{"id":1208063,"date":"2026-08-01T12:20:16","date_gmt":"2026-08-01T12:20:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1208063\/"},"modified":"2026-08-01T12:20:16","modified_gmt":"2026-08-01T12:20:16","slug":"warschau-nach-1945-die-stadt-des-aufstands-und-des-neuanfangs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1208063\/","title":{"rendered":"Warschau nach 1945: Die Stadt des Aufstands und des Neuanfangs"},"content":{"rendered":"<p>Eine Frau steht inmitten einer menschenleeren Tr\u00fcmmerlandschaft. Wo einst das Warschauer Ghetto stand, blickt sie auf ein Meer aus Ruinen. Die Fotografie dokumentiert, was vom nationalsozialistischen Racheakt gegen das aufst\u00e4ndische Warschau blieb: eine Hauptstadt in Tr\u00fcmmern.<\/p>\n<p>          <img decoding=\"async\" class=\"c-ad__placeholder__logo\" src=\"https:\/\/static.euronews.com\/website\/images\/logos\/logo-euronews-stacked-outlined-72x72-grey-9.svg\" width=\"72\" height=\"72\" alt=\"\" loading=\"lazy\"\/><br \/>\n          WERBUNG<\/p>\n<p>          <img decoding=\"async\" class=\"c-ad__placeholder__logo\" src=\"https:\/\/static.euronews.com\/website\/images\/logos\/logo-euronews-stacked-outlined-72x72-grey-9.svg\" width=\"72\" height=\"72\" alt=\"\" loading=\"lazy\"\/><br \/>\n          WERBUNG<\/p>\n<p>Nach 63 Tagen Widerstand kapitulierte die polnische Heimatarmee (Armia Krajowa) unter General Komorowski am 2. Oktober 1944. Bis zu 200.000 Polinnen und Polen verloren w\u00e4hrend des Aufstands ihr Leben. Hunderttausende \u00dcberlebende wurden in Konzentrationslager oder als Zwangsarbeiter in das Deutsche Reich deportiert.<\/p>\n<p>Adolf Hitler und die Nazi-F\u00fchrung ordneten au\u00dferdem die systematische Zerst\u00f6rung der Hauptstadt an \u2013 als Vergeltung f\u00fcr den Aufstand. Die Dimension der Verw\u00fcstung war beispiellos: Bis Kriegsende lagen rund <strong>85 Prozent Warschaus in Schutt und Asche.<\/strong><\/p>\n<p>Ganze Stadtviertel wurden dem Erdboden gleichgemacht, Museen, Bibliotheken, Archive, Theater, Kirchen und Denkm\u00e4ler gezielt gesprengt oder niedergebrannt. Rund <strong>90 Prozent der industriellen Infrastruktur und Sehensw\u00fcrdigkeiten<\/strong> sowie <strong>72 Prozent der Wohngeb\u00e4ude<\/strong> waren vernichtet.<\/p>\n<p>Aus der einst als &#8222;Paris des Ostens&#8220; bekannten Metropole war eine Ruinenlandschaft geworden. Zeitweise wurde sogar erwogen, die polnische Hauptstadt nach \u0141\u00f3d\u017a zu verlegen und die zerst\u00f6rte Stadt als Mahnmal der deutschen Zerst\u00f6rung zu erhalten.<\/p>\n<p>Ph\u00f6nix aus der Asche<\/p>\n<p>Exhumierungen der Opfer des Warschauer Aufstands treffen in den Fotografien auf Bilder von Kindern, die zwischen den Ruinen tanzen und Menschen, die dort Gottesdienst feiern. Die aus dem Bestand der Polnischen Presseagentur (PAP) stammenden Aufnahmen sind mehr als ein Zeugnis des Zerst\u00f6rungswerkes der Nazis. Sie dokumentieren zugleich den ungebrochenen Lebenswillen einer Stadt, deren Wiederaufbau zum Symbol des polnischen Neuanfangs wurde.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Das ganze Volk baut seine Hauptstadt&#8220;<\/strong> &#8211; unter diesem Motto begann nach 1945 der Wiederaufbau Warschaus. Die Regierung gr\u00fcndete bereits im Februar 1945 das B\u00fcro f\u00fcr den Wiederaufbau der Hauptstadt (Biuro Odbudowy Stolicy). Baumaterialien wurden aus verschiedenen Regionen Polens herangeschafft, Tr\u00fcmmersteine wiederverwendet und Tausende Menschen beteiligten sich an der Rekonstruktion der Metropole.<\/p>\n<p>Die Ausstellung zeigt auf einer Fotografie eine Menschenkette, die Ziegelsteine weiterreicht: Sinnbild f\u00fcr den Einsatz, der als nationaler Kraftakt in die Geschichte einging. Das kommunistische Regime nutzte genau diese Mobilisierung, um seine politische Legitimit\u00e4t zu festigen und sich als Architekt eines neuen Polen zu inszenieren.