{"id":1206683,"date":"2026-07-31T22:12:18","date_gmt":"2026-07-31T22:12:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1206683\/"},"modified":"2026-07-31T22:12:18","modified_gmt":"2026-07-31T22:12:18","slug":"lanz-precht-jeder-vernuenftige-analyst-hat-noch-nie-an-den-muendigen-buerger-geglaubt-erklaert-juli-zeh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1206683\/","title":{"rendered":"Lanz &#038; Precht: \u201eJeder vern\u00fcnftige Analyst hat noch nie an den m\u00fcndigen B\u00fcrger geglaubt\u201c, erkl\u00e4rt Juli Zeh"},"content":{"rendered":"<p>Juli Zeh spricht bei \u201eLanz &amp; Precht\u201c \u00fcber Demokratieverdrossenheit, einen neuen Gerechtigkeitsbegriff und die \u201eTeufelskreis-Systematik\u201c, die dazu f\u00fchre, dass es in Sachsen-Anhalt zu Neuwahlen kommen werde, \u201emit dem Ergebnis, dass die AfD eben dann die absolute Mehrheit hat\u201c.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Richard, wo erreich ich dich?, lautet f\u00fcr gew\u00f6hnlich die einleitende Frage von Markus Lanz an seinen Podcast-Partner Richard David Precht. Im Rahmen ihrer Sommergespr\u00e4che leitete er sie in der <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/open.spotify.com\/episode\/5JLj17LWNDdlrG1MT76EEE\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/open.spotify.com\/episode\/5JLj17LWNDdlrG1MT76EEE&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">aktuellen Ausgabe von \u201eLanz &amp; Precht\u201c<\/a> an Juli Zeh weiter. \u201eWeit, weit drau\u00dfen im No-Man\u2019s-Land der brandenburgischen Weiten\u201c, erwiderte die Schriftstellerin. \u201eEs ist sehr flach und karg und kein bisschen idyllisch. Aber wenn man in Ruhe gelassen werden will\u00a0\u2013 auch von der Landschaft\u00a0\u2013, dann ist es optimal.\u201c Anfang Juni war sie zuletzt auf den Moderator getroffen. Auf die Frage nach der Stimmung im Land hatte sie in der nach ihm benannten ZDF-Talkshow geantwortet: \u201eAlles Schei\u00dfe.\u201c<\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick unterstrich sie ihren Pessimismus. \u201eWie sehr glauben die Menschen im Land eigentlich noch daran, dass die Entscheidungstr\u00e4ger was auf die Kette kriegen?\u201c, lautete die dahinterstehende Frage. \u201eUnd auch wenn ich immer wirklich, wirklich gerne versuche\u00a0\u2013 auch aus tiefer \u00dcberzeugung\u00a0\u2013, die Sachen m\u00f6glichst positiv zu sehen, muss ich an der Stelle langsam wirklich eingestehen, dass ich da anfange, mir Sorgen zu machen.\u201c Die Stimmung sei \u201ewirklich auf dem Tiefpunkt\u201c, insistierte sie. \u201eUnd das hat ja auch Gr\u00fcnde. Das ist nicht nur eine kollektive Psychose.\u201c<\/p>\n<p>Sie mache eine allgemeine \u201eDemokratieverdrossenheit\u201c aus. \u201eIn Demokratien ist ja das kollektive Gef\u00fchl wichtig, weil sich dieses zum Beispiel auch wieder in Wahlen auspr\u00e4gt\u201c, mahnte Zeh. \u201eUnd wir sehen das ja auch an den Wahlergebnissen, wozu das dann unter Umst\u00e4nden f\u00fchrt.\u201c Es sei sowohl ein \u00f6konomisches als auch ein politisches Ph\u00e4nomen, dass sich Demokraten zunehmend als Konsumenten begreifen. <\/p>\n<p>\u201eMenschen sind nicht mehr bereit, sich in gro\u00dfe, unter sloganartigen Schirmen zusammengefasste, ideologieartige Denksysteme einzugliedern, also die Sozialdemokratie oder die Christdemokratie als eine Art Stall zu begreifen, in den man sich einfach reinstellt, auch wenn man mit 90 Prozent der Inhalte vielleicht gar nicht vertraut oder auch gar nicht einverstanden ist\u201c, schilderte sie. Ihr individualistisches Selbstverst\u00e4ndnis mache es vielen schwer, zu verstehen, warum sie bei einer Partei ihr Kreuz setzen sollten, bei der sie \u201e90 Prozent des Personals schei\u00dfe finden\u201c.<\/p>\n<p>Als weitere Entwicklung identifizierte Zeh einen \u201ev\u00f6llig neuen Gerechtigkeitsbegriff\u201c. So gelte es vielen als gerecht, \u201ewenn ich alles bekomme, genauso wie ich es m\u00f6chte\u201c, sagte die ehrenamtliche Richterin am Brandenburger Verfassungsgericht. \u201eEine Art von Einzelfallgerechtigkeit\u201c, die nicht mehr f\u00fcr Chancengleichheit eintrete und sage, es m\u00fcsse \u201eim Gro\u00dfen und Ganzen gerecht zugehen\u201c, sondern die fordere, dass \u201eganz arg kleinteilig auf jeden Einzelfall immer eingegangen\u201c werden m\u00fcsse. Der \u201e\u00fcberbordende B\u00fcrokratie-Dschungel, in dem unsere Systeme alle festh\u00e4ngen und der wie ein Sumpf ist, in dem man sich kaum noch fortbewegen\u201c k\u00f6nne, sei das Resultat dessen.