{"id":1210480,"date":"2026-08-02T15:20:16","date_gmt":"2026-08-02T15:20:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1210480\/"},"modified":"2026-08-02T15:20:16","modified_gmt":"2026-08-02T15:20:16","slug":"juedische-geschichte-in-frankreich-rueckkehr-nach-rennes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1210480\/","title":{"rendered":"J\u00fcdische Geschichte in Frankreich: R\u00fcckkehr nach Rennes"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor einigen Monaten f\u00fchrten Sch\u00fcler des Lyc\u00e9e \u00c9mile Zola und eine Gruppe Anw\u00e4lte in der bretonischen Hauptstadt Rennes den zweiten Dreyfus-Prozess auf. Angesichts der Dramatik des Revisionsprozesses von 1899 mit all seinen Ch\u00f6ren und Anklagen, seinen Helden und D\u00e4monen, der Verbannung, der Irrfahrt und der R\u00fcckkehr in die Heimat k\u00f6nnte man tats\u00e4chlich von einer zweiten Auff\u00fchrung sprechen. Das Schauspiel fand in dem Raum statt, der damals Austragungsort des Prozesses war. Heute dient er den Sch\u00fclern des Gymnasiums als Turnsaal und ist als \u00bbSalle Dreyfus\u00ab bekannt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drei Abende mit je 200 Zuschauern nach einem Text, den Olivier Maunaye aus den Originalakten zusammengestellt hatte. \u00bbMan muss die politische Machenschaft h\u00f6rbar machen, die B\u00f6swilligkeit und die Korruption \u2013 das ist die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung\u00ab, beschrieb Regisseurin Rozenn Tr\u00e9goat ihr Anliegen. Die Sch\u00fclerin Eden Couame-G\u00e9rard, die gleich zwei Rollen spielte, erkl\u00e4rte hinterher, die Auff\u00fchrung habe ihr klargemacht, wie sehr es dem Staat damals darum ging, die Ehre des Milit\u00e4rs zu verteidigen \u2013 selbst wenn es hie\u00df, einen echten Verr\u00e4ter in Schutz zu nehmen und einen Unschuldigen zu opfern.<\/p>\n<p>Tief reichende j\u00fcdische Vergangenheit<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor einigen Wochen er\u00f6ffnete das Mus\u00e9e de Bretagne, keine f\u00fcnf Gehminuten entfernt, eine neue Dauerausstellung \u00fcber den Prozess. Das Haus besitzt eine der bedeutendsten Dreyfus-Sammlungen weltweit. 8000 Objekte, deren Geschichte selbst Teil der Aff\u00e4re sind. Die ersten Artefakte gelangten 1899 ins Museum, noch w\u00e4hrend der Prozess lief: Postkarten, Zeitungsausschnitte, Fotografien, die Journalisten und Schaulustige aus aller Welt in die Stadt gesp\u00fclt hatten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1978 vermachte Jeanne L\u00e9vy, Tochter von Alfred und Lucie Dreyfus, dem Haus mehr als 4500 weitere Objekte \u2013 Briefe, Telegramme, pers\u00f6nliche Dokumente, die zeigen, wie die Familie den Kampf um die Rehabilitierung von innen erlebte. Der Historiker Pascal Ory betont, dass der Rennes-Prozess auch ein historisches Medienereignis war: Der Filmpionier Georges M\u00e9li\u00e8s drehte bereits 1899 eine filmische Rekonstruktion des Verfahrens, eine der ersten dokumentarischen Inszenierungen der Filmgeschichte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das neue Interesse, das die franz\u00f6sische \u00d6ffentlichkeit an der Dreyfus-Aff\u00e4re hat, lenkt den Blick auf eine Region, die im Ged\u00e4chtnis Frankreichs sonst wenig Platz beansprucht: die Bretagne. Eine Halbinsel am Atlantik, weit von Paris entfernt, mit einer eigenen Sprache, einer eigenen Geschichte \u2013 und einer j\u00fcdischen Vergangenheit, die tiefer reicht, als ihre kargen Gegenwartszahlen vermuten lassen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Juden haben in der Bretagne nie tiefe Wurzeln geschlagen. Und doch reicht ihre Geschichte weiter zur\u00fcck, als man vermuten w\u00fcrde. Die \u00e4lteste dokumentierte Pr\u00e4senz geht auf das Konzil von Vannes um 465 zur\u00fcck, das Klerikern verbot, mit Juden zu speisen \u2013 ein m\u00f6glicher Hinweis darauf, dass Juden damals integriert genug waren, um das als Problem zu empfinden. Im 13. Jahrhundert gab es in Nantes, Rennes und Foug\u00e8res gesicherte Gemeinden. <\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nantes galt als Zentrum der Juden der Bretagne (die Gro\u00dfstadt geh\u00f6rt seit 1941 nicht mehr zum Verwaltungsgebiet Bretagne), mit einer gro\u00dfen Synagoge und einem eigenen Tribunal, das Streitigkeiten nach mosaischem Recht entschied. Biblische Vornamen drangen tief in den bretonischen Namensschatz ein. So h\u00f6rte etwa im 9. Jahrhundert ein bretonischer K\u00f6nig auf den hebr\u00e4ischen Namen Salomon.