{"id":1210608,"date":"2026-08-02T16:36:17","date_gmt":"2026-08-02T16:36:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1210608\/"},"modified":"2026-08-02T16:36:17","modified_gmt":"2026-08-02T16:36:17","slug":"mit-sprachtalent-und-einsatzmenschen-in-wuppertal-helfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1210608\/","title":{"rendered":"Mit Sprachtalent und EinsatzMenschen in Wuppertal helfen"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201eIch sp\u00fcre meine 67 Jahre nicht\u201c, sagt Gayane Avetisyan in ihrem kleinen Gesch\u00e4ftslokal an der Sonnborner Stra\u00dfe. Es ist eine Anlaufstelle f\u00fcr Menschen, die Hilfe brauchen bei Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen, Sprachproblemen oder bei Antr\u00e4gen f\u00fcr Hilfeleistungen. Die kleine blonde Frau mit viel Energie plant schon Weiteres: die Er\u00f6ffnung eines Pflegedienstes. All das ist erwachsen aus ihren eigenen Erfahrungen, seit sie 1993 aus Armenien nach Deutschland kam.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Aus Armenien ist sie vor den Auseinandersetzungen um Bergkarabach geflohen. \u201eKrieg bedeutet Dunkelheit, kein Strom, kein Gas, kein Wasser, kein Brot\u201c, erkl\u00e4rt sie: \u201eNachts haben wir Schlange gestanden f\u00fcr Brot.\u201c Sie musste damals ihre zwei Teenager-T\u00f6chter Kristine und Mariam versorgen, ihr Mann Gevorg war im Krieg.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Studiert hatte sie Klavier und Musiktheorie an der Musikhochschule, dann gr\u00fcndete sie ihre Familie, bekam zwei Kinder. Und orientierte sich um, wurde Friseurmeisterin, betrieb einen eigenen Salon mit 33 Angestellten \u2013 bis der Krieg kam. Ihr Mann, ein bekannter Sportler und Sportdozent war f\u00fcnf Jahre im Krieg. Das hat ihn mitgenommen, vor allem psychisch. \u201eIch habe gesagt: Schluss!\u201c, erz\u00e4hlt Gayane Avetisyan. Sie seien geflohen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Warum nach Deutschland? Vielleicht weil ihre Gro\u00dfmutter sie immer \u201edeutsche Puppe\u201c genannt hat \u2013 ein Kompliment f\u00fcr H\u00fcbschheit und Gepflegtheit. \u201eIch habe es nicht bereut\u201c, betont Gayane Avetisyan. Sie landeten erst in Ostdeutschland, ein Jahr sp\u00e4ter kamen sie nach Wuppertal. Lebten erst in einer Unterkunft, zu viert in einem Zimmer, mit K\u00fcche und Sanit\u00e4ranlagen f\u00fcr die Etage. <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Sie habe sofort einen Sprachkurs machen wollen, was ihr aber nicht erlaubt worden sei. Also habe sie sich B\u00fccher besorgt. \u201eAbends, wenn die anderen schliefen, habe ich mit der Lampe am Tisch gesessen\u201c, erz\u00e4hlt sie. Von anderen Bewohnern der Unterkunft lernte sie zudem deren Sprachen, zumindest m\u00fcndlich: Bulgarisch, Rum\u00e4nisch, Serbisch. Russisch und Englisch kann sie ohnehin. Ihre Sprachlernf\u00e4higkeiten erkl\u00e4rt sie durch ihre musikalische Vorbildung: \u201eIch bin eine gute H\u00f6rerin. Ich bin gewohnt, alles wie ein Puzzle zusammenzusetzen.\u201c Schon damals hat sie f\u00fcr andere dolmetschen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ihr Mann fand Arbeit im Gartenbau, sie fing in einem Discounter-Supermarkt an, arbeitete sich bis zur Filialleiterin hoch \u2013 bis sie 2010 nach zw\u00f6lf Jahren schwer krank wurde, l\u00e4nger pausieren musste. Und doch bald wieder ehrenamtlich Aufgaben \u00fcbernahm, f\u00fcr andere \u00fcbersetzte, sie zu \u00c4mtern begleitete. \u201eDas hat sich rumgesprochen.\u201c <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ab 2015 verdiente sie ihr Brot bei einer Reinigungsfirma, die in Krankenh\u00e4usern putzt, wurde Teamleiterin und machte schlie\u00dflich eine eigene Firma dieser Art auf. \u201eIch habe alles geputzt. Fabriken, B\u00fcros, bei Privatleuten. Ich bin mir daf\u00fcr nicht zu schade\u201c, betont sie. \u201eSauber will es jeder haben.