{"id":1211638,"date":"2026-08-03T04:41:43","date_gmt":"2026-08-03T04:41:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1211638\/"},"modified":"2026-08-03T04:41:43","modified_gmt":"2026-08-03T04:41:43","slug":"journalismus-war-eine-schule-des-sehens-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1211638\/","title":{"rendered":"\u00bbJournalismus war eine Schule des Sehens\u00ab \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Ein Hinterhaus im S\u00fcden Leipzigs. Der junge Fotograf Christoph Busse steht v\u00f6llig begeistert in der Redaktion des Stadtmagazins kreuzer \u2013 es ist Sommer 1997 und er hat soeben Bono in der Innenstadt fotografiert! Der kreuzer druckt das Bild nicht ab, zieht noch im selben Jahr aus den R\u00e4umen aus \u2013 und steht nun, ziemlich genau 29 Jahre sp\u00e4ter, im selben Hinterhaus im S\u00fcden der Stadt als Gast dem nun eben nicht mehr ganz so jungen Fotografen Christoph Busse in dessen B\u00fcro gegen\u00fcber. Beziehungsweise sitzt. Wir sprechen \u00fcber das Sammeln und Archivieren von Momenten als Krankheit. Das Foto von Bono ist nat\u00fcrlich auch griffbereit. Aber wir interessieren uns viel mehr f\u00fcr Busses Buch \u00bb256 Garagenkomplexe\u00ab, f\u00fcr das er in knapp zwei Jahrzehnten mehr als 7.000 Fotos von Garagen gemacht hat. Also:<\/p>\n<p><strong>Warum Garagen?<\/strong><\/p>\n<p>Ach, wie soll ich auf diese Frage antworten?<\/p>\n<p><strong><br \/>Im \u00bbGaragenmanifest\u00ab steht: \u00bbJeder Mensch aus dem Osten kann eine Geschichte zur Garage erz\u00e4hlen.\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Ich auch. Ich habe aber keine Beziehung zum Garagenhof, weil ich ein Luxuskind aus dem Th\u00fcringer Wald bin, mit elterlichem Haus. Dort hat mein Vater an den Schuppen eine Garage mit Klapptor angebaut. In dieser Garage fand meine halbe Kindheit statt. Da standen eine Werkbank und die Wand war voller Regale mit Schrauben und Kleinkram. Ich stamme aus einer Familie der T\u00fcftler, in der Garage wurde alles gewartet und gepflegt. Wenn der Platz nicht gereicht hat, musste der Trabi halt raus. Dort habe ich viel gebastelt, sp\u00e4ter mein Klapprad und dann die Simsons auseinandergenommen. Hier war mein Outdoor-Jugendzimmer!<\/p>\n<p><strong><br \/>Und wie sind Sie zu den Garagenh\u00f6fen <\/strong><strong>gekommen? Wir sehen in Ihrem neuen Buch 256 davon \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Das war 2007 in S\u00f6mmerda. Ich hatte dort einen Job und noch etwas Zeit, da war so ein Garagenhof. Ich nahm ihn wahr. Und habe ein wenig rumfotografiert. Vorher war ich ja quasi Garagenmitnutzer \u2013 und jetzt wurde ich zum Beobachter. Es wurde eine Art Reiz ausgel\u00f6st. Der hat sich fast krankhaft weiterentwickelt, so dass ich nicht nur Garagenh\u00f6fe sehe, sondern alle m\u00f6glichen Dinge, in denen ich eine Serialit\u00e4t erkenne \u2013 und die dokumentiere ich. Wie diese \u00bbKrankheit\u00ab genau hei\u00dft und warum ich sie habe, so weit bin ich noch nicht \u2013 vielleicht fotografisches Sammeln? <\/p>\n<p><strong><br \/>Wie viele Garagenmotive gibt es nach fast zwanzig Jahren?<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage kam bei der Arbeit zum Buch auch auf. Ich habe dann den Ordner genommen und das Z\u00e4hlwerk auf null gesetzt. Das neueste Bild hatte dann eine Nummer so bei 7.000. Aber darunter sind auch viele Varianten und der ganze Ausschuss.