<\/p>\n<p>Der Gro\u00dfvater von Baruch de Spinoza<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Papst Gregor IX. 1235 zu einem neuen Kreuzzug aufrief, nutzten die Kreuzfahrer der Bretagne den Anlass, um ihre j\u00fcdischen Gl\u00e4ubiger loszuwerden: Sie massakrierten die meisten Juden der Region und forderten ihre Ausweisung. 1240 verf\u00fcgte Herzog Jean le Roux die f\u00f6rmliche Ausweisung: Alle Schulden gegen\u00fcber j\u00fcdischen Kreditgebern wurden f\u00fcr nichtig erkl\u00e4rt, die Ermordung von Juden faktisch legalisiert. Was von der j\u00fcdischen Pr\u00e4senz \u00fcbrig blieb, waren Stra\u00dfennamen: eine Rue des Juifs in Rennes, eine Rue de la Juiverie in Nantes und Aucenis, in Vannes, im Croisic.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die 1590er-Jahre ist die Anwesenheit portugiesischer Juden in Nantes nachgewiesen. Unter ihnen befand sich auch Abraham Espinoza, der Gro\u00dfvater des Philosophen Baruch de Spinoza, bevor er sich in Amsterdam niederlie\u00df. Um 1808 z\u00e4hlte die j\u00fcdische Gemeinde von Nantes 35 Seelen; 1871 wurde dort die erste Synagoge der Bretagne eingeweiht. Die Emigration von Juden aus Algerien, Marokko und Tunesien in den 60er-Jahren lie\u00df die Gemeinde weiterwachsen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute gibt es in der gesamten Bretagne weniger als 1000 Juden. Ihre aktiven Gemeinden befinden sich in Brest, Nantes, Rennes und Lorient. Die Gemeinde von Nantes ist die gr\u00f6\u00dfte der Region, \u00fcberwiegend sefardisch, mit rund 600 Menschen. Das kulturelle Zentrum ist das Centre Culturel Andr\u00e9 Neher \u2013 benannt nach dem els\u00e4ssischen Rabbiner und Philosophen, einem der Erneuerer des franz\u00f6sischen Judentums nach der Schoa \u2013 mit Hebr\u00e4ischkursen, Chor, Theater und kulturellen Schabbatot, f\u00fcr alle offen. 2025 wurde hier auch das Dia(s)porama-Festival ausgetragen, Frankreichs erstes internationales j\u00fcdisches Filmfestival.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die j\u00fcdische Geschichte der Bretagne ist keine der Kontinuit\u00e4t, sondern eine der L\u00fccken.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Rennes f\u00fchrte die gemeinsame Anstrengung des B\u00fcrgermeisters Edmond Herv\u00e9, der Safra-Stiftung und der j\u00fcdischen Gemeinde 2002 zur Einweihung des Centre Edmond J. Safra; etwa 100 Gemeindemitglieder kommen zu den Hohen Feiertagen, 80 zum gemeinsamen Pessach-Seder. In Brest feierte die Gemeinde im Dezember 2024 Chanukka in Anwesenheit des Gro\u00dfrabbiners von Frankreich, Ha\u00efm Korsia. Im November 2023, wenige Wochen nach dem 7. Oktober, versammelten sich in der gesamten Bretagne Menschen gegen Antisemitismus: in Saint-Malo bis zu 1500 Personen, in Brest 600, in Quimper 500.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Quimper erinnert das Th\u00e9\u00e2tre Max Jacob \u2013 2024 nach umfassender Renovierung wiederer\u00f6ffnet \u2013 an den Dichter und Maler Max Jacob, 1876 dort als Kind einer j\u00fcdischen Familie geboren, gestorben im M\u00e4rz 1944 im Lager Drancy. Saint-Malo, die Korsarenstadt, wurde im Zweiten Weltkrieg zu 80 Prozent zerst\u00f6rt und danach Stein f\u00fcr Stein wiederaufgebaut. Es ist eine Region, die wei\u00df, was es bedeutet, etwas zu bewahren, das der Staat nicht sch\u00fctzt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wahl von Rennes als Ort des Prozesses 1899 war kein Zufall. Frankreich befand sich nach der Wiederaufnahme des Verfahrens durch den Kassationshof in einem Zustand extremer Polarisierung; in Paris hatten antisemitische Mobilisierungen und nationalistische Agitation die Regierung ersch\u00fcttert. Rennes schien als Provinzhauptstadt mit starker milit\u00e4rischer Infrastruktur \u2013 Sitz des 10. Armeekorps, mit Kasernen, Milit\u00e4rgerichten, Sicherheitskr\u00e4ften \u2013 weit genug von Paris entfernt, um die Aff\u00e4re aus dem aufgeladenen republikanischen Zentrum herauszuhalten.<\/p>\n<p>Die Peripherie als Zentrum der Krise<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Region galt als konservativ, katholisch, monarchistisch. Die Beh\u00f6rden hofften, der Revisionsprozess k\u00f6nne ohne viel Aufmerksamkeit oder St\u00f6rungen \u00fcber die B\u00fchne gehen. Das Gegenteil war der Fall: Ein internationales Heer an Korrespondenten belagerte die Stadt, ein Verteidiger wurde Opfer eines Attentats, und der \u00d6ffentlichkeit wurde das Schmierentheater einer Zwei-Klassen-Justiz vorgef\u00fchrt. Die Peripherie wurde zum Zentrum der Krise.