<\/p>\n<p>Besonders symbolisch war die erfolgreiche Rekonstruktion des historischen Stadtkerns. Fast vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt, wurde er anhand alter Fotografien, Pl\u00e4ne und Gem\u00e4lde rekonstruiert. Dass die Altstadt seit 1980 zum <strong>UNESCO-Weltkulturerbe<\/strong> z\u00e4hlt, ist auch dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Mobilisierung zu verdanken.<\/p>\n<p>F\u00fcr Patryk Szostak, Pressesprecher des Berliner Pilecki-Instituts, sind die Bilder ein Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis der heutigen Stadt: &#8222;Es lohnt sich, zuerst die Fotoausstellung zu besuchen und anschlie\u00dfend nach Warschau zu reisen. Man versteht, wo diese dynamische und inspirierende Stadt ihren Ursprung hat.&#8220;<\/p>\n<p>Warschauer Aufstand: In Polen wichtig, in Deutschland vergessen?<\/p>\n<p>Bis heute pr\u00e4gt jedoch vor allem der Warschauer Aufstand, mehr noch als der anschlie\u00dfende Wiederaufbau, das polnische Selbstverst\u00e4ndnis als freiheitsliebende Nation.<\/p>\n<p>Am 1. August 1944 erhob sich die polnische Heimatarmee (Armia Krajowa) mit rund 40.000 K\u00e4mpfern gegen die deutsche Besatzungsmacht. Ihr Ziel: Warschau noch vor dem Eintreffen der Roten Armee unter polnische Kontrolle zu bringen. <strong>&#8222;Es ist besser, sich selbst zu befreien, als befreit zu werden&#8220;<\/strong> \u2013 so lautete die Devise des Befehlshabers der Untergrundarmee.<\/p>\n<p>Die Hoffnung, einer sowjetischen Vorherrschaft zuvorzukommen, st\u00fcrzte die Aufst\u00e4ndischen in einen aussichtslosen Kampf. Den deutschen Truppen waren sie milit\u00e4risch deutlich unterlegen. Gleichzeitig blieb die Rote Armee auf der anderen Seite der Weichsel stehen. Viele Historiker sprechen von einem Kalk\u00fcl Stalins, den Weg f\u00fcr ein von Moskau abh\u00e4ngiges Nachkriegspolen zu ebnen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Warschauer Aufstand in Polen als Moment der nationalen Selbstbehauptung gilt, ist er spielt er in der deutschen Erinnerung kaum eine Rolle. Nicht selten wird er mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto verwechselt.<\/p>\n<p>Herzst\u00fcck der polnischen Identit\u00e4t<\/p>\n<p>Wie konnte ein milit\u00e4risch gescheiterter Aufstand zum Gr\u00fcndungsnarrativ des demokratischen Polens nach 1989 werden? Antworten darauf gibt der <strong>Historiker Stephan Lehnstaedt<\/strong>, Professor f\u00fcr Holocaust-Studien an der Touro University Berlin. Mit seinem 2024 erschienenen Buch &#8222;Der Warschauer Aufstand&#8220; wurde eine der wenigen deutschsprachigen Monografien \u00fcber den Aufstand von 1944 ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr die heutige Bedeutung des Aufstands und die Herausbildung eines &#8222;polnischen Nationalgeschichtsbewusstseins&#8220; sei, dass sich die Heimatarmee gleich zwei Gegnern gegen\u00fcbersah: der deutschen Besatzungsmacht und der heranr\u00fcckenden Roten Armee.<\/p>\n<p>Zugleich wird die Erinnerung an die Heimatarmee in Abgrenzung zum Aufstand im Warschauer Ghetto erz\u00e4hlt: W\u00e4hrend dieser vor allem als j\u00fcdischer Widerstand gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik gilt, steht der Warschauer Aufstand f\u00fcr einen polnischen Freiheitskampf.<\/p>\n<p>Polen: Ein langer Weg zum Gedenken<\/p>\n<p>Dass der Aufstand heute einen so zentralen Platz im polnischen Ged\u00e4chtnis einnimmt, h\u00e4ngt auch mit seiner jahrzehntelangen Verdr\u00e4ngung zusammen, erkl\u00e4rt Lehnstaedt im Gespr\u00e4ch mit Euronews. In der kommunistischen Volksrepublik Polen wurde das Gedenken an die Heimatarmee unterdr\u00fcckt, da sie den Machthabern als politischer Gegner galt. Der Aufstand verschwand weitgehend aus der offiziellen Geschichtsschreibung.