<\/p>\n<p><strong><br \/>Recherchieren Sie, wenn Sie unterwegs <\/strong><strong>sind, nach Garagenh\u00f6fen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich gucke nicht auf Karten und suche nicht konkret. Es ist eher der Zufall, der mich treibt. Jetzt schaue ich nur noch nach denen, die wirklich besonders sind. Mein Blick hat sich auch ge\u00e4ndert \u2013 mehr zum ganzen Ensemble und dem Drumherum, wo die Garagen stehen, wie sie sich zu ihrem Umfeld verhalten. Es ist eine Art Entdecken. Ich mache zum Beispiel eine Radtour und fahre dann zum Teil weniger Rad, als dass ich fotografiere \u2026<\/p>\n<p><strong><br \/>Sehr sportlich \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem Fahrrad ist man ja ganz gut beweglich und kommt an Ecken vorbei und sieht, was man im Auto schon wegen der ganzen Kabine drumherum gar nicht so schnell sehen kann. Oder du kannst nicht spontan anhalten.<\/p>\n<p><strong><br \/>K\u00f6nnten wir Sie an einem x-beliebigen <\/strong><strong>ostdeutschen Ort ans Ortseingangsschild\u00a0<\/strong><strong>stellen und Sie finden den Garagenhof im Ort?<\/strong><\/p>\n<p>Die Aufnahmen beziehen sich nicht nur auf Ostdeutschland, ich habe auch in Westdeutschland und im Ausland Garagenh\u00f6fe entdeckt. Im Osten sind sie halt gef\u00fchlt pr\u00e4senter. Hier wurden die Garagenh\u00f6fe meist an den Stadtrand geknallt, da hatten die Jungs quasi was zu spielen \u2013 ein bisschen Politik steckte ja wahrscheinlich auch dahinter. Aber klar, die Autos sind fr\u00fcher auch einfach schneller weggerostet, die mussten verpackt werden! Ihr Stellenwert war ein anderer als heute. <\/p>\n<p><strong><br \/>Noch mal zur\u00fcck zu Ihrer Sucht \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Es ist ein bisschen wie Jagen und Sammeln.<\/p>\n<p><strong><br \/>Und das Buch ist jetzt die Troph\u00e4e?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das Buch macht jetzt erst einmal den Deckel drauf. Ich habe im Laufe des Editierens festgestellt, dass es so zuf\u00e4llig entdeckt eigentlich ganz cool ist, weil ich nicht auf das richtige Licht warte und mit Gro\u00dfformat-Kamera umst\u00e4ndlich hantieren muss. Ein kundiger Nachbar hat das mal grob mit Bernd und Hilla Becher verglichen (Koryph\u00e4en der Industriebauten-Fotografie, Anm. d. Red.), ich will mich aber nicht vergleichen. Auf dieses typologische Sammeln und das Arrangieren, habe ich im Nachgang gedacht, h\u00e4tte man vielleicht beim Fotografieren auch noch anders achten k\u00f6nnen. Aber nun ist es so.<\/p>\n<p><strong><br \/>Bei mehr als 7.000 Motiven: Welche drei Garagenh\u00f6fe fallen Ihnen sofort ein?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt ein paar \u2013 da passt alles: grafisch, vom Licht und Motiv. Es ist schwierig, einige auszuw\u00e4hlen. In Stendal gab es eine Anordnung mit den Toren \u00fcber Eck, so aus den drei\u00dfiger, vierziger Jahren. Sehr schick. Da habe ich mich wirklich gefreut, dass ich sie entdeckt habe.<\/p>\n<p><strong><br \/>Warum hat es eigentlich keine Garage auf <\/strong><strong>das Cover des Buches geschafft?