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter denen, die auf der richtigen Seite standen, war Victor Basch, Germanistikprofessor in Rennes und Sohn einer j\u00fcdischen Familie aus Budapest. Er gr\u00fcndete 1899 die lokale Sektion der Liga der Menschenrechte; 1926 stieg er zum Pr\u00e4sidenten der nationalen Liga auf. Am 10. Januar 1944 erschossen Milizion\u00e4re ihn und seine Frau Ilona auf einer Landstra\u00dfe bei Lyon. Auf den K\u00f6rpern hinterlie\u00dfen sie ein Schild: Der Jude wird immer b\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Wiener Journalist Theodor Herzl hatte nach eigenem Bericht 1894 die Degradierung Dreyfus\u2019 auf dem Marsfeld miterlebt und aufgeschrieben, was die Menge rief: Tod den Juden. Tod dem Judas. Wenn Frankreich, das Land der Menschenrechte, einen unschuldigen j\u00fcdischen Offizier verurteilen und seine Verurteilung feiern konnte, dann war die Hoffnung auf Emanzipation eine Illusion. Herzl zog daraus 1896 in Der Judenstaat den Schluss: Juden w\u00fcrden in Europa niemals sicher sein. Der politische Zionismus ist auch ein Kind der Dreyfus-Aff\u00e4re.<\/p>\n<p class=\"u-teaser-list__headline\">Lesen Sie auch<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im November 2025 bef\u00f6rderte das Parlament Dreyfus einstimmig posthum zum Brigadegeneral. Emmanuel Macron erkl\u00e4rte den 12. Juli, den Jahrestag seiner Rehabilitierung durch den Kassationshof 1906, zum nationalen Gedenktag. 2026 ist das erste Jahr, in dem dieser Tag begangen wird. Die Fragen, die die Aff\u00e4re aufwarf \u2013 das Wesen der Laizit\u00e4t, der Charakter staatlicher Institutionen, die Stellung der Juden \u2013, sind heute so offen wie damals.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gro\u00dfe Teile der franz\u00f6sischen Linken greifen mit militant antizionistischen Positionen die Fundamente der Republik an; Richter leugnen den offenkundigen antisemitischen Charakter von Morden; die Bereitschaft demokratischer Politiker, sich klar zu positionieren, ist gering. Julien Benda beschrieb 1927 in Der Verrat der Intellektuellen, wie schnell das moralische Mandat an politische Leidenschaften verraten wird. Dem Buch m\u00fcssten einige Fortsetzungen folgen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die j\u00fcdische Geschichte der Bretagne ist keine Geschichte der Kontinuit\u00e4t, sondern eine der L\u00fccken: zwischen 1240 und dem 16. Jahrhundert, zwischen 1615 und dem 19., zwischen den Deportierten und den Zugezogenen aus Nordafrika und den R\u00fcckkehrern aus den Lagern. In diese Region, die f\u00fcr die j\u00fcdische Geschichte Frankreichs immer marginal blieb, kam Dreyfus 1899, weil man ihn aus Paris fortschaffen wollte. Geblieben sind 8000 Dokumente, ein Turnsaal mit seinem Namen, ein Gedenktag und eine kleine Gemeinde, die in Nantes Filme zeigt und in Rennes Pessach feiert. Beides ist hier, weil es hierhin geh\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vor einigen Monaten f\u00fchrten Sch\u00fcler des Lyc\u00e9e \u00c9mile Zola und eine Gruppe Anw\u00e4lte in der bretonischen Hauptstadt Rennes&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1210481,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[3974],"tags":[331,332,573,574,548,663,3934,3980,156,13,411,570,576,572,80,14,15,16,575,12,571],"class_list":["post-1210480","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-frankreich","tag-aktuelle-nachrichten","tag-aktuelle-news","tag-berichte","tag-blogs","tag-eu","tag-europa","tag-europe","tag-france","tag-frankreich","tag-headlines","tag-israel","tag-juedische-allgemeine","tag-juedisches-leben","tag-kommentare","tag-kultur","tag-nachrichten","tag-news","tag-politik","tag-religion","tag-schlagzeilen","tag-wochenzeitung"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/117026594887421463","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1210480","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1210480"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1210480\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1210481"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1210480"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1210480"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1210480"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}