<\/p>\n<p>Erst nach 1989 setzte eine umfassende Erinnerungskultur ein. Ein weiterer Meilenstein war die <strong>Er\u00f6ffnung des Museums des Warschauer Aufstandes<\/strong> in der polnischen Hauptstadtim Jahr 2004. Das Museum wurde zum zentralen Ort der Aufarbeitung.<\/p>\n<p>Aus einem lange verschwiegenen Kapitel der Geschichte wurde zunehmend ein &#8222;Ereignis von nationaler Relevanz&#8220;, wie Lehnstaedt betont. Der jahrzehntelange &#8222;Nachholbedarf&#8220; in der Erinnerungskultur erkl\u00e4rt, warum der Warschauer Aufstand heute als nationales Symbol gilt.<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des heutigen Polens muss man sich mit dem Warschauer Aufstand besch\u00e4ftigen&#8220;<\/p>\n<p>Dass der Warschauer Aufstand im Land der T\u00e4ter und Opfer unterschiedlich erinnert wird, hat mit den verschiedenen historischen Erfahrungen zu tun: &#8222;F\u00fcr die polnische Geschichte ist der Aufstand zentral, f\u00fcr die Geschichte des Zweiten Weltkriegs war er von geringer Bedeutung&#8220;, erl\u00e4utert Lehnstaedt.<\/p>\n<p>Die brutale Niederschlagung des Aufstands und die Zerst\u00f6rung Warschaus gingen im deutschen Ged\u00e4chtnis lange unter der Vielzahl nationalsozialistischer Verbrechen w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs unter.<\/p>\n<p>Dass das Schicksal der polnischen Hauptstadt heute in Deutschland st\u00e4rker wahrgenommen wird, h\u00e4ngt auch mit einem Wandel des polnischen Erinnerungsdiskurses zusammen, erkl\u00e4rt der Historiker.<\/p>\n<p>Nach 1989 stand im Gedenken an den Aufstand zun\u00e4chst vor allem die Rolle der Sowjetunion im Mittelpunkt: das Ausbleiben der Unterst\u00fctzung durch die Rote Armee und die sp\u00e4tere sowjetische Vorherrschaft \u00fcber Polen.<\/p>\n<p>Seit dem Regierungswechsel 2015 r\u00fcckte unter der PiS-Regierung dagegen st\u00e4rker die deutsche Besatzung und die historische Verantwortung des westlichen Nachbarn in den Fokus, beschreibt Lehnstaedt.<\/p>\n<p>Diese ver\u00e4nderte Perspektive trug auch dazu bei, dass der Warschauer Aufstand in Deutschland mehr Aufmerksamkeit erhielt. Zum 80. Jahrestag 2024 berichteten zahlreiche deutsche Medien \u00fcber das Ereignis. F\u00fcr den Holocaust-Forscher ist die Auseinandersetzung unverzichtbar: &#8222;F\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des heutigen Polens muss man sich mit dem Warschauer Aufstand besch\u00e4ftigen.&#8220;<\/p>\n<p>Wie kann die L\u00fccke der deutsch-polnischen Erinnerungskultur geschlossen werden?<\/p>\n<p>Die L\u00fccke in der deutsch-polnischen Erinnerungskultur ist jedoch noch nicht geschlossen: &#8222;Polen wissen immer noch mehr \u00fcber Deutsche als Deutsche \u00fcber Polen&#8220;, beschreibt Lehnstaedt seine Wahrnehmung.<\/p>\n<p>Gerade bei Fragen wie den Reparationsforderungen fehle es in Deutschland teilweise noch an Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die tiefe Pr\u00e4senz der Geschichte des Zweiten Weltkriegs im polnischen Ged\u00e4chtnis. Entscheidend sei deshalb mehr Bereitschaft zum Dialog: <\/p>\n<p>Aus dem Berliner Pilecki-Institut kommt zudem der Wunsch, den 1. August st\u00e4rker als <strong>europ\u00e4ischen Gedenktag<\/strong> zu etablieren. Denn die Botschaft der Ausstellung und der Geschichte Warschaus sei aktueller denn je: Freiheit ist hart erk\u00e4mpft \u2013 und auch in europ\u00e4ischen Demokratien niemals selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eine Frau steht inmitten einer menschenleeren Tr\u00fcmmerlandschaft. 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