<\/strong><\/p>\n<p>Es gab ein paar Entw\u00fcrfe mit Bildern. Ich habe letztes Jahr einen Tag lang mit dem Gestalter Ilja Wanka in der Bibliothek der Halle 14 gesessen. Wir haben B\u00fccher gew\u00e4lzt, um uns Anregungen zu holen. Ich hatte eine Auswahl meiner Arbeitsprints in den Ma\u00dfen 9 mal 13 Zentimeter in einer Pappschachtel mit dabei. Bei der ging der Deckel nach vorne auf \u2013 wie das Klapptor in der Garage meines Vaters \u2026 Das war die Grundidee. Das Braun des Buchcovers und das Format erinnern an eine Archivschachtel. Das ist ein Archiv der Garagen. Dass es 256 geworden sind, hat sich aus den Papier\u00adb\u00f6gen beim Druck ergeben.<\/p>\n<p><strong><br \/>Aber Aufnahmen aus dem Inneren der Garagen existieren nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Wenige. In der Anfangsphase dachte ich mal, ich zeige die Garagen von au\u00dfen und dann versuche ich auch, hinter einem Tor zu schauen, was drin ist. Das ist aber an dem simplen Problem gescheitert, dass niemand auf den Garagenh\u00f6fen war, wenn ich da war. Ich h\u00e4tte im Fr\u00fchjahr und im Herbst, wenn Reifen gewechselt werden, hingehen sollen. Oder am Samstagvormittag, dann kannst du auch mal quatschen. Ich war aber eben oft zu ganz anderen Zeiten dort \u2013 ich habe das ja nicht geplant, sondern habe das auf meinen sonstigen Reisen sozusagen \u00bbmitgenommen\u00ab. Ein paar Geschichten habe ich aber schon gesammelt \u2026 Die Idee, in die Garagen reinzugucken, hatte ich auch f\u00fcr das gro\u00dfe Kulturhauptstadt-Garagen-Projekt in Chemnitz vorgeschlagen.<\/p>\n<p><strong><br \/>Sind die Garagen in Chemnitz so besonders, wie immer zu h\u00f6ren ist?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, schon. Ich war 2022 mit dem Rad dort und es war erstaunlich, wie viele Ecken mit Garagenkonstellationen dort existieren, auch jenseits der gro\u00dfen Garagenh\u00f6fe in den Plattengebieten \u2013 die sind ja normal. In Chemnitz haben die Tore au\u00dferdem alle noch so einen Schutzriegel. Ich habe erfahren, dass ein Schlosser aus der Region \u2013 ich glaube, aus dem Erzgebirge \u2013 das erfunden hat. Diese Riegel und noch ein gro\u00dfes Schloss davor, das fand ich in Chemnitz sehr typisch. Hier in Leipzig siehst du das gar nicht. In Leipzig gibt es einen sch\u00f6nen Stil-Mischmasch. Am Rand von Gr\u00fcnau gibt es zum Beispiel viele Fertig-West-Garagen.<\/p>\n<p><strong><br \/>Es verschwinden aber auch einige.<\/strong><\/p>\n<p>Hier im Leipziger S\u00fcden gab es einige Garagen auf Bombenbrachfl\u00e4chen, da stehen heute neue Wohnh\u00e4user. Garagen sind einfach auch \u00dcbergangsbauten, tempor\u00e4re Orte, die eben ihre Zeit gehabt haben. Ich sage mal: Der SUV von heute passt da sowieso gar nicht mehr rein! Manchmal siehst du, wie die Oma vorher aussteigt, der Opa das Auto in die Garage f\u00e4delt und sich dann mit eingezogenem Bauch rausquetscht. Es gibt da auch sch\u00f6ne Konstruktionen in den Garagen: Einige haben D\u00e4mmmaterial an der Wand, damit sie sich nicht die T\u00fcren verkratzen. Ich hab mal einen Typen gesehen, der fummelte ewig an seinem Tor rum und hatte eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Konstruktion \u2013 die ich keinesfalls fotografieren durfte. Das war wahrscheinlich so ein alter Stasi-Major, der Angst hatte, dass ich ihm seine Idee oder sein Auto klaue.<\/p>\n<p><strong><br \/>Sind Sie eigentlich nostalgisch?<\/strong><\/p>\n<p>Bestimmt in irgendeiner Form, sonst w\u00fcrde ich ja nicht sammeln, oder? <\/p>\n<p><strong><br \/>Das letzte Foto im Buch zeigt eine abgerissene Garagenzeile. Sagen Sie sich <\/strong><strong>bei Ihren Bildern: Gut, dass ich das noch intakt festgehalten habe?