<\/p>\n<p>\u201eFr\u00fcher waren die Leute politisch dumm, weil sie keine Ahnung hatten. Heute sind die Leute politisch dumm, obwohl sie Ahnung haben k\u00f6nnten\u201c, bemerkte Precht. Parallel zu den anwachsenden Wahlerfolgen der AfD h\u00e4tten Politiker damit aufgeh\u00f6rt, in ihren Reden vom \u201em\u00fcndigen B\u00fcrger\u201c zu sprechen. \u201eSeit wir wissen, was die Leute denken, indem sich Millionen Menschen in den sozialen Netzwerken auslassen, glaubt die liberale Demokratie nicht mehr an den m\u00fcndigen B\u00fcrger\u201c, bemerkte der Philosoph. \u201eUnd das ist ein echtes Problem.\u201c Dem widersprach Zeh. Sie bewertete den Befund als unproblematisch, weil \u201ejeder vern\u00fcnftige Analyst noch nie an den m\u00fcndigen B\u00fcrger geglaubt\u201c habe \u2013 zumindest nicht als \u201efl\u00e4chendeckendes Ph\u00e4nomen\u201c. Dieser habe vielmehr als \u201eUtopie\u201c fungiert oder als \u201etheoretisches Konstrukt, um Volksherrschaft \u00fcberhaupt zu rechtfertigen\u201c.<\/p>\n<p>Zeh sah einen Mentalit\u00e4tswandel, der dazu gef\u00fchrt habe, dass das Selbstverst\u00e4ndnis des Einzelnen nicht mehr zum \u201eZuschnitt unseres Systems\u201c passe. Die Antwort darauf m\u00fcsse jedoch nicht sein, sich von der liberalen Demokratie zu verabschieden. Die Frage m\u00fcsse lauten: \u201eWie kann man sie so anders aufstellen, dass sie wieder funktioniert? Und ich glaube, daf\u00fcr w\u00e4re es h\u00f6chste Zeit.\u201c Die Rechtspopulisten w\u00fcrden stattdessen mit einer \u201eRetroantwort\u201c aufwarten. Sie b\u00f6ten einfache L\u00f6sungen, voremanzipatorische Ideen und ein \u201eeigentlich halb abgeschafftes M\u00e4nnlichkeitsideal\u201c an. \u201eDa das bei den Leuten verf\u00e4ngt, ist es, glaube ich, ganz eindeutig, dass wir diese formelle Systemfrage stellen m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>Im Hinblick auf die kommende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeigte sich Zeh skeptisch. Die m\u00f6glichen Regierungskonstellationen w\u00fcrden zu einem \u201efatalen Streit\u201c und einer \u201eBlockade-Situation\u201c f\u00fchren, an deren Ende die Landesregierung auseinanderbr\u00e4che. \u201eDann wird es Neuwahlen geben mit dem Ergebnis, dass die AfD eben dann die absolute Mehrheit hat\u201c, prognostizierte die Autorin. \u201eJedes Zerbrechen einer Regierung f\u00fchrt zum Anwachsen der Stimmen f\u00fcr die AfD. Da ist ganz eindeutig eine Teufelskreis-Systematik.\u201c Zugleich bemerkte sie mehrfach, dass das Grundgesetz auch eine AfD-Regierung aushielte. \u201eNat\u00fcrlich will ich das auch nicht, aber man muss es vielleicht auch nicht unbedingt als den Untergang unserer gesamten Staatsform sehen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Juli Zeh spricht bei \u201eLanz &amp; Precht\u201c \u00fcber Demokratieverdrossenheit, einen neuen Gerechtigkeitsbegriff und die \u201eTeufelskreis-Systematik\u201c, die dazu f\u00fchre,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1206684,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1773],"tags":[186,119545,29,214,251446,30,44032,99561,25666,9411,13213,110,3630,251447,251448,471,1780,45,215,70495],"class_list":["post-1206683","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-serien","tag-afd","tag-demokratieverstaendnis-ks","tag-deutschland","tag-entertainment","tag-gerechtigkeitssinn-ks","tag-germany","tag-juli","tag-landtagswahl-sachsen-anhalt","tag-lanz","tag-lippe-dominik","tag-markus","tag-newsteam","tag-podcasts","tag-precht","tag-richard-david","tag-serien","tag-series","tag-texttospeech","tag-unterhaltung","tag-zeh"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/117016890446157027","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1206683","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1206683"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1206683\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1206684"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1206683"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1206683"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1206683"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}