\u201c <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ein Kinderarzt bat sie, einer armenischen Familie mit einem kranken Sohn zu helfen. Der brauchte einen Rollstuhl, sie half, einen solchen \u00fcber die Krankenkasse genehmigt zu bekommen. Ihre F\u00e4higkeiten wurden auch der Kirchengemeinde Uellendahl-Ostersbaum bekannt, Pfarrerin Karin Weber fragte sie, ob sie in der Oase, dem Bewohnertreff der Diakonie, Menschen beraten k\u00f6nne. Dank einer Spende sei sie sogar 2019\/2020 f\u00fcr ein Jahr dort angestellt gewesen, seitdem macht sie ehrenamtlich weiter. <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Die Nachfrage nach ihrer Hilfe war gr\u00f6\u00dfer als die vorgesehenen drei Stunden in der Woche. Weshalb sie jetzt im April das eigene B\u00fcro in der Sonnborner Stra\u00dfe gegr\u00fcndet hat. Dort ber\u00e4t und hilft sie, \u00fcbersetzt in viele Sprachen, erkl\u00e4rt Beh\u00f6rdenbriefe, f\u00fcllt Antr\u00e4ge aus, vermittelt an weitere Hilfsstellen, hilft bei der Wohnungssuche. 30 Euro nimmt sie pro Beratung. Dar\u00fcber hinaus \u00fcbernimmt sie Arbeit als Alltagshelferin und Haushaltshilfe bei hilfsbed\u00fcrftigen Menschen, die von der Krankenkasse bezahlt wird. Auch zwei Minijobber besch\u00e4ftigt sie. \u201eDieser Job ist genau das, was ich machen will\u201c, sagt sie gl\u00fccklich l\u00e4chelnd. Ihre \u00e4ltere Tochter Kristine (47), selbst bei einer Unternehmensberatung t\u00e4tig, hilft ihr in der Freizeit, auch ihr Mann unterst\u00fctzt (72) sie.<\/p>\n<p>\u201eSolange ich laufen kann,<br \/>werde ich arbeiten\u201c      <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ruhestand ist f\u00fcr Gayane Avetisyan kein Thema. \u201eMein Plan ist: Solange ich laufen kann, werde ich arbeiten.\u201c Dass sie sich zudem auch um ihre kranke Mutter k\u00fcmmert, die tags\u00fcber in einer Tagespflege f\u00fcr Senioren versorgt wird, erz\u00e4hlt sie nur nebenbei. <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Und ihre Energie reicht noch f\u00fcr mehr. Weil viele ihrer Kunden pflegebed\u00fcrftige Angeh\u00f6rige haben, will sie einen Pflegedienst er\u00f6ffnen: \u201eIch habe schon Pflegepersonen und eine Pflegedienstleitung gefunden\u201c, erz\u00e4hlt sie. Und f\u00fcgt hinzu: \u201eIch bin sehr zielstrebig.\u201c Das habe ihr auch geholfen, sich in Deutschland zurechtzufinden und weiterzukommen. <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Nat\u00fcrlich auch ihre Sprachf\u00e4higkeiten: \u201eMir hat geholfen, dass ich reden kann.\u201c Zudem lobt sie \u201egute Gesetze\u201c in Deutschland, die gute Beratung, die sie immer wieder bekommen hat, nicht zuletzt bei der Gr\u00fcndung ihres Beratungsb\u00fcros. Ihr f\u00e4llt auch l\u00e4stige B\u00fcrokratie ein, Vorschriften, die sie erf\u00fcllen musste. Ihr Tipp an andere: \u201e\u00dcber das Leben in Deutschland recherchieren!\u201c Damit man nicht versehentlich Vorschriften \u00fcbertritt. <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Die Musik, der sie einst ihr Berufsleben widmen wollte, spielt immer noch eine Rolle: \u201eIch gehe gern in Konzerte\u201c, sagt sie. Auch ins Theater und ins Tanztheater. Armenien hat sie inzwischen wieder ein paar Mal besucht: \u201eSeit 2018 haben wir einen neuen Premierminister, jetzt ist alles anders, das Land hat sich wundersch\u00f6n entwickelt.\u201c Sie w\u00fcrde gern zur\u00fcckgehen, will aber bei ihren Kindern und dem Enkelkind bleiben: \u201eDie sind ganz deutsch.\u201c <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eIch sp\u00fcre meine 67 Jahre nicht\u201c, sagt Gayane Avetisyan in ihrem kleinen Gesch\u00e4ftslokal an der Sonnborner Stra\u00dfe. 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