulturzentrums <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.92ny.org\/archives\/emily-wilson-the-odyssey-onscreen\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.92ny.org\/archives\/emily-wilson-the-odyssey-onscreen&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201e92NY\u201c<\/a> auf der 92. Stra\u00dfe gef\u00fchrt wurde. Dort sagte sie: \u201eDer Film zeigt einen Odysseus, der sich wegen der Dinge, die er im Krieg getan hat, sehr schlecht f\u00fchlt und Schwierigkeiten hat, diese auf eine sehr moderne, psychiatrisierte Art und Weise zu verarbeiten \u2013 und daf\u00fcr sogar Medikamente braucht! Er scheint ein schlechtes Gewissen zu haben, ein Krieger zu sein, und wir sehen ihn eigentlich nie wirklich viel Kriegerhandwerk aus\u00fcben. Nolan macht den Protagonisten zu einem sympathischen, typisch amerikanischen Helden; Homers Odysseus verlangt nach Ruhm, und er m\u00f6chte Beute aus der Pl\u00fcnderung einer Stadt machen! Ich habe vergeblich nach einem Gef\u00fchl gesucht, dass dies ein Film \u00fcber Ruhm sei. Dies ist ein Film, der sich f\u00fcr Scham interessiert, aber ich glaube nicht, dass er irgendein Interesse an Ruhm hat.\u201c<\/p>\n<p>Je mehr Zeit sie zum Nachdenken hatte und je l\u00e4nger der Kinobesuch zur\u00fccklag, desto schlechter beurteilte sie den Film. In einem <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.lrb.co.uk\/the-paper\/v48\/n14\/emily-wilson\/an-uncomplicated-man\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.lrb.co.uk\/the-paper\/v48\/n14\/emily-wilson\/an-uncomplicated-man&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Essay f\u00fcr die \u201eLondon Review of Books\u201c<\/a> schrieb sie: \u201eDas Drehbuch ist bodenlos schlecht. Keine der Figuren hat eine \u00fcberzeugende Motivation f\u00fcr ihr Handeln oder ihre Worte. Es gibt keine Sexszenen, und das ganze Essen sieht furchtbar aus. Ich w\u00fcrde mich sch\u00e4men, irgendwas davon geschrieben zu haben.\u201c<\/p>\n<p>\u00c4hnlich deutlich wurde Wilsons \u00dcbersetzer-Kollege Daniel Mendelsohn, dessen \u00dcbertragung der \u201eOdyssee\u201c 2025 ebenfalls viel ger\u00fchmt wurde. Er kritisiert, dass der Grieche von dem britischen Regisseur einfach in der bekannten Nolan-Film-Maschine verwurstet wurde: Einer der pr\u00e4gendsten \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Trickster\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Trickster&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Trickster<\/a>\u201c des westlichen Kanons sei von dem Regisseur in genau jene von Schuldgef\u00fchlen geplagte Hauptfigur verwandelt worden, die man aus fr\u00fcheren Nolan-Filmen kenne.<\/p>\n<p>Mendelsohn schrieb in der \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.nybooks.com\/online\/2026\/07\/17\/artful-weaving-odyssey-christopher-nolan\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.nybooks.com\/online\/2026\/07\/17\/artful-weaving-odyssey-christopher-nolan\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">New York Review of Books<\/a>\u201c: \u201eDieser gequ\u00e4lte, von Schuld zerfressene Odysseus \u2013 beraubt jeglichen Humors, Witzes, Charmes und jeglicher Cleverness \u2013 ist ein Verwandter des gequ\u00e4lten Amnestikers aus \u201aMemento\u2018, von Batman, von Oppenheimer; M\u00e4nner, die von einer Vergangenheit geplagt werden, mit der sie auf unterschiedliche Weise ringen. Nolan hat Homers Helden lediglich nach seinem eigenen Ebenbild neu erschaffen.\u201c<\/p>\n<p>Das tieferliegende Problem k\u00f6nnte allerdings sein, dass es sich hier nicht nur um das Ebenbild von Nolan handelt. Sondern dass Nolans genannte Helden lediglich Stellvertreter einer angeschlagenen westlichen Kollektivpsyche sind. Denn die Neigung, Helden als vergr\u00fcbelte, pennerb\u00e4rtige, schwer unter der Last ihrer Scham \u00e4chzende Typen neu zu erfinden, hat Nolan ja nicht exklusiv.<\/p>\n<p>Ein anderer Konservativer, Eduard von Habsburg, Spross der Kaiser-Dynastie und ehemaliger ungarischer Botschafter beim Vatikan, schrieb auf seinem vielfrequentierten X-Account: \u201eGibt es im modernen Kino ein Gesetz, dass alle Helden heutzutage alt, bitter, voller Selbstzweifel und gebrochen sein m\u00fcssen? Oder liegt das einfach daran, dass viele Boomer alt, bitter, voller Selbstzweifel und gebrochen sind? Oder weil wir keine m\u00e4nnlichen Helden mehr haben d\u00fcrfen?\u201c<\/p>\n<p>Die Frage ist nat\u00fcrlich rhetorisch. \u201eWir\u201c \u201ed\u00fcrfen\u201c d\u00fcrfen das l\u00e4ngst nicht mehr. So will es das Gesetz des Kunstfilms\u00a0\u2013 obwohl nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs \u00fcber die potenzielle R\u00fcckkehr des heldenhaften Mannes philosophiert wurde. Was die Odyssee-\u00dcbersetzer so erz\u00fcrnt, ist, dass nun sogar die Griechen es auch nicht mehr \u201ed\u00fcrfen\u201c, bzw. dass wir uns die Ohren vor den Ges\u00e4ngen verstopfen, mit denen eine andere, \u00e4ltere Zivilisation ihre Helden gefeiert und unsterblich gemacht hat.<\/p>\n<p>WELT-Redakteur Matthias Heine hat die Geschichte des Odysseus mit Gustav Schwab und Johann Heinrich Vo\u00df kennengelernt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Christopher Nolans \u201eDie Odyssee\u201c zieht massenhaft Besucher an. 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