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das ist auch der tiefere Sinn. Fotografieren bedeutet immer, den Moment zu bewahren. Insofern bin ich wohl nostalgisch.<\/p>\n<p><strong><br \/>Haben Sie selbst eine Garage?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Mein Auto parkt drau\u00dfen. Ich merke aber, dass ich sehr gern eine kleine Werkstatt h\u00e4tte \u2026<\/p>\n<p><strong><br \/>Was fotografieren Sie eigentlich, wenn <\/strong><strong>Sie keine Garagenbilder machen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin eigentlich Auftragsfotograf, fotografiere quasi, was bestellt wird. Das versuche ich dann, \u00e4sthetisch zu l\u00f6sen. Wenn es wenige Auftr\u00e4ge gibt, nutze ich die Zwischenzeit f\u00fcr eigene Projekte. Gerade sind es eben verschiedene Sammelprojekte. Die Garagen waren der Beginn des typologischen Sammelns. Ich finde am Wegesrand irgendwelche St\u00f6rungen, die mir auffallen <br \/>\u2013 einen schr\u00e4gen Laternenpfahl zum Beispiel. Und dann fange ich an, st\u00e4ndig schr\u00e4ge Laternenpf\u00e4hle zu sehen.<\/p>\n<p><strong><br \/>Wie viele Ordner mit solchen Sammlungen haben Sie auf dem Rechner?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde mal grob zehn sagen. Eher mehr.<\/p>\n<p><strong><br \/>Zum Beispiel?<\/strong><\/p>\n<p>Zu Corona habe ich mich mit Spielpl\u00e4tzen (deutet auf ein Foto an der Wand hinter ihm, das eine mit Flatterband \u00bbgesperrte\u00ab Elefantenrutsche grell in der Nacht zeigt) und den absurden Absperrungen besch\u00e4ftigt. Ich bin nachts auf die Spielpl\u00e4tze gegangen und habe sie mit farbigem Licht geblitzt.<\/p>\n<p><strong><br \/>Wer beauftragt Sie f\u00fcr Ihren Brotjob?<\/strong><\/p>\n<p>Das wechselt. Es sind und waren vielfach \u00fcberregionale Medien und Firmen. Ich habe ein gro\u00dfes Portfolio: von Portr\u00e4ts \u00fcber Industrie bis zur Reportage. Ich mag die Vielfalt, habe auch schon im Studio tote Pappkartons und Anh\u00e4ngerkupplungen \u00bbsch\u00f6n\u00ab fotografiert. Wenn die Aufgabe nicht unbedingt einfach zu l\u00f6sen ist, dann macht es mir Spa\u00df.<\/p>\n<p><strong><br \/>Haben Sie an der Hochschule f\u00fcr Grafik und Buchkunst studiert?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, da bin ich gar nicht draufgekommen. Ich komme doch vom Dorf.<\/p>\n<p><strong><br \/>Woher?<\/strong><\/p>\n<p>Tabarz im Th\u00fcringer Wald.<\/p>\n<p><strong><br \/>Und dann sind Sie zum Studium nach Leipzig gekommen, richtig?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, ich habe hier 1994 angefangen, auf Diplom Journalistik zu studieren. \u00dcbrigens mit dieser Vorgeschichte: Meine Mutter hat Fotografin im \u00f6rtlichen Fotostudio gelernt. Als wir im Februar 1990 zur Klas\u00adsenfahrt nach Leningrad (ab Februar 1991 wieder St. Petersburg, Anm. d. Red.) gefahren sind, gab mir meine Mutter ihre Exa (Spiegelreflexkameras aus dem Dresdner Ihagee-Werk, Anm. d. Red.) mit \u2013 ohne Belichtungsmesser. Ich habe total versagt! Das hat mich damals einfach nicht interessiert. Als Jugendlicher waren Fahrrad, Moped und Fu\u00dfball interessanter. Nach der Wende kam dann ein Freund meiner Eltern zu Besuch, der in der Druckerei der FAZ arbeitete und f\u00fcr die Zeitung schw\u00e4rmte. Ich habe immer gern Zeitung gelesen \u2013 und irgendwann wollte ich halt Zeitung machen. Ausgangspunkt war ein Projekt in der 11. Klasse, da haben wir uns eine Redaktion von innen angeschaut.<\/p>\n<p><strong><br \/>In welche?<\/strong><\/p>\n<p>Das war ein Ableger der HNA aus Kassel in Gotha. Irgendwann wurde gefragt: Wer hat Lust mitzumachen? Da habe ich mich gemeldet. Die n\u00e4chste Frage war, ob ich einen Fotoapparat habe. Nein, hatte ich nicht. \u00bbDann sieh mal zu, dass du dir einen besorgst \u2013 kein Text ohne Bild!\u00ab, hie\u00df es da, und au\u00dferdem: \u00bbIn Tabarz k\u00f6nnen wir grad jemanden gebrauchen, mach mal.\u00ab So bin ich da reingestolpert \u2013 in einem Alter, in dem man sich fragt, was man studieren <br \/>k\u00f6nnte. Na ja, dann also Journalistik. Nach dem Zivildienst bin ich mit einem Freund nach Leipzig zur Aufnahmepr\u00fcfung ge\u00adfahren. Wir dachten, dass sie uns eh nicht nehmen \u2026 Zwei Wochen sp\u00e4ter waren wir angenommen. Dann bin ich ins Wohnheim Arno-Nitzsche-Stra\u00dfe gezogen und am Wochenende sch\u00f6n nach Hause zum Lokalzeitungsmachen gefahren. Irgendwann suchte der Redaktionsleiter einen Sportfot\u00adgrafen. So bin ich Sportfotograf geworden. Dann hatte ich bei der LVZ meinen Einstand und bin langsam zum selbst beigebrachten professionellen Fotografieren gekommen, habe dabei alle Anf\u00e4ngerfehler mitgemacht. Sp\u00e4ter habe ich Bands fotografiert und bin zu den Konzerten, das war geil.<\/p>\n<p><strong><br \/>Weil Sie die Konzerte interessierten oder eher zuf\u00e4llig, wie zuvor bei der Sportfotografie?<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Sportfotografie habe ich mir mein Studium finanziert. Das war Learning by Doing. Wie \u00fcberhaupt das Zeitungmachen: Du musstest schreiben und fotografieren. Ich hatte mit meinem Fotolabor im Bad dann einen logistischen Vorteil, denn die anderen im Studium haben halt nur geschrieben. Das Textliche hat sich bei mir dann irgendwie nicht so weiterentwickelt. Das war wie alles nach der Wende: Die Chance tat sich auf, ich habe zugegriffen und es hat Spa\u00df gemacht. Nach dem Diplom habe ich mich auf die Pressefotografie gest\u00fcrzt \u2013 LVZ, DPA und so, eben News-Themen gemacht. Ich habe viel experimentiert, und der Journalismus war erst einmal eine Schule des Sehens. Dann habe ich mich vom Journalistischen zum eher Kommerziellen entwickelt, etwa viel f\u00fcr die Bahn fotografiert \u2013 da sind dann auch erste Serien entstanden. Eine erste gro\u00dfe waren Schaffnerinnen in Europa. Daf\u00fcr war ich in einem Dutzend L\u00e4ndern. Das ist mittlerweile schon Zeitgeschichte \u2013 mit diesen Zangen und was die alles dabeihatten. <\/p>\n<p><strong><br \/>Kommen wir noch mal auf die Garagenserie und das Buch: Es gibt einen M\u00e4zen dahinter, nicht wahr?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Ich habe freundlich bei einem gro\u00dfen Garagentorhersteller nachgefragt, ob mein Projekt interessant sein k\u00f6nnte. War es: Der Chef pers\u00f6nlich fand\u2019s gut und hat mir bei der Produktion des Buches unter die Arme gegriffen. Das freut mich sehr, weil es nur so erscheinen konnte. Und weil ich scheinbar seinen Nerv getroffen habe. Und sich f\u00fcr mich das Sprichwort best\u00e4tigt hat: Fragen kostet nix!<\/p>\n<p><strong><br \/>Was im Buch auff\u00e4llt: Es gibt keine Graffiti, <\/strong><strong>Hakenkreuze oder \u00c4hnliches zu sehen.<\/strong><\/p>\n<p>Das ist sehr aufmerksam beobachtet. Ich hab das selbst quasi erst beim gedruckten Buch bemerkt \u2013 der Gestalter hat fast alle Bilder mit Graffiti aussortiert, wollte es insgesamt clean haben \u2026 In Prenzlau habe ich mal einen Hof gesehen, da stand \u00bbDeutsches Sperrgebiet\u00ab an einem Tor. Und in Gr\u00fcnau sa\u00dfen mal komische Gestalten davor, ein bisschen in Schwarz, Wei\u00df, Rot. Mit denen wollte ich mich nicht zwingend unterhalten. Aber eigentlich w\u00fcrde ich das jetzt nicht zum Ph\u00e4nomen erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong><br \/>Gab es denn mal Kunst zu sehen?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, aber nach den Garagen ist mein zweitgr\u00f6\u00dftes Projekt \u00bbKunst auf dem Lande\u00ab. \u2013 Busse zeigt uns an einer Wand vor seinem B\u00fcro eine beachtliche Sammlung mit Caspar-David-Friedrich- oder riesigen Weltraum-Motiven auf Einfamilienh\u00e4usern. \u2013 Zu den Pferdemotiven habe ich mal einen \u00adKalender gemacht. Ich nenne das Ph\u00e4nomen \u00fcbrigens Haustattoos.<\/p>\n<p><strong><br \/>Was macht den Reiz solcher Motive f\u00fcr Sie aus?<\/strong><\/p>\n<p>Das Entdecken! Ich halte dann fest, was ich sehe, was mir so auff\u00e4llt. Ich bin Dokumentar und zeige, wie es ist. Gern mit leichtem Zwinkern.<\/p>\n<p><strong><br \/>Wollten Sie in all den Jahren auch mal weg aus Leipzig \u2013 nach Berlin zum Beispiel?<\/strong><\/p>\n<p>Leipzig ist der perfekte Vorort von Berlin. Man ist schnell da und wieder weg. Diese Stadt hat mir genau das gegeben, was gut f\u00fcr mich war: eine \u00fcberschaubare Gr\u00f6\u00dfe, eine sch\u00f6ne Spielwiese. Die Neunziger waren eine geile Zeit hier: unreguliert, wild. Ich bin mal im Tagebau Zwenkau fr\u00fch um f\u00fcnf auf einer Tagebaubr\u00fccke rumgeklettert. Die stand einfach so da. Heute undenkbar!<\/p>\n<p><strong><br \/>Leipzig hat sich seitdem \u00bbleicht\u00ab ver\u00e4ndert, bleibt aber Ihre Basis?<\/strong><\/p>\n<p>Auf jeden Fall. Ich bin sehr gut vernetzt. Die Substanz hier ist einzigartig und die Menschen sind es irgendwie auch. Das merkt man schon, wenn man nach Dresden f\u00e4hrt \u2026 Es wird auch hier satter, aber es hat durchaus noch was Erdiges. Wir leben hier alle in einer sch\u00f6nen bunten Bubble, wo alles vergleichsweise gut ist. Und der Th\u00fcringer Wald ist nicht weit! (lacht) <\/p>\n<p>&gt; Christoph Busse: 256 Garagenkomplexe. Mit einem Vorwort von Uta Bretschneider und einem Essay von Simone Trieder. Gestaltung: 4S Design Berlin\/Ilja Wanka. Leipzig: Eigenverlag 2026. 576 S., 30 \u20ac \u2013 in Leipzig erh\u00e4ltlich bei Rotorbooks und der Connewitzer Verlagsbuchhandlung sowie unter: <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.christophbusse.de\" rel=\"nofollow noopener\">www.christophbusse.de<\/a><\/p>\n<p><strong>Biografie:<\/strong> Christoph Busse wurde 1974 geboren und ist im th\u00fcringischen Tabarz als Sohn einer Fotografin und eines T\u00fcftlers aufgewachsen. Zum Journalistik-Studium kam er 1994 nach Leipzig, wo er nach wie vor gern lebt und als freischaffender Fotograf arbeitet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Hinterhaus im S\u00fcden